Die Gasherbrum-Gruppe ist ein bis zu 8080 Meter hohes Bergmassiv im Baltoro Muztagh im inneren Karakorum.

Mit drei Achttausendern ist sie Ziel vieler Alpinisten und Trekking-Touristen. Sie liegt im Grenzgebiet zwischen der pakistanischen autonomen Region Gilgit-Baltistan und China (Shaksgam-Tal) in der umstrittenen Region Kaschmir. Das von Indien kontrollierte Gebiet des Siachengletschers beginnt wenige Kilometer entfernt.

Der höchste Berg der Gruppe ist mit 8080 Metern der Hidden Peak, auch Gasherbrum I genannt. Nur wenig niedriger sind Broad Peak () und Gasherbrum II (). Der markanteste Berg ist beim Anmarsch von Westen der Gasherbrum IV (), Namensgeber des Massivs.

Entdeckungsgeschichte mini|links|Blick vom Südostgrat des K2 (ca. 7700 m) nach Süden: v. l. n. r. die Gipfel von G I, G II, G III und G IV sowie Mittel- und Hauptgipfel des Broad Peak, darunter der Broad Peak Nord.Der deutsche Forschungsreisende Adolf von Schlagintweit erreichte im Jahr 1856 als vermutlich erster Europäer das Gebiet des Baltorogletschers, der den Zugang zur Gasherbrum-Gruppe von Westen aus ermöglicht. Im selben Jahr kartierte der britische Vermessungsingenieur Thomas George Montgomerie die Gipfel des Karakorums aus der Ferne und benannte sie K1 für den Masherbrum, K2, K3 für Broad Peak, K4 für Gasherbrum II und K5 für den Hidden Peak. Das K steht hierbei für Karakorum. 1861 war Henry Haversham Godwin-Austen der Erste, der in die Nähe der Berge kam und auch eine Übersichtskarte anfertigte. Francis Younghusband überquerte im Jahr 1887 als erster Europäer den nahe gelegenen Old-Muztagh-Pass von China aus.Roberto Mantovani, Kurt Diemberger: K2 – Himalaya. Die große Herausforderung. Bindlach 2004, Seiten 20 und 32ff. Im Jahr 1909 führte Luigi Amedeo di Savoia, Herzog der Abruzzen, eine Großexpedition ins Baltoro-Gebiet durch. Dabei wurde erstmals erkannt, dass es sich bei den Bergen zwischen Broad Peak und Hidden Peak um eine durchgehende Kette handelte. Die Kette wurde zunächst als Broad-Gasherbrum-Range bezeichnet,DeFilippi, S. 314 (PDF: S. 384, s. Literatur) denn für den Broad Peak war fälschlicherweise eine Höhe von 8270 Metern ermittelt worden, was ihn (bis 1926) zum sechsthöchsten Berg der Erde und zum höchsten Berg der Gruppe machte.G. O. Dyhrenfurth: Zum Dritten Pol. Die Achttausender der Erde. München, 1952, S. 234

1926 erforschte der englische Major Kenneth Mason im Auftrag des Survey of India das Shaksgam-Tal. Dabei wurden zwar noch nicht die zur Gasherbrum-Gruppe führenden Gletscher westlich des Tals betreten, die Berge konnten jedoch von Osten aus kartografiert und vermessen werden; die Höhe des Broad Peak wurde korrigiert.G. O. Dyhrenfurth: Zum Dritten Pol. Die Achttausender der Erde. München, 1952, S. 235

mini|links|Der Hidden Peak (8080 m) ist der höchste Berg der Gasherbrum-Gruppe. Hier ist die Südwand zu sehen. Eine weitere italienische Großexpedition unter der Leitung von Aimone di Savoia-Aosta, Herzog von Spoleto, widmete sich 1929 der Erforschung des Baltoro-Gebietes. Anders als die Expedition des Herzogs der Abruzzen 1909, die die Besteigung des K2 und anderer hoher Berge zum Ziel hatte, war das Unternehmen seines Neffen an geografischen und geologischen Erkenntnissen interessiert, die unter Mitwirkung von Professor Ardito Desio gewonnen wurden. Insbesondere konnten der Obere Baltorogletscher und der Abruzzigletscher als Zugang zum Gasherbrumkessel erkundet werden. Desio – 1954 schließlich Leiter der K2-Erstbesteigungsexpedition – überquerte außerdem den Östlichen Muztaghpass nach China und erforschte das Shaksgam-Tal.G. O. Dyhrenfurth: Zum Dritten Pol. Die Achttausender der Erde. München, 1952, S. 100 und S. 227f. Dabei stieß er bis zum Urdok-Gletscher vor; ihm gelang damit nahezu die vollständige Umrundung der Achttausenderregion des Karakorum.Rollo Steffens: Faszination Karakorum. Die wilden Berge Asiens, S. 119f.

Der deutsche Geologe und Bergsteiger Günter Oskar Dyhrenfurth, der 1930 bereits den Kangchendzönga erkundet hatte, leitete 1934 die Internationale Himalaya-Expedition („I.H.E. 1934“), die ebenfalls das Gebiet oberhalb des Oberen Baltorogletschers zum Ziel hatte. Seinem Team gelang neben der Erstbesteigung des südlich des Hidden Peak gelegenen Sia Kangri der Aufstieg über den Eisbruch des Südlichen Gasherbrumgletschers in den Gasherbrumkessel und bis zum Gasherbrum La, dem Sattel zwischen Gasherbrum II und Hidden Peak.G. O. Dyhrenfurth: Zum Dritten Pol. Die Achttausender der Erde. München, 1952, S. 228

Etymologie mini|Die im Abendlicht erstrahlende Westwand des Gasherbrum IV.Das Bild veranschaulicht die Annahme, Gasherbrum bedeute „Leuchtende Wand“.

Der Name Gasherbrum stammt aus der Balti-Sprache, einem sinotibetischen Dialekt, und wird häufig mit „Leuchtende Wand“ übersetzt, in Anlehnung an die im Abendlicht erstrahlenden Westwände des Massivs – insbesondere des Gasherbrum IV. Diese Übersetzung erfuhr Dyhrenfurth während der I.H.E. 1934 von Einheimischen, räumte aber ein, dass sie nicht ganz eindeutig sei.G. O. Dyhrenfurth: Zum Dritten Pol. Die Achttausender der Erde. München, 1952, S. 226 Inzwischen ist die Bedeutung der Morpheme bekannt, der Name ist zusammengesetzt aus „rgasha“ (schön) und „brum“ (Berg), er bedeutet also „schöner Berg“.Carter, H. Adams: Balti Place Names in the Karakoram. In: American Alpine Journal 1975 (AAJ Online) (PDF-Datei; 1,7 MB) Häufig werden die Namen der Berge mit dem Anfangsbuchstaben G und der jeweiligen (römischen) Zahl abgekürzt.

Die von Montgomerie eingeführten Kürzel der Bergnamen sind heute nicht mehr gebräuchlich. Nur der K2 – der zweithöchste Berg der Erde und nördlicher Nachbar der Gasherbrum-Gruppe – ist noch immer unter Montgomeries Bezeichnung bekannt. Spätere Entdecker übernahmen meist die Bergnamen der Bewohner des Gebiets. Aufgrund ihrer Abgelegenheit existierten für Berge wie K2, Broad Peak oder Hidden Peak keine einheimischen Namen.Carter, H. Adams: A Note on the Chinese Name for K2, „Qogir“. In: American Alpine Journal 1983 (AAJ Online) Die englischen Bezeichnungen wurden vom britischen Bergsteiger und Forscher William Martin Conway 1892 geprägt. Der Hidden Peak (zu deutsch versteckter Berg) erhielt seinen Namen, weil er beim Anmarsch erst ganz spät vom Oberen Baltoro-Gletscher aus zu sehen ist. Für den Namen des Broad Peak (etwa „Breitspitze/-gipfel“) inspirierte ihn die Form des Berges mit seinem langen Gipfelgrat.Ersteigungsgeschichte - Broad Peak 8047m Conway sah sich beim Anblick des Berges an das Breithorn in den Walliser Alpen erinnert. Falchan (bzw. Phalchan) Kangri, die Übersetzung seines englischen Namens in die Balti-Sprache, wird von den Einwohnern nicht akzeptiert. Dessen Mittelgipfel, der Broad Peak Central, trägt den chinesischen Namen Zhongyang, was ebenfalls mittel/zentral bedeutet. (Es war lange umstritten, ob dieser hohe Gipfel als „15. Achttausender“ gelten sollte.)

Im Sprachgebrauch wird gelegentlich zwischen Broad Peak und der Gasherbrum-Gruppe (also den Bergen, die diesen Namen tragen) unterschieden, geographisch gesehen ist der Broad Peak jedoch Teil der Gruppe.

Wichtige Berge und Gipfel der Gasherbrum-Gruppe

Gasherbrum-Gruppe Berg/Gipfel Höhe Schartendifferenz Bezug Scharte 1 Hidden Peak (Gasherbrum I) K2 Skyang La () 2 Broad Peak G I 3 Gasherbrum II G I Gasherbrum La () 4 Broad Peak Central* Broad Peak Broad Col 5 Gasherbrum III* G II 6 Gasherbrum IV G III 7 Gasherbrum Ost* G II 8 Broad Peak Nordgipfel Broad Peak 9 Urdok I** G I 10 Gasherbrum V G I South Col () 11 Gasherbrum I Süd (G 0)** keine Angaben G I k. A. 12 Nakpo Kangri G I Nakpo La () 13 Gasherbrum VI G V 14 Gasherbrum VII (G V Nord West)* G V 15 Kharut Kangri*** Broad Peak 16 Twins**** k. A. G V? k. A.

* Nebengipfel oder Relativ selbständiger Hauptgipfel ** Nebengipfel des Hidden Peak oder Relativ selbständiger Hauptgipfel *** Nebengipfel des Broad Peak **** Nebengipfel des Gasherbrum VII

Geologie Der Karakorum ist als Teil des Himalayasystems ein Faltengebirge und entsteht als Folge der Plattentektonik durch die Kollision der indischen mit der eurasischen Platte. Der Vorgang der Gebirgsbildung ist noch nicht abgeschlossen, an einigen Stellen wächst der Karakorum noch um bis zu fünf Zentimeter pro Jahr.

Die Gesteinsschichtung im Karakorum ist regional sehr unterschiedlich. Sie besteht aus dünnen, schwarzen Schieferplatten, Dolomit oder Muschelkalk. Während die westlichen Teile des Karakorums (Trango-Gruppe, Latok-Gruppe, Ogre), aus rotgelbem Granit bestehen, setzt sich die gesamte Gasherbrum-Gruppe aus brüchigem Kalkstein zusammen. Dessen hoher Anteil an kristallinen Mineralien sorgt für das namensgebende „Leuchten“ der Westseite der Berge in der Abendsonne.Rollo Steffens: Faszination Karakorum. Die wilden Berge Asiens, S. 28

Geografie mini|Die Baltoro-Region von der ISS aus gesehen. Rechts die Gasherbrum-Gruppe (F, G0–G7, H, N). mini|links|Die Gasherbrum-Gruppe über dem Baltorogletscher (ohne Broad Peak) Zugang Der Zugang zum Baltoro-Gebiet erfolgt von Südwesten. Der Ausgangsort Skardu im Industal wird von Islamabad aus angeflogen, außerdem ist diese Stadt vom Karakorum Highway (KKH) aus über Straßen erreichbar. Von dort aus führt der Weg durch die Schluchten der Flüsse Shigar und Braldu. Eine mit Jeeps befahrbare Piste existiert inzwischen bis zum Dorf Askole, der letzten Siedlung vor dem Inneren Karakorum. Ab hier folgt der Fußweg durch die Schlucht des Braldu-Flusses, der das Wasser des Baltorogletschers zum Shigar und weiter zum Indus führt. Beim Anmarsch über den Baltorogletscher von der Gletscherzunge nach Osten bestimmt zunehmend die Westwand des Gasherbrum IV das Panorama. Der Hauptstrom des Baltoro beginnt im Concordiaplatz, wo sich der von Norden kommende Godwin-Austen-Gletscher mit dem im Südsüdosten beginnenden Oberen Baltorogletscher vereint und als Baltorogletscher nach Westen abfließt.

Aus dem Hushetal südlich des Masherbrums ist ein Übergang über den Gondogoro La, einen 5620 Meter hohen Pass zwischen Gondogoro- und Vignegletscher, möglich. Der Vignegletscher mündet nahe dem Concordiaplatz, südöstlich des Mitre Peak in den Oberen Baltorogletscher. Dieser Weg wird von Trekkingreisenden häufiger als Rückweg gewählt, während der Anmarsch über den Baltorogletscher erfolgt.

Die chinesische Seite der Gasherbrum-Gruppe ist nicht über Askole zu erreichen, sondern über den KKH aus Pakistan oder in China mit dem Flugzeug nach Kaschgar im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang. Von dort geht der Weg über Yarkant ins Hinterland des Kunlun Shan, von wo aus die Reise nur noch als langer Marsch mit Kamelen als Lastenträger fortgesetzt werden kann. Über den 4780 Meter hohen Aghil-Pass gelangt man ins Shaksgam-Tal auf der Nord- bzw. Ostseite der Berge.Kurt Diemberger: Aufbruch ins Ungewisse. Abenteuer zwischen K2, Sinkiang und Amazonas. München 2007, S. 59

Topografie der Gruppe mini|Broad Peak: Mittel-(ganz links) und Hauptgipfel sowie Gasherbrum IV (rechts) vom Baltorogletscher aus Die Gasherbrum-Gruppe hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 30 Kilometern und eine West-Ost-Ausdehnung von etwa 15 Kilometern. Sie erstreckt sich auf einer Fläche von etwa 450 Quadratkilometern. Den Hauptkamm bildet eine oft verzweigte, „etwa 50 Kilometer lange Mauer großer Fels- und Eisberge“Rollo Steffens: Faszination Karakorum. Die wilden Berge Asiens, S. 29 mit einem Höhenunterschied von 6350 bis 8080 Metern.

Die Gasherbrum-Gruppe setzt sich aus drei untergeordneten Bergstöcken zusammen.G. O. Dyhrenfurth: Zum Dritten Pol. Die Achttausender der Erde. München, 1952, S. 226–233 (Hidden Peak), S. 234–237 (Broad Peak), S. 238–243 (Die eigentliche Gasherbrum-Gruppe) Von Norden nach Süden sind dies: Der Broad Peak, mit Nord-, Mittel- und Hauptgipfel, der sich nach Süden in seiner niedrigsten Scharte bis auf 6350 m zum Broad Saddle absenkt, von dort steigt der Nordwestgrat des Gasherbrum IV an.