mini|Die Makbul-Ibrahim-Pascha-Moschee in Rasgrad wurde 1616 im Auftrag von Ibrahim Pascha errichtet und ist die drittgrößte Moschee auf dem Balkan. mini|Die im 16. Jahrhundert erbaute Demir-Baba-Tekke gilt als wichtigste Tekke der bulgarischen Aleviten – den Alianen
Der Islam in Bulgarien ist nach dem Christentum die meistverbreitete Religion im Land. Seit 2007 ist Bulgarien innerhalb der erweiterten EU das Land mit dem prozentual größten muslimischen Bevölkerungsanteil. Im gesamteuropäischen Vergleich liegt der Islam in Bulgarien jedoch mit 10 bis 13 % nur an sechster Stelle und etwa gleichauf mit Russland (etwa 14 %), aber noch deutlich hinter Nordmazedonien (33 %), Bosnien und Herzegowina (51 %), Albanien (fast 70 %), Kosovo (rund 96 %) sowie dem europäischen Teil der Türkei (98 %).Zwar liegt die Türkei nur zu 3 %, aber mit 10 Millionen Einwohnern in Europa (dort dann 97 %).Alle Prozentangaben nach Bundesaußenamt, CIA World Fact Book, verschiedenen Online-Enzyklopädien und bulgarischen Volkszählungen Die meisten Muslime Bulgariens sind ethnische Türken, Pomaken und Roma. Die türkische Minderheit in Bulgarien bezeichnet sich als Bulgarien-Türken (türk. Bulgaristan Türkleri, bulg. български турци/bălgarski turtsi).Website des Kulturvereins Bulgaristan Türkleri Kültür ve Hizmet Derneği in Istanbul
Die meisten Muslime Bulgariens sind Sunniten, ferner gibt es auch die sufistischen Alianen und Aleviten, sowie Bektaschi. Religiös wird die sunnitische Glaubensgemeinschaft in Bulgarien heute von einem Obermufti (türk. başmüftü, bulg. главен мюфтия/glawen mjuftija) geführt. Er wird aus den Reihen des Obersten Muslimrates gewählt, in der alle zehn regionalen Muftis vertreten sind.Die zehn regionalen Muftis haben ihren Zentren in Sofia, Plowdiw, Goze Deltschew, Smoljan, Plewen, Razgrad, Dobritsch, Ajtos, Schumen, Kardschali
Die Muslime in Bulgarien gelten in der Mehrheit als nicht sehr religiös.
Demographische Dimensionen Türkische Muslime stellen die Bevölkerungsmehrheit in den bulgarischen Oblasten (Bezirken) Kardschali (66,2 bis 69,6 %) und Rasgrad (50,0 bis 53,7 %), Pomaken (bulgarischsprachige Muslime) bilden eine relative Mehrheit im Oblast Smoljan (42 %). Über Landesdurchschnitt liegende türkisch-muslimische Bevölkerungsanteile haben auch die Oblaste Targowischte (35,8 bis 42,7 %), Schumen (30,3 bis 35,5 %) und Silistra (36,1 bis 38,2 %), aber auch Dobritsch, Russe, Burgas und Chaskowo. In diesen genannten zehn der insgesamt 28 Oblaste leben über zwei Drittel aller Muslime Bulgariens.http://www.nsi.bg/Census/Religion.htm (bulgarisch; PDF-Datei; 1,49 MB)
Volkszählung von 2001 Bei der Volkszählung von 2001 bekannten sich weniger als 1 Million (12 %) von insgesamt etwa 7,9 Millionen Einwohnern Bulgariens als gläubige Muslime, darunter waren 747.000 Türken,http://www.nsi.bg/Census/MotherTongue.htm Bei der Befragung nach der Muttersprache gaben mehr als 762.000 Türkisch an. Diese Differenz ähnelt der Differenz bei den Roma, zu deren Ethnie sich 371.000, zu deren Muttersprache Romani sich aber nur 328.000 bekannten. Sie lässt sich damit erklären, dass die meisten muslimischen Roma Türkisch bevorzugen. 131.000 Pomaken,Die Zahl ergibt sich aus der zwischen Religionszugehörigkeit und ethnischer/sprachlicher Bekenntnis liegenden Differenz, die gibt die Anzahl der Pomaken in Bulgarien für 2001 sogar mit 250.000 an. 103.000 RomaDas wären weniger als 30 % der bulgarischen Roma. Nach sind aber fast 40 % der Roma in Bulgarien Muslime, unter 371.000 Roma wären demnach 148.000 Muslime, bei 328.000 noch 131.000. Die Volkszählung ergibt unter den nicht Romani sprechenden Roma einen Anteil von etwa 35 % muslimischen Roma, die Türkisch sprechen. und 20.000 sonstige Muslime (z. B. einheimische Tataren und Tscherkessen sowie arabische, schwarzafrikanische, iranische und kurdische Einwanderer). Im Gegensatz zu den Türken sind die Pomaken nicht als nationale Minderheit, sondern nur als religiöse Minderheit muslimischer Bulgaren anerkannt.
Volkszählung von 2011 Da die erste nach der Aufnahme in die Europäische Union durchgeführte Volkszählung EU-Vorgaben unterlag, gab es 2011 erstmals die Möglichkeit, Fragen nach ethnischer und religiöser Zugehörigkeit sowie nach der Muttersprache nicht zu beantworten. Eindeutig ist nur der Gesamtbevölkerungsrückgang auf 7,365 Mio. Einwohner. So bezeichneten sich nur noch 588.000 Staatsbürger als Türken (8,8 %), kaum 606.000 gaben Türkisch als Muttersprache an, 10,2 % der Befragten machten zur Muttersprache überhaupt keine Angaben. Etwa 10 % bezeichneten sich als gläubige Muslime, 21,8 % jedoch gaben auf die Frage nach der Religion keine Antwort. Die Muslime sind 2011 nach Sunniten (94,6 % derer, die sich als Muslime bezeichnen) und Schiiten (4,75 % der sich als Muslime bezeichnenden) aufgeschlüsselt.
Volkszählung von 2021 Nach der zweiten Volkszählung die nach EU-Vorgaben durchgeführt wurde, wurde im September 2021 eine Gesamtbevölkerung von 6.520.314 Einwohnern gezählt. Nach ihr bezeichneten sich nur noch 508.378 Staatsbürger als Türken (8,4 %), kaum 514.386 gaben (8,7 %) Türkisch als Muttersprache an. Etwa 10,8 % (638.708 Personen) bezeichneten sich als gläubige Muslime, 13,2 % jedoch gaben auf die Frage nach der Religion keine Antwort. 447.893 der sich als Türken bezeichneten Personen gaben den Islam und 4.435 das bulgarisch-orthodoxes Christentum als Region an.
Verbreitung Siehe Hauptartikel: Pomaken und Balkan-Türken mini|Verteilung der Muslime nach Oblaste Heute leben vor allem im Nordosten Bulgariens Türken und Roma sowie im Südwesten (westliche Rhodopen und Pirin-Gebirge, südlich des Flusses Maritza) Pomaken, es gibt zwei zusammenhängende Siedlungsgebiete. im Süden Kardschali in den östlichen Rhodopen einschließlich des Nachbarbezirks Chaskowo, diese Gebiete grenzen an das türkische Ostthrakien (und gehörten früher direkt zum Bezirk Edirne) sowie an das griechische Westthrakien1912–1913 waren Edirne (bulgarisch: Odrin) und 1912–1919 sowie 1941–1944 Westthrakien bulgarisches Gebiet (wo bis heute ethnische Türken und Pomaken als „griechische Muslime“ leben) im „pomakischen“ SüdwestenBetrachtet man nur den Süden Bulgariens, d. h. die zusammenhängenden Bezirke Smoljan, Blagoewgrad, Kardschali, Pasardschik Plowdiw und Chaskowo, so sind mit 388.000 der 1,95 Millionen Einwohner über 23 % Muslime. Ohne das nördlich der Maritza gelegene Plowdiw und Chaskowo machen die Muslime in der Südwestregion 281.000 der 955.000 Einwohner und somit 29 % aus – ohne Plowdiw, Chaskowo und Pasardschik beträgt ihr Anteil mit 235.000 von 645.000 Einwohnern sogar 37 %. Einzeln betrachtet hat der Bezirk Smoljan eine relative muslimische Mehrheit von 40 %, der Bezirk Kardschali hat einen Anteil von 70 % Muslimen. der Oblast (Bezirk) Smoljan, aber auch die Oblaste Blagoewgrad (Raslog) und Pasardschik (einzelne pomakische Siedlungen gibt es aber auch in den „türkischen“ Bezirken Kardschali und Chaskowo) im „türkischen“ Nordosten und Osten etwa nördlich bzw. nordöstlich der Linie Burgas-Plewen/Lowetsch (das ehemalige türkisch-tatarische Eyâlet Silistra)Das von einem tatarischen Gouverneur regierte türkische Vilayet Silistra erstreckte sich auch über die rumänische Dobrudscha sowie die ukrainischen Regionen Budschak und Jedisan bis an die Grenzen des Krim-Khanats. Auch Bulgarien besetzte 1916–1919 zumindest wieder die angrenzende Dobrudscha einschließlich der Hafenstadt Constanta, Zentrum des Islam in Rumänien. vor allem die Oblaste Rasgrad, Targowischte, Silistra und Schumen, aber auch Dobritsch und Russe als regionale Ausnahmen wie „Inseln“ die türkischen Gemeinden bei Sliwen südlich des Balkangebirges und die Pomaken rund um Lowetsch nördlich des Balkans bzw. der Maritza mehrere Orte an bzw. nahe der nördliche Schwarzmeerküste, wo die Osmanen planmäßig Türken, Tataren, Kaukasier und Turkmenen ansiedelten
Im Gegenzug dazu gibt es seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Pomaken- bzw. Muhadschir-Gemeinden in der heutigen türkischen Marmararegion bzw. Ägäisregion und Schwarzmeerregion, vor allem in bzw. nahe den Küstenstädten, aber auch im Innern Phrygiens (Eskişehir), Lykaoniens (Ereğli), Mysiens (Balıkesir), Bithyniens und Kilikiens. Sie sind jedoch in der Türkei nicht als ethnische Minderheit anerkannt und weitgehend türkisiert. Heute betonen etwa 120.000300.000 nach türkische Staatsbürger ihre bulgarische Herkunft, nur 20.000 von ihnen aber geben Pomakisch-Bulgarisch noch als ihre Muttersprache an.
Konfessionen mini|Siedlungsgebiete der Aleviten in Bulgarien
Die meisten bulgarischen Muslime, insgesamt 546.004 Personen oder 94,6 % gemäß Volkszählung 2011, sind sunnitische Muslime. Schiitische Gemeinden wie die Alianen und Aleviten, Kizilbaschi und Bektaschiten sind ebenfalls präsent. 24.407 (4,75 %) von ihnen leben vor allem in den Provinzen von Rasgrad, Sliwen und Silistra. Eine der bekanntesten Tekken der Bektaschiten ist die Demir-Baba-Tekke. Insgesamt gaben 2011 14.698 Personen türkischer Herkunft an, keine Religion auszuüben.
Bulgarien und der Islam: Geschichte mini|Die Dschumaja-Moschee in Plowdiw
Vorosmanische Zeit Bereits über 100 Jahre vor der osmanischen Eroberung waren 1262 von den Byzantinern Anhänger des gestürzten Seldschuken-Sultans Kai Kaus II. in der Küstenzone des westlichen Schwarzen Meeres zwischen Mesembria und Anchialus angesiedelt, die von den Byzantinern kurzzeitig zurückerobert worden war. Die meisten dieser Muslime waren bis 1307 zu den Nogaiern bzw. Tataren auf der Krim geflohen oder nach Anatolien zurückgekehrt.Encyclopaedia of Islam, Artikel über Bulgaria [I:1302a] Bulgarien fiel ab 1285 unter die Oberhoheit des muslimischen Mongolenherrschers Nogai Khan, Nogais mit einer bulgarischen Prinzessin verheirateter Sohn Tschaka Nogai wurde 1299 sogar kurzzeitig bulgarischer Zar. Daraufhin begannen sich Tataren und Nogaier in der Dobrudscha niederzulassen.
Osmanische Zeit Die Anfänge einer dauerhaften muslimischen Präsenz in den Gebieten des heutigen Bulgarien im 14. Jahrhundert fallen mit der Eroberung des Landes durch das Reich der osmanischen Türken zusammen, wodurch die Vorherrschaft des Christentums gebrochen wurde. Nach den Schlachten an der Mariza (1371), auf dem Amselfeld (1389) und bei Nikopolis (1396) wurde ganz Bulgarien dem Osmanischen Reich angegliedert, Sofia war 1382 osmanisch geworden. Die Hauptstadt Tarnowo war im Juli 1393 erobert worden, ein letzter Kreuzzug gegen die Eroberer scheiterte 1444 in der Schlacht bei Warna.
Unter der bis 1878/1885 beziehungsweise 1908/12Unabhängigkeit Nordbulgariens (nördlich des Balkangebirges von Sofia bis Warna) als Fürstentum 1878, Anschluss Südostbulgariens (Ostrumelien, südlich des Balkangebirges von Plowdiw bis Burgas) 1885, Erhebung zum Königreich und Einstellung bulgarischer Tributzahlungen 1908, Eroberung Südwestbulgariens (Rhodopen) 1912 andauernden osmanisch-türkischen Herrschaft siedelten sich zahlreiche Türken und Turkstämmige in Bulgarien an, beziehungsweise wurden hierher umgesiedelt; ebenso konvertierten vor allem im 16. und 17. Jahrhundert slawische Bulgaren zum Islam.
Unter den bulgarischen bzw. slawischen Muslimen bildeten die Pomaken fortan eine eigene Gruppe, zwei ihrer Vertreter (Filibeli und Kalafat) machten im 17. und 18. Jahrhundert als osmanische Großwesire sogar höchste Karrieren im Osmanischen Reich, ebenso der aus der nordbulgarischen Stadt Rustschuk (Russe) stammende Türke Çelebizade Scherif Hasan Pascha oder der aus dem südbulgarischen Kardschali stammende Jungtürke Talât Pascha. Die Pomaken sind aber nicht zu verwechseln mit der türkischen Minderheit Bulgariens. Trotz der Übernahme türkischer Kulturelemente sprechen die meisten dieser slawischen Muslime weiterhin einen als Pomakisch bekannten bulgarischen Dialekt.