mini|Rekonstruktion des römischen Carnuntum im 3. Jahrhundert n. Chr. mini|Replik eines Legionsadlers (aquila), Museum Carnuntinum mini|Kopie des Grabsteins des Titus Calidius Severus, Zenturio der Legio XV Apollinaris. Die Frontseite zeigt seinen Schuppenpanzer, seine Beinschienen, den Helm mit querstehendem Busch und seinen Stock, darunter ist sein Bursche (calo) mit dem Dienstpferd abgebildet

Carnuntum ist der Name für ein mehrperiodiges Legionslager, ein Auxiliarkastell und eine Lagerstadt, die dem Schutz des oberpannonischen Limes dienten. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. war die Zivilstadt Carnuntum auch Verwaltungsmittelpunkt der römischen Provinz (Ober-)Pannonien. Es ist die bedeutendste und am umfangreichsten erforschte antike Ausgrabungsstelle in Österreich und liegt auf den Gemeindegebieten von Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch-Altenburg, Bundesland Niederösterreich. Es ist auch das einzige nicht modern überbaute Legionslager zwischen Regensburg und Belgrad und damit eines der wichtigsten archäologischen Denkmäler am Donaulimes, der 2021 in Teilen zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde.

Die Region um ein bis heute nicht lokalisiertes keltisches Siedlungs- und Machtzentrum, das der Historiker Velleius Paterculus als „Carnunto, qui locus regni Norici“ (im Königreich Norikum gelegen) bezeichnete,Historia Romana 2, 109, 5. wurde ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. zum Sammelpunkt für die Expansion der Römer ins freie Germanien (Barbaricum). Dort zweigte von der Limesstraße eine wichtige Verbindung nach Süden ab. An den Ausläufern der Kleinen Karpaten entwickelte sich bald einer der wichtigsten Siedlungs- und Verteidigungsschwerpunkte in den nördlichen Provinzen des Reiches. Zusammen mit dem Auxiliarlager von Győr zählt das Legionslager in Carnuntum zu den ältesten römischen Befestigungsanlagen am pannonischen Limes. Seinen rasanten Aufstieg verdankte Carnuntum unter anderem seiner günstigen Lage am Kreuzungspunkt zweier alter transkontinentaler Handelsrouten sowie dem Legions- und dem Auxiliarlager, in denen zeitweise bis zu 6500 Mann stationiert waren. Besonders das Nebeneinander von Legionen und Hilfstruppen hob den militärpolitischen Rang dieses Standorts für die Römer hervor. Die Kastelle von Carnuntum standen während der römischen Herrschaft über Pannonien wiederholt im Mittelpunkt bedeutender politischer und militärischer Ereignisse.

Die ältesten archäologischen Zeugnisse aus römischer Zeit datieren in die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Nach Errichtung eines provisorischen Winterlagers unter dem damaligen Feldherrn und späteren Kaiser Tiberius (14–37) entstanden zur Regierungszeit des Claudius (41–54) ein festes Holz-Erde-Lager und zwei Zivilsiedlungen. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts lebten dort bereits rund 50.000 Menschen. Das Legionslager wurde um 100 n. Chr. in Stein umgebaut. In der Mitte des 2. Jahrhunderts wurde zusätzlich ein Reiterkastell errichtet. Während der Markomannenkriege führte Kaiser Mark Aurel (161–180) von Carnuntum aus seine Feldzüge in die Stammesgebiete nördlich der Donau. Ende des 2. Jahrhunderts wurde dort der Statthalter Oberpannoniens, Septimius Severus (193–211), von den Donaulegionen zum Kaiser ausgerufen; dies hatte einen erneuten massiven wirtschaftlichen Aufschwung für Pannonien zur Folge. In der Spätantike wurde in Carnuntum ein Stützpunkt der Donauflotte eingerichtet. 308 n. Chr. hielten die Tetrarchen dort die Kaiserkonferenz von Carnuntum ab. In der Mitte des 4. Jahrhunderts verwüstete ein schweres Erdbeben die Region. Diese Naturkatastrophe im Verbund mit der stetigen Reduzierung der Grenztruppen und den desaströsen Auswirkungen der Völkerwanderung leiteten schließlich ihren wirtschaftlichen und demografischen Niedergang ein. Im späten 4. Jahrhundert diente der schon stark heruntergekommene Ort Kaiser Valentinian I. (364–375) als Heerlager für einen Feldzug gegen transdanubische Stammesverbände. Im Laufe des 5. Jahrhunderts wurde das Legionslager von seinen romanischen Bewohnern aufgegeben und verlassen. Zwischen Limes- und Bernsteinstraße liegt das sogenannte Heidentor, ein noch teilweise erhaltenes Triumphalmonument aus dem 4. Jahrhundert, heute das Wahrzeichen der Region Carnuntum.

Name mini|Strecke zwischen Vindobona und Carnuntum auf der Tabula Peutingeriana

Der Name Carnuntum/Karnuntum wurde von der keltischen Vorgängersiedlung übernommen und würde damit auf die keltische Gottheit Cernunnos in einer seiner Namensformen hinweisen, da die gemeinsame Wurzel der Namen carn Horn bedeutet.Bernard Maier: Dictionary of Celtic Religion and Culture (Alfred Kröner, 1994; Boydell, 2000), S. 69. Er könnte auch von einem illyrischen Idiom abgeleitet sein und ‚Steinwall, Steinbau, Steinstadt, Siedlung am Fels oder am Stein‘ bedeuten, was aber heute als überholt angenommen wird.

Er wurde erstmals beim Chronisten Velleius Paterculus,2, 109, 5, „a Carnunto, qui locus Norici regni proximus ab hac parte erat.“ später auch an zwei Stellen bei Plinius,Naturalis historia 4, 80: „usque ad Pannonica hiberna Carnunti Germanorumque ibi confinium“, 37, 45: „DC m.p. fere a Carnunto Pannoniae abesse litus id Germaniae“. beim Geographen Claudius Ptolemäus,„Stadt an der Donau“, 2, 14, 3. in den Selbstbetrachtungen des Mark Aurel (das zweite Buch dieses Werkes verfasste der Kaiser in Carnuntum), in der Historia Augusta,Severus 5, 1: „imperator est appelatus apud Carnuntum“. in der Notitia dignitatum,Occ. XXXIV, 13 und 15. beim spätantiken Chronisten Ammianus Marcellinus,30, 5, 1-2. im Codex Theodosianus,9, 1, 12 zum Jahr 374. in den Annales regni Francorum,Zum Jahr 805: „Capcanus princeps Hunorum aquis ad imperatorem venit, ut postulavit, inter Sabariam et Carnontum habitandi locum accepit.“ (Der Hunnenkönig Capcanus kam auf einem Schiff zum Kaiser und erhielt, wie er es verlangte, zwischen Savaria und Carnuntum einen Wohnsitz) in: Johann Baptist Piker, Michael Bombardi, Nicolaus Csaki de Kerestszegh: Topographia Magni Regni Hungariae, Wien 1750. und in den geographischen Hauptquellen, im Itinerarium Antonini247, 4, 262, 3 und 8, 266, 14, 267, 12 (Entfernung von Pettau 164 m.p., Sirmium 311 m.p.). und in der Tabula PeutingerianaIV/2 (eingezeichnet mit zwei Türmen), Vindobona-Villagai X-Aequinoctio III-Carnunto XIIIIKurt Genser 1986, S. 576. erwähnt.

Lage mini|Lage von Carnuntum am oberpannonischen Limes mini|Hauptverkehrswege in Nordwest-Pannonien, 1. Jahrhundert n. Chr.

Die Ortschaft Petronell-Carnuntum liegt zwischen Wien (Vindobona) und Bratislava an den Flüssen Donau und Leitha. Das antike Carnuntum befand sich etwa 40 Kilometer östlich von Wien, unmittelbar am Südufer der Donau (Danuvius) am Donaudurchbruch durch die Kleinen Karpaten, an denen vorbei der Fluss die Hainburger Pforte (Porta Hungarica) nahe der Mündung der March durchströmt. Das Steilufer der Donau wird am Pfaffenberg bei Deutsch-Altenburg durch das Tal eines kleinen Baches unterbrochen, der einen leicht passierbaren Zugang zur Donau bot. Der Braunsberg, der 480 Meter hohe Hundsheimer Berg und sein Ausläufer, der Pfaffenberg, boten eine hervorragende Rundumsicht auf das Marchfeld, die Donauauen und die Mündung der March. Bei Carnuntum überquerte auch die von Norden durch das Marchtal heranführende Bernsteinstraße die Donau.Kurt Genser 1986, S. 663.

Die Donau bot in der Vormoderne ein deutlich anderes Bild als heute. Während sie seit der Neuzeit immer stärker begradigt und verbaut worden ist, stellte sie in der Antike ein verzweigtes, mäandrierendes Flusssystem dar, das zahlreiche Seitenarme aufwies und in seinen Uferzonen überwiegend sumpfigen Charakter hatte. Die römischen Siedlungen befanden sich daher auf leicht erhöhten und damit vor Hochwasser geschützten Flussterrassen.Karin Kob (Red.): Out of Rome. Augusta Raurica, Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten. Schwabe, Basel 1997, ISBN 3-7965-1040-X, S. 37 (Beitrag Tibor Hable); Ferenc Schweitzer: The reconstructed paleoenvironment of Aquincum. In: Katalin H. Kérdő, Ferenc Schweitzer (Hrsg.): Aquincum. Ancient landscape – ancient town. Geographical Institute, Budapest 2014, ISBN 978-963-9545-40-3, S. 34–49. Die antike, zehn Quadratkilometer große besiedelte Fläche reichte im Westen von Petronell-Carnuntum bis zum Pfaffenberg bei Bad Deutsch-Altenburg im Osten. Im Norden stieß sie an dichte Auwälder. Im Süden reichte das Siedlungsareal bis etwa an die Trasse der heutigen Landesstraße B 9. Aufgrund der natürlichen Geländekante in diesem Abschnitt stand das Lager etwa 40 Meter über dem südlichen Ufer der Donau. Die Topographie und Hydrologie der Donauufer hat sich seit der Antike stetig verändert. Auch der Bereich bei Carnuntum war stetigen Veränderungen unterworfen. Die Ursache hierfür ist, dass sich der Strom immer wieder neue Wege durch das Land gesucht und mit seinem Geschiebe bzw. den Hochwässern die Flora und Fauna durch die Bildung neuer Flussschleifen beeinflusst hat. Der Hauptstrom verlief damals wohl noch etwas weiter im Norden.Franz Humer 2009, S. 4.

Carnuntum zählte anfangs noch zum Territorium des benachbarten Noricums. Es wurde aber unter Tiberius wegen der ständigen Gefahr durch Barbareneinfälle in seinem Abschnitt Pannonien angegliedert. Nach Zweiteilung der Provinz in Pannonia superior (Oberpannonien) und Pannonia inferior (Unterpannonien) unter Trajan (98–117) kam der Ort zunächst zu Pannonia Superior und gehörte ab der Reichsreform Diokletians (284–305) zur neu gegründeten Pannonia Prima (Diözese Illyrien).Peter Pleyel 2002, S. 76., Kurt Genser 1986, S. 575.

Funktion mini|Nachbau der Umwehrung eines Marschlagers aus Schanzpfählen und Erdwall (pilum murale) in Carnuntum

Der Besitz von Carnuntum als Kreuzungspunkt zweier stark frequentierter, transkontinentaler Haupthandels- und Verkehrsrouten war für die Römer strategisch äußerst wichtig. Die Donau war damals die schnellste Verbindung zwischen dem Westen und dem Osten des Römischen Reiches. Vom Legionslager aus konnte neben der Kontrolle des Stromes, seiner Übergänge (Stopfenreuth, Burgberg von Devin) und der sich nördlich anschließenden Mündung der March auch der Verkehr auf der vom Norden (Ostsee) nach Süden (Italien) führenden Bernsteinstraße überwacht werden. Damit konnte – neben den Zolleinnahmen – durch Einfuhrverbote, Ausfuhrembargos etc. auch Einfluss auf die Wirtschaft genommen werden. Zu den weiteren Aufgaben der Besatzung zählte die Grenzsicherung und Signalweitergabe am Donaulimes. Vom Lagerplateau hatte man auch eine gute Sicht auf das Marchfeld.Franz Humer 2009, S. 12.

Straßenverbindungen Das Legionskastell als Zentrum des Großraums Carnuntum spielte bei der Entwicklung des Straßennetzes eine bedeutende Rolle. Wie die Lager in Vindobona und Arrabona stand es an den Endpunkten von zwei wichtigen Fernstraßen, von denen zwei bei Savaria aufeinandertrafen und von dort weiter nach Süden führten. Sie waren auf die Tore des Legionslagers ausgerichtet. Die porta principalis sinistra hatte eine besondere Bedeutung, denn von hier nahmen zwei Hauptverbindungswege ihren Ausgang:

die entlang der Donau verlaufende „Limesstraße“ sowie die über Scarbantia und Colonia Claudia Savaria nach Italien führende „Bernsteinstraße“.