mini|Muslime in Rumänien (2002) mini|Carol-I.-Moschee in Constanța Der Islam in Rumänien ist mit einem Anteil von 0,3 Prozent (anderen Angaben zufolge 0,7 Prozent)Frisch/Hengelhaupt/Hohm: Taschenatlas Europäische Union, Seite 203. Gotha 2007. an der Gesamtbevölkerung zahlenmäßig zwar klein, aber für die Dobrudscha-Region seit dem 14. Jahrhundert bedeutend. Die Muslime in Rumänien sind fast ausschließlich hanafitische Sunniten. Zentrum des Islam in Rumänien ist die Hafenstadt Constanța, die fünftgrößte Stadt des Landes.
Geschichte mini|Dobrudscha-Kreise Tulcea und Constanța mit muslimischen Minderheiten seit über 700 Jahren mini|Die Moschee in Mangalia ist die älteste noch bestehende Moschee in Rumänien und wurde 1525 erbaut Von 1061 bis 1171 bildete die Walachei das Kernreich der turkstämmigen Petschenegen (bei denen 1068 eine muslimische Minderheit die Herrschaft angetreten hatteEncyclopaedia of Islam, Bd. V:1010b.), dann von 1171 bis 1240 gehörten die Walachei und die Moldau zum Reich der ebenfalls turkstämmigen Kumanen, von denen sich ebenfalls bereits eine Minderheit zum Islam bekannte. Einige (auch rumänische) Historiker behaupten, dass Rumänen in den niedrigen Teilen der Großen Walachei und der Moldau erst vorgedrungen sind, nachdem diese Gebiete von Petschenegen und Kumanen wieder geräumt wurden.Lucian Boia: Geschichte und Mythos, S. 140f. Siebenbürgen gehörte zum Ungarischen Königreich, dessen Könige sich teilweise mit petschenegischen sowie kumanischen Leibgarden bzw. Hilfstruppen umgaben und die Petschenegen auch in Siebenbürgen ansiedelten.Vorrangig wurden Petschenegen im Süden und Westen, Kumanen im Zentrum und Norden Ungarns angesiedelt.
Um 1263–1264 wanderten ca. 10.000 bis 12.000 Turkmenen ein.Thede Kahl: Die muslimische Gemeinschaft Rumäniens: der Weg einer Elite zur marginalisierten Minderheit. In: Social Science Open Access Repository, Europa Regional, Ausgabe 13, 2005, S. 94–101.
Den Kumanen folgten die Mongolen bzw. Tataren, die unter Nogai Khan von 1285 bis 1300 auch Bulgarien jenseits der Donau beherrschten. In diese Zeit fällt auch die Ansiedlung der ersten muslimischen Nogaier in der Tulcea-Provinz (Norddobrudscha), die auch die ukrainische Nachbarregion Budschak bevölkerten, aber von den Krimtataren unterworfen wurden. Damit fasste der Islam in der nördlichen Dobrudscha schon einige Jahrzehnte Fuß, bevor die rumänischen Fürstentümer Walachei und Moldau überhaupt erst entstanden (1330–1360).
Tataren in der Dobrudscha Um 1334 wurden Tataren durch Ibn Battutah erwähnt. Unter bulgarischer Herrschaft waren Kumanen schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts in der Dobrudscha angesiedelt worden, wenige Jahrzehnte später verbannten auch die Byzantiner anatolische Muslime dorthin. Es folgte ein kurzes walachisches Intermezzo ab etwa 1390 bis 1417. Die Ausbreitung des Islam wurde durch die Ansiedlung islamischer Budschak-Nogaier und Krimtataren gefördert. In der Küstenstadt Mangalia (in der südlich Tulcea gelegenen Provinz Constanța) war bereits 1525 eine Moschee entstanden, die als die älteste erhalten gebliebene Moschee Rumäniens gilt und noch heute 800 türkischen und tatarischen Familien der Region zur Religionsausübung dient. 1599 erhielt das osmanische Eyâlet Silistrien, zu dem auch die Dobrudscha und der Budschak gehörten, einen krimtatarischen Gouverneur.
Nach der Eroberung des Krim-Khanats (1783), des Budschak (1812) und des Donaudeltas (1829) durch Russland emigrierten zahlreiche Krimtataren in die Dobrudscha und unterstützten den türkischen Sultan im Kampf gegen Ägypter, Janitscharen und aufständische Balkan-Christen. Zwar hatte das Osmanische Reich im Ergebnis des Krimkrieges 1856 das Donaudelta nochmals zurückgewonnen, nach der osmanischen Niederlage 1878 und dem endgültigen Verlust der Dobrudscha mussten 100.000 Muslime aber erneut fliehen, diesmal nach Anatolien (Kleinasien). „Die relative Bevölkerungsmehrheit (der Dobrudscha) war zu diesem Zeitpunkt muslimisch...“Lucia Boia: Geschichte und Mythos, S. 167. In der Dobrudscha stellte die rumänische Bevölkerung 1880 nicht mehr als 28 Prozent der Gesamtbevölkerung.Lucian Boia: Geschichte und Mythos, S. 211. Während Tataren und Türken in Rumänien um 1885 enteignet und vertrieben wurden (nach Meyers bekannten sich 1888 nur noch 2.000 Einwohner als Muslime), wuchs die Exilgemeinde der Muhadschir (Flüchtlinge) in der Türkei auch durch den Zuzug einiger Hundert rumänischer Muslime an. Noch 1895 sollen dennoch 21 Prozent der Bewohner der Hafenstadt Constanța Türken und Tataren gewesen sein.Lucia Boia: Geschichte und Mythos, S. 211. Im Ersten Weltkrieg standen sich Rumänien und das Osmanische Reich erneut gegenüber, danach flohen 1918 weitere 80.000 Türken und Tataren aus Rumänien in die Türkei.
mini|Fürst Radu cel Frumos mini|Fürst Mihnea Turcitul mini|Die Bukarester Moschee mini|Das Temeschwarer Paschaluk
Muslime in der Walachei und der Moldau Die Walachei geriet ab 1391 in ein Abhängigkeitsverhältnis zur Hohen Pforte. So zahlten die Fürsten der Walachei zum Beispiel 1391Otto von Dungern: Rumänien, S. 26, 1396 und 1415 Tribute an den osmanischen Sultan, um sich Frieden zu erkaufen. Ab 1462, nach dem Sturz von Vlad dem Pfähler, verfestigte sich jedoch die Abhängigkeit der Walachei zum Osmanischen Reich endgültig und sie wurde ein Vasallenstaat.Daniel Ursprung: Die Walachei als historische Region – Schnittstelle europäischer Verflechtungen an der Peripherie. In: Rumänien: Raum und Bevölkerung. Geschichte und Geschichtsbilder. Kultur. Gesellschaft und Politik heute. Wirtschaft. Recht und Verfassung, S. 42 Als erster moldauischer Fürst verpflichtete sich Petru Aron (Regierungszeit 1451–1457), den Türken einen „symbolischen Tribut“ in Höhe von 2.000 Goldstücken 1456 zu leisten, um etwaigen osmanischen Vorstößen in sein Reich vorzubeugen. Später erhöhte sich der jährliche Tribut auf 10.000 Goldstücke und mehr. Ab 1512 erkannten auch die Fürsten der Moldau die osmanische Suzeränität über ihr Herrschaftsgebiet an, zahlten ebenfalls Tribut und leisteten zusätzlich Heeresfolge. Der moldauische Tribut stieg auf 65.000 Goldstücke im 18. Jahrhundert, hinzu kamen 7.000 Goldstücke Tribut an das Khanat der Krimtataren.
Mit Ausnahme der Dobrudscha und Teilen des Banats gibt es in Rumänien kaum historische Spuren islamischer Präsenz. Dies lässt sich auf die zwischen der Hohen Pforte und den rumänischen Fürstentümern abgeschlossenen Vasallität-Vereinbarungen („Kapitulationen“) zurückführen.Aus osmanischer Sicht stellten diese Kapitulationen – türkisch: „ahdnâme“ – eine Art vom Sultan oktroyierter Dekrete dar. Wahrscheinlich waren sie das Ergebnis zäher Verhandlungen vor dem Hintergrund der jeweiligen politisch-militärischen Lage und wechselnder Allianzen der oftmals vertragsbrüchigen Fürsten. Der Sultan behielt es sich daher vor, im Ernstfall dennoch in die Donaufürstentümer einzumarschieren und diese zeitweilig zu besetzen (letztmals 1854) oder ohne Rücksprache mit den Fürsten rumänische Territorien abzutreten (Kleine Walachei, Bukowina, Bessarabien), vereinzelt ließen sich Muslime auch längerfristig in den rumänischen Städten nieder. Denen zufolge war den osmanischen Untertanen verboten, sich in den Fürstentümern niederzulassen, dort zu heiraten, Land zu erwerben oder Moscheen zu bauen. Weiterhin durfte die Hohe Pforte theoretisch weder Truppen oder Garnisonen auf rumänischem Territorium unterhalten noch militärische Bauten errichten.Dies hing damit zusammen, dass die rumänischen Fürstentümer wegen ihres Status als Vertragsparteien der ahdnâme von den Osmanen als Dâr-al'ahd (Haus des Friedens) eingestuft wurden. Nach islamischem Recht wird die Welt in drei Kategorien eingeteilt: muslimische Länder (Dâr al-Islâm – Haus des Islams), Ländern, mit denen Verträge existieren (Dâr-al'ahd – Haus des Friedens) und Ländern, mit denen keine Verträge existieren (Dâr al-Harb – Haus des Krieges). Dennoch existieren seit Jahrhunderten kleine muslimische Gemeinden auch in Brăila (Ibrail), Giurgiu und Turnu Măgurele. Diese walachischen Donau-Städte waren ab 1417 (Brăila ab 1538) bis 1829 türkische Enklaven, unter direkter osmanischer Herrschaft konnte sich dort der Islam etablieren. Brăila war auch das Zwischenlager der von der Walachei gezahlten Tribute, was es wie die anderen Garnisonsstädte mehrfach zu rumänisch-russischen Angriffszielen machte.
Zwei Herrscher der Walachei traten sogar zum Islam über: Fürst Radu cel Frumos (1462–1475) und Ex-Fürst Mihnea Turcitul (1577–1591) konvertierten, und auch der moldauische Fürst Iliaș II. nahm 1546 den Islam an.
Nach zahlreichen Aufständen und österreichisch-russischer Einmischung in die Donaufürstentümer ersetzte der osmanische Sultan nach seinem Sieg über den russischen Zaren Peter die moldauischen und walachischen Herrscher ab 1711/1716 durch griechische Fanarioten, musste den Fürstentümern aber nach dem Griechischen Aufstand und einer Niederlage gegen Russland 1829 wieder eigene Fürstenwahl und mehr Autonomie zugestehen. Die europäischen Revolutionen von 1848 nutzten die Türken 1849–1851 zur Besetzung zumindest der Walachei. Unter osmanischer Schirmherrschaft konvertierten 1849 in Bukarest über 6.000 geflohene polnische und ungarische Revolutionäre zusammen mit einigen Rumänen zum Islam.
Nach der rumänischen Eroberung der Dobrudscha erhielten trotz der Kapitulationen 1878 auch die Muslime gleiche verfassungsmäßige Rechte. Im anlässlich des 40. Jahrestages der Thronbesteigung Königs Carol I. eingeweihten Parc Carol (Karlspark) in Bukarest wurde 1906 auch ein Monument in Gestalt einer Moschee. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Monument in den Bukarester Stadtteil Militari versetzt. errichtet – als Zeichen der Versöhnung nach dem Krieg von 1877/1878.Schon 1916–1918 standen Bulgarien und das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg wieder gemeinsam gegen Rumänien, Russland, Serbien und Griechenland. Nach der Niederlage und dem Untergang des Reiches schloss die türkische Nachfolgerepublik jedoch 1934 erneut einen Balkanpakt (Balkanentente) mit Rumänien, Griechenland und Jugoslawien gegen Bulgarien.
In Bukarest lebten 2015 etwa 10.000 Muslime, von denen viele nach der Rumänischen Revolution 1989 aus dem Nahen Osten und der Türkei als Geschäftsleute zugewandert oder als Flüchtlinge in Rumänien gestrandet sind.Umstrittener Moscheebau in Bukarest. Gehetzt wird nach Pegida-Art. In: taz vom 22. Juli 2015
Türken im Banat und Crișana Neben der Dobrudscha und den Garnisonsstädten an der Donau standen zwischenzeitlich auch das Banat und Teile des Kreischgebiets unter direkter osmanischer Herrschaft. Nach dem Sieg über Ungarn in der ersten Schlacht bei Mohács (1526) war 1541 auch Siebenbürgen osmanischer Vasall geworden. 1551 wurden Arad und am 20. Juli 1552 Temesvár erobert, 1661 auch Oradea (Großwardein). Etwa 8.000 Muslime wurden anstelle der geflohenen Ungarn angesiedelt.
Insgesamt standen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fast vier Jahrzehnte lang knapp 23 %Die Kreise Constanța und Tulcea, faktisch der gesamte Kreis Brăila, etwa die Banat-Kreise Timiș und Caraș sowie die Crișana-Kreise Arad und Bihor, knapp die Südhälfte des Kreises Giurgiu und die Stadt Turnu – zusammen etwa 54.600 km² von 238.390 km². des Gebietes des heutigen Rumänien unter direkter türkisch-muslimischer Herrschaft. (Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang beherrschten türkische Muslime zumindest 15 %die Kreise Timiș, Caraș, Tulcea, Constanța und Brăila sowie Giurgiu und Turnu, zusammen etwa 37.500 km²., über vier Jahrhunderte lang mindestens 9 %die Kreise Tulcea, Constanța und Brăila sowie Giurgiu und Turnu, zusammen knapp 23.000 km². des heutigen rumänischen Territoriums.)