Die 9K11 Maljutka (; NATO-Codename AT-3 Sagger) ist eine sowjetische Panzerabwehrlenkwaffe der ersten Generation. Sie war die erste Panzerabwehrlenkwaffe der UdSSR, die von der Infanterie getragen und eingesetzt werden konnte. Sie ist bis heute im Einsatz und eine der weltweit am weitesten verbreitete und genutzte Panzerabwehrlenkwaffe.
Entwicklung Die 9K11 Maljutka entstand aufgrund der zunehmenden Verbreitung westlicher Panzerabwehrlenkwaffen wie der ENTAC (Frankreich), der COBRA (Deutschland und Schweiz) und der BANTAM (Schweden), auf dessen Einführung die Sowjetarmee reagieren wollte. Diese forderte eine kleine, universell einsetzbare Panzerabwehrlenkwaffe mit den folgenden Eigenschaften: Von einer Person tragbar sowie von Fahrzeugen einsetzbar. Reichweite 3000 m. Durchschlagskraft 180–200 mm Panzerstahl bei 60° Einschlagwinkel. Maximalgewicht 8–10 kg. Nachdem die beiden Konstruktionsbüros Konstruktionsbüro für Gerätebau (KBP Tula) und KB Maschinostrojenija (KBM Kolomna) ihre Entwürfe eingereicht hatten, bekam am 6. Juli 1961 letzteres den Zuschlag für die Entwicklung. Die Entwickler in Kolomna um Sergej Nepobedimj orientierten sich an den leichten Panzerabwehrlenkwaffen BANTAM und Vigilant. Die Entwicklung geschah zeitgleich mit der 2K8 Falanga (NATO-Codename „AT-2 Swatter“), es wurden sowohl eine Ausführung für die Infanterie sowie eine für den Start von Fahrzeugen und Hubschraubern aus entwickelt. Bei den ersten Versuchen im November 1961 wurden 60 Maljutka-Lenkwaffen gestartet. Die werksinternen Tests waren im Dezember 1962 abgeschlossen und danach erfolgte die Truppenerprobung. Am 16. September 1963 wurde die 9K11 Maljutka offiziell in die Bewaffnung der Sowjetarmee übernommen. Erstmals wurde die Maljutka bei der Maiparade 1965 auf dem Roten Platz in Moskau der Öffentlichkeit vorgestellt.Steven J. Zaloga Andrew W. Hull, David R. Markov: Soviet/Russian Armor and Artillery Design Practices: 1945 to Present. 1999, S. 189–191 & 195.Richard D. Jones & Leland S. Ness: Jane's Infantry Weapons 2010–2011. 2011, S. 475–476.Chris McNab: Sagger Anti-Tank Missile vs M60 Main Battle Tank Yom Kippur War 1973. 2018, S. 13–22.Tankograd: Soviet ATGMs
Die 9K11 Maljutka wurde in mehreren Baulosen weiterentwickelt und modernisiert sowie weltweit exportiert. Bis zum Produktionsende im Jahr 1984 wurden in der Sowjetunion jährlich bis zu 25.000 Stück produziert. Daneben wurde das Waffensystem im Lizenzbau in Bulgarien, Rumänien, Iran, Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, China, Taiwan sowie in weiteren Staaten produziert. Damit zählt die Maljutka zu den am meisten produzierten Lenkwaffen aller Zeiten. Bis heute werden Um- und Nachrüstsätze für die Maljutka angeboten.Nikolay Spasskiy: Russia's Arms & Technologies The XXI Century Encyclopedia Vol. 12 - Ordnance and Munitions. 2006, S. 123–124.
Technik Die 9K11 Maljutka ist eine Panzerabwehrlenkwaffe zur Bekämpfung von Kampfpanzern und anderen Panzerfahrzeugen auf Distanzen von bis zu 3.000 m. Das Waffensystem existiert in zwei Ausführungen: 9K11 Maljutka: Tragbar für den Einsatz mit der Infanterie. 9K14 Maljutka: Für den Einsatz ab Landfahrzeugen und Hubschraubern. Am meisten verbreitet ist die Ausführung 9K11 für die Infanterie. Die fahrzeuggebundene Ausführung 9K14 ist auf den Raketenjagdpanzern BRDM-1 (GRAU-Index 9P110) und auf dem BRDM-2 (GRAU-Index 9P122 und 9P133) verbaut. Weiter wird die Maljutka als Zusatzbewaffnung für die Kettenfahrzeugen BMP-1 und BMD-1 verwendet. Die luftgestützte Ausführung kommt bzw. kam ab den Hubschraubern Mi-2 „Hoplite“, Mi-4 „Hound“, Mi-8 „Hip“, SOKO HN-42M und IAR 316 zum Einsatz.Rwd-mb3.de: Panzerabwehrlenkraketen-Technik (PALR)
Aufbau & Komponenten mini|9S415-Steuerkonsole mit aufgesetztem 9Sh16-Periskop mini|Schnittmodell einer 9M14-Lenkwaffe auf 9P111-Transportbehälter Das 9K11-Waffensystem für die Infanterie besteht aus Start- und Transportbehältern mit den Lenkwaffen und den Kabelspulen für die Datenleitungen sowie einer Steuerkonsole.
Steuerkonsole Die 9S415-Steuerkonsole wiegt 12,4 kg. Die Steuerkonsole beinhaltet den 11FG-400-Nickel-Cadmium-Akkumulator, einen Kommandogeber, einen kleinen Steuerhebel (Controlstick) sowie eine monokulare Tageslicht-Zieloptik mit einem Periskop. Die 9Sch16-Zieloptik mit Strichplatte und 8facher Vergrößerung hat ein Sichtfeld von 22,5°. An die Konsole werden die Datenleitungen angeschlossen, die zu den Start- und Transportbehältern führen.
Transportbehälter Die 9M14-Lenkwaffen sind in wasserdichten 9P111-Start- und Transportbehältern aus GFK mit der Form eines Koffers verstaut. Der beladene Behälter hat eine Gewicht von 18,1 kg. In dem Behälter befindet sich die in zwei Teile zerlegte Lenkwaffe, die Startschiene sowie eine Kabelspulen mit 15 m Datenleitung. Der Behälter ist zum Transport auf dem Rücken mit Tragriemen versehen und wird als Abschusslafette für die Lenkwaffe verwendet.
Lenkwaffe Die 9M14-Lenkwaffe ist in zwei Teile aufgeteilt. Im vorderen Teil ist hinter der Lenkwaffenspitze der Hohlladungs-Gefechtskopf mit dem piezoelektrische Aufschlagzünder verbaut. Die Hohlladung verwendet die Einlage bzw. Auskleidung () aus Kupfer und dahinter ist der Sprengstoff eingegossen. Anfänglich wurde A-IX-1 verwendet, welcher später durch OKFOL ersetzt wurde. Zuvorderst im hinteren Teil befinden sich vier kleine Feststoffraketentriebwerke mit seitlich am Rumpf angeordneten Düsen die beim Start der Lenkwaffe gezündet werden. Diese Triebwerke haben eine Brenndauer von 0,6–0,8 Sekunden. Das Feststoffraketentriebwerk für den Marschflug befindet sich in der Mitte des Raketenrumpfs. Seine beiden Schubvektordüsen sind am hinteren Ende des Rumpfs angeordnet. Die Schubvektordüsen werden über einen Gasantrieb geschwenkt, wobei das Gas über ein Ventil vom Raketentriebwerk entnommen und zugeführt wird. Das Triebwerk entwickelt einen Schub von 95 N und hat temperaturabhängig eine Brennzeit von 25–30 Sekunden. Hinter dem Triebwerk sind die Aktuatoren zur Steuerung der Deflektoren der Schubvektordüsen verbaut. Das Gyroskop und der dazugehörige Kommutator sind in einem Fach hinter dem Triebwerk untergebracht, und der dreisträngige Lenkdraht ist um das Triebwerk gewickelt. Hinten am Flugkörperrumpf sind vier Stabilisierungsflächen in einem Winkel von 3,15° zur Längsachse montiert. Zwischen diesen ist auf dem Rumpf eine längliche Leucht-Fackel aufgesetzt (zwei bei der 9M14P-Lenkwaffe).Ceon.rs: Aerodynamic Compensation of the Modified Guided Anti-Tank Missile Configuration (PDF; 0,8 MB)
+ Kenngrößen 9M14-Lenkwaffen Waffensystem 9K11/14 Maljutka 9K14P Maljutka-P 9K14-2 Maljutka-2 NATO-Codename AT-3A/B Sagger AT-3C Sagger AT-3D Sagger Lenkwaffe 9M14 9M14P 9M14P-2 Einführungsjahr 1963 1969 1992Länge0,86 m 1,02 mDurchmesser125 mmGewicht 10,9 kg 11,4 kg 12,5 kg Gefechtskopf 2,6 kg 2,7 kg 3,5 kgDurchschlagskraft 400 mm 520 mm 800 mm Fluggeschwindigkeit 115 m/s 120 m/s 130 m/s Min. Schussdistanz400–500 m 200 m Max. Schussdistanz3.000 mLenkung MCLOSSACLOS
Funktion & Einsatz Das tragbare 9K11-Waffensystem kam innerhalb der Sowjetarmee in den motorisierten Schützenbataillonen zum Einsatz, wobei jedem Bataillon zwei Panzerabwehr-Züge zugeteilt waren. Jeder Zug verfügte über zwei Maljutka-Trupps mit jeweils zwei 9S415-Steuerkonsolen sowie vier 9P111-Start- und Transportbehältern. Ein solcher Trupp bestand in der Regel aus drei Mann; zwei trugen je ein Start- und Transportbehälter und der Truppführer die Steuerkonsole. Weiter gab es in dem Panzerabwehr-Zug ein RPG-7-Schütze sowie zwei SPG-9-Trupps, um den Entfernungsbereich bis 500 m abzudecken, in dem aufgrund der Mindestreichweite mit der 9K11 nicht gefeuert werden konnte.
Um das 9K11-Waffensystem einsatzbereit zu machen, werden 3–5 Minuten benötigt. Dabei wird die zweigeteilte 9M14-Lenkwaffe aus dem 9P111-Behälter genommen und zusammengesetzt. Dann wird die Lenkwaffe auf die Startschiene aufgesetzt und diese auf dem umgedrehten Kofferdeckel in eine Öse geschoben. Jetzt müssen an der Lenkwaffe die Stabilisierungsflächen ausgeklappt und das Datenkabel an die 9S415-Steuerkonsole angeschlossen werden. Maximal können vier 9P111-Behälter an eine Steuerkonsole angeschlossen werden. Die Behälter können in einer Entfernung von bis zu 15 m von der Steuerkonsole platziert werden.Army-guide.com: 9K11 Malutka/AT-3 Sagger
Die Lenkung der Lenkwaffe erfolgt nach dem Prinzip des manuellen Zieldeckungsverfahrens (MCLOS) mit Hilfe der 9Sch16-Zieloptik und der Steuerkonsole. Der Schütze erfasst das Ziel visuell mit der Zieloptik und verfolgt dieses. Ist das Ziel in Schussdistanz, startet er eine 9M14-Lenkwaffe. Diese startet mit Hilfe der vier Starttriebwerke ab der 8° himmelwärts geneigten Startschiene. Die Lenkwaffe ist so programmiert, dass sie nach dem Start automatisch eine Flughöhe von rund 6 m einnimmt, die etwa bei einer Entfernung von 200 m vom Abschussgerät erreicht wird. Damit wird sichergestellt, dass die Lenkwaffe keinen Bodenkontakt bekommt. Die Starttriebwerke beschleunigen die Lenkwaffe auf eine Geschwindigkeit von rund 105 m/s. Das Marschtriebwerk sorgt für einen Geschwindigkeitszuwachs auf rund 120 m/s und hält dies Geschwindigkeit konstant. Um den Flug zu stabilisieren, wird die Lenkwaffe durch die schrägen Stabilisierungsflächen in der Längsachse mit 6–10/rpm in Rotation versetzt. Dabei dreht das Gyroskop mit rund 27.000/rpm und sorgt für eine stabile Flugbahn. Nach 400–500 m hat die Lenkwaffe eine stabile Flugbahn eingenommen, woraus sich die minimale Schussdistanz ergibt. Nachdem die Lenkwaffe eine Distanz von 300–400 m zurückgelegt hat, erfasst der Schütze diese in der Zieloptik. Er muss nun die Lenkwaffe in eine Zielachse mit dem Panzer bringen und führt die Lenkwaffe mit dem kleinen Steuerhebel in das Ziel. Dabei muss er sowohl die Lenkwaffe wie auch das Ziel mit der Zieloptik verfolgen. Die beim Start gezündete Leucht-Fackel dient dem Schützen zur besseren Erkennbarkeit der Raketenflugbahn. Sämtliche Bewegungen des Steuerhebels werden als Steuerbefehle über den Lenkdraht an die Lenkwaffe gesendet. Dabei korrigiert die Lenkwaffe mit abwechselnden Gier- und Nick-Bewegungen die Flugbahn. Bei Schussdistanzen unter 1000 m kann die Lenkwaffe auch ohne die Zieloptik ins Ziel gelenkt werden. Die Lenkwaffenflugzeit auf die maximale Einsatzdistanz von 3000 m beträgt 25–30 Sekunden. Beim Aufschlag im Ziel wird der Hohlladungs-Gefechtskopf gezündet. Dieser hat in der Ursprungsversion bei einem Auftreffwinkel von 90° eine Durchschlagskraft von etwa 400 mm und bei 60° rund 200 mm Panzerstahl.Btvt.info: ПТРК 9К11/9К14 «Малютка»Missilery.info: Противотанковый ракетный комплекс "Малютка" (9К14/9К11)
Das MCLOS (Manual Command to Line of Sight) genannte Steuerverfahren erforderte vom Schützen ein hohes Maß an Geschicklichkeit und Konzentration. Gemäß sowjetischen Angaben sollte ein Schütze wöchentlich 50–60 simulierte Bekämpfungen absolvieren und damit in einem realen Gefecht eine Treffererwartung von 60–90 % erreichen. In der Praxis lag diese aber bei 5–50%, insbesondere bei großen Schussdistanzen. Mit dem später, nur mit der fahrzeuggebundenen Ausführung eingeführten SACLOS-Steuerverfahren, konnte die Treffererwartung deutlich verbessert werden. Ein weiteres Problem ergibt sich in der Praxis aus der Zeit von rund 30 Sekunden, die bis zum Erreichen der maximalen Reichweite von 3 km verstreicht und in der ein angegriffener Panzer Deckung nehmen, sich einnebeln oder auch zurückschießen kann.Missilery.info: Противотанковый ракетный комплекс 9K11-2 Малютка-2
Varianten Varianten aus der Sowjetunion & Russland 9K11 Maljutka: Initialversion aus dem Jahr 1963 für die Infanterie. Mit der 9S415-Steuerkonsole und MCLOS-Steuerung. 9M14-Lenkwaffe mit 2,6 kg schwerer 9N110-Hohlladung, Durchschlagskraft rund 400 mm RHA. Fluggeschwindigkeit rund 110 m/s 9K11M Maljutka-M: 2. Serienversion für die Infanterie aus dem Jahr 1966 mit MCLOS-Steuerung.