mini|Blühendes Leinfeld mini|Allgemeine chemische Struktur von Ölen wie Leinöl. Darin sind R1, R2 und R3 Alkylreste (unter 10 %) oder Alkenylreste (über 90 %) mit einer meist ungeraden Anzahl von Kohlenstoffatomen. Leinöl ist wie andere Öle ein Gemisch von Triestern des Glycerins.
Leinöl (KlammerformVgl. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 415 (zu leinkuche und leinöl, Klammerformen von lîn(sât)ölkuche bzw. lînsâtöl). von Leinsamenöl) ist ein Pflanzenöl, das aus Leinsamen, den reifen Samen des Gemeinen Leins, gewonnen wird. Rohleinöl (rohes Leinöl) ist Leinöl ohne Zusatz weiterer Öle oder sonstiger Stoffe. Zur Ölgewinnung werden außer dem eigentlichen Öllein auch andere Lein-Arten (Gattung Linum) verwendet.
Eigenschaften Kaltgepresstes Leinöl ist goldgelb, warm gepresstes Öl gelblich-braun. Raffiniertes Leinöl hat eine hell- bis goldgelbe Farbe. Das Öl riecht würzig nach Heu, wird als krautig bis dumpf und leicht röstig beschrieben und kann eine fischige Note aufweisen. Frisch schmeckt das Produkt leicht nussig und heuartig, nach Lagerung wird es bitter und ranzig.S. Krist, G. Buchbauer, C. Klausberger: Lexikon der pflanzlichen Fette und Öle. Springer, Wien 2008, ISBN 978-3-211-75606-5, S. 246–250. Als Lebensmittel wird eine Verwendung innerhalb weniger Wochen empfohlen. Für handwerkliche und technische Zwecke kann es unter Licht- und Luftabschluss oft mehrere Jahre gelagert werden.
Aushärtung
Aufgrund des hohen Gehalts an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren härten Leinöle aus und werden seit Jahrhunderten als Bindemittel für Pigmente zur Herstellung von Ölfarben eingesetzt. Die Aushärtung ist ein oxidativer Polymerisationsprozess, der sich in Abhängigkeit von Sauerstoff, Licht, Temperatur, Luftfeuchte und Zuschlagstoffen mit katalytischen Eigenschaften (Sikkative) über Tage bis Jahrzehnte hinziehen kann. Dabei lagert sich Luftsauerstoff an die Doppelbindung der ungesättigten Fettsäuren an und es kommt im Weiteren zu einem komplexen Ablauf chemischer Reaktionen, der die Vernetzung der einzelnen Moleküle zur Folge hat. Das polymere Endprodukt heißt Linoxyn und ist u. a. der Ausgangsstoff des Linoleums. Das Volumen des Bindemittels Leinöl nimmt durch Oxidation (Aufnahme von Sauerstoff) zu und bei der nachfolgenden Polymerisation wieder ab. Diese Reaktionsweise ist bei der sachgerechten Anwendung von Ölfarben von Bedeutung (siehe unter Anstrichmittel).
Selbstentzündung Mit Leinöl getränkte Lappen, Pinsel u. Ä. können sich selbst entzünden. Auch mit ungesättigten Ölen verunreinigte und nicht ausreichend ausgewaschene Textilien können sich im Wäschetrockner oder bei der anschließenden Aufbewahrung selbst entzünden.Michael Kundel: Brände durch Selbstentzündungen (PDF; 1,64 MB), In: Schadenprisma / Brandschutz. 3/2013, S. 3, auf schadenprisma.de, abgerufen am 2. September 2017.
Die Selbstentzündung erfolgt dabei wahrscheinlich durch Autoxidation von Doppelbindungen der α-Linolensäure bei zugleich großer Oberfläche und somit hoher Verfügbarkeit von Luftsauerstoff. Staut sich die bei der Oxidation des Leinöls entstehende Wärme, können sich bei entsprechenden Temperaturen auch Trägerstoffe selbst entzünden. Besonders hoch ist die Gefahr beim Arbeiten mit sogenanntem Halböl, das je zur Hälfte aus Lein- und Terpentinöl besteht, da letzteres einen Flammpunkt von unter 50 °C besitzt, während Leinöl selbst mit einem Flammpunkt von ca. 315 °C (Marcusson) und einem Siedepunkt oberhalb von 350 °C eher schwer entzündlich ist.
Mit Leinöl getränkte Textilien sollten ausgebreitet auf einer unbrennbaren Fläche zum Aushärten ausgelegt oder unter Wasser gelagert werden. Im Freien können sie zum Trocknen aufgehängt werden. Zur Aufbewahrung sollten sie in einem luftdichten Behälter lagern oder sie werden kontrolliert verbrannt. Pinsel können bis zur nächsten Benutzung in rohem Leinöl hängen.
Inhaltsstoffe Leinöl enthält in seinen Triglyceriden größtenteils (zu 90 % und mehr) ungesättigte Fettsäuren und hat insbesondere einen hohen Anteil an der Omega-3-Fettsäure α-Linolensäure von 45 % bis 71 % (außerdem etwa 10 % bis 22 % Ölsäure und 12 % bis 18 % Linolsäure). Die α-Linolensäure wird vom Menschen zu einem geringen Anteil (1–10 %) auch in die höherwertigen Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) umgewandelt.J. T. Brenna, N. Salem, A. J. Sinclair, S. C. Cunnane: alpha-Linolenic acid supplementation and conversion to n-3 long-chain polyunsaturated fatty acids in humans. In: Prostaglandins, leukotrienes, and essential fatty acids. Band 80, Nummer 2–3, 2009, S. 85–91, . doi:10.1016/j.plefa.2009.01.004. PMID 19269799. (Review).Breanne M Anderson, David WL Ma: Are all n-3 polyunsaturated fatty acids created equal?. In: Lipids in Health and Disease. 8, 2009, S. 33, doi:10.1186/1476-511X-8-33.J. T. Brenna: Efficiency of conversion of alpha-linolenic acid to long chain n-3 fatty acids in man. In: Current opinion in clinical nutrition and metabolic care. Band 5, Nummer 2, 2002, S. 127–132, . PMID 11844977. (Review).E. Mantzioris, M. J. James, R. A. Gibson, L. G. Cleland: Dietary substitution with an alpha-linolenic acid-rich vegetable oil increases eicosapentaenoic acid concentrations in tissues. In: The American journal of clinical nutrition. Band 59, Nummer 6, 1994, S. 1304–1309, . PMID 7910999.Gwendolyn Barcel-Coblijn, Eric J. Murphy: Alpha-linolenic acid and its conversion to longer chain n–3 fatty acids: Benefits for human health and a role in maintaining tissue n–3 fatty acid levels. In: Progress in Lipid Research. 48, 2009, S. 355–374, doi:10.1016/j.plipres.2009.07.002.
Leinöl enthält an Vitamin E ca. 1,2 mg/100 g alpha-Tocopherol und 52 mg/100 g gamma-Tocopherol. Außerdem mit 17 bis 30 mg/100 g einen relativ hohen Wert des Tocotrienol-ähnlichen und vor Lipidperoxidation schützenden Plastochromanol-8.Tocopherol, tocotrienol and plant sterol contents of vegetable oils and industrial fats. In: Journal of Food Composition and Analysis. 21, 2008, S. 152–161 ().Jolanta Gruszka, Jerzy Kruk: RP-LC for Determination of Plastochromanol, Tocotrienols and Tocopherols in Plant Oils. In: Chromatographia. 04/2012; 66(11), S. 909–913, doi:10.1365/s10337-007-0416-2.
Herstellung und Lagerung Im Jahr 2021 wurden weltweit etwa 700.000 Tonnen Leinöl produziert. Leinöl zur Ernährung und für pharmazeutische Zwecke (lateinisch Lini oleum virginale) wird mit Schneckenpressen kalt gepresst. Heißpressung mit anschließender Extraktion mit Lösemitteln und Raffination wird bei der Gewinnung von Leinöl für technische Zwecke angewandt.
Leinöl ist als ungesättigtes Öl sehr luftempfindlich, es schmeckt bereits nach kurzer Zeit bitter, während frisches Leinöl einen weniger ausgeprägten Geschmack besitzt. Es sollte nach dem Öffnen kühl aufbewahrt werden. Selbst bei Aufbewahrung im Kühlschrank (um 4 °C) entsteht nach einigen Tagen ein bitterer Geschmack.
Pressung mini|hochkant|Leinöl-Handpresse, in der historischen Holländerwindmühle Straupitz ausgestellt.
Traditionelles Pressverfahren Die getrockneten Leinsamen werden zu Mehl gewalzt oder geschrotet, mit heißem Wasser vermengt und in einer Knetmaschine so lange bearbeitet, bis eine feste, bröselige Masse entsteht, die anschließend unter Rühren geröstet wird, bis der zugegebene Wasseranteil verdampft ist. Anschließend wird die geröstete Saat in eine hydraulische Presse gegeben und das ausgepresste Öl von den Feststoffen separiert. Aus vier Kilogramm Leinsamen kann ein Liter Öl gewonnen werden. Diese Art Leinöl enthält einen hohen Anteil an Schleim- und Schwebstoffen. Für handwerkliche Anwendungen ist dieses Rohleinöl (nicht verwechseln mit rohem Leinöl) nicht geeignet. Vor dem Einsatz muss das Rohleinöl gereinigt werden.
Kalt gepresstes Leinöl Es wird durch Pressung des Leinsamens durch eine Schneckenpresse gewonnen. Hierbei wird die Leinsaat mit Hilfe einer Schneckenwalze bei geringem Druck durch einen Presszylinder gedrückt. Verschiedene Düsen am Ende des Auslaufs wie auch eine Veränderung der Pressgeschwindigkeit haben Einfluss auf den Ölertrag. Bei der Kaltpressung werden in der Regel Öltemperaturen von maximal 40 °C erreicht, jedoch ist laut den Leitsätzen zu Speiseöl jedes Öl ohne externe Erwärmung der Saat als Kaltpressung anzubieten. Vor der Verwendung werden Schwebstoffe entfernt. Dies kann durch Sedimentieren der Schwebstoffe bei ausreichend langer Lagerung und Dekantieren des Reinöls erreicht werden. Heiß gepresstes Leinöl
Im Anschluss an eine kalte Pressung kann zur Verbesserung der Ölausbeute eine weitere heiße Pressung erfolgen. Hierfür wird der anfallende Presskuchen erhitzt und ggf. die Pflanzenzellen durch einen Extruder aufgebrochen. Die Erhitzung erfolgt über Wärmepfannen, über die der Presskuchen mehrere Etagen geschoben wird zur Erwärmung. Weiter kann die „Toastung“ durch Dampf erfolgen.
Pressung unter Sauerstoffausschluss Da Leinöl auch bei kalter Pressung sehr schnell durch den Luftsauerstoff oxidiert und dadurch bitter wird, wurden verschiedene Pressverfahren entwickelt, die die Oxidation während des Pressvorgangs verhindern sollen. Dies erfolgt durch Verwendung einer Schutzatmosphäre aus reinem Stickstoff oder Kohlendioxid, die den Sauerstoff der Luft von Pressgut und Öl fernhält. Beispiele für solche Pressverfahren sind jene unter den Handelsnamen oxyguard und omega safe. Bei beiden Verfahren wird das Öl zusätzlich vor Lichteinfluss geschützt und die Presstemperatur kontinuierlich überwacht.
mini|Leinpresskuchen aus einer Schneckenpresse zur ballaststoffreichen Ernährung und als Futtermittel
Bei der Pressung fallen Leinöl und der feste Leinsamen-Presskuchen an. Dieser Pressrückstand wird als hochwertiges Futtermittel eingesetzt. Weitere Verwendungsmöglichkeit ist die Verarbeitung in Lebensmitteln.
Öle zur technischen Verwendung Bezeichnungen von Leinöl zur technischen Verwendung werden in DIN EN ISO 150 definiert. Das Volumen von Leinöl nimmt bei der Oxidation zu Linoxin um bis zu 15 % zu.Johannes Mosler: Holz im Außenbereich (abrufbar in web.archive.org), Beitrag in der Zeitschrift Restauro, 22. Oktober 2012. In: restauro.de. Beim Abfüllen in Gefäße sollte ein gewisser Leerraum belassen werden.
Als Alternative zur Verwendung von Leinöl als Bindemittel können auch andere Pflanzenöle verwendet werden, die eine möglichst hohe Iodzahl aufweisen. Holzöl (Tungöl, Iodzahl 150-210) trocknet in der Regel schneller, jedoch auch spröder auf als Leinöl (Iodzahl 170-190). Üblich ist ein Zusatz von ca. 20 % zu Leinölfirnis um die Trocknung zu beschleunigen und die Quellung durch Wasser zu verringern. Schon in geringen Mengen kann es Glanz, Witterungs- und Abriebfestigkeit von Leinölanstrichen verbessern.
Auch Perillaöl, Isanoöl, Stillingiaöl und Lallemantiaöl verfügen über ähnlich hohe Iodzahlen wie Leinöl. Leichter verfügbar und weniger vergildend, aber etwas langsamer trocknend sind etwa Walnussöl und Mohnöl. Iodzahlen über 130 können auch Sojaöl, Erdnussöl, Distelöl, Hanföl, dehydriertes Rizinusöl und Traubenkernöl besitzen. Auch bei Maiskeimöl, Sonnenblumenöl, Rapsöl, Sesamöl und Weizenkeimöl werden in der Regel Iodzahlen über 100 festgestellt.
Rohes Leinöl Im ursprünglichen Zustand nach dem Pressen wird Leinöl zur Abgrenzung vom gekochten Leinöl auch als rohes Leinöl bezeichnet. Durch eine geringe Molekülgröße dringt es tief in kapillar-poröse Baustoffe wie Holz, Stein und Keramik ein. Es eignet sich gut zur Imprägnierung bzw. Grundierung von saugfähigen Materialien, da es einen Schutz gegen Durchfeuchtung bietet. Traditionell wurde Leinöl zunächst bis ein Jahr lang gelagert, damit sich Verunreinigungen absetzten.