mini|Luftbild der Stiftskirche in Tübingen mini|Stiftskirche (Januar 2016) mini|Stiftskirche senkrecht von oben Die Stiftskirche zu St. Georg in Tübingen wurde in ihrer heutigen Form von 1470 bis 1490 unter Graf Eberhard im Bart aufgrund der Übersiedlung des Chorherrnstiftes von Sindelfingen und der Gründung der Eberhard Karls Universität Tübingen erbaut. Als Baumeister der spätgotischen Hallenkirche gelten Peter von Koblenz und Hans Augsteindreyer. Sie ist die Pfarrkirche der Evangelischen Stiftskirchengemeinde Tübingen und Dekanatskirche im Kirchenbezirk Tübingen.

Vor der heutigen Kirche standen an dieser Stelle bereits zwei Vorgängerkirchen.

Geschichte Vorgängerbauten mini|Stein an der Süd-West-Ecke mit einem Greifen und einem Löwen vermutlich von der Vorgängerkirche Während einer Innenrenovierung 1962/64 wurden archäologische Ausgrabungen unter der Leitung Urs Boecks durchgeführt. Dabei kamen zwei romanische Vorgängerbauten zum Vorschein.

Das ältere, vermutlich im 11. Jahrhundert entstandene Bauwerk war eine dreischiffige Basilika mit einem halbrunden Chor sowie zwei halbrunden Nebenapsiden. Die Mittelachse lag im Vergleich zur heutigen Kirche etwas weiter nördlich. Im Zentrum des Chors, direkt unter dem Altar, fand sich ein gemauerter Sarkophag, der eine außergewöhnliche Bestattung barg: Ein vermeintlich dreibeiniges Individuum. Obwohl es sich bei dem überzähligen Bein, wie sich bereits kurz nach der Ausgrabung herausstellte, um eine unvollständig erhaltene Vorgängerbestattung handelte, hielt bald die Mär vom dreibeinigen Utz Einzug in den Tübinger Volksmund.Stefan Schäfer, die Wiedergeburt alter Mythen im unbewussten Diskurs der Bevölkerung Süddeutschlands in den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Zeitschrift für Völkerkunde 75, 1982. S. 56–116.

Die Reste des jüngeren Baus waren wesentlich schlechter erhalten. Vermutet wird eine dreischiffige Basilika unbekannter Breite. Wahrscheinlich besaß dieser Bau bereits einen Portalanbau im Norden. Die Errichtung dieser Kirche wird für die Mitte des 12. Jahrhunderts angenommen.

Die erste urkundliche Erwähnung eines Sakralbaus an der Stelle der heutigen Stiftskirche stammt aus dem Jahr 1188. Damals wurde erstmals ein Bau mit dem kirchlichen Rang einer Kapelle genannt.Eintrag zu Tübingen auf LEO-BW. Eingesehen am 14. November 2014. Dieser Bau wurde 1191 zur Pfarrkirche Tübingens erhoben.Sehenswürdigkeiten der Stadt Tübingen. Eingesehen am 14. November 2014. 1294 wurde das Kirchenpatronat von den Pfalzgrafen von Tübingen an das Kloster Bebenhausen veräußert, dem die Pfarrkirche St. Georg 1325 einverleibt wurde und das sie um ein Marienpatrozinium erweiterte.

Bau der heutigen Kirche mini|Stiftskirche mit Neckarfront Im Jahr 1411 begann der Bau am ältesten Teil der heutigen Kirche, dem Glockenturm.Dagmar Zimdars (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg II. Deutscher Kunstverlag, Berlin und München, 1997, ISBN 3-422-03030-1, S. 716. Beim Bau der heutigen Kirche wurde er übernommen. Bis 1468 war der Glockenturm bis zum Glockengeschoss fertiggestellt, jedoch verhinderte der Neubau des Chores ab 1470 einen Weiterbau. Die Errichtung des Chores bis 1478 wird Peter von Koblenz zugeschrieben, dessen Mitwirkung jedoch nicht belegt ist.Götz Adriani, Andreas Feldtkeller (Hrsg.): Tübingen. Kulturdenkmale. Kunsthalle Tübingen, Tübingen, 1978, S. 12. Im Jahr 1476 wurde das Chorherrenstift Sindelfingen nach Tübingen verlegt und die Kirche St. Georg, die bis dahin Pfarrkirche war, zur Stiftskirche erhoben. 1478 wurde der Neubau des Langhauses begonnen, der um 1490 fertiggestellt wurde. Als Bauleiter der Errichtung des Langhauses gilt der Wiesensteiger Steinmetz Hans Augstaindreyer.Zimdars (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg II. S. 717. Bedingt durch finanzielle Schwierigkeiten wurden Haupt- und Seitenschiffe jedoch nur mit einer provisorischen Holzdecke ausgestattet. So konnte der Bau an der Kirche erst 1529 mit dem Bau des Turmhelmes fortgesetzt werden.Finanzministerium Baden-Württemberg, Bau- und Liegenschaftsverwaltung (Hrsg.): Land Baden-Württemberg. Kirchen und Klöster. (Reihe: Belser Ausflugsführer, Band 2.) Belser, Stuttgart und Zürich, 1980, S. 206. 1534 wurde infolge der Reformation das Chorherrenstift aufgehoben und die Stiftskirche daher 1537 wieder zur Pfarrkirche Tübingens erklärt. Ab 1550 wurde zudem der bis dahin als Aula der Universität dienende Chor neue Grablege der württembergischen Herzogsfamilie. Mit dem Aufsetzen der hölzernen Spitze wurde der Glockenturm 1590 von Georg Beer vollendet.

Spätere Veränderungen Der Innenraum der Kirche wurde 1674 und 1777 barock umgebaut, jedoch im Rahmen einer großen Renovierung der Kirche unter dem württembergischen Hofbaumeister Christian Friedrich von Leins in den Jahren 1876 und 1877 durch eine Innenausstattung der Neugotik neu gestaltet. Wichtigstes Ziel der Renovierung war jedoch die Einwölbung des Haupt- und Seitenschiffs. Deren Dach bestand nach wie vor aus hölzernen Konstruktionen und wurde nun durch ein Netzrippengewölbe mit Rippen aus Zement und Ton sowie Gewölbefeldern aus Tuffstein ersetzt.Zimdars (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg II. S. 718. Nach der Renovierung unter Leins gab es in der Folgezeit kleinere Veränderungen am Bauwerk: So wurde von 1932 bis 1934 der Außenbau erneuert. Von 1955 bis 1960 wurde unter Architekt Heinrich Otto Vogel (örtliche Bauleitung: der Tübinger Architekt Artur Achstetter) der Chor restauriert und zwischen 1962 und 1964 das Langhaus renoviert, wobei die heutige Orgelempore eingebaut sowie die Seitenemporen erneuert wurden.

Architektur Die in etwa geostete Stiftskirche ist eine dreischiffige, spätgotische Staffelhalle mit eingezogenem Fünfachtelschluss und einem Westturm. Sie steht nördlich des Neckars auf einem Bergsattel zwischen Österberg und Spitzberg und ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt.

Das Mittelschiff ist höher als die beiden Seitenschiffe, weist aber dieselbe Breite auf. Nach Westen wird es durch den Turm verkürzt, der innerhalb des rechteckigen Grundrisses seinen Platz gefunden hat. Das Mittelschiff wird von einem steilen Satteldach bedeckt, das auch die Seitenschiffe einbezieht. Als Fälldatum der Nadelholz- und Eichenstämme wurde der Winter 1473/1474 für den Chor und die Jahre 1487 bis 1489 für das Langhausdach dendrochronologisch nachgewiesen. Die Bauhölzer wurden im Schwarzwald geschlagen und über den Neckar geflößt, worauf die Floßaugen hinweisen. Die Dachstühle kombinieren zwei unterschiedliche Konstruktionstypen.Tilmann Marstaller, Andreas Stiene: Die Dachwerke über Chor und Langhaus der Tübinger Stiftskirche, abgerufen am 3. Mai 2016. Die Seitenschiffe sind seitlich am Turm fortgeführt und schließen mit der Westmauer des Turmes bündig ab. Das nördliche Seitenschiff hat abgeschrägte Ecken. Spitzbogenfenster belichten Langhaus und Chor, deren Außenmauern durch gestufte Strebepfeiler gegliedert sind. Im Inneren öffnen große spitzbogige Arkaden die Seitenschiffe zum Mittelschiff. Der Chor hat die Breite und sein Dachfirst die Höhe des Mittelschiffes. Im Südosten ist eine kleine Sakristei angebaut, deren Traufe den Chor nicht erreicht.

Turm Der Turm besteht aus einem viergeschossigen, massiv aufgemauerten Schaft auf quadratischem Grundriss und einem kleinen Turmaufbau. Im vierten Geschoss, dem Glockengeschoss, sind in die steinernen Dreiecksgiebel je zwei schmale, spitzbogige Schallöffnungen eingelassen, über denen die Zifferblätter der Turmuhr angebracht sind. Die Giebel vermitteln vom vierseitigen Turmschaft zur oktogonalen Spitze. Dort gewährt eine Galerie in 45 Metern Höhe einen weiten Blick ins Umland.stiftskirche-tuebingen.de:

1932/33 wurde der marode Kirchturm unter Leitung des Landesamts für Denkmalpflege und des Architekten Rudolf Behr renoviert. Anstelle von größtenteils bereits heruntergebrochenen Fialen schuf der Bildhauer Fritz von Graevenitz die heute noch am Turm befindlichen vier Evangelistensymbole. Die dazu benötigten Muschelkalkblöcke mit einer Länge von jeweils 2,80 Metern wurden im Steinwerk von Schön & Hippelein in Satteldorf gebrochen und roh zubereitet. Fertiggestellt wurden die Skulpturen von Graevenitz erst, nachdem sie mittels Flaschenzügen an ihre vorgesehenen Stellen auf den Turm hinaufgezogen und eingesetzt worden waren.Fritz von Graevenitz: Bildhauerei in Sonne und Wind – Erfahrungen und Empfindungen bei der Ausführung der vier Evangelistensymbole am Turm der Tübinger Stiftskirche, Stuttgart 1933. Der Turm ist zu den Öffnungszeiten für Besucher begehbar, über Wendeltreppen und den Dachraum erreicht man den Umgang mit weitem Rundblick über die Altstadt.

Innenraum mini|Innenraum mini|Das Gewölbe des Chorraums Der Chorraum der Kirche, der als erster Bauabschnitt errichtet wurde, diente zunächst als Chorherrnkirche oder Priesterkirche und enthielt einen Hochaltar, der im Bildersturm 1536 vernichtet wurde. Das ehemalige Chorgestühl des Chorraumes ist heute im Kirchenschiff aufgestellt.

Das Altarbild des Klappaltars von 1520 ist ein Werk des Dürer-Schülers Hans Schäufelin, der in Nördlingen als Stadtmaler tätig war. Der Altar zeigt im Mittelbild die Kreuzigung Christi, auf den Flügelinnenseiten kann man die Kreuztragung und die Beweinung erkennen. Die Außenseiten des Altaraufsatzes stellen Christus am Ölberg dar. 1960 wurde der Altar restauriert.

Der Innenraum der Kirche wurde in den Jahren 1962 bis 1965 grundlegend renoviert. Dies wurde notwendig, nachdem an der Fassade und im Kirchenschiff Risse sichtbar geworden waren. Zurückzuführen war die Setzungsbewegung der Kirche auf einen vom Holzmarkt aus unter der südwestlichen Fassade der Kirche entlanglaufenden und dann in die Münzgasse abbiegenden Luftschutzkeller aus dem Zweiten Weltkrieg. Gedacht für die Polizei- und Gestapodienststelle im Gebäude Münzgasse 13 und die Bürger der Innenstadt, wurde der Bau des Luftschutzkellers von Zwangsarbeitern geleistet. Nach dem Krieg geriet der Bunker in Vergessenheit und kam erst mit den Schäden an der Stiftskirche wieder ins Bewusstsein. Nachdem der Bunker großteils mit Beton verfüllt worden war, stabilisierte sich auch die Bewegung der Stiftskirche.

Grablege mini|Grablege im Chor der Stiftskirche mini|Grab im Chorraum. Anna Maria von Brandenburg-Ansbach mit Mullbinde als Zeichen ihres Witwenstandes, Gattin des Herzogs Christoph von Württemberg mini|Grab im Chorraum. Mechthild von der Pfalz, in erster Ehe mit Grafen Ludwig I. von Württemberg, in zweiter Ehe mit Erzherzog Albrecht VI. von Österreich verheiratet. Mit einem für die damalige Zeit ungewöhnlich ausdrucksstark gestalteten Gesicht.

In der Grablege im Chorraum der Stiftskirche befinden sich die folgenden Gräber: Graf/Herzog Eberhard im Bart (zunächst im Stift St. Peter bestattet, um 1535 überführt) Herzog Ulrich Sabina von Bayern (Frau Herzog Ulrichs) Eva Christina von Mömpelgart (Nichte Herzog Ulrichs; Grabmal von Christoph Jelin) Graf Ludwig (Vater Eberhards) Mechthild von der Pfalz (Mutter Eberhards) Anna von Württemberg (Tochter Ulrichs) Rudolf von Braunschweig Herzog Christoph Anna Maria (Frau Herzog Christophs) Eberhard (1. Sohn Herzog Christophs) Johann Georg (1594–1613), Sohn von Herzog Johann von Schleswig-Holstein-Sonderburg und Student am Collegium illustre Herzog Ludwig (zweiter Sohn Christophs; Grabmal von Christoph Jelin) Ursula (Frau Herzog Ludwigs) Graf Wilhelm Ernst von Waldeck-Wildungen Dorothea Ursula von Baden-Durlach (1559–1583) (erste Ehefrau von Herzog Ludwig)

Epitaphe An den Wänden der Seitenschiffe und der Vorhalle hängen unter anderem folgende Epitaphe: Agnes Stöfflerin († 1530), Gattin von Johannes Kingsattler, genannt King Fritz Jakob von Anwyl († 1540), ab 1536 Obervogt in Tübingen, war der zweite Sohn von Ritter Fritz Jakob von Anwyl († um 1535). Erbschenk Heinrich von Ostheim († 1560), Burgvogt von Tübingen