Unter dänischer Literatur versteht man die in dänischer Sprache geschriebene Literatur. Dazu gehört auch die dänischsprachige Literatur der dänischen Südschleswiger. Die dänische Literatur ist ein Teil der skandinavischen Literatur. Die dänische Literatur prägte lange Zeit die Literatur des übrigen Skandinaviens; sie hat auch die englische Literatur vom Beowulf bis hin zur Figur des Hamlet beeinflusst. Eine Blütezeit erlebte sie in der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts. Sie selbst nahm in der neueren Zeit zahlreiche internationale Strömungen wie den Existenzialismus auf.
Werke, die 2006 in den Dänischen Kulturkanon aufgenommen wurden, sind mit einem Sternchen* gekennzeichnet.
Historische Entwicklung
Wikingerzeit Als die ältesten Werke der dänischen LiteraturZu diesem und den folgenden Abschnitten bis zur Barockzeit vgl. Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. 1885–1890, Band 4, Stichwort Dänische Litteratur, S. 520–526; hier: S. 520. gelten die Volks- und Heldenlieder (Kæmpeviser) der Wikingerzeit. Diese lassen sich bis Ende des 11. Jahrhunderts zurückverfolgen. Da sie erst ein halbes Jahrtausend später aufgezeichnet wurden und infolge der mündlichen Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht erheblich umgestaltet sein dürften, lässt sich die Frage, ob sie ursprünglich dänischen Ursprungs oder von den Eddagedichten beeinflusst waren, nicht mit Sicherheit entscheiden. Sie berichten vom Leben und den Taten der Sagengestalten wie Bjarki, Ingjald, Hagbard und Singe, von Nixen, Kobolden und sonstigen Zauberwesen, aber auch von historischen Persönlichkeiten und Ereignissen der damaligen Zeit, die sich auch in den isländisch-norwegischen Sagas wie der Hrólfs saga kraka über den historisch nicht belegten dänischen König Rolf Krake aus dem 14. (?) Jahrhundert finden.
Mündlich tradiert wurden diese Werke nicht im Volk; vielmehr handelt es sich um eine nordische Variante der europäischen Ritterdichtung. Doch lässt sich nachweisen, dass sie bald Allgemeingut geworden und zum Beispiel bei Tanzfesten des Volkes zur Verwendung gekommen sind. Gesammelt wurden diese Volksballaden erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts von dem Historiographen und Prediger Anders Sørensen Vedel (Hundrede Viser med oplysende Anmærkninger, „Hundertliederbuch“ 1591). Später wurde dieses Werk von Peter Syv, Werner Hans Friedrich Abrahamson, Knud Lyne Rahbek und Rasmus Nyerup (1759–1829) (Udvalgte Danske Viser fra Middelalderen, 1812/14) bearbeitet und ergänzt, so dass es etwa 450 Lieder umfasst. In Bornholm hingegen überwiegen Volkssagen von Unterirdischen.
Die noch älteren Runeninschriften, die sich in Dänemark seit dem frühen 9. Jahrhundert auf Runensteinen finden, wurden zuerst von Ole Worm (1588–1665) gesammelt (Runir seu Danica literatura antiquissima, 1636).
Mittelalter Eher um Sprach- als um literarische Denkmäler handelt es sich bei den mittelalterlichen Gesetzessammlungen. Die wachsende Macht der Kirche machten schon früh eine Fixierung des kanonischen Rechts notwendig, wie die fortwährenden Streitigkeiten zwischen den staatlichen Behörden einerseits und Adel und Klerus anderseits eine Feststellung weltlicher Gesetzesnormen bedingten. Seit Anfang des 12. Jahrhunderts beschäftigten sich viele junge Adlige sich an den Universitäten von Paris und Bologna mit dem eben wieder erwachten Studium des kanonischen und altrömischen Rechts und wurden nach ihrer Rückkehr für die Reorganisation der dänischen Gesetzgebung tätig. So entstanden 1162 das schonensche und 1170 das seeländische Kirchenrecht, beide in dänischer Sprache. Unter den weltlichen Gesetzeswerken sind das schonensche (Skaanske Lov) 1160, das seeländische (Sjællandske Lov) von König Waldemar I. 1170 und vor allem das jütländische (Jyske Lov) zu nennen, das 1241 auf dem Reichstag zu Vordingborg erlassen wurde.
Um 1480 wurden die ersten in Knittelversen (vermutlich nach deutschem Vorbild) verfassten Ritterromane (Eufemiaviserne, benannt nach der norwegischen Königin Euphemia von Rügen) aus dem Schwedischen oder Französischen ins Dänische übersetzt.Massimiliano Bampi, Anna Katharina Richter (Hrsg.): Die dänischen Eufemiaviser und die Rezeption höfischer Kultur im spätmittelalterlichen Dänemark – The Eufemiaviser and the Reception of Courtly Culture in Late Medieval Denmark. Tübingen 2021.
Außer diesen Schriften und einer „Dänischen Reimchronik“ aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (gedruckt 1495; älteste nordische Inkunabel) sowie einem Arzneibuch (Handschrift vom Ende des 15. Jahrhunderts)Agi Lindgren (Hrsg.): Ein Kopenhagener mittelniederdeutsches Arzneibuch aus dem Ende des 15. Jh.s. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 4, 1986, S. 135–178. sind fast alle Schriften der vorreformatorischen Zeit in lateinischer Sprache abgefasst. Sie gingen in der Regel aus den Klöstern hervor und behandelten historische und religiöse Stoffe, ohne größeren Einfluss auf die Weiterentwicklung der Literatur oder auf das geistige Leben der Nation auszuüben. Nur die in lateinischer Sprache verfassten Gesta Danorum „Die Taten der Dänen“ des Saxo Grammaticus (nach 1185) enthalten viele Erzählungen, die zwar zweifelhaften Quellen entstammen, aber einen großen Formsinn verraten. 1514 teilweise von Christiern Pedersen und 1575 vollständig von Anders Sørensen Vedel (Den danske Krønicke) übersetzt, hat dieses Werk die dänische Prosa stark beeinflusst. mini|250px|Titelblatt der von Christiern Pedersen 1514 in Paris gedruckten Danorum Regum heroumque Historia
Reformationszeit Zwar wurde durch die Reformation die Macht der Geistlichkeit und damit die Herrschaft des Lateinischen als Schriftsprache gebrochen, und der romkritische Katholik und Erasmus-Übersetzer Poul Helgesen (Paulus Helie, ca. 1485–1534) mahnte die Christen in dänischer Sprache zur Einheit im bibelhumanistischen Geist.Wilhelm Friese: Von der Reformation zum Barock. In: Fritz Paul (Hrsg.): Gründzüge der neueren skandinavischen Literaturen. Göttingen 1981, S. 9 f. Doch führte die Reformation zu keinem wesentlichen Aufschwung der dänischen Nationalliteratur, da das Deutsche als Sprache der Gebildeten die Oberhand gewann. Dazu trug der gelehrte dänische König Friedrich I. (1523–1533) bei, an dessen Hof Deutsch Amtssprache wurde. So verlor die dänische Sprache gerade in den höheren Ständen an Bedeutung. Auch Helgesen schrieb seine historische Skibbykrøniken über die Reformationszeit um 1536 noch in lateinischer Sprache.
Dagegen richtete sich ein erwachendes Nationalbewusstsein, das sich in dem nach dem Tod Friedrichs I. entbrannten Bürgerkrieg äußerte. Besonderes Verdienst um eine volkstümliche Sprache erwarb sich Christiern Pedersen (1480–1554), der als Vater der dänischen Schriftsprache bezeichnet wird. Pedersen hatte in Paris studiert und setzte sich als Kanzler des Erzbischofs Johan Vese für die dänische Sprache ein. Auf Grund seiner Sympathien für den gefangenen König Christian II. floh Pedersen 1528 nach Deutschland. Er besuchte in Wittenberg Martin Luther, der ihn für die Reformation gewinnen konnte. Noch in Wittenberg begann Pedersen mit seiner Übersetzung der Bibel ins Dänische und konnte im darauffolgenden Jahr in Antwerpen sein dänisches Neue Testament erscheinen lassen. 1531 veröffentlichte Pedersen eine Psalmensammlung und mehrere Pamphlete, die ganz im Stil Martin Luthers gehalten waren.
Im Vergleich zur ersten dänischen Übersetzung des Neuen Testaments, des sogenannten Neuen Testamentes Christians II. (Christian 2.s danske oversættelse af Det Nye Testamente), die 1524 auf Wunsch des Königs Christian II. erschienen war, ist erkennbar, mit welcher Meisterschaft er die dänische Sprache handhabte. Pedersens Schriften erregten ein solches Aufsehen, dass es ihm schon 1532 gestattet wurde, in sein Vaterland zurückzukehren. Er ließ sich in Malmø nieder, das damals zu Dänemark gehörte, und gründete eine Buchdruckerei. In den nächsten Jahren konnte er viele volkstümliche Schriften publizieren, darunter historische Volksbücher, religiöse Schriften, ein Arzneibuch und 1550 die erste vollständige dänische Bibelübersetzung, welche – allein der Sprache wegen – lange Zeit als unübertroffenes Meisterwerk galt.
Unter den Zeitgenossen Pedersens ragt der Ripener Bischof Hans Tausen (1494–1561) hervor. Er veröffentlichte überwiegend religiöse Werke; als sein wichtigstes Werk ist neben einer Passionsgeschichte die verbesserte Ausgabe des zuerst 1528 in Malmø erschienenen dänischen Gesangbuches (1544) zu erwähnen. Auch der Reformator Frans Vormordsen (1491–1551), der Davids Psalmen und Luthers kleinen Katechismus übersetzte, ist zu erwähnen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts brachte der Pastor Hieronymus Justesen Ranch (1539–1607) die ersten humoristischen Stücke (Kong Salomons Hylding, 1585) zur Aufführung, bei denen er teils selbst mitspielte.
Barock: 1600–1720 Auf den Gesangbüchern der Reformationszeit aufbauend, konnte Thomas Kingo (1634–1703) 1689 ein neues „für Dänemark und Norwegen verordnetes Gesangbuch“ publizieren. Es ist eines der schönsten geistlichen Liederbücher, welche die dänische evangelische Kirche besitzt. Anders Arrebo (1587–1637) spielte mit seiner Schöpfungsdichtung in der dänischen Literatur eine ähnliche Rolle wie der Schriftsteller Martin Opitz in der deutschen Literatur. Arild Hvitfeld (Aril Huitfeld, 1549–1609) veröffentlichte die Geschichtschronik „Danmarks Riges Krønike“ in 10 Bänden (Kopenhagen 1595–1604, Neuausgabe 1977). Trotz des Bemühens dieser und anderer Männer wie Anders Bording (1619–1677), einem Hofdichter, blieb die dänische Sprache bis ins 17. Jahrhundert in den höheren Gesellschaftskreisen verpönt. Christen Aagaard (1616–1664) schrieb seine Huldigungsgedichte an die dänischen Könige noch in stilreinem Latein. Ausnahme bilden die erst 1868 entdeckten und 1869 veröffentlichten, literarisch beachtlichen Gefängnismemoiren Jammers-minde (dt. „Leidensgedächtnis“, 1911)Neuausgabe mit Kommentar, Hrsg. Hanns Grössel: Jammers Minde, München 1968. der Königstochter Leonora Christina Ulfeldt (1621–1698), die als Gattin des Landesverräters Corfitz Ulfeldt 22 Jahre lang im Schlossturm in Kopenhagen in Haft war.
Aufklärung, Empfindsamkeit und nationaldänische Bewegung: 1720–1802 Mit dem adligen Universalschriftsteller und Historiker Ludvig Holberg (1684–1754) begann eine neue Epoche der dänischen Nationalliteratur.Zu diesem Abschnitt vgl. Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. 1885–1890, Band 4, Stichwort Dänische Litteratur, S. 521. Er gilt nicht nur als Begründer der modernen dänischen Bühne, sondern der skandinavischen dramatischen Literatur überhaupt. Unter dem Einfluss Molières und des englischen Rationalismus, aber ohne Vorbilder im eigenen Land und verfolgt vom Hohn des „gebildeten Publikums“, schuf er in wenigen Jahren eine durchaus selbständige dänische „Schaubühne“, die, verglichen mit der gleichzeitigen Gottschedschen, Bewunderung einflößen muss. Einige seiner satirisch-moralischen Stücke, besonders Der politische Kannengießer und Jeppe vom Berge* (beide 1722), sind auch in Deutschland gespielt worden. Seine Stoffe entnimmt Holberg seiner Zeit, deren Torheiten er mit Humor geißelt. Er persifliert die Sucht, ausländische Sprache und Sitte nachzuahmen. Durch Spott erreicht er, was seine Vorgänger durch Belehrung zu erreichen versucht hatten: Die dänische Sprache kam durch Holbergs sprachpatriotische Bestrebungen neben dem Deutschen wieder zu Ehren und bildete den Boden, auf dem sich die neue volkstümliche Literatur entwickeln konnte. mini|hochkant|Holberg-Denkmal vor dem Königlichen Theater Kopenhagen Den Pietismus als Gegenbewegung zu Rationalismus und Deismus vertrat Hans Adolf Brorson (1694–1764), dessen Troens rare Klenodie zum Schönsten dessen gehört, was die geistliche Dichtung in Dänemark hervorgebracht hat.