Diese Liste behandelt bekannt gewordene Vorfälle in europäischen kerntechnischen Anlagen außerhalb Deutschlands.

Hier sind vor allem Ereignisse eingeordnet, die anhand der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) unter Kategorie 2 oder 3 fallen und dabei zu den meldepflichtigen Betriebsstörungen oder Störfällen gehören. Die Einträge sollen vor allem Betriebsstörungen aufzeigen, bei denen eine Gefährdung der Reaktorsicherheit, Umwelt oder Gesundheit direkt oder indirekt bestand. Einträge wie: Brennelementwechsel, Revision, Arbeitsunfälle etc. sind hier nicht zu finden. Der Großteil der Vorkommnisse wurde mit INES 2 bewertet, die Kategorie INES 3 wurde eher selten angewendet. Die Liste ist auch sonst unvollständig, denn insbesondere über weiter zurückliegende Störfälle und Störfälle in osteuropäischen Kernkraftwerken (auch von RBMK des Tschernobyl-Typs, wie sie bei Sankt Petersburg nahe Finnland oder in Kursk auf europäischem Boden stehen) liegen oft nur sehr lückenhaft Informationen vor. Russland etwa und auch einzelne andere osteuropäische und seltener auch westeuropäische Staaten meldeten und melden ihre Störfälle der IAEO mit ihrer Vorkommnis-Website Event-ListEvents, auf www-news.iaea.org gar nicht. Auch Störfälle aus den ersten Jahrzehnten der Kernenergie-Nutzung liegen extrem lückenhaft vor, da es vor Einführung der INES-Skala sehr individuelle und teils lückenhafte nationale Informationssysteme gab, die heute im Internet gar nicht auffindbar sind.

Zwei andere Listen widmen sich meldepflichtigen Betriebsereignissen in deutschen kerntechnischen Anlagen (INES 1 bis 3) und Störungen mit schwereren Folgen (INES ≥ 4) in der Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen.

Vor 1961 Datum Ort Vorgang Oktober 1956 Plutonium-Erzeugungsreaktor G1 der Nuklearanlage Marcoule, Einige kg Uran schmolzen in einem Brennstoffkanal. Die Umgebungs-Freisetzung sei dabei gering gewesen, z. B. zwischen 100 und 200 Curie radioaktives Jod in die Luft.sfen.org: Incident de fusion sur le réacteur G1 du CEA

1961–1970 Datum Ort Vorgang 1967 Forschungsreaktor Diorit, Paul Scherrer Institut, Würenlingen, Der kleine Forschungsreaktor „Diorit“ produzierte ein angeschmolzenes Brennelement, die Reaktorhalle wurde kontaminiert. Später erfolgte davon eine Abwasser-Charge, die dem 40fachen des Normalwertes entsprach.Quelle: Abteilung für die Sicherheit der Kernanlagen ASK, das heutige Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI)

1971–1980 Datum Ort Vorgang 1972 Kernkraftwerk Santa María de Garoña, Santa María de Garoña, In den Anfangsjahren seines Betriebes verzeichnete dieser Siedewasserreaktor regelmäßig bedeutende Überschreitungen der – seinerzeit noch weniger restriktiv festgelegten – Abgabe-Grenzwerte.Quelle: IAEO 1974 ISCRE (Isotope Création Réacteur), Grenoble, Im August wurden 2500 Curie Radioaktivität durch ein Leck im Reaktorsystem ins Reaktor-Becken freigesetzt. Bei der Ableitung der Kontamination gerieten auch geringere Mengen Aktivität in die Kanalisation der Stadt.Le Monde, 29. September 1974 1979 Kernkraftwerk Doel 2, Doel, Der Bruch eines Dampferzeuger-Heizrohrs führte zu einer leichten Abgabe von Radioaktivität in die Umgebung. Die Beherrschung dieses Störfalls erfordert vom Personal die korrekte Handhabung komplizierter Prozeduren. Das Werk liegt nur 15 km vor Antwerpen.Quelle: NEA-OECD

1981–1990 Datum Ort Vorgang 1981 Wiederaufarbeitungs­anlage La Hague, La Hague, In der nordfranzösischen Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoff fielen die beiden Transformatoren für die Stromversorgung aus, und damit alle Elektropumpen, welche die Nachzerfallswärme aus den diversen Brennstoff-Lagerbecken abführen. Da weitere Redundanzen fehlten, musste vorübergehend von Hand eine Notversorgung aufgebaut werden. Weil die Nachzerfallswärme des Brennstoffs in diesem Stadium bereits teilweise abgeklungen ist (degressiver Verlauf), bestand dazu einigermaßen genügend Zeit. Das Vorkommnis wurde mit INES 3 (ernster Störfall) eingestuft. 1982 Kernkraftwerk Doel 1 und 2, Doel, Am 4. August 1982 trat nach Ausfall des 380-kV-Netzes und starken Spannungs-Schwankungen im Reservenetz in den beiden ältesten Doel-Blöcken der Notstrom-Fall ein. Vier Dieselgeneratoren starteten, konnten aber wegen Fehlern die zum Kaltfahren nötige Versorgung nicht gewährleisten. Als letzte Reserve trat in beiden Reaktorblöcken ein strom-unabhängiges, vom Dampf der Nachzerfalls-Wärme angetriebenes Kühlsystem in Aktion, bis nach ca. einer Stunde die Stromversorgung wiederhergestellt war. 1986 Kernkraftwerk Mühleberg, Mühleberg, Im Tschernobyl-Jahr nahm ein unabhängiger Physiklehrer Dosis-Messungen in der Umgebung des AKW Mühleberg vor. Zu seinem Erstaunen waren die Messwerte eines Tages ungewöhnlich hoch. Der Betreiber musste einen Filterschaden einräumen, der zu Freisetzungen bis knapp unterhalb des Grenzwertes führte. Angeblich haben weder Betreiber noch Aufsichtsbehörde HSK diese Freisetzung registriert. Die Werte sind noch heute (unbek. Datum) etwas erhöht. 21. Mai 1986 Wiederaufarbeitungs­anlage La Hague, La Hague, In der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wurden 5 Arbeiter bei einem Unfall einer Strahlendosis ausgesetzt.nuclearfiles.org: , 18. Mai 2006 (INES: 2–3) 1989 Kernkraftwerk Krško, Krško, () Als korrekte Reaktion auf eine betriebliche Störung öffnete ein Ventil zur Druckentlastung des Reaktor-Kreislaufs druckbedingt. Nach Abbau der Druck-Transiente blieb es (wie vor dem Kernschmelz-Unfall 1979 in Three Mile Island) unvorgesehen in offener Stellung stecken. Aufgrund des damit verbundenen Kühlwasser-Verlustes schaltete sich die Notkühlung automatisch zu (sie wurde – hier im Gegensatz zu T.M.I. – vom Personal nicht irrtümlich wieder abgeschaltet). Nach ca. 15 Min. schloss sich das Ventil doch noch und die Notkühlung hatte den Reaktor-Kreislauf einigermaßen nachgefüllt. Leicht radioaktives Wasser war nach dem Störfall aus dem Containment-Sumpf zu entfernen, durch Abgabe in den benachbarten Fluss.Quelle: SKI-Report IRS 1989 Kernkraftwerk Vandellòs 1, Durch ein Feuer im Kernkraftwerk Vandellòs wurden die Sicherheitssysteme stark in Mitleidenschaft gezogen. Es kam aber zu keinem schwereren Unglück, der Vorfall wurde mit INES 3 (Ernster Störfall) eingestuft.IAEO: Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, 21. Mai 2006 Vandellòs 1 wurde in der Folge durch politischen Entscheid der spanischen Regierung definitiv stillgelegt. 1990 Kernkraftwerk Leibstadt, Leibstadt, Beim Anfahren dieses Reaktors – an der deutschen Grenze gelegen – wurde nach drei Stunden bei einer Leistung von 20 % bemerkt, dass die Schnellabschaltung bei Anforderung nicht funktionieren würde. Der Reaktor wurde mit den Steuerstab-Motoren langsam heruntergefahren. Die Behörde HSK klassierte den Vorfall mit INES 2.

1991–2000 Datum Ort Vorgang 1992 Dessel, In der größten europäischen Fabrik zur Herstellung von MOX-Brennelementen (Uran-Plutonium-Mischoxid) ereignete sich ein Unfall: Ein Brennstab brach und MOX-Staub wurde freigesetzt. Dies führte bei mindestens einem Beschäftigten zu Plutonium-Einatmung. Plutonium ist radiotoxisch.Quelle: Öko-Institut 1993 Kernkraftwerk Loviisa 2, Loviisa, Im WWER-Reaktorblock russischer Bauart brach eine Speisewasser-Leitung vom Durchmesser 0,5 Meter.Quelle: STUK 1993 Kernkraftwerk Bugey, Bugey, Bei mehreren Reaktoren dort wurde an den Deckel-Durchführungen der Steuerstäbe massive Bor-Korrosion entdeckt. Die Aufsichtsbehörde sprach von einem gravierenden Problem. Es wurde später auch in Fessenheim gefunden. Alle betroffenen Reaktorbehälter-Deckel wurden in der Folge ausgewechselt. 1994 Kernkraftwerk Dukovany, Dukovany, Der Fehler eines Elektrikers beim Netz-Unterhalt führte zur Abkopplung aller vier Reaktorblöcke vom Netz. Zwei der Blöcke erreichten nach Lastabwurf Eigenbedarfs-Produktion, die anderen zwei verfehlten diese Prozedur und mussten nach Schnellabschaltung von ihren Notstrom-Dieselgeneratoren versorgt werden. Dabei startete einer der Generatoren nicht automatisch und musste vor Ort manuell in Gang gesetzt werden. Daneben gab es noch eine große Zahl kleinerer Fehlfunktionen.Quelle: SKI-Report IRS 1995 Kernkraftwerk Trillo, Trillo, Bei Inspektionen wurde festgestellt, dass die Hälfte der Stränge der Sumpf-Rezirkulation der Notkühlung mit Fremdkörpern blockiert waren. Gemäß der Behörde Consejo de Seguridad Nuclear (CSN) handelte es sich um Fehldispositionen bei der acht Jahre zurückliegenden Bauphase, womit auch die Lieferfirma Siemens-KWU in der Verantwortung stand.Quelle: NRC-NUREG 0933 1996 Kernkraftwerk Oskarshamn 1, Oskarshamn, Bei dieser Anlage musste der Kernmantel wegen eines Risses in dessen Rundnaht von nahezu Umfanglänge ausgewechselt werden. Der Kernmantel ist Bestandteil der Einbauten des Reaktorbehälters. Sein Bruch könnte die Schnellabschaltung des Reaktors unmöglich machen.Quellen: IAEO, SKI 21. November 1996 Kernkraftwerk Borssele, Borssele, Am 21. November 1996 kam es zu einem Störfall der Stufe 2 (INES), ein Fehler am Venting-System. 1998 Kernkraftwerk Civaux 1, Civaux, Beim Herunterfahren zur Revision entstand in einem Strang des Nachkühlsystems ein Leck, das fast 10 Stunden lang nicht isoliert werden konnte. Der Wasserverlust von rund 250 Kubikmetern musste durch die Notkühlung kompensiert werden, den weiteren Restwärme-Betrieb übernahm dann der zweite Strang des Nachkühl-Systems. Auch aufgrund der Tatsache, dass die Anlage erst ein halbes Jahr in Betrieb war, wurde der Störfall mit INES 2 eingestuft.HSK: Jahresbericht 1998, sowie der Wikipedia-Artikel zum KKW 1998 Kernkraftwerk Doel oder Kernkraftwerk Tihange, Belgien ist eines der wenigen westeuropäischen Länder, das wie die USA seine Störfälle mit Hilfe von sog. Vorläufer-Analysen auf die Risikorelevanz hin untersucht. Dabei verwendete das damalige Prüfinstitut AVN auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Gravierendstes Vorkommnis seit 1997 war in einem nicht näher umschriebenen Block der KKW-Standorte Doel oder Tihange ein kompletter kürzerzeitiger Ausfall der Komponenten-Kühlung. Viele der Betriebs- und Sicherheitssysteme sind für ihr Funktionieren auf Kühlung durch andere Systeme (die ausgefallenen) angewiesen, was die Tragweite dieses Störfalls veranschaulicht. 1999 Kernkraftwerk Blayais, Blayais, Im vier Blöcke umfassenden KKW Blayais unweit von Bordeaux am Atlantik führte der Sturm Lothar zu einer Überflutung des Areals und zu einem teilweisen Ausfall der externen Stromversorgung. Zwei Blöcke mussten mit Hilfe der Notstrom-Dieselaggregate heruntergekühlt werden. Zudem wurde ein Teil der Notkühl- und Komponentenkühl-Pumpen überflutet und wäre bei Anforderung nicht einsatzfähig gewesen.Quellen: EDF, ASN

2001–2010