mini|Animation von Çatalhöyük mini|hochkant=1.3|Neolithische Siedlungen um 7500 v. Chr. und ihre geographischen Beziehungen im fruchtbaren Halbmond

Çatalhöyük (auch Çatal Höyük, Çatal Hüyük oder Chatal-Hayouk; türkisch çatal „Gabel“ und höyük „Hügel“) ist eine in der heutigen Türkei ausgegrabene Siedlung aus der Jungsteinzeit. Sie gilt als die erste Großsiedlung der Weltgeschichte. Sie wird auf den Zeitraum zwischen 7500 und 5700 v. Chr. und ihre Blütezeit um 7000 v. Chr. datiert. Die Ansiedlung lag knapp 40 Kilometer südöstlich der heutigen Stadt Konya auf der Hochebene Anatoliens und hatte mehrere tausend Einwohner. Man rechnet sie dem Zentralanatolischen Neolithikum (CAN) zu.Eleni Asouti: Group identity and the politics of dwelling at Neolithic Çatalhöyük. In: Ian Hodder (Hrsg.): Çatalhöyük Perspectives: Reports from the 1995–1999 Seasons. McDonald Institute for Archaeological Research, Cambridge 2005, S. 89.

Seit 2012 ist Çatalhöyük Teil des UNESCO-Welterbes.

Forschungsgeschichte Entdeckt wurde die Siedlung in den späten 1950er Jahren. Zwischen 1961 und 1965 grub der britische Archäologe James Mellaart vom London Institute of Archaeology eine Fläche im Südwesten des Hügels aus. Er legte die Reste von über 160 Häusern frei. 1965 wurden die Grabungsarbeiten eingestellt, nachdem die türkische Antikenverwaltung James Mellaart aufgrund der Dorak-Affäre die Grabungslizenz entzogen hatte. Über seine Grabungen existieren Vorberichte und ein eher populär gehaltenes Buch. Eine umfassende Publikation seiner Grabungsbefunde und -ergebnisse liegt bis heute nicht vor. Der Geoarchäologe Eberhard Zangger beschuldigte Mellaart im Jahr 2018 „mehrere der antiken Wandmalereien gefälscht und möglicherweise eine Art ‚Fälscherwerkstatt‘ betrieben zu haben“ (im Original englisch: „for having ‘faked several of the ancient murals and may have run a ‘forger's workshop’ of sorts’“).https://www.ancient-origins.net/news-history-archaeology/posthumous-disgrace-dark-master-archaeological-hoaxes-009740 Ashley Cowie: The Posthumous Disgrace of the Dark Master of Archaeological Hoaxes In: Ancient Origins, abgerufen am 16. Oktober 2025 1993 wurden die Arbeiten im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes unter der Leitung des Anthropologen Ian Hodder (Universität Cambridge, später Stanford University) wieder aufgenommen (Grabungen seit 1995), der postprozessuale Ansätze in der Ur- und Frühgeschichtsforschung untersucht. In der ersten Phase 1993–1995 wurden vor allem Oberflächenuntersuchungen durchgeführt. 1996–2002 untersuchte das Team einzelne Häuser, um Ablagerungsprozesse zu verstehen.Ian Hodder: Probing religion at Çatalhöyük: an interdisciplinary experiment. In: ders. (Hrsg.): Religion in the emergence of civilisation, Çatalhöyük as a case study. Cambridge University Press, Cambridge 2010, S. 6f. In der dritten Untersuchungsphase zwischen 2003 und 2012 (Ausgrabungen 2003–2008) sollte vor allem der Aufbau der Siedlung und die Sozialstruktur der Bewohner untersucht werden.Ian Hodder: Probing religion at Çatalhöyük: an interdisciplinary experiment. In: ders. (Hrsg.): Religion in the emergence of civilisation, Çatalhöyük as a case study. Cambridge University Press, Cambridge 2010, S. 7. Die neuen Grabungen auf dem Haupthügel (Çatalhöyük Ost) konzentrierten sich auf das bereits von Mellaart freigelegte Südareal, eine Grabungsfläche im Norden und einen Grabungsschnitt an der Nordkante des Hügels (Konya Plain palaeoenvironmental project KOPAL). Das Team legte dort die Häuser 1, 3 und 5 frei. Die Grabungen konzentrieren sich auf den höchsten Punkt am Osthügel und untersuchen die spätesten Schichten des Ortes. Im Süden des Hügels erweiterten sie Mellaarts alten Schnitt, um die Stratigraphie der Siedlung zu klären.Ian Hodder: The Vitalities of Çatalhöyük. In: ders. (Hrsg.): Religion at work in a Neolithic society. Cambridge University Press, Cambridge 2015, S. 8 Im Südschnitt wurde eine „Säule“ aus übereinanderliegenden Häusern (65, 56, 44 und 10) durch die Zeit untersucht. Hodder sieht hier starke „Mikrotraditionen“ am Werk und nimmt an, dass eine Häusergruppe langfristig von derselben Menschengruppe bewohnt war,Ian Hodder: The Vitalities of Çatalhöyük. In: ders. (Hrsg.): Religion at work in a Neolithic society. Cambridge University Press, Cambridge 2015, S. 9. im Falle dieser Gruppe über annähernd 500 Jahre. Die Siedlung bedeckt eine Fläche von 13 ha.Bleda S. Düring: Reconsidering the Çatalhöyük Community: From Households to Settlement Systems. Journal of Mediterranean Archaeology 20/2, (2007) 155-182

Bis jetzt sind ca. 5 % des Siedlungshügels archäologisch untersucht, der gesamte Hügel wurde jedoch geomagnetisch und durch Begehungen einer eingehenderen Betrachtung unterzogen.Ian Hodder: The Vitalities of Çatalhöyük. In: ders. (Hrsg.): Religion at work in a Neolithic society. Cambridge University Press, Cambridge 2015, S. 6. Es wurden bis jetzt (2015) mehr als 200 Häuser freigelegt. 2008 wurde ein Schutzbau über einem Teil der freigelegten Hausbefunde im Grabungsareal 4040 errichtet.

Weitere Untersuchungen gelten dem kupfersteinzeitlichen Westhügel (Çatalhöyük West). Dort arbeitet unter anderem ein Team von der Adam-Mickiewicz-Universität Posen unter Leitung von Arek Marciniak. Auch Teams von SUNY Buffalo, Selçuk Üniversitesi Konya unter Ahmet Tırpan und Asuman Baldıran, der Trakya Üniversitesi Edirne unter Burçin Erdoğu und der Freien Universität Berlin sind hier tätig.Ian Hodder: Probing religion at Çatalhöyük: an interdisciplinary experiment. In: ders. (Hrsg.): Religion in the emergence of civilisation, Çatalhöyük as a case study. Cambridge University Press, Cambridge 2010, S. 8.

Aufgrund seines Alters, seiner Größe, der Architektur, der Wandmalereien und sonstiger Funde innerhalb der Häuser erlangte Çatalhöyük weltweite Berühmtheit und gilt als Meilenstein der prähistorischen Archäologie.

Datierung Mellaart definierte 14 Schichten: 0–XII (VI in A und B unterteilt), die dem PPNB und dem keramischen Neolithikum Zentralanatoliens angehören. Nach Radiokohlenstoffdatierungen bestanden diese Schichten zwischen 7500 und 6200 cal BC. Der Tiefschnitt datiert zwischen 7400 und 7000 cal BC.Craig Cessford: A new dating for Çatalhöyük. Antiquity 75, 2001, 717–725. Der Westhügel war vom frühen keramischen Neolithikum bis zur Kupfersteinzeit im 6. Jahrtausend v. Chr. besiedelt, es ist unklar, ob die Besiedlung begann, als der Osthügel noch bewohnt war, die Bewohner umzogen oder eine Siedlungslücke besteht.U. Schoop 2005. Das anatolische Chalkolithikum. Eine chronologische Untersuchung zur vorbronzezeitlichen Kultursequenz im nördlichen Zentralanatolien und den angrenzenden Gebieten. Remshalden, Bernhard Albert Greiner 2005, ISBN 3-935383-38-X; Peter F. Biehl, Franz, I., Ostaptchouk, S., Orton, D., Rogasch, J., Rosenstock, E., 2012. One community and two tells: the phenomenon of relocating tell settlements at the turn of the 7th and 6th millennia in Central Anatolia. In: Johannes Müller (Hrsg.), Socioenvironmental Dynamics over the last 12,000 Years: The Creation of Landscapes. Offa 53-66. Die Besiedlung des Westhügels endete circa 5600 cal BC. In römischer und byzantinischer Zeit wurden auf beiden Hügeln Friedhöfe angelegt.W. Chris Carleton, James Conolly, Mark Collard 2013. Corporate kin-groups, social memory, and “history houses”? A quantitative test of recent reconstructions of social organization and building function at Catalhöyük during the PPNB. Journal of Archaeological Science 40, 1817, doi:10.1016/j.jas.2012.11.011

Lage mini|Ausgrabungen in Çatalhöyük Der Siedlungsplatz nahe dem Fluss Çarşamba war gut gewählt: Wasser stand in ausreichendem Maße zur Verfügung, ein wichtiger Standortfaktor in der niederschlagsarmen Konya-Ebene. Entsprechend reichhaltig war um Çatalhöyük auch das natürliche Nahrungsangebot (Wild, Sammelfrüchte). Boncuklu Höyük, etwa 10 km entfernt, stammt aus dem ausgehenden Epipaläolithikum und datiert in das 9. und 8. Jahrtausend v. Chr. Es ist in vielem als der Vorläufer Catal Höyüks anzusehen. Barbara Mills nimmt an, dass die religiösen Praktiken von Çatal Höyük entstanden, als sich die Bevölkerung der Umgebung nach dem Ende der Siedlung von Boncuklu an einem Ort konzentrierte,Barbara J. Mills: Regional network and religious sodalities at Catalhöyük. In: Ian Hodder (Hrsg.): Religion at work in a Neolithic society. Vital Matters. Cambridge University Press, Cambridge 2015, S. 165 also ein Amalgam verschiedener Traditionen darstellen. Die günstigen Bedingungen führten vermutlich die Bevölkerung aus der Umgebung in Çatal Höyük zusammen und bewirkten die für diese Zeit enorme Ausdehnung der Siedlung. Zeitgleich zu den Schichten V-I bestand in der Ebene auch die Siedlung von Pınarbaşı, die viele Sitten von Catal Höyük teilte, wie über Tierknochen modellierte Reliefs, aber in unterschiedlicher Ausführung.

Die Siedlung besteht aus zwei Hügeln, dem West- und dem Osthügel. Der Osthügel enthält die älteren Siedlungsteile. Hier fand bisher der Großteil der Grabungen statt, während auf dem Westhügel nur wenige Schnitte angelegt wurden, die zeigen, dass die dortigen Siedlungsreste in die Kupfersteinzeit datieren.

Siedlung mini|Modell der Siedlung Çatalhöyük, Museum für Ur- und Frühgeschichte in Thüringen (Weimar) Die Siedlung bestand aus eng aneinandergesetzten rechteckigen Lehmziegel- oder Stampflehmhäusern mit Flachdach. Unterschiedliche Raumhöhen und Bodenniveaus gewährleisteten Belüftung und Lichtzufuhr für die einzelnen Bauten und erzeugten eine treppenartige Verschachtelung. Straßen, Gassen oder Durchgänge zwischen den einzelnen Häusern gab es nicht. Auf den wenigen Freiflächen lagen Müllhaufen. Der Zugang zu den Bauten erfolgte über die Flachdächer. Dieses Bau- und Siedlungsprinzip ist auch aus anderen zentralanatolischen Orten wie z. B. Aşıklı und Can Hasan (Provinz Karaman) bekannt. Die Grabungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass es neben einzelnen, dicht bebauten Arealen auch Freiflächen gab, so dass die Zahl der Häuser mit schätzungsweise 400 bis 1850 je Schicht nicht so groß war wie zuerst angenommen. Entgegen früheren Schätzungen von bis zu 10.000 gleichzeitig in der Siedlung lebenden Menschen, die zweifellos auch zur unzutreffenden Bezeichnung Stadt beigetragen haben, geht man heute von bis zu 3500 bis 8000 gleichzeitigen Bewohnern aus, wobei die Einwohnerzahl sicherlich im Laufe der Zeit variierte.Hodder: Çatalhöyük: the leopard's tale : revealing the mysteries of Turkey's ancient town, S. 95 Die dichte Besiedlung mit dem an freien Plätzen abgelagerten Müll dürfte schlechte sanitäre Verhältnisse und Probleme mit dem Zugang zu den einzelnen Häusern oder dem Materialtransport mit sich gebracht haben. Als Schädling ist die Hausmaus nachgewiesen.

Die Häuser mini|hochkant|Rekonstruktion des Innenraumes eines Gebäudes