mini|Alkestis verabschiedet sich von ihrem Gatten Admetos und ihren Kindern. Apulische Loutrophoros des Typs II, Variante I; um 340 v. Chr.; Antikenmuseum Basel Die Loutrophoros, Lutrophoros oder Loutrophore (, von und ) ist eine besondere Form in der altgriechischen Feinkeramik. Charakteristisch für diese Vasenform ist der lange Hals.
Die Loutrophoros wurde im antiken Athen für den Transport und das Aufbewahren des Wassers während des Hochzeitrituals genutzt, insbesondere für das Wasser, mit dem das Brautbad bereitet wurde. Somit ist es ähnlich den Lekythen oder dem Lebes Gamikos von kultischer Bedeutung. Daraus resultiert eine weitere Verwendung der Vasen als Weihe-Objekte. Aufgrund des Bezuges zur Hochzeit findet die Loutrophore zudem eine breite Nutzung im Grabkult, nämlich als Grabbeigabe für unverheiratete Personen. Davon abgeleitet wurde die Loutrophoros auch als Grabmarkierung zunächst in tönerner, später in marmorner Form entweder als rundplastische Skulptur oder als Relief verwendet. Die Deutung der verschiedenen Formen ist umstritten und Teil einer lebhaften Forschungsdebatte. In Apulien entwickelte sich die einzige handwerkliche Tradition außerhalb Attikas bei der Herstellung und der Verwendung von Loutrophoren.
Formen und Technik Bei Loutrophoren handelt es sich um eine spezielle Form der griechischen Vasen. Sie zeichnen sich durch einen langen, schlanken Hals aus, haben einen voluminösen Gefäßkörper, einen weiten Mündungsteller und einen abgesetzten Fuß. Sie besitzen in der Regel wie Amphoren zwei seitliche Henkel. Es lassen sich zwei Hauptformen der Loutrophoren unterscheiden: Zum einen die Hydria-Loutrophoren, die wie Hydrien noch einen dritten Henkel an der Rückseite des Gefäßes haben, und zum anderen die Amphoren-Loutrophoren ohne dritten Henkel.
Außerhalb der attischen Keramik wurden Loutrophen in der Variante der Amphoren-Loutrophoren in größerer Zahl nur noch in Apulien gefertigt. Diese erfuhren noch weitere Unterteilungen, wobei diese von den verschiedenen Forschern unterschiedlich vorgenommen werden. Konsens scheint die Unterteilung in Gefäße mit eiförmigem (Typus I) und in Gefäße mit konkav-zylindrischem Körper (Typus II) zu sein; umstrittener ist die weitere Unterteilung anhand der Henkelformen. Die eiförmigen Loutrophoren treten in Varianten mit volutenartigen Henkeln (Variante I) sowie mit geraden Henkeln (Variante II) auf. Die zylindrische Form weist entweder Volutenhenkel (Variante I) oder gar keine Henkel (Variante II) auf. Die henkellose Form wird auch als Fass-Amphora, international auf , bezeichnet. Der Typus I erinnert stark an attische Marmorvorbilder in rundplastischer Form wie auch auf Reliefs, die jeweils als Grabschmuck dienten. Der zweite Typus wurde früher als Amphora gedeutet und auch so bezeichnet, später bezeichnete man ihn als Thymiaterion-Vase, bis sich schließlich die Deutung als Loutrophore durchsetzte.Frank Hildebrand: Die Loutrophoros – Form und Entwicklung. In: Konrad Hitzl (Herausgeber): KERAMEIA. Ein Meisterwerk apulischer Töpferkunst. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2011, S. 96.
Vor allem die großformatigen Loutrophoren mussten mit handwerklichem Geschick aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt werden. Körper, Fuß und Henkel, oft auch Hals und Lippe wurden separat gefertigt und vor dem Brennen zusammengesetzt. Frank Hildebrandt hat für die große Kieler Loutrophore vorgerechnet, dass ein Aufbau aus einem einzelnen Tonklumpen ungeachtet aller weiterer technischer Schwierigkeiten bei einer Höhe von 93,6 Zentimetern und einem Gewicht von 10,1 Kilogramm im gebrannten Zustand bestenfalls mit der Hinnahme massiver Verformungen möglich gewesen wäre.Frank Hildebrand: ΕΠΟΙΗΣΕΝ ΚΑΙ ΕΓΡΑΦΣΕΝ – Er hat es geschaffen und bemalt. Zur Herstellung der monumentalen Loutrophoros in Kiel. In: Konrad Hitzl (Herausgeber): KERAMEIA. Ein Meisterwerk apulischer Töpferkunst. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2011, S. 80–93.
Entwicklungsgeschichte und Verwendung mini|hochkant|Protoattische Amphora-Loutrophoros des Analatos-Malers mit ornamentaler Verzierung, Louvre (CA 1960) Die antiken Quellen sind zum Teil unklar. In einer Rede des Demosthenes wird die Loutrophoros als Grabschmuck erwähnt, der darauf hinweise, dass die bestattete Person unverheiratet geblieben sei.Demosthenes 44,18 Erst spätantike und mittelalterliche Quellen erläutern genauer, dass diese Verwendung der Loutrophoren im Zusammenhang mit dem Status als Hochzeitsgefäß steht. Demnach dienten sie als Symbol für den rituellen Vollzug der Hochzeit und des Brautbades der Verstorbenen, die im Leben zu keinem Zeitpunkt verheiratet waren. Dabei wird in den Quellen die Bezeichnung Loutrophoros sowohl für das Gefäß genutzt, mit dem das Wasser für das rituelle Hochzeitsbad geholt wurde, als auch – so etwa bei Iulius Pollux – für die jugendlichen Träger dieses Gefäßes.Iulius Pollux 8,66. Dazu siehe
Die ersten Hydria-Loutrophoren wurden gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. in Athen hergestellt und noch im protoattischen Stil verziert. Etwas später, um 690 v. Chr., wurden die ersten Amphora-Loutrophoren ebenfalls in Athen gefertigt. Es ist anzunehmen, dass sich beide Formen unabhängig voneinander entwickelten. Die Hydria-Loutrophoren waren wohl eine spezielle, kostbare Form der Hydria, während sich die Amphora-Loutrophore wahrscheinlich aus den für den Grabschmuck verwendeten älteren Amphorenformen entwickelt hatte. Das sollte auch Einfluss auf den Gebrauch der beiden Formen in Athen haben.Rosmarie Mösch-Klingele: Braut ohne Bräutigam. Schwarz- und rotfigurige Lutrophoren als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Athen. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 33.
Paul Wolters ging noch davon aus, dass beide Formen gleichwertig nebeneinander standen, dieselbe Bedeutung hatten und dieselbe Verwendung fanden.Paul Wolters: Rotfigurige Lutrophoros. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. Band 16, 1891, S. 391–392. Gerit Kokula meinte, Hydria-Loutrophoren seien rituelle Gefäße im Zusammenhang mit der Braut, Amphora-Loutrophoren aber im Zusammenhang mit dem Bräutigam. Ingeborg Scheibler teilt diese Sicht im Neuen Pauly ebenso wie Charikleia Papadopoulou-Kanellopoulou,Gerit Kokula: Marmorlutrophoren. Gebr. Mann, Berlin 1984, S. 143; Ingeborg Scheibler: Lutrophoros. In: Der Neue Pauly. Band 7, Metzler, Stuttgart 1999, Sp. 527–527. Rosmarie Mösch-Klingele kam in ihrer Dissertation zum Schluss, dass beide Formen unterschiedliche Verwendung fanden. Die Hydria-Loutrophoren fanden ihrer Ansicht nach praktische Verwendung im Hochzeitsritual der Athener, während die Amphora-Loutrophoren von sepulkraler Bedeutung waren. Sie wurden entweder Verstorbenen als Grabbeigabe mitgegeben, wurden als Grabschmuck verwendet oder aber fanden etwa ab Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. mit schwarzfiguriger Bemalung Verwendung als Votivgabe im Heiligtum der Nymphe auf der Akropolis von Athen.Rosmarie Mösch-Klingele: Braut ohne Bräutigam. Schwarz- und rotfigurige Lutrophoren als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Athen. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 1. Amphoren-Loutrophoren finden sich frühestens um 575 v. Chr. im Heiligtum. Aufgrund der Zerstörung der Anlage durch Bauten aus spätrömischer Zeit und des völligen Fehlens schriftlicher Quellen kann allerdings nichts zum Kult und der Verwendung der Vasen im dortigen Kult gesagt werden. Da es sich um ein Quellheiligtum handelt, ist der Bezug zur aus der zum Wasserholen benutzten Hydria entlehnten Variante erkennbar. Der Name loutrophoros und damit der Bezug zum Brautbad kommt erst später auf. Zudem wurde das Wasser für die Hochzeit traditionell in Attika und anderen griechischen Regionen aus heiligen Quellen gewonnen.
Das Heiligtum der Nymphe wurde 1955 entdeckt und anschließend bis 1959 in mehreren Grabungskampagnen erforscht. Vorrangig wurden dort schwarzfigurige Hydria-Loutrophoren aus der Zeit bis etwa 480 v. Chr. gefunden, doch auch Amphora-Loutrophoren wurden in nennenswerter Zahl gefunden. Beide Formen wurden im Laufe der Zeit nicht gleichmäßig häufig verwendet, die Anzahl der einzelnen Formen variiert somit. Nach 480 v. Chr. bis zum Ende der Produktion etwa 30 Jahre später herrschten Vasen des rotfigurigen Stils unter den Funden vor. Papadopoulou-Kanellopoulou publizierte 1997 etwa 500 der schwarzfigurigen Exemplare aus dem Heiligtum. Der Großteil dieser Loutrophoren wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. produziert, besonders in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Ab etwa 500 v. Chr. geht die Produktion solcher Vasen stark zurück.Rosmarie Mösch-Klingele: Braut ohne Bräutigam. Schwarz- und rotfigurige Lutrophoren als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Athen. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 47.
Loutrophoren als Teil des attischen Hochzeitsbrauches Die ersten Hydria-Loutrophoren waren in ihrer Form noch nicht ausgereift und wiesen noch große Ähnlichkeit zu Hydrien auf. Demnach ist die Loutrophoros als Vasenform jünger als das Ritual des Wasserholens für die Hochzeit.Rosmarie Mösch-Klingele: Braut ohne Bräutigam. Schwarz- und rotfigurige Lutrophoren als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Athen. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 33. Spät einsetzende schriftliche Quellen zu Hochzeitsbräuchen, etwa von Thukydides, besagen, dass in Athen das Wasser für das Hochzeitsbad aus dem Brunnen Enneakrunos, gespeist aus der Quelle Kallirrhoë, geholt wurde.Thukydides 2,15,5 Nach Analyse der Vasenbilder auf Loutrophoren, die häufig Bilder mit Hochzeitsszenen und dabei auch häufig Loutrophoren zeigen, meint Mösch-Klingle nachweisen zu können, dass im Zusammenhang mit dem Hochzeitsritual einzig Hydria-Loutrophoren Verwendung fanden.Rosmarie Mösch-Klingele: Braut ohne Bräutigam. Schwarz- und rotfigurige Lutrophoren als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Athen. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 33. Sie meint zudem, dass gerade diese Vasen als eines der Symbole der Eheschließung, der Zusammenführung von Mann und Frau anzusehen sei, weshalb es im Rahmen der Hochzeit nur eine dieser Vasen gab, was die Vasenbilder bestätigen würden, und deshalb eine Unterteilung der Loutrophorenformen in eine für Männer und eine für Frauen nicht haltbar sei.Rosmarie Mösch-Klingele: Braut ohne Bräutigam. Schwarz- und rotfigurige Lutrophoren als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Athen. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 37.