Als Jahrhundertring wird die Inszenierung von Richard Wagners Ring des Nibelungen von Patrice Chéreau zum 100-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele im Jahr 1976 bezeichnet. Eigentlich war der Schauspielregisseur Peter Stein für die Jubiläumsinszenierung des Rings angefragt worden; die Verhandlungen scheiterten jedoch, weil Stein einen Umbau der Bühne und des Zuschauerraumes forderte und sich weigerte, Franz Josef Strauß anlässlich der Premiere zu treffen.Philippe Olivier: Der Ring des Nibelungen in Bayreuth von den Anfängen bis heute. Schott Music, Mainz, 2007, ISBN 978-3-7957-0594-7, S. 171. Stattdessen übertrug die Festspielleitung dem 31-jährigen Film- und Schauspielregisseur Patrice Chéreau die Regie, der der bis dahin jüngste Regisseur (und erste Ausländer in dieser Position) in der Bayreuther Festspielgeschichte war. Die musikalische Leitung hatte der Dirigent und Komponist Pierre Boulez (mit seinem Assistenten Jeffrey Tate). Das Bühnenbild entwarf Richard Peduzzi, die Kostüme schuf Jacques Schmidt, die Lichtgestaltung oblag Manfred Voss. Als Dramaturg war François Regnault verpflichtet worden.

Die Ring-Inszenierung von Chéreau und Boulez gilt bis heute als maßstabsetzende Arbeit in der Interpretationsgeschichte des Werkes.

Die Inszenierung Konzeption Chéreau stützte sich in seiner Konzeption auf George Bernard Shaws hellsichtige Analyse des Rings (The Perfect Wagnerite: A Commentary on The Niblung’s Ring), die bereits 1889 in London erschienen war. Shaw deutete den Ring als eine Parabel auf die sozio-ökonomischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts und interpretierte ihn als „Drama der Gegenwart“. Chéreau folgte diesem Grundansatz. Vor ihm hatten bereits der Regisseur Ulrich Melchinger in Kassel und der Leipziger Operndirektor Joachim Herz einen historisch-politischen Ansatz für die Inszenierung der Tetralogie gewählt. Der Leipziger Ring entstand in den Jahren 1973 bis 1976, und viele Analogien in inhaltlich-dramaturgischen Auffassungen, in bildkünstlerischen Lösungen und in der Inszenierung der Figurenbeziehungen legen nahe, dass Herz’ Arbeit eine Inspirationsquelle für Chéreau gewesen sein könnte.

Beide Regisseure gingen davon aus, dass Wagner seine eigene Zeit im Gewand des Nibelungen-Mythos spiegelte und durch diese poetische Verfremdung die ökonomischen und geistigen Umbrüche des 19. Jahrhunderts umso präziser fassen konnte. Dafür galt es inszenatorisch eine Balance zwischen Konkretion und Abstraktion zu finden. Ähnlich muten die Verfahren an, mit denen Herz und Chéreau szenische Bildlösungen erkundeten: Herz und der Bühnenbildner Rudolf Heinrich collagierten Details von konkreten historischen Gebäuden (Industriearchitektur ebenso wie bürgerliche Repräsentationsbauten) mit zeichenhaft abstrakten oder surrealen Strukturen.Joachim Herz inszeniert Richard Wagners Ring des Nibelungen am Opernhaus Leipzig. I. Teil: Das Rheingold, Die Walküre. II. Teil: Siegfried, Die Götterdämmerung. Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1975 und 1980 Chéreau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi entwickelten ebenfalls aus einer Fülle historischen Bildmaterials eine assoziative Erzählung der Ring-Fabel, die von Peduzzi schließlich zu symbolhafter Zeichenhaftigkeit verdichtet wurde.Nora Eckert: Der Ring des Nibelungen und seine Inszenierungen von 1876 bis 2001. Europäische Verlagsanstalt / Rotbuch Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-434-50503-2, S. 264. Seine Bühnenbilder wirkten „realistisch“ und surreal zugleich. Eines der einprägsamsten Bilder war das Stauwehr (eine „Maschine, die einen Fluss fließen lässt“) für den Beginn des Rheingolds. In der Götterdämmerung bildete das inzwischen verrottete Wehr den Schauplatz für Siegfrieds Ermordung. Die Götterburg Walhall erschien als palastartige Architektur, vor der sich die mit Gitterrosten bedeckte Spielfläche befand: die Pracht stand sozusagen auf löcherigem Boden, unter dem man das industrielle Heer der Nibelungen vermuten konnte, das den Reichtum erschuf. Diese Assoziation wurde durch ein großes Räderwerk auf der rechten Bühnenseite unterstützt, das scheinbar die Verbindung zwischen Walhall und Nibelheim schuf. Der erste Aufzug der Walküre (Hundings Haus) spielte vor einer bühnenfüllenden Fensterfront; im Vordergrund die verdorrte Esche und links ein großes Schwungrad. Immer wieder durchdringen Technik-Zitate bürgerliche Interieurs. Im zweiten Aufzug zeigte Peduzzi das Innere Walhalls als feudale Architektur mit einem riesigen Türstock, einem Standspiegel und einem Pendel in der Mitte der Bühne. Mimes Schmiede (Siegfried) wurde durch einen gewaltigen Dampfhammer repräsentiert. Für den zweiten Aufzug entwarf Perduzzi ein geradezu naturalistisch anmutendes Wald-Idyll. Die Heimstatt der Giebichungen in Götterdämmerung glich einem mediterranen Palazzo. In der Schlussszene der Götterdämmerung nahm Peduzzi die Häuserfront mit Feuerleitern wieder auf, die einem New Yorker Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden war und bereits in Rheingold als Bildelement vorkam.Philippe Olivier: Der Ring des Nibelungen in Bayreuth von den Anfängen bis heute. Schott Music, Mainz 2007, ISBN 978-3-7957-0594-7, S. 174–179.

Der inhaltliche Kernpunkt, so Chéreau, sei für ihn die Analyse der politischen Macht. „Der ‚Ring‘ ist eine Beschreibung der schrecklichen Perversion der Gesellschaft, die sich in dieser Erhaltung der Macht begründet, der Mechanismen eines starken Staates und der Opposition.“ (Patrice Chéreau)zitiert nach: Nora Eckert: Der Ring des Nibelungen und seine Inszenierungen von 1876 bis 2001. Europäische Verlagsanstalt / Rotbuch Verlag, Hamburg 2001. ISBN 3-434-50503-2, S. 266. Der Göttervater Wotan wurde entsprechend bei ihm einer kritischen Sicht unterzogen: er ist der Herrscher, der im Interesse des Machterhalts die Konflikte aussitzt und die historische Chance einer Erneuerung verpasst. Auch hierin folgte Chéreau George Bernard Shaw, der Lüge und Selbsttäuschung als Wotans vorrangige Machtinstrumente beschrieb.Nora Eckert: Der Ring des Nibelungen und seine Inszenierungen von 1876 bis 2001. Europäische Verlagsanstalt / Rotbuch Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-434-50503-2, S. 236–237. Siegfried verstand er als Antihelden, der zum ahnungslosen Handlanger Wotans wird. „Siegfried stand für mich stellvertretend für das Nicht-Tragische. (…) Ein schlechter Schauspieler, der seine Show abzieht und während seines kurzen Erdenlebens nichts als Verwirrung stiftet, ein Wesen voller Verleugnungen.“ Chéreau nannte ihn sogar einen Vorläufer eines instinktiven Faschismus.Nora Eckert: Der Ring des Nibelungen und seine Inszenierungen von 1876 bis 2001. Europäische Verlagsanstalt / Rotbuch Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-434-50503-2, S. 267. Wotans und Siegfrieds Gegenspieler – Alberich und Mime – erscheinen in seiner Interpretation hingegen als Opfer der Verhältnisse, nicht als Inkarnationen des Bösen.

Besetzungen Für die vorgesehenen vier Ring-Zyklen des Premierenjahres 1976 wurden einige Partien doppelt besetzt. In der folgenden Besetzungsliste bedeutet der jeweils zweitgenannte Name die Doppelbesetzung. In den folgenden Aufführungsjahren bis 1980 wurden jeweils verschiedene Umbesetzungen vorgenommen. Das Rheingold – Wotan: Donald McIntyre / Hans Sotin (Zweitbesetzung 1976); Donner: Jerker Arvidson (1976), Martin Egel (1977–1980); Froh: Heribert Steinbach (1976), Siegfried Jerusalem (1977–1980); Loge: Heinz Zednik; Fasolt: Matti Salminen (1976, 1979–1980), Heikki Toivanen (1977–1978); Fafner: Bengt Rundgren (1976), Matti Salminen (1977–1978), Fritz Hübner (1979–1980); Alberich: Zoltán Kelemen (1976–1978), Hermann Becht (1979–1980); Mime: Wolf Appel (1976–1977), Helmut Pampuch (1978–1980); Fricka: Eva Randová (1976–1977) / Yvonne Minton (1976), Hanna Schwarz (1978–1980); Freia: Rachel Yakar (1976), Carmen Reppel (1977–1980); Erda: Ortrun Wenkel (1976, 1978–1980), Hanna Schwarz (1976 Zweitbesetzung, 1977); Woglinde: Yoko Kawahara (1976), Norma Sharp (1977–1980); Wellgunde: Ilse Gramatzki; Floßhilde: Adelheid Krauss (1976), Cornelia Wulkopf (1977), Marga Schiml (1978–1980) Die Walküre – Siegmund: Peter Hofmann (1976, 1978–1980), Robert Schunk (1977); Hunding: Matti Salminen / Karl Ridderbusch; Wotan: Donald McIntyre / Hans Sotin; Sieglinde: Hannelore Bode (1976–1978), Astrid Schirmer (Zweitbesetzung 1978), Jeannine Altmeyer (1979–1980); Brünnhilde: Gwyneth Jones; Fricka: Yvonne Minton (1976), Eva Randová (1977); Hanna Schwarz (1978–1980); Gerhilde: Rachel Yakar (1976), Carmen Reppel (1977–1980); Ortlinde: Irja Auroora (1976), Astrid Schirmer (1977), Maria de Francesca-Cavazza (1978), Karen Middleton (1979–1980); Waltraute: Doris Soffel (1976), Gabriele Schnaut (1977–1980); Schwertleite: Adelheid Krauss (1976), Patricia Payne (1977), Gwendolyn Killebrew (1978–1980); Helmwige: Katie Clarke; Siegrune: Alicia Nafé (1976), Cornelia Wulkopf (1977), Marga Schiml (1987–1980); Grimgerde: Ilse Gramatzki; Roßweiße: Elisabeth Glauser Siegfried – Siegfried: René Kollo (1976–1978), Patrice Chéreau (1977 Umbesetzung nur szenisch), Jean Cox (Umbesetzung 1978 nur Gesang), Manfred Jung (1979–1980); Mime: Heinz Zednik; Der Wanderer (Wotan): Donald McIntyre / Hans Sotin (Zweitbesetzung 1976, 1978 nur Gesang); Alberich: Zoltán Kelemen (1976–1978), Hermann Becht (1979–1980); Fafner: Bengt Rundgren (1976), Matti Salminen (1977–1978), Fritz Hübner (1979–1980); Erda: Hanna Schwarz (1976–1977), Ortrun Wenkel (1976 Zweitbesetzung, 1978–1980); Brünnhilde: Gwyneth Jones / Roberta Knie; Waldvogel: Yoko Kawahara (1976), Norma Sharp (1977–1980) Götterdämmerung – Siegfried: Jess Thomas (1976), Manfred Jung (1977–1980); Gunther: Jerker Arvidson (1976), Franz Mazura (1977–1980); Hagen: Karl Ridderbusch (1976–1977) / Bengt Rundgren (Zweitbesetzung 1976), Fritz Hübner (1978–1980); Alberich: Zoltán Kélemen (1976), Hermann Becht (1977–1980); Brünnhilde: Gwyneth Jones / Roberta Knie (Zweitbesetzung 1976); Gutrune: Irja Auroora (1976), Hannelore Bode (1977–1978), Carmen Reppel (Zweitbesetzung 1977), Jeannine Altmeyer (1979–1980); Waltraute: Yvonne Minton (1976–1977), Gwendolyn Killebrew (1978–1980); 1. Norn: Ortrun Wenkel (1976, 1978–1980), Patricia Payne (1977); 2. Norn: Dagmar Trabert (1976), Gabriele Schnaut (1977–1980); 3. Norn: Hannelore Bode (1976), Katie Clarke (1977–1980); Woglinde: Yoko Kawahara (1976), Norma Sharp (1977–1980); Wellgunde: Ilse Gramatzki, Gabriele Schnaut (Zweitbesetzung 1980); Floßhilde: Adelheid Krauss (1976), Cornelia Wulkopf (1977), Marga Schiml (1987–1980)

Rezeption Chéreaus Inszenierung gilt heute „häufig schlechthin als ein emblematisches Sinnbild für die Bayreuther Festspiele der Neuzeit. Ihre aufstörende Wirkung ist natürlich nach Jahrzehnten dahin, ihre Bilder sind zu überzeitlichen Chiffren geworden, ganz losgelöst und unabhängig von ihrer einstigen Bedeutung und ihren Kontexten.“Peter Emmerich: '...des Ringes waltet / wer ihn gewinnt.' Die Ring-Inszenierungen bei den Bayreuther Festspielen 1976 bis 2004. Deutscher Kunstverlag München und Berlin 2006, S. 107 Keine spätere Ring-Aufführung konnte an den interpretatorischen Positionen Chéreaus vorbei; seine Arbeit blieb für alle Regisseure ein entscheidender Bezugspunkt.

Die Inszenierung wurde fünf Festspielsommer lang (von 1976 bis 1980) in 16 Aufführungen des kompletten Ring-Zyklus sowie vier zusätzlichen Aufführungen von Einzelwerken in Bayreuth gezeigt. Im zweiten Jahr wurden einige Veränderungen und Weiterentwicklungen im szenischen Bereich vorgenommen: So erhielt der „Walkürenfelsen“, der 1976 noch wie ein Matterhorn aus Pappe aussah, seine endgültige Gestalt, die der Toteninsel von Arnold Böcklin nachempfunden war. Auch die 1976 eher missglückte optische Erscheinung der Götterburg Walhall wurde 1977 wesentlich verbessert.