mini|hochkant=0.8|Nicholas Rescher (2011)
Nicholas H. RescherU.S., World War II Draft Cards Young Men, 1940–1947 (englisch), abgerufen am 6. Januar 2024 (* 15. Juli 1928 in Hagen; † 5. Januar 2024) war ein US-amerikanischer Philosoph deutscher Herkunft. Seine Schwerpunkte waren die theoretische Philosophie sowie die Moral- und Sozialphilosophie. Rescher war zudem der prominenteste Vertreter der Kohärenztheorie der Wahrheit und der Prozessphilosophie.
In seinem Werk versuchte Rescher, die analytische Methodik mit traditionellen philosophischen Problemstellungen zu verknüpfen. Sein Werk ist von großer systematischer und historischer Breite gekennzeichnet und vereinigt in sich kohärenztheoretische, pragmatische und idealistische Komponenten. Impulsgebend waren vor allem seine Arbeiten zur Kohärenztheorie der Wahrheit.
Leben Reschers Vater praktizierte ab 1922 als Anwalt in Hagen. Nachdem er sich öffentlich gegen das System des Nationalsozialismus ausgesprochen hatte, schlossen die Nationalsozialisten seine Kanzlei, worauf die Familie 1938 in die USA auswanderte. Am 15. Januar 1938 kam sein Vater Erwin an Bord der SS Manhattan von Hamburg kommend in New York City an.List or Manifest of Alien Passengers for the United States Immigration Officer at Port of Arrival (englisch), abgerufen am 6. Januar 2024 Seine Mutter Meta und er kamen zu einem späteren Zeitpunkt im Jahre 1938 nach.
Nach dem Schulabschluss studierte Rescher 1946 bis 1951 zunächst Mathematik und Philosophie am Queens College in Flushing, New York und an der Universität Princeton. Seine Lehrer waren dort unter anderem Herbert G. Bohnert, ein Schüler von Rudolf Carnap, Donald Davidson, Carl Hempel und Alonzo Church. 1949 erwarb er den Bachelor of Science in Mathematik, 1952 erhielt er in Princeton den philosophischen Doktorgrad (Ph. D.). Von 1954 bis 1956 arbeitete er in der Mathematikabteilung der RAND Corporation in Santa Monica.
1957 wurde Rescher auf eine Professur für Philosophie an der Lehigh-Universität in Bethlehem, Pennsylvania berufen. Dort entstanden die Grundlagen seiner ersten bekannten Publikation über die Geschichte der arabischen Logik. Außerdem begegnete er Adolf Grünbaum, der ihm 1961 zu einem Lehrstuhl an der Universität Pittsburgh verhalf, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb. Grünbaum und Rescher formten dort den Kern des Pittsburgh’s Philosophy Departments, das bald weltweite Bekanntheit erreichte und dem unter anderem Kurt Baier, Alan R. Anderson, Nuel Belnap und Wilfrid Sellars angehörten.
Im Jahre 1964 gründete Rescher die bekannte philosophische Fachzeitschrift American Philosophical Quarterly, als deren Herausgeber er bis 1993 tätig war. Er leitete außerdem viele Jahre das 1960 gegründete weltbekannte Center for Philosophy of Science.
Rescher war Präsident der American Philosophical Association, ständiger Gastprofessor in Oxford und lehrte regelmäßig auch an anderen Universitäten. Im Jahre 1977 wurde Rescher zum ständigen Mitglied des Corpus Christi College in Oxford ernannt.
In Deutschland wurde Rescher 1984 mit dem Alexander-von-Humboldt-Preis sowie der Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz (Philosophie), 2002 vom Fachbereich Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaften der Fernuniversität Hagen mit dem EhrendoktorPhilosoph Nicholas Rescher jetzt Ehrendoktor der Fernuniversität und 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. 1998 wurde er als auswärtiges Mitglied in die Academia Europaea aufgenommen. Ab 2006 war er Mitglied der Royal Society of Canada und ab 2009 der American Academy of Arts and Sciences. 2016 wurde ihm die Helmholtz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verliehen.
Er starb im Januar 2024 im Alter von 95 Jahren.
Werk Reschers Systemdenken verbindet idealistische Positionen mit pragmatisch-realistischen Überlegungen, wobei es sich der methodischen Standards der Analytischen Philosophie bedient.Zur Charakterisierung von Reschers Werk siehe Wulf Kellerwessel: Nicholas Rescher – das philosophische System. Einführung – Überblick – Diskussionen, Walter de Gruyter, Boston/Berlin 2014, S. 10–12 In seinen über 100 Buchpublikationen und mehr als 1000 Aufsätzen stützt er sich häufig auf verschiedene klassische Positionen der Philosophie, die er miteinander zu verbinden und in sein philosophisches System zu integrieren versucht.
Rescher hatte sich zunächst vor allem mit speziellen Themen wie der Logik in der arabischen Philosophie auseinandergesetzt. Im Laufe seiner wissenschaftlichen Entwicklung erweiterte sich sein Betätigungsfeld auf die unterschiedlichsten philosophischen und philosophiehistorischen Gebiete. Anders als die meisten gegenwärtigen Philosophen intendiert Rescher, ein umfassendes System zu konzipieren, welches Antworten auf die „großen Fragen“ der Philosophie gibt wie die „nach der Stellung des Menschen in der Natur, der Willensfreiheit, nach Pflicht und Obliegenheit, Wissen und Unwissen“.Rescher: Der Streit der Systeme. Ein Essay über die Gründe und Implikationen philosophischer Vielfalt. Würzburg 1997, S. 61
Systematische und philosophiehistorische Arbeiten Wie kaum ein anderer Philosoph der Gegenwart hat Rescher fast alle Disziplinen der Philosophie durch seine Publikationen abgedeckt. Ein besonderes Merkmal seiner Arbeiten ist dabei, dass er sich auch mit der philosophiegeschichtlichen Entwicklung der jeweiligen Disziplinen befasst hat. Grundsätzlich sind seine Arbeiten zur systematischen Philosophie und zur Philosophiegeschichte eng miteinander verknüpft. Rescher geht von einer dialektischen Begriffsentwicklung aus, nach der sich Begrifflichkeiten im Verlauf der Philosophiegeschichte ausdifferenzieren. Damit verbunden sei auch eine Weiterentwicklung der philosophischen Fragen und Problemstellungen.
In der Praktischen Philosophie Reschers finden sich Studien zur Ethik, Beiträge zu angewandten Ethik, zur Politischen Philosophie, Sozialphilosophie und Anthropologie. Im theoretischen Bereich verfasste er Studien zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zur Ontologie, Metaphysik, Logik, zur Philosophie des Geistes und zur Sprachphilosophie. Ferner hat Rescher auf den Gebieten der Religionsphilosophie, Technikphilosophie und Metaphilosophie gearbeitet. Er legte außerdem eine Vielzahl von Monographien vor, in denen einzelne Begriffe umfassend untersucht oder besondere Teilthemen einzelner philosophischer Disziplinen ausführlich erörtert werden. Auch Reschers philosophiehistorische Interessen sind breit gefächert. Er befasst sich in seinen Werken intensiv mit der antiken Philosophie, mit Leibniz, Kant, dem Pragmatismus (Peirce) und der Philosophie des Common Sense. Auch Auseinandersetzungen mit wichtigen Gegenwartsphilosophen (z. B. Putnam, Davidson oder Wittgenstein) finden sich in seinen Arbeiten.
Philosophiehistorische Einflüsse Rescher ist philosophisch neben seinen der analytischen Philosophie zuzurechnenden akademischen Lehrern vor allem von Kant, Hegel und Peirce in unterschiedlichem Maße sowohl inhaltlich als auch methodisch beeinflusst worden.Zum Folgenden vgl. vor allem Rescher: Kant and the Reach of Reason. Studies in Kant’s Theory of Rational Systematization. Cambridge u. a. 2000.
Kant Einen großen Einfluss übte auf Rescher die in der Kritik der reinen Vernunft entfaltete theoretische Philosophie Kants aus, den Rescher als einen Vorläufer des Pragmatismus versteht. Kants bevorzugte Mittel der Problemlösung seien begriffliche Unterscheidungen, die er immer wieder in den Rahmen eines systematischen Ansatzes einführt. Die Begriffsbildungen Kants haben für Rescher keine ontologische, sondern eine pragmatische Funktion: Sie seien gedankliche Werkzeuge, mit deren Hilfe man der Welt, wie sie für uns Menschen zugänglich ist, erfassen kann.
Grundlegend für Kants Erkenntnistheorie sei die Systematizität des Erkennens, ohne die ein Verstehen nicht möglich ist. Einzelne Phänomene würden nur dann verstehbar, wenn sie unter allgemeine Gesetze gebracht werden können, die wiederum in einen kohärenten Rahmen eingepasst sind.
Pragmatismus Nach Rescher ist es das Merkmal des Pragmatismus, dass in ihm Theorien oder Verfahrensweisen nicht um ihrer selbst willen angenommen werden, sondern um bestimmte Ziele erfolgreich zu verfolgen.Rescher: Is Philosophy Dispensable? And Other Philosophical Essays. Frankfurt/Main u. a. 2007, Kap. 11 Der Pragmatismus zerfällt für Rescher in zwei stark divergierende Teilströmungen: einen „linken Pragmatismus“ (pragmatism of the left) und einen „rechten Pragmatismus“ (pragmatism of the right). Zum Folgenden vgl. Rescher: Realistic Pragmatism. An Introduction to Pragmatic Philosophy. Albany, New York 2000 und die „Studies in Pragmatism“ in Rescher: Studies in Pragmatism. Collected Papers II. Frankfurt/Main 2005.
Dem „linken Pragmatismus“ (W. James, F.C.S. Schiller und R. Rorty) zufolge seien Wahrheiten menschlich erzeugte und nicht entdeckte Konstrukte. Er akzentuiere soziale Konsense und Konventionen und stehe der Annahme rationaler, allgemeiner und objektiver Standards kritisch gegenüber. Bei epistemischen wie moralischen Standards betone er deren Abhängigkeit von menschlichen bzw. gesellschaftlichen Konventionen.
Der „rechte Pragmatismus“ (Ch.S. Peirce und C.I. Lewis) dagegen, dem Rescher selbst nahesteht, sehe die Wissenschaften als durch Wahrheitssuche geprägt und akzeptiere das Vorhandensein von rationalen, allgemein verbindlichen Normen und objektiven Standards. Diese seien fallibel und können generell anhand ihrer Wirksamkeit hinsichtlich des Erreichens der angestrebten Ziele validiert werden.
Anknüpfend an Peirce versucht Rescher, Standards und Prinzipien auszuarbeiten, mit deren Hilfe Ideen, Theorien und Verfahrensweisen pragmatisch und objektiv bewertet werden können. In Abweichung von Peirce nimmt Rescher jedoch nicht an, dass der wissenschaftliche Prozess sich einer letzten Wahrheit annähert.
Von großer Bedeutung ist für Rescher, dass eine geistesunabhängige Wirklichkeit zu postulieren sei, um die erkenntnistheoretische und naturwissenschaftliche Arbeit angemessen erfassen zu können. Dies sei darin gerechtfertigt, dass der ontologische Realismus sich pragmatisch bewährt habe. Nur mit seiner Hilfe sei eine Unterscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit, Realität und Erscheinung möglich. Er schaffe erst die Basis für die intersubjektive Kommunikation über etwas, das man gemeinsam erforschen und erfahren kann.
Hegel Reschers Idee der historischen Entwicklung philosophischer Theorien ist stark durch das dialektische Denken G.W.F. Hegels mitgeprägt. Rescher versteht die dialektische Methode als ein allgemeines Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen. Sie beginne bei einem Startpunkt („input“) – z. B. in Form einer plausiblen Annahme –, dem eine Antwort („response“) entgegenstehe. Diese sorge für eine Transformation bzw. Revision der ursprünglichen Annahmen, die dann – in einem iterierbaren Prozess – wieder als Startpunkt weiterer Untersuchungen dienen könne.Vgl. Rescher: Dialectics. A Classical Approach. Frankfurt/Main u. a. 2007, S. 1