mini|Das Schweizer Réduit: die blaue Linie / Zone zeigt das eigentliche Rückzugsgebiet. mini|Getarnte 10,5-cm-Turmkanone des Artilleriewerks San Carlo, im Hintergrund die Lucendrostaumauer mini|Getarnte Schiessscharten der Festung Euschels (CH/FR). Zitat: Die Werke auf dem Euschels gehören zum Besten, was im Raum der 1. Div. gebaut wurde. (Persönlicher Stab des Generals 19. Juni 1944)

Das Schweizer Réduit (, «ouvrage fortifié pour l'ultime défense»; Verteidigungsanlage im Kern einer Festung) ist ein System aus militärischen Verteidigungsanlagen in den Schweizer Alpen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es zum Inbegriff des Widerstands der Schweiz gegen das Deutsche Reich – zum einen wegen ihres Widerstandswillens, zum anderen aufgrund der militärischen Widerstandsfähigkeit der Schweizer Armee im Alpenraum.

Das Réduit war der wichtigste Teil des mit dem Operationsbefehl Nr. 13 (Réduitbefehl) vom 14. Mai 1941 abgeschlossenen neuen Verteidigungsdispositivs, das auf dem Prinzip der Abschreckung (Dissuasionsstrategie) beruhte.Hans Senn: Der schweizerische Generalstab. Band 7. Anfänge einer Dissuasionsstrategie während des Zweiten Weltkrieges. Basel 1995. Die Staffelung der Verteidigung in der Tiefe mit den Grenztruppen, den vorgeschobenen mobilen Truppen im Mittelland und der stark befestigten Zentralraumstellung in den Alpen sollte zusammen mit der vorgesehenen Zerstörung der wichtigen Nord-Süd-Verbindungen und der Aussicht auf einen langwierigen, verlustreichen Kampf im schwer zugänglichen Gebirge eine abschreckende Wirkung auf den potentiellen Angreifer ausüben.

Der Plan sah jedoch nicht die Rettung der Schweizer Bevölkerung vor; nur ein kleiner Teil davon hätte im Réduit Versorgung und Unterkunft erhalten. Ebenso sah das Réduit nicht den Schutz der industriellen Zentren vor. Im Angesicht der Deportation der arbeitsfähigen Bevölkerung (wie in Frankreich) und der Massaker von SS und Wehrmacht an der Zivilbevölkerung (vor allem in Osteuropa) hätte Deutschland relativ schnell die Kapitulation der Schweizer Regierung erzwingen können. Das Réduit fusste damit auf zwei wesentlichen Annahmen: Dass die Achsenmächte keine Alternativen für die gut verteidigten Schweizer Alpenpässe besitzen, und dass sie die Bevölkerung schonend behandeln würden.

Anfänge Die Idee eines Réduits im Schweizer Alpenraum entstand spätestens im 18. Jahrhundert und wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiederholt diskutiert.Hans Rapold: Die Entwicklung der schweizerischen Landesbefestigung von 1815 bis 1921. In: Die Geschichte der schweizerischen Landesbefestigung. Zürich 1992, S. 11–54, hier S. 39. Der Bau einer Festung am Alpenübergang über den Gotthard begann 1886, kurz nach Eröffnung der Gotthardbahn (Fort Hospiz). Diese Alpenfestung nach den Plänen von Generalstabschef Max Alphons Pfyffer von Altishofen wurde bis 1920 erweitert in den Räumen Airolo, Andermatt, Oberalppass sowie Furka- und Grimselpass (Forte Airolo, Festung Motto Bartola, Fort Stöckli, Fort Bühl, Fort Bäzberg). Der Schweizer Generalstab sah nach dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch keine Notwendigkeit mehr, sich auf einen grossen Angriff vorzubereiten. In der Zwischenkriegszeit wurde mehrheitlich die Meinung vertreten, Befestigungen hätten ihre militärische Bedeutung verloren.

In anderen Ländern kam die Mehrzahl der Militärplaner zu dem Schluss, dass man einem zukünftigen Krieg mit einer starken Landesbefestigung nahe den Grenzen begegnen müsse. So entstanden ausgedehnte Festungssysteme in Frankreich (Maginot-Linie), Italien (Vallo Alpino), Deutschland (Oder-Warthe-Bogen, Westwall, Pommernwall), Tschechoslowakei (Tschechoslowakischer Wall), Griechenland (Metaxas-Linie), Jugoslawien, Polen, Sowjetunion (Stalin-Linie) und weiteren europäischen Ländern.

Nach diesen Vorbildern lebte auch beim Schweizer Militär der Festungs­gedanke wieder auf. 1934 folgte die Aufforderung an den Bundesrat, der Befestigungs­frage mehr Beachtung zu schenken. Dies fiel zeitlich mit einem Arbeitsbeschaffungsprogramm zusammen, das der Bundesrat 1934 vorbereitete. Mit dem Bau neuer Befestigungen konnte indes nicht sofort begonnen werden, weil das Wissen um den Bau solcher Anlagen nicht mehr auf dem Stand der damaligen Waffentechnik und Strategie war. 1935 wurde darum das Büro für Befestigungsbauten wieder ins Leben gerufen, mit dem Auftrag, entsprechende Baugrundlagen und Techniken zu erarbeiten und zu testen. Ab 1937 war die Schweiz wieder bereit, dem Stand der Technik angepasste Befestigungsanlagen in Serie zu errichten. Die spätere Konzentration der Befestigungen auf den Alpenraum war damals noch nicht vorgesehen.

Der Glaube an die kriegsverhindernde Kraft des Völkerbundes hatte einen Stillstand in der Entwicklung des Schweizer Wehrwesens bewirkt. Man hoffte auf einen Erfolg der Genfer Abrüstungskonferenz (2. Februar 1932 bis zum 11. Juni 1934, mit Unterbrechungen). Das Militärbudget war jahrelang so niedrig, dass es nicht einmal zur Durchführung aller vom Gesetz vorgeschriebenen Ausbildungskurse ausreichte und für Ausrüstung und Bekleidung die Reserven angegriffen werden mussten. Für die notwendige Erneuerung und Vermehrung der Waffen stand kein Geld zur Verfügung.Truppenordnung 1938 Deshalb konnte erst zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Bau der Limmatstellung und dem Ausbau von weiteren Festungen begonnen werden. Ein Vorteil dieser – für die Schweiz gefährlichen – Situation war, dass beim Bau der Verteidigungslinien neue Entwicklungen der Kriegsführung (Blitzkrieg, Panzerschlachten, Luftlandetruppen) laufend berücksichtigt werden konnten (dynamische und tief gestaffelte Verteidigung, Ausnützung des hindernisreichen Geländes).

Zweiter Weltkrieg Errichtung neuer Befestigungen ab 1937/1939 mini|Artilleriewerk Ebersberg (A5438) am Rhein bei Rüdlingen: Geschützstand 1 mit Tarnung mini|Bunker der Limmatstellung – ab Juli 1940 als vorgeschobene Stellung – im Wasserschloss Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden zunächst neue Festungen im Schweizer Grenzgebiet, wie etwa in Vallorbe und am Rhein. Diese Grenzbefestigungen gehören, wie auch die Befestigungen im Mittelland, nicht zum Réduit. Neue Anlagen wurden am Gotthard und in den bestehenden Festungen von St-Maurice und (weitgehend neu) im Festungsgebiet Sargans errichtet.

Bis zur Kapitulation Frankreichs hatte sich der Befestigungsbau auf die Grenzzonen (Artilleriewerke Reuenthal, Festung Ebersberg, Festung Heldsberg), Sargans, nördlicher Jura sowie Saint-Maurice und die Limmatstellung, konzentriert. Die Bauarbeiten umfassten neben eigentlichen Festungen auch Infanteriestände, Geschützstellungen, Panzerhindernisse, Kommandoposten, Militärstrassen, Unterkünfte usw.

Die Festungswerke von Sargans, St-Maurice, Gotthard und der Linthebene (Infanteriefestung Grynau) gehörten später zum Réduit, die übrigen Bereiche wurden zur vorgeschobenen Stellung, die den grössten Teil des Mittellandes umfasste. Diese vorgeschobene Stellung verlief von Sargans im Nordosten dem Zürichsee und der Limmat entlang bis in den Raum Hauenstein, von dort weiter zur Fortifikation Murten, dann westwärts über den Jura zum Jolimont zwischen Neuenburgersee und Bielersee, weiter über den Wistenlacherberg und anschliessend von Murten an die Saane. Die vorgeschobene Stellung war deutlich weniger ausgebaut als das Réduit.

Erste Armeestellung Am 28. August 1939 abends bot der Bundesrat mittels Radio die Teilmobilmachung der Grenztruppen (80'000 Mann) auf den 29. August auf, zwei Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen. Die Bundesversammlung wählte am 30. August Henri Guisan zum General. Am Mittag des 1. Septembers, dem Tag des Kriegsausbruchs, ordnete der Bundesrat mittels Plakatanschlag die allgemeine Mobilmachung (Generalmobilmachung) auf den 2. September (1. Mobilmachungstag) an. Am 2. September rückten 630'000 Mann (430'000 Soldaten und 200'000 Hilfsdienstpflichtige) ein und bezogen eine Bereitschaftsaufstellung im Mittelland.

Mit dem Operationsbefehl Nr. 2 vom 4. Oktober 1939 ordnete der General die Besetzung und den Ausbau der Limmatstellung als erste Armeestellung der Schweizer Armee an, um einen Angriff aus dem Norden und eine Umgehung der Maginot-Linie durch die Schweiz aufhalten zu können. Am 23. Juni 1940 – einen Tag nach der faktischen Kapitulation Frankreichs – gab Guisan den Befehl zur Einstellung der Befestigungsarbeiten in den bisherigen Stellungen. Nur noch letzte Fertigstellungsarbeiten sollten durchgeführt werden.

Planung Ab Frühjahr 1940 wurden verschiedene Pläne für das Réduit erstellt. Die Hauptunterschiede bestanden in der vorgesehenen Grösse, wobei zwei Lösungen zu engeren Auswahl standen:

Die konsequenteste Lösung stellte der Plan von Oscar Adolf Germann (1889–1979) dar: Ein kompaktes Réduit, das durch Gebirgstruppen verteidigt werden sollte. Der Plan Gonard, der schliesslich verwirklicht wurde, umfasste hingegen ein ausgedehnteres System, das die drei befestigten Zonen Sargans, Gotthard und St-Maurice einschloss. Der Plan war nach Oberstleutnant Samuel Gonard (1896–1975) benannt, damals Chef des persönlichen Stabes des Generals und der eigentliche operative Kopf der Schweizer Armee. General Guisan und sein Generalstabschef mussten entscheiden, bis wie weit sie die wertvollsten Gebiete des Landes und den größten Teil der Bevölkerung preisgeben wollten.Bernard Barbey: Fünf Jahre auf dem Kommandoposten des Generals 1940–145. Bern 1948, S. 16. Die Anordnungen bauten sodann auf Überlegungen strategischer und taktischer Natur auf. Diese bestanden darin, schrittweise in eine Verteidigungsstellung im Zentralraum überzugehen und damit einer Taktik der Verteidigung in der Tiefe zu folgen.

«Réduit national» als Antwort der Schweiz auf die Einkreisung von 1940 Das Planungsverfahren mini|Weisungen an die Zivilbevölkerung (1942) Mit der Kapitulation Frankreichs entstand für die Verteidigung der Schweiz eine völlig neue Situation. Sie war nun rundum von den Achsenmächten eingekreist. Aufgrund des Verlaufs des Westfeldzugs musste mit einem raschen Durchbruch (Blitzkrieg) und einem darauf folgenden Zusammenbruch gerechnet werden. Bei einem Verbleib in den schwach besetzten vorgeschobenen Stellungen wären viele Truppen nutzlos geopfert worden.Gotthard Frick: Hitlers Krieg und die Selbstbehauptung der Schweiz 1933–1945. Bottmingen 2011, ISBN 978-3-033-02948-4.

Im Zuge einer operativen Übung im Frühjahr 1939 wurde ein Rückzug vor überlegenen deutschen und italienischen Kräften in eine zentrale Igelstellung vorgesehen.Willi Gautschi: General Henri Guisan: die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, S. 294. In einer Dienstbesprechung des Armeestabschefs Mitte November 1939 fiel zum ersten Mal der Ausdruck „Reduit“ für den Raum Sargans – Gotthard – St. Maurice.Willi Gautschi: General Henri Guisan: die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, S. 294. In einer Studie vom 17. Mai 1940 betonte Oscar Germann, dass nach einem Zusammenbruch der dünn besetzten Limmat-Stellung der Zentralraum nach Art einer Festung verteidigt werden müsse.Willi Gautschi: General Henri Guisan: die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, S. 295 f. Trotz Zweifeln an einer Zweckmässigkeit des Rückzugs beauftragte General Guisan Oscar Germann, seinen Plan weiter zu verfolgen.Willi Gautschi: General Henri Guisan: die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, S. 298. Wenn allerdings ein Rückzug infrage käme, dann nicht in den Raum Luzern – Brunnen – Schwyz, sondern in eine Gotthard-Igelstellung.Willi Gautschi: General Henri Guisan: die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage Zürich 1989, S. 296.