mini|Schuhleistenkeile (vorne) Der Schuhleistenkeil ist eine in der Archäologie verbreitete Bezeichnung für Klingen prähistorischer Dechseln. Diese bestehen aus überschliffenem Felsgestein, die als Formentyp zu den charakteristischen Geräten der Linearbandkeramischen Kultur (5500–4900 v. Chr.) gehören. Schuhleistenkeile des Mittelneolithikums (Stichbandkeramik, Rössener Kultur) weisen oft Durchlochungen auf. Im späten Mittel- und im Jungneolithikum wurde die Dominanz querschneidiger Dechsel durch Beile und Äxte mit Parallelschäftung abgelöst.

Begriff Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert von Archäologen nach den entfernt ähnlich erscheinenden Holz-Leisten des Schuhmachers geprägt. Als Terminus technicus ist das Wort „Schuhleistenkeil“ bei Archäologen umstritten, da von einigen Bearbeitern auch für den bandkeramischen schmalhohen Typ ausschließlich der Begriff „Dechsel“ verwendet wird.J. Weiner: Zur Technologie bandkeramischer Dechselklingen aus Felsgestein und Knochen. Ein Beitrag zur Forschungsgeschichte. Archaeologia Austriaca, 80, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1997. S. 115–156. Andere Bearbeiter verwenden den Begriff ganz bewusst, um den schmalhohen Dechseltyp von den Flachbeilen (fälschlich auch „Flachhacken“ genannt) abzugrenzen.Dieter Kaufmann: Wirtschaft und Kultur der Stichbandkeramiker im westlichen Mitteldeutschland. Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle/Saale 1976, (Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, 30. ). S. 54–58 Der vor allem für die Linien- und Stichbandkeramik typische „Schuhleistenkeil“ weist in der Seitenansicht einen plankonvexen Umriss auf. Er besitzt eine konvex gewölbte Ober- und eine flache Unterseite. Im Profil ist er gewölbt rechteckig oder leicht trapezförmig. Der der Schneide gegenüberliegende Nacken ist meist flach, während die Schneide breiter als der Nacken und in der Regel konvex gebogen ist. Der klassische Schuhleistenkeil hat eine asymmetrisch aufgewölbte Schneide. Die ebenfalls hochgewölbten Dechsel der Hinkelstein-Kultur (so genannte Hinkelsteinkeile) unterscheiden sich durch ihre symmetrische Schneidenwölbung.

Verwendung mini|Schuhleistenkeile bei der Holzverarbeitung, Museum für Ur- und Frühgeschichte (Weimar) Neolithische Dechseln wurden primär zur Holzverarbeitung verwendet.Rengert Elburg, Wulf Hein: Steinbeile im Einsatz – Bäumefällen wie vor 7000 Jahren. In: Archæo 8, 2011, , S. 20–25. (Abgerufen am 28. Dezember 2012)Peter Walter, Rengert Elburg, Wulf Hein, Werner Scharff: Ergersheimer Experimente zur bandkeramischen Fäll- und Holzbearbeitungstechnik. In: Plattform 19/20, 2012, , S. bei 89–94. (Abgerufen am 28. Dezember 2012) Die Deutung als Hacken oder Pflugschar wurde zu Beginn der 1960er Jahre durch Egon Henning widerlegt.Egon Hennig; Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Weimar (Hrsg.): Untersuchungen über den Verwendungszweck urgeschichtlicher Schuhleistenkeile. Alt-Thüringen, 5, 1961. S. 189–222.Egon Hennig: Zur Rekonstruktion der Bindung an neolithischen Querbeilklingen. Alt-Thüringen, 7, Beier & Beran, Langenweißbach 1964/65, S. 98–104.

Die Größe der Dechselklingen schwankt zwischen miniaturisierten Exemplaren (10 cm), die der Feinbearbeitung, etwa für Hohlgefäße (Brunnen von Kückhoven, Schleusnig), oder zur Herstellung von Holzverbindungen dienten. An den Bohlen des Bandkeramischen Brunnens von Altscherbitz sind vielfach Hiebspuren von Dechseln erkennbar. Exemplare von 25 bis zu 40 cm Länge erscheinen ergonomisch als Werkzeug ungeeignet. Sie werden, analog zu völkerkundlichen Vorbildern, etwa aus Neuguinea, als Prestigeobjekte interpretiert. Das Gewicht, die Schäftungstiefe, die Länge des ungeschäfteten Teils der Klinge sind ausschlaggebend für die Verwendung in Bezug auf Einschlagskraft, -tiefe und -winkel. Besonders breite Exemplare eigneten sich für das Fällen von Bäumen. Eventuell sind schmal-hohe Klingen bedingt durch ihre Stabilität und Masse für grobe Arbeiten gebraucht worden. Diese Klingen in filigraner Ausführung wurden mutmaßlich zum Herstellen tiefer Löcher oder Nute im Holz verwendet. Die ungeschäftete Klinge kann man als Meißel oder Keil zum Spalten von Holz benutzen. Die Dechselklinge als Hobel ist ebenfalls denkbar. Die Funktion lässt sich durch das Verändern des Verhältnisses zwischen Klinge und Schäftung, Hinzufügen eines Griffs oder Abschleifen der Schneide verändern. Die Zweitverarbeitung einer Dechselklinge ist ebenso möglich. Tatsächlich wurden schon leicht beschädigte Dechselklingen weggeworfen, da man sie auch für feine Arbeiten benutzte.

Neben der Verwendung als Holzbearbeitungswerkzeug ist auch die Funktion als Waffe belegt. Beim Massaker von Talheim (Baden-Württemberg) wie auch im Grabenwerk von Schletz (Niederösterreich) können eine Reihe von Schädelfrakturen eindeutig darauf zurückgeführt werden, dass die Opfer mittels geschäfteter Schuhleistenkeile erschlagen worden sind.J. Wahl, H. G. König (Hrsg.): Anthropologisch-traumatologische Untersuchung der menschlichen Skelettreste aus dem bandkeramischen Massengrab bei Talheim, Kreis Heilbronn. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg, Band 12, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987. S. 65–193.Jens Lüning: Grundlagen sesshaften Lebens. In: Spuren der Jahrtausende. Katalog zur Ausstellung. Stuttgart 2002. ISBN 3-8062-1337-2. S. 217–218.

Rohmaterial Rohmaterialien für geschliffene Dechselklingen können sowohl Metamorphite, Vulkanite als auch Sedimentite sein. Bei Vulkaniten und Sedimentiten mit amorpher Gesteinsstruktur ist ein materialbedingtes Brechen seltener gegeben als bei Metamorphiten, die oft natürliche kristalline Spaltflächen aufweisen.

Als Rohmaterial bandkeramischer Schuhleistenkeile wurden bevorzugt Amphibolite verwendet, worunter metamorphe Gesteinsarten der Aktinolith-Hornblende-Schiefer-Gruppe (Kürzel: AHS-Gruppe) zusammengefasst werden. Ein weiteres häufiges Material ist Grünschiefer, seltener sind dagegen Phthanit (Herkunftsgebiete im Elsass und in Belgien), wie auch Basalt oder der so genannte „Wetzschiefer“. Als Herkunftsgebiet des weit verbreiteten Amphibolits in bandkeramischen Fundplätzen Deutschlands wurde lange das Fichtelgebirge oder der Böhmerwald angenommen, ohne dass konkrete Abbaustollen bekannt waren.C. Arps: Petrography and possible origin of adzes and other artefacts from prehistoric sites near Hienheim (Bavaria, Germany) and Elsloo, Sittard and Stein (Southern Limburg, The Netherlands). In: Cornelia Catharina Bakels: Four Linearbandkeramik settlements and their environment. A palaeoecological study of Sittard, Stein, Elsloo and Hienheim. (= Analecta Praehistorica Leidensia. Bd. 11). University Press, Leiden 1978, ISBN 90-6021-427-7, S. 202–228 (englisch). Weitere Vorkommen gibt es im sächsischen Erzgebirge und im Schwarzwald. Erst 2001 wurden bei Jistebsko, Kataster Jablonec nad Nisou im böhmischen Isergebirge Spuren des jungsteinzeitlichen Abbaus von Amphibolit (Aktinolith-Hornblende-Schiefer) entdeckt.

Geochemische Untersuchungen belegen, dass ein erheblicher Teil der bandkeramischen Dechselklingen aus Gestein von dieser Lokalität gefertigt wurde.

Die Funde, vor allem Halbfabrikate, aus Hienheim „am Weinberg“ geben Aufschluss über die Herstellung von Dechseln und Beilen. Die Artefakte ließen Schleifen, Picken, Durchbohrungen, Sägen und die am meisten angewandte Schlagtechnik als Bearbeitungsmethoden erkennen. Die Längsachse der Klingen verläuft bei metamorphen Gesteinen parallel zur Gesteinsstruktur. Dies zeigt, dass prähistorische Steinhauer gezielt Rohformen für die Verarbeitung zu Dechseln hergestellt haben.

Neben Dechseln aus Gestein gab es in der Bandkeramischen Kultur auch modifizierte Metapodien, deren Formgebung auf Verwendung als Dechselklingen hinweist.

Schäftung

Anhand der Polituren auf Dechselklingen können Rückschlüsse auf die Schäftung gewonnen werden. Typisch ist die „Knieholmschäftung“ (spitzwinklige Astansätze von Eschen, Buchen oder Eichen). Selten wurden stumpfwinklige Schäftungen gefunden, wie im bandkeramischen Brunnen Altscherbitz.Rengert Elburg: Eine Dechselklinge mit Schäftungsresten aus dem bandkeramischen Brunnen von Altscherbitz. In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Bd. 50, 2008, , S. 9–15 (Abgerufen am 27. März 2012). Leicht trapezförmige, hohe und flache rechteckige Klingen wurden direkt nach Fertigstellung bis zur breitesten und höchsten Stelle geschäftet. Diese liegt im Idealfall bei der Hälfte der Länge. Durch Nachschärfung verändert sich dieses Verhältnis und die Klinge kann bis zu 50 % der Länge verlieren.

Eine Diskussion von Dechselklingen als Beitel bzw. Meißel beruht bislang eher auf theoretischen Möglichkeiten als auf Bodenfunden.M. Dohrn: Überlegungen zur Verwendung bandkeramischer Dechsel aufgrund der Gebrauchsspuren. In: Fundberichte aus Hessen. Bd. 19/20, 1979/1980, , S. 69–78.J. Gechter-Jones, D. Tomalak: Cleverer als man dachte: die Dechselklinge, ein „Universalgerät“. In: Archäologie im Rheinland. Bd. 15, 2001, , S. 176–178. Allerdings legen die Spuren an Brunnenbohlen der Bandkeramik im Bereich der Verkämmung den Einsatz von Beiteln nahe.

Bei alt- und mittelneolithischen Dechseln ist auch die Verwendung von Zwischenfuttern aus Rothirschgeweih denkbar, jedoch bislang nicht als Bodenfund belegt. Stattdessen sind ausschließlich die Klingen erhalten, auf deren Unterseite einseitige Spuren von der Auflage auf dem Holm zu erkennen sind. Flachbeile mit Zwischenfutter werden in Feuchtbodensiedlungen des Jung- bis Endneolithikums häufig gefunden, dort aber eher in Verbindung mit so genannten „Flügelholmschäftungen“ und einer senkrecht stehenden Beilklinge.

In seltenen Fällen konnten Hinweise auf die Schäftung von Schuhleistenkeilen an den Klingen erkannt werden. Stets wurde beobachtet, dass die flache Ventralseite mit dem Holm verbunden war, was sich entweder als Farbunterschied oder als quer laufender Absatz zur Vermeidung des Rutschens zeigt. Jürgen Weiner und Alfred Pawlik argumentieren auf der Basis von Schäftungsspuren überzeugend für die "Knieholmschäftung", also Dechselholme aus spitzwinkligen Astansätzen. Die Befestigung am Holm erfolgte wahrscheinlich meist mit Textilfasern (Flachs) oder Bastfaser (hier vor allem Lindenbast).Jürgen Weiner: Noch ein Experiment. Zur Schäftung altneolithischer Dechselklingen. In: Staatl. Mus. Naturkde u. Vorgesch (Hrsg.): Experimentelle Archäologie in Deutschland. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland. Beih. 4, Oldenburg 1990. S. 263–278.Jürgen Weiner und Alfred Pawlik: Neues zu einer alten Frage. Beobachtungen und Überlegungen zur Befestigung altneolithischer Dechselklingen und zur Rekonstruktion bandkeramischer Querbeilholme. In: M. Fansa (Bearb.): Experimentelle Archäologie. Bilanz 1994. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland. Beih. 8, Oldenburg 1995. S. 111–144.

Bezüglich des Materials für die Wicklung ist lediglich eine Ausnahme bekannt bei einem Schuhleistenkeil, der 1877 als Grabbeigabe im frühbronzezeitlichen Grabhügel von Leubingen gefunden wurde. Der Ausgräber Friedrich Klopfleisch beschrieb im Grabungsbericht von 1878 dessen Wicklung als Riemen, was ohne weitere Erklärung eher an Leder denken lässt. Wie Hennig zu Recht anmerkt, sind Lederriemen jedoch ungeeignet für Beilumwicklungen, da sie sich bei der in unserem Klima unvermeidlichen Feuchtigkeitsaufnahme weiten und die Schäftung lockern. Die sekundäre Verwendung von frühneolithischen Schuhleistenkeilen in der Frühbronzezeit ist mehrfach belegt, sie werden in diesen Fällen allerdings eher als Statussymbole und nicht mehr als Werkzeuge gedeutet.