mini|Leo-Trepp-Büste vor der Oldenburger Synagoge Leo Trepp (geboren am 4. März 1913 in Mainz; gestorben am 2. September 2010 in San Francisco) war ein deutsch-US-amerikanischer Rabbiner und Professor für Judaistik und Geisteswissenschaften.

Leben Die Eltern von Leo Trepp waren Maier Trepp (1873–1941) aus Fulda und Selma Ziporah Hirschberger (1879–1942) aus Oberlauringen. Der Bruder von Leo Trepp ist Gustav Israel Trepp (1917–2014).Trepp Family Collection.

Leo Trepp legte 1931 sein Abitur am Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss ab und studierte anschließend Philosophie und Philologie an der Universität Frankfurt und der Universität Berlin. Er promovierte am 16. Juni 1935 an der Universität Würzburg bei Adalbert Hämel mit einer Arbeit zum Thema „Taine, Montaigne, Richeome. Ihre Auffassungen von Religion und Kirche. Ein Beitrag zur französischen Wesenskunde“ zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.). Er war damit der letzte jüdische Student, der unter der Herrschaft der Nationalsozialisten an der Philosophischen Fakultät der Universität Würzburg promoviert wurde. Gunnar Bartsch: Vorbilder in dunklen Zeiten (abgerufen am 26. Dezember 2015). Die gleichzeitige Ausbildung am Rabbinerseminar in Berlin, das von dem neo-orthodoxen Rabbiner Esriel Hildesheimer gegründet worden war, führte 1936 zu seiner Ordination zum Rabbiner.

Er trat am 1. August 1936 – zunächst als Beauftragter des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden – das Amt des Rabbiners in Oldenburg an. Am 22. November 1936 wurde er einstimmig durch den jüdischen Landesgemeinderat in Oldenburg zum Landesrabbiner gewählt. Er hatte diese Stelle bis kurz nach den Novemberpogromen 1938, bis Mitte Dezember 1938, inne. In dieser kurzen Amtszeit gelang es ihm, unterstützt von einem Oldenburger Regierungsbeamten, noch eine jüdische Schule einzurichten, in der die Kinder der Gemeinde bis Ende April 1940 zusammen unterrichtet wurden, während ihnen der Besuch öffentlicher Schulen seit 1938 verboten war.Dazu: Zwar wäre die »Rassentrennung« im Schulwesen […] in den letzten Jahren im allgemeinen bereits durchgeführt, doch ist ein Restbestand jüdischer Schüler auf den deutschen Schulen übriggeblieben, dem der gemeinsame Schulbesuch mit deutschen Jungen und Mädeln nunmehr nicht weiter gestattet werden kann. (aus dem Amtsblatt des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichtsverwaltungen der Länder, Band 4 (1938), S. 520, zitiert nach der Website des Jüdischen Museum Berlin.)Trepp, Leo: Die Oldenburger Judenschaft, Oldenburg 1973, Seite 326 ff.

Er heiratete am 26. April 1938 Miriam de Haas (1916–1999), die Tochter seines Vorgängers im Amt, Landesrabbiner Philipp de Haas (1884–1935). Aus dieser Ehe ist eine Tochter hervorgegangen.Paulsen, Jörg: Erinnerungsbuch : ein Verzeichnis der von der nationalsozialistischen Judenverfolgung betroffenen Einwohner der Stadt Oldenburg 1933–1945, Bremen 2001, Seite 146.

Zusammen mit seinen männlichen Gemeindemitgliedern wurde Trepp zunächst in Oldenburg (10. bis 11. November 1938) in sogenannte Schutzhaft genommen. Gemeinsam mit 42 anderen Männern führten SA-Trupps Trepp an der noch brennenden Synagoge vorbei durch die Innenstadt.Erinnerungsgang. Zur Erinnerung und Mahnung initiierten Oldenburger Bürger 1982 einen Nachvollzug dieses Deportationsgangs als Schweigegang. Dieser Erinnerungsgang wird seitdem jährlich am 10. November von mehreren Hundert bis zu mehreren Tausend Oldenburgern begangen. Am 10. November 1988, 50 Jahre nach den Novemberpogromen, nahm Trepp selbst unter großer Anteilnahme der Oldenburger an diesem Erinnerungsgang teil. Anschließend wurde er in das KZ Sachsenhausen deportiert (11. bis 30. November 1938). Er wurde infolge eines Einspruchs des damaligen britischen Chief Rabbi Joseph Hertz aus dem KZ entlassen und emigrierte am 18. Dezember 1938 zunächst nach England. Von dort emigrierte er später in die USA, studierte an der Harvard University und amtierte als Rabbiner in verschiedenen Gemeinden. 1951 wurde er an das Napa College in Kalifornien berufen, deren geisteswissenschaftlicher Fakultät er als Professor für Philosophie und Geisteswissenschaften bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1983 angehörte.

1971 las er an der Universität Hamburg über jüdische Theologie und an der Universität Oldenburg über die Grundzüge des Judentums. Von da an kam er regelmäßig nach Deutschland, begleitete die Oldenburger Gemeinde bei ihrer Neugründung und lehrte an verschiedenen Universitäten. Daneben hielt er zahlreiche Vorträge und setzte sich für den Dialog zwischen Juden und Christen ein, den er selbst zeit seines Lebens führte.Erinnerungen des Rabbiners Leo Trepp; in Diözese Würzburg; abgerufen am 30. Juli 2020. Vehement trat er für die Etablierung eines Fachs Jüdische Studien an deutschen Universitäten ein. Seit 1983 lehrte er beinahe jährlich als Professor für Judaistik im Fachbereich Evangelische Theologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; seit 1988 war er dort Honorarprofessor. Am 27. Mai 1996 entzündete er das Ner Tamid zur Neueinweihung der Synagoge in Mainz-Weisenau.

Seit 1986 war er Ehrenmitglied der Central Conference of American Rabbis. Leo Trepp war der letzte noch lebende Rabbiner, der bereits in der NS-Zeit amtiert hatte.Igal Avidan: Leo Trepp: Einer der letzten Augenzeugen; Interview in Tachles vom 7. Juli 2006; von hagalil.com abgerufen am 3. September 2010.

Nach dem Tod seiner ersten Frau Miriam am 15. Dezember 1999 lebte Trepp ab dem Jahr 2000 mit der 1958 geborenenGunda Trepp bei gnd. Abgerufen am 9. November 2018. Witwe Gunda Wöbken-Ekert zusammen, die später seine zweite Ehefrau wurde.Biographie bei leotrepp.org. Abgerufen am 9. November 2018.

Leo Trepp verstarb am 2. September 2010 in San Francisco.; Meldung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vom 3. September 2010.

Denken und Werk Zeit seines Lebens beschäftigte Trepp die Frage, wie Juden in der modernen Welt ihre jüdische Identität erhalten und stärken und sich gleichzeitig der Umwelt öffnen und verantwortliche Staatsbürger sein konnten. Er lehrte und schrieb über jüdische Denker und untersuchte, inwieweit ihre Ansätze sich auf die aktuelle Zeit übertragen ließen. Und er zeigte, dass sich vor allem das Diaspora-Judentum seit Jahrtausenden ständig weiterentwickelte, aus innerjüdischer Notwendigkeit und auch, weil es sich herausgefordert sah, sich zu der Mehrheitsgesellschaft und deren Anforderungen und Anfeindungen zu verhalten. Die Shoa hatte einen tiefen Einfluss auf sein Denken und Schreiben.Der letzte seiner Art in: Jüdische Allgemeine, abgerufen am 30. Juli 2020. Nach der Ermordung von sechs Millionen Juden richtete sich sein Fokus nun darauf, die jüdische Gemeinschaft zu stärken.Siehe auch: „Samson Raphael Hirsch, neo-orthodoxer Reformer und der Weg in die Gegenwart“, in Lebendiges Judentum. Texte aus den Jahren 1943–2010, Kohlhammer 2013. Er versuchte, besonders den Juden ihre Religion und Kultur zugänglicher zu machen und ein solideres jüdisches Wissen zu vermitteln. Zudem plädierte er dafür, nichtjüdische Ehepartner stärker in Gemeinden einzubeziehen und Übertritte zum Judentum zu erleichtern.siehe dazu: „Dein Gott ist mein Gott“ Kohlhammer Verlag, abgerufen am 30. Juli 2020. Er warb für die Gleichberechtigung von Frauen in jüdischen Gemeinschaften und praktizierte sie in den von ihm betreuten Gemeinden.

Ab den Sechzigerjahren verfasste er Bücher über das Judentum, mit denen er Juden wie Nichtjuden erreichen wollte. In seinem Schreiben war es ihm ein Anliegen, „dazu bei[zu]tragen, die jüdische Religion als einen lebendigen Glauben verstehen zu lernen, die Weite und Tiefe ihres Wirkens und die bleibenden Errungenschaften, die sie der Menschheit brachte, zu erkennen“.Leo Trepp im Vorwort zu seinem Buch Die Juden von 1996. Für die nichtjüdische Seite war seine Hoffnung dabei stets, dass konkretes Wissen über das Judentum neue Stereotype und neue Feindseligkeiten gegen Juden vermeiden werde. Aus seiner Sicht waren zudem ein offener intellektueller Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen und eine Verständigung auf gemeinsame Werte und Ziele für das Wohlergehen einer Gesellschaft unerlässlich.

In Büchern, Vorträgen und Predigten erörterte er die Frage, was jüdische Kultur und Ethik im Alltag von Juden bedeuteten und was sie zur allgemeinen Kultur beitragen können. Dabei ging er insbesondere darauf ein, dass wichtige Werte auch bei einer Integration bewahrt werden sollten und das jüdische Wertesystem nicht verloren gehen dürfe.Aus eigenem Erleben in: Jüdische Allgemeine, abgerufen am 30. Juli 2020. „Der Glaube hat die Menschen geformt, und die Menschen haben ihren Glauben geformt in einer nicht endenden Entwicklung. Judentum ist ewiger Glaube und ewiges Volk, ein nicht endender Dialog zwischen Gott und den Menschen.“In: The History of Jewish Experience

In seinen letzten Jahren beobachtete Trepp eine Zunahme des Antisemitismus sowie eine Gleichgültigkeit von Nichtjuden judenfeindlichen Angriffen gegenüber. „Es sollte einen bundesweiten Aufschrei geben, wenn Juden mit einer Kippa auf dem Kopf angegriffen werden“, sagte Trepp in einer Rede anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor dem Mainzer Landtag im Jahr 2005. Für ihn trugen die Menschen in Deutschland besondere Verantwortung, Antisemitismus, Hass und Vorurteile zu bekämpfen.Keine Schuld, aber Verantwortung in: Deutsche Welle, abgerufen am 30. Juli 2020. Trepp erkannte jedoch darüber hinaus einen wachsenden Antizionismus, sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern. Diesen hielt er besonders deshalb für problematisch, da er häufig mit einer Ignoranz von Realitäten einhergehe und die beiden Seiten im Nahostkonflikt in festgelegten Opfer- und Täterrollen sehe. „Man mag diese Haltung sogar als antisemitisch empfinden, weil sie von als unveränderlich erscheinenden Vorurteilen getragen ist, die Angehörigen einer ganzen Gruppe, nämlich den Juden, gelten.“Leo Trepp in: Lebendiges Judentum. Texte aus den Jahren 1943–2010, Kohlhammer 2013.

Er selbst äußerte sich immer wieder kritisch zur Politik und Regierung Israels. Er plädierte für eine Stärkung nicht-orthodoxer Richtungen und eine Zweistaaten-Lösung.

Ehrungen

1971: Großes Siegel der Stadt Oldenburg (aus Anlass seines 35. Amtsjubiläums der in Oldenburg begonnenen Rabbinertätigkeit) 1979: George-Washington-Ehrenmedaille der Heritage Foundation 1985: Ehrendoktorwürde Doctor of Divinity honoris causa vom Hebrew Union College/Jewish Institute of Religion 1985: Goldenes Doktor-Diplom der Universität Würzburg 1989: Ehrendoktorwürde der Universität Oldenburg 1990: Ehrenbürger der Stadt Oldenburg 1993: Johannes-Gutenberg-Plakette der Stadt Mainz 1996: Ehrensenator der Universität Mainz 1997: Bundesverdienstkreuz 1. Klasse 2003: Oldenburg-Preis der Oldenburgischen Landschaft und Ehrenring der Stadt MainzMenschen am Schlossgymnasium 2006: Ehrenschüler am Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss (anlässlich des 175-Jahre-Schuljubiläums) auf schloss-online.de (PDF; 5 kB). 2010: Ehrenmitgliedschaft der Universität Würzburg 2010: Errichtung des Leo-Trepp-Lehrhauses in Oldenburg 2012: Etablierung einer regelmäßigen Leo-Trepp-Lehrveranstaltung an der University of Boston und der Synagoge Emanu-El in San Francisco 2013: Umbenennung eines Teils der Wilhelmstraße in Oldenburg in Leo-Trepp-StraßeWürdigung: Straße erinnert an Leo Trepp – Festakt zum 100. Geburtstag des letzten Oldenburger Landesrabbiners – Ein Teil der Wilhelmstraße wird Sonntag umbenannt. Während einer Feierstunde wird der Verdienste des Ehrenbürgers gedacht. von Sabine Schicke auf nwzonline.de vom 25. Februar 2013. und Benennung des Geländes vor dem Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss in Mainz zum Leo-Trepp-Platz Pressemitteilung der Stadt Mainz vom 4. Juli 2013.