mini|El Greco: Die Heilung des Blinden (etwa 1567) Wunder des Jesus von Nazaret sind nach dem Neuen Testament (NT) wesentlicher Teil seines Handelns. Die Evangelien und einige später entstandene Apokryphen erzählen von Wundertaten Jesu in Galiläa, Judäa und Jerusalem. Diese von Urchristen verfassten Texte verkündigen damit Jesus Christus als Sohn Gottes, sind also Glaubensaussagen über ihn. Die historische Jesusforschung nimmt an, dass tatsächliche Heilungen Jesu einige der ältesten Wundererzählungen veranlassten und diese später legendarisch vermehrt wurden.
Einige Texte des NT beziehen sich auf Wundertaten Gottes an Jesus, darunter die Jungfrauengeburt, Taufe Jesu und Auferstehung Jesu Christi.
Begriff Das in der Antike übliche Wort für „Wunder“ war das griechische thauma für „Erstaunliches“, „Außergewöhnliches“. Es unterscheidet nicht zwischen Ereignissen, die über die Alltagserfahrung hinausgehen, oder unerwartet, unerklärlich und ohne bekannte Ursachen geschehen. Das NT verwendet diesen Begriff für Jesu Taten nur einmal, als Plural . Er erscheint sonst nur bezogen auf satanische, verführerische Mächte. Paulus von Tarsus spricht von „Lügenaposteln“, die sich als Christi Apostel ausgeben, also ähnliche Heiltaten wie diese demonstrieren : „Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts.“ Die Johannesapokalypse bezieht das Verb „sich verwundern“ gerade nicht auf ein heilvolles Ereignis, sondern auf die blutigen Christenverfolgungen im Römischen Reich, das als „Hure Babylon“ symbolisiert ist ().
Das NT bezeichnet Jesu Taten auch nicht als terata für ungeheuerliche Geschehnisse oder für Beweise, die auf die besondere Fähigkeit des Täters schließen lassen. Jesus habe das Verlangen seiner Gegner nach solchen Beweisen für seine Messianität zurückgewiesen und deren Wundererwartung kritisiert: Denn auch endzeitliche Verführer gäben solche Zeichen (; vgl. ).
Das Johannesevangelium bezeichnet gleichwohl sieben Taten Jesu ausdrücklich als Zeichen () und fasst diese am Ende des Evangeliums als konstitutiv für die Messianität Jesu und den Glauben seiner Leser zusammen:
Auch die Taten der Apostel werden gelegentlich semeia genannt (; ).
Oft wird Jesu Heilkraft in den Wundertexten mit dem Ausdruck dynamis – Kraft, Macht – bezeichnet (). Von dieser wird landesweit erzählt (; 6,2); sie bahnt den Weg der Erkenntnis über Jesu wahre Identität (). In Jesu Eigenaussagen und der unmittelbaren Reaktion von Augenzeugen auf ein Wunder jedoch dominiert der Begriff exousia – Vollmacht –, der auf Gottes Auftrag, so zu handeln, verweist (). Dabei soll das Heilwunder diesen nur sekundär bestätigen, nicht primär begründen (). Dort, wo nach seiner Identität gefragt wird, verweist Jesus auf das, was in seiner Umgebung geschieht, nämlich die Erfüllung von Gottes Verheißungen für die Heilszeit (). Er sagt nicht: „Ich tue das“.
Deshalb ordnet die neutestamentliche Wissenschaft Jesu Wunder nicht einfach in einen allgemeinen antiken Wunderbegriff ein, sondern untersucht ihre jeweilige Besonderheit.
Neues Testament Austreibung von Dämonen miniatur|Dämonenaustreibung in Kapernaum, Très Riches Heures du Duc de Berry
Besonders das Markusevangelium berichtet von Jesu Auftreten gleich zu Beginn, er habe Dämonen ausgetrieben. Ihm folgen die übrigen Synoptiker mit teils ähnlichen, teils abgewandelten Exorzismus-Berichten: der Besessene in der Synagoge von Kafarnaum (Mk 1,21–28) Heilung des Besessenen aus Gerasa (Mk 5,1–20; Mt 8,28–34; Lk 8,26–39) Fernheilung der Tochter einer Ausländerin (Mk 7,26–30) Heilung des epileptischen Knaben (Mk 9,14–29) Heilung eines Stummen (Mt 9,32–34) Heilung eines Blinden und Stummen (Mt 12,22) oder Stummen (Lk 11,14) Heilung des schlafwandlerischen Knaben (Mt 17,14–21)
Die Exorzismen finden alle in Galiläa oder Judäa, nicht in Jerusalem statt. Sie betreffen vor allem Menschen mit damals unheilbaren Krankheiten, die man sich als „Besessenheit“ durch eine fremde, böse, den Menschen beherrschende Macht erklärte. Typische Züge dieser Berichte sind: Der Mensch ist dem Dämon völlig ausgeliefert; dieser redet durch ihn. Es findet ein Kampf zwischen Jesus und dem bösen Geist auf dem „Gebiet“ des Kranken statt, bei dem Jesus siegt: Er kennt den Dämon, nennt ihn beim Namen und befiehlt ihm, auszufahren. Auch die Dämonen erkennen Jesus als den Sohn Gottes, den sie fürchten und verkünden müssen (Mk 1,24.34; 3,11). Sie sind auch noch nach der Austreibung gefährlich und suchen sich einen Ort, um „hineinzufahren“ (Mk 5,12f.; Mt 12,43ff.).
Anders als andere antike Austreibungsberichte erwähnt das NT von Jesus keinerlei Rituale wie Geheimwissen, Beherrschung fremder dämonischer Sprache, Magie, gewalttätiges Vorgehen, mit denen er den Dämon besiegt. Seine „Waffe“ ist allein die befehlende unwiderstehliche Anrede. Damit verkündigen die NT-Berichte, dass Jesus über Gottes Schöpfermacht verfüge, Gott also in ihm gegenwärtig sei.
Die Austreibungen geschehen als öffentliche Heilwunder. Durch sie verbreitet sich die Kunde von Jesus rasch „im ganzen galiläischen Land“ (Mk 1,28), später auch in anderen Gegenden (Mk 3,8). Zugleich wachsen mit seinen Heilerfolgen Skepsis und Ablehnung (Mk 3,6). Wegen Jesu Heilkraft feinden einige Jerusalemer Schriftgelehrte ihn als angeblich mit Beelzebub verbündet an (Mk 3,22-30). Daher veranlassen die Exorzismen Streitgespräche Jesu mit Schriftlehrern und Gegnern oder sind eingebettet in öffentliche Lehrreden oder Jüngerbelehrung Jesu über die unreinen Geister (Mt 12,43ff).
In den Wunderberichten selbst fehlen direkte Bezüge zur Botschaft Jesu vom nahen Reich Gottes, der Umkehrruf, ethische Ermahnungen an Geheilte oder der Ruf in die Nachfolge Jesu. Erst im erzählerischen Rahmen sind sie mit diesen Themen verbunden. Mk 14–15 etwa ist nicht von der Gesamtkonzeption des Markusevangeliums zu trennen.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 309. Gottes Herrschaft realisiert sich auch nach der Logienquelle, die sonst kaum von Wundern berichtet, in den Exorzismen (Mt 12,28; ):
Dies erklären die meisten Neutestamentler nicht nur aus nachösterlicher Gemeindesituation, sondern führen es im Kern auf den historischen Jesus zurück: Er habe in dem Bewusstsein agiert, an der Schwelle einer neuen Welt zu stehen, in der das Böse bereits besiegt sei (Lk 10,18).Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, 2011, S. 266; Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit, 2010, S. 298ff.
Jesu Antwort auf die Messiasfrage des inhaftierten Täufers (Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?) wird meist für authentisch gehalten. Sie verwies summarisch auf prophetische Verheißungen, die seine Heilwunder verwirklichten :
Hier fehlt ein direkter Hinweis auf die Vertreibung böser Geister, die im Tanach, der hebräischen Bibel, nicht überliefert ist. Der Hinweis auf das, was in Jesu Gegenwart geschah, ließ offen, wer er ist. Verlangt wird hier kein Glaube an den Gottessohn, sondern nur:
Auf welcher Kraft diese Taten beruhten, war offenbar schon zu Jesu Lebzeiten umstritten. Die sich daraus ergebenden Missionsprobleme könnten erklären, dass dieser Wundertyp bei den von Markus abhängigen Synoptikern Matthäus und Lukas weniger oft erscheint und im Johannesevangelium ganz fehlt, das sonst gerade die Auseinandersetzung um Jesu Vollmacht mit seinen Gegnern betont.
Die Exorzismen bewegten offenbar auch nichtchristliche Heiltäter, im „Namen Jesu“ zu heilen (Mk 9,38f.). Sie lösten in Judäa, wo man nichts von Jesu Herkunft wusste, Gerüchte aus, wonach er der wiedergeborene Elija sei (Mk 8,28). Das war wohl keine von Christen erfundene Tradition, da für sie nicht Jesus, sondern Johannes der Täufer der wiedergeborene Prophet der Endzeit war (Mk 9,13; Mt 11,14). Demnach haben diese Wunder schon Jesu Zeitgenossen beeindruckt und wurden nicht nur von Jesu Anhängern überliefert.Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus, 2011, S. 270.
Heilungswunder miniatur|Heilung der Schwiegermutter des Petrus, Athos-Evangeliar, 13. Jh. miniatur|Heilung des Blinden, Rembrandt, 17. Jh.
Andere Heilungswunder Jesu geschehen ohne Kampf mit einer dämonischen Fremdmacht: durch aktive oder passive Übertragung seiner Kraft auf die kranke Person oder durch seinen Befehl oder Zuspruch. Die Kranken oder ihre Angehörigen bitten oft selber darum. Er berührt sie oder sie berühren ihn. Dazu gehören: Heilung der Schwiegermutter des Simon Petrus in Kafarnaum durch Handberührung (Mk 1,29–31 par.) Heilung eines Aussätzigen durch Handausstrecken und Wortbefehl (Mk 1,40ff.) Heilung des Gichtbrüchigen nach Sündenvergebung (Mk 2,1–12) Heilung des Menschen mit der verdorrten Hand am Sabbat (Mk 3,1–6) Heilung der Frau mit Blutfluss durch Berühren des Gewandes Jesu und Freispruch (Mk 5,25–34) Heilungssummarium am See Genezareth (Mk 6,54ff.) Heilung des Taubstummen in der Dekapolis (Mk 7,31–37) Heilung des Blinden von Bethsaida (Mk 8,22–26) Heilung des Blinden am Ortsausgang von Jericho (Mk 10,46–52) Heilung eines Gelähmten durch Sündenvergebung (Lk 5,17–26) Heilung von zehn Aussätzigen (LK 17, 11–19) Heilung einer Frau am Sabbat (Lk 13,10–17) Fernheilung des Knechtes eines römischen Offiziers in Kafarnaum (Mt 8,5–13 par.) Heilung eines Beamtensohnes in Kana (Galiläa) (Joh 4,47–53) Heilung des Kranken am Teich Bethesda (Joh 5,1–9) Heilung eines Blindgeborenen am Teich von Siloah (Joh 9,1–7)
Einige dieser Texte stellen Jesu Heilkraft als eine Art Aura dar, die jeden erfasst, der ihn (sogar ohne sein Wissen) berührt. Andere setzen voraus, dass er diese Kraft, meist durch Handauflegen, in freier Entscheidung selbst weitergab; den seit 38 Jahren Gelähmten fragt Jesus zuvor, ob er gesund werden wolle (Joh 5,6). Wieder andere Texte gehen davon aus, dass er wie ein Arzt Heilmethoden anwandte, die schrittweise die Heilung bewirkten.
Ausgeführt wird dies nur selten, etwa im Falle des Blinden von Bethsaida: Dieser wird zuerst aus dem Ort geführt, also von seiner sozialen Umgebung isoliert, seine Augen werden mit Speichel benetzt, hinzu kommt mehrfaches Handauflegen. Einem Tauben steckt Jesus die Finger in die Ohren; einem Blinden legt er einen Brei aus Speichel und Erde auf die Augen und sendet ihn, sich zu waschen (Joh 9,6f). Das direkte befehlende Wort an die Person (z. B. „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ in Mk 2,11; Joh 5,8 oder „Strecke deine Hand aus!“ in Mk 3,5) ist jedoch auch in dieser Wundergattung entweder unmittelbar heilend oder der Durchbruch zur Heilung als letzter Schritt.
Die Kranken werden nach diesen Texten ohne Vorbedingung und Auflagen geheilt; nur der Gichtbrüchige wird als Sünder angeredet. Jedoch wird seine Sünde nicht als Krankheitsursache dargestellt; ebenso wenig erscheinen diese Kranken als von böser Macht Besessene. Bei dem Blindgeborenen weist Jesus die Annahme einer Bestrafung für die Sünden der Eltern ausdrücklich zurück (Joh 9,2f).
In vielen dieser Berichte spielt das Glaubensmotiv eine Rolle, das auch außerhalb von Wunderberichten vorkommt, so im Jesuswort vom bergeversetzenden Glauben (Mk 11,22ff.). Der Zuspruch Dein Glaube hat dich gerettet stellt das unbedingte Vertrauen des Hilfesuchenden in Jesus bereits als Heilung fest, noch bevor diese eingetreten ist. Dies findet sich nur in Jesuswundern, nicht in der antiken Umwelt. Dort ist der Glaube an den Wundertäter Folge der erfahrenen Wunderwirkung, hier ist er selbst Teil der Heilung. Diese zielt auf den Lobpreis Gottes, nicht auf den Ruhm des Wundertäters (Mk 2,12).