Publius Petronius (* wohl vor 24 v. Chr.; † vermutlich 46 n. Chr.) war ein römischer Senator der frühen Kaiserzeit und Suffektkonsul des Jahres 19 n. Chr.
Familie
Publius Petronius gehörte zur bedeutenden Familie der Petronii ohne Cognomen. Er war Sohn des Münzmeisters (IIIvir) Publius Petronius TurpilianusProsopographia Imperii Romani (PIR²) (1998) 269. und wohl Enkel des Praefectus Aegypti Publius Petronius. Für das Jahr 29 n. Chr. sind Besitzungen von Publius und Gaius Petronius im arsinoitischen Gau bezeugt.Papyrus Rylands II 127, Z. 4–5: . Diese Textpassage wird zumeist als Beleg für Besitzungen der beiden Brüder genommen. Unter Claudius (Papyrus BGU II 650) und Nero (unveröffentlichter Papyrus) war die offenbar kaiserlicher Besitz: Roger S. Bagnall: Publius Petronius, Augustan Prefect of Egypt. In: Naphtali Lewis (Hrsg.): Papyrology (= Yale Classical Studies. Band 28). Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 85–93, hier S. 91–92. Dies lässt vermuten, dass Gaius Petronius, der Suffektkonsul des Jahres 25, sein (jüngerer) Bruder war.
Publius Petronius war verheiratet mit Plautia, Tochter des Aulus Plautius (Suffektkonsul des Jahres 1 v. Chr.).PIR² P 269, S. 102; Roger S. Bagnall: Publius Petronius, Augustan Prefect of Egypt. In: Naphtali Lewis (Hrsg.): Papyrology (= Yale Classical Studies. Band 28). Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 85–93, hier S. 90–91. Kinder dieses Paares waren vermutlich:
Publius Petronius Turpilianus (* vor 18; † 68), Konsul 61Sohn oder Enkel: PIR² 269, S. 102, PIR² P 315, S. 124, vgl. den Stammbaum S. 103. Titus Petronius (* um 14; † 66), bekannt als „Arbiter“, Suffektkonsul wohl 60Philip B. Corbett: Petronius. Twayne Publishers, New York 1970, S. 142; derselbe: The “Satyricon” of Petronius: A Literary Study by J. P. Sullivan. In: Classical Philology. Band 65, Nummer 1, 1970, S. 53–55, hier S. 53. Petronia, Gattin des Kaisers VitelliusTochter oder Enkelin: PIR² P 323, S. 128, vgl. den Stammbaum S. 103.
Aufstieg
mini|Umzeichnung einer Münze, geprägt in Pergamon im 6. Amtsjahr des Publius Petronius als Statthalter von Asia. Abgebildet sind Livia und Tiberius, die Inschrift lautet: „Die Augusti, als Petronius zum 6. Mal (Prokonsul war)“.
Im Jahr 7 n. Chr., also im Alter von etwa 31 Jahren, wurde Petronius durch Kooptation in das Kollegium der Auguren aufgenommen,. als Nachfolger des durch Suizid dahingeschiedenen Lucius Sempronius Atratinus. Das auf Lebenszeit verliehene Amt war nicht nur mit hohem Sozialprestige verbunden, sondern seine Inhaber waren gemäß der römischen Tradition auch in viele staatswichtige Vorgänge wie Wahlen, Kriege etc. eingebunden. Das Kollegium der Auguren war nach dem Pontifikalkollegium (mit Oberpriester, Flamines und Vestalinnen) das zweitwichtigste Priesterkollegium Roms und stand in der Rangordnung noch über dem Fünfzehnmännergremium, das mit der Befragung der sibyllinischen Bücher betraut war.
Ab 1. Juli 19 war Publius Petronius gemeinsam mit Marcus Iunius Silanus Torquatus Suffektkonsul.Fasti Ostienses C 19. Nach den beiden Konsuln ist ein während ihrer Amtszeit erlassenes Gesetz benannt, die lex Iunia Petronia, die festlegte, dass bei Entscheidungen über die Frage, ob eine Person Sklave sei oder nicht, Stimmengleichheit für die Freiheit genügte. Wichtige Ereignisse in der Amtszeit des Petronius als Konsul waren der Tod des Germanicus in Antiochia am Orontes und die Ausweisung der Juden und der Isis-Anhänger aus Rom durch Tiberius.Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18,3,4; Tacitus, Annalen 2,85; Sueton, Tiberius 36 (englische Übersetzung); Cassius Dio, Römische Geschichte 57.
Wegen eines im Hause des Petronius von Clutorius Priscus vorgetragenen Gedichts auf den Tod eines noch lebenden Kaisersohnes wurde im Jahr 21 die gesamte Familie des Petronius verhört, die Sklaven unter Folter zur Aussage gebracht. Allein Vitellia, die Schwiegermutter des Publius, bestritt, überhaupt etwas gehört zu haben. Priscus wurde hingerichtet.
Von 29 bis 35 war Publius Petronius Prokonsul der Provinz Asia, was diverse Münzen aus Pergamon und Smyrna sowie mehrere in Ephesos gefundene InschriftenHelmut Engelmann, Dieter Knibbe, Reinhold Merkelbach: Die Inschriften von Ephesos. Teil 3 (= Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien. Band 13). Habelt, Bonn 1980, Nr. 705. In den Jahren 29/30, 30/31 und 31/32 richtete Petronius jeweils einen Brief an die Gerusie von Ephesos, Supplementum Epigraphicum Graecum, 43, 765–767. In den Briefen aus den späteren Jahren wird Petronius ausdrücklich als „Prokonsul zum 2. (bzw. 3.) Mal“ bezeichnet. belegen. Publius Petronius „gehörte also zu den Senatoren, die Tiberius weit über das übliche Maß in einem Amt beließ“. Vermutlich unter seinem Prokonsulat diente der später so bedeutende Feldherr Gnaeus Domitius Corbulo als Quästor.Ronald Syme: Domitius Corbulo. In: Journal of Roman Studies. Band 60, 1970, S. 27–39, besonders S. 38.
36 war Petronius Mitglied des hochgestellten Kollegiums zur Schätzung der Brandschäden nach einem Stadtbrand in Rom.Tacitus, Annalen 6,51. Auch das Haus des Claudius war abgebrannt und musste taxiert werden.Sueton, Claudius 6 (englische Übersetzung).
Statthalter von Syrien
Von 39 bis 42 war Petronius Nachfolger des Lucius Vitellius als Statthalter der Provinz Syrien. Während dieser Zeit kam Petronius mit vielen hochgestellten jüdischen Persönlichkeiten in Kontakt. Mit König Agrippa (im Neuen Testament lediglich als Mörder des Jakobus und Christenverfolger erwähnt). war er sogar eng befreundet. Gerühmt wird seine Weisheit und Milde. Philon von Alexandria nennt Petronius „genauso gütig wie kultiviert“.Philon von Alexandria, Legatio ad Gaium 582. Die religiöse Toleranz des Petronius zeigte sich insbesondere darin, dass er die Gedanken und Gefühle seiner Kontrahenten durchaus zu würdigen verstand. Er bezeichnete die mosaischen Gebote sogar als „vortrefflich“.Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18,8,5. Seine humane, fast schon „christlich“ anmutende Grundhaltung ließ ihn sogar ganz bewusst das Risiko eingehen, wegen Verzögerung der kaiserlichen Befehle hingerichtet zu werden, wie der jüdische Historiker Josephus uns berichtet: „Staunen und Mitleid zugleich ergriff Petronius, als er die unerschütterliche Frömmigkeit der Judäer und ihre Bereitschaft zum Tod sah“. […] „ich gebe, wenn er [Caligula] in Zorn gerät, mein Leben für so viele gerne hin!“Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 2,10,4 f.; vgl. Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18,8,4 f.
Befehl zur Entweihung des Tempels unter Kaiser Caligula
Caligula befahl dem neuen Statthalter, den jüdischen Tempel in Jerusalem in einen Tempel des „neuen Zeus Epiphanes Gaius“ umzuwandeln und dort eine Statue Caligulas aufzustellen. Die ungeheure Brisanz dieses Auftrags war dem Kaiser bewusst, denn er befahl Petronius, hierfür die Hälfte des Euphratheeres (zwei Legionen und möglichst viele Hilfstruppen von Bundesgenossen) mitzuführen.
Petronius, der durch die Umsetzung dieses Befehls die Ostflanke des Reichs gefährdet sah, suchte Zeit zu gewinnen. Insbesondere ließ er die in Sidon zur Herstellung der Statue bestellten Künstler möglichst lange an dem Bildwerk arbeiten.Philon von Alexandria, Legatio ad Gaium 578 M. Zugleich nahm er Kontakt zu den Juden auf. Als diese Gespräche ergebnislos blieben, brach Petronius im Frühjahr 40 von Antiochia auf und zog durch Phönikien südwärts in Richtung Jerusalem. Auf diesem Zug trat ihm eine Delegation hoher jüdischer Würdenträger entgegen und bat um Verschonung.
Petronius sandte hierauf einen Brief an Caligula, in dem er sich für die lange Dauer der Herstellung der Bildsäule entschuldigte und auf die bevorstehende Ernte hinwies. Der Kaiser stimmte Petronius zu und forderte die Aufstellung seines Bildes nach der Ernte. Petronius zog weiter nach Ptolemais, wo ihm viele Tausend Juden entgegentraten und um Schonung baten, aber auch deutlich machten, dass sie notfalls zum Einsatz ihres Lebens bereit seien, um die Aufstellung im Tempel zu verhindern. Aus Rücksicht ließ Petronius Heer und Statue in Ptolemais und begab sich im Spätherbst 40 nach Tiberias, wo er lange mit den Führern der Juden verhandelte. Selbst Aristobulus, der Bruder des Königs Agrippa, und Helkias der Große beknieten den neuen Legaten von Syrien um ein Einsehen.
Der Konflikt wurde insbesondere noch dadurch verschärft, dass es sich bei dem Jahr 40/41 um ein Sabbatjahr handelte, in dem eine messianisch aufgeheizte Stimmung herrschte, und in dem nach der Tora nicht gesät werden durfte,; . was regelmäßig zu Hungersnöten führte. Obwohl hohe Zeit zur Aussaat war, bestellten die Juden das Land nicht.Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18,8,3.
Petronius Einsehen in die Not der Juden hatte nach Josephus ein Regenwunder zur Folge: „Gott aber bewies dem Petronius, als er auf diese Weise die Menge ermutigt hatte, seine Gegenwart und Macht. Kaum nämlich hatte er seine Rede an die Juden beendigt, als Gott wider alles Erwarten einen heftigen Platzregen niederfallen ließ, obgleich der Tag heiter gewesen war und keine Vorboten von Regen sich am Himmel gezeigt hatten. Die Juden waren um so mehr erstaunt, als das ganze Jahr hindurch Dürre geherrscht hatte, so dass man allseitig selbst dann nicht auf Regen hoffte, wenn der Himmel einmal mit Wolken überzogen war. Als daher gegen alle Erwartung der reichliche Platzregen niederging, gaben sich die Juden der Hoffnung hin, dass des Petronius Fürbitte für sie nicht vergeblich sein werde. Auch Petronius selbst war aufs höchste betroffen, als er sah, wie Gott sich der Juden annahm und seine Gegenwart so deutlich offenbarte, dass niemand, wenn er auch gewollt hätte, dieselbe verkennen konnte. Er berichtete das auch an Gajus…“Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18,8,6. Schließlich gab Petronius im Bewusstsein der Gefahr für sein eigenes Leben nach und schickte Caligula einen zweiten Brief, in dem er von dem entschlossenen Widerstand der Juden und den göttlichen Zeichen berichtete. Der jüdische König Agrippa I., der zu dieser Zeit noch in Rom weilte, hatte sich inzwischen ebenfalls für die Rücknahme der wahnsinnigen Provokation verwendet und den Kaiser schließlich umstimmen können. Der Befehl des Caligula, die Aktion einzustellen, überschnitt sich mit dem Brief des Petronius. Dessen Renitenz erzürnte Caligula derartig, dass er seinem Statthalter brieflich Bestechlichkeit unterstellte und ihm die Selbsttötung befahl:
„Weil du die Geschenke, mit denen die Juden dich bedacht haben, höher als meine Befehle geachtet und dich unterstanden hast, den Juden zulieb anders zu handeln, als dir von mir aufgetragen war, so sollst du jetzt dein eigener Richter sein und selbst bestimmen, was dir geschehen soll, damit du die Wucht meines Zornes fühlst. Denn ich will an dir ein Beispiel aufstellen, das die Mitwelt wie die Nachwelt davor warnen soll, den Befehlen des Caesars zuwiderzuhandeln.“
Dieser Befehl zum Selbstmord erreichte Petronius aber durch wetterbedingte Verzögerung erst, als die Nachricht vom Tode des Kaisers (am 24. Januar 41) bereits eingetroffen war.Philo von Alexandria, Legatio ad Gaium 576 M ff.; Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18,8; Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 2,186 ff.
Edikt von Dora unter Kaiser Claudius
Kaiser Claudius beließ seinen Augurenkollegen Petronius noch für zwei weitere Jahre als Legat in Syrien, was u. a. durch Münzfunde aus Antiochia bestätigt wird. Auf der Vorderseite sieht man ein Bild des Claudius mit Lorbeerkranz und Umschrift (IMP TI CLAVD CAE AV GER), auf der Rückseite, ebenfalls im Lorbeerkranz, die folgende Inschrift: ΕΠΙ ΠΕΤΡΩ ΝΙΟΥΑΝ ΤΙΟΧΕΩΝ