mini|Matthäuskirche (2012) mini|Historische Matthäuskirche (1833–1938): Ansicht von Johann Poppel (um 1850); Blick von Norden, vom Karlsplatz in Richtung zum Sendlinger-Tor-Platz

Die evangelisch-lutherische Pfarrkirche St. Matthäus, genannt auch Matthäuskirche, ist die bedeutendste evangelische Kirche in München. Der heutige Bau, der nach Plänen von Gustav Gsaenger 1953 bis 1957 errichtet wurde, ist Nachfolger der alten Matthäuskirche, die 1833 im nachklassizistischen Stil als erste evangelische Kirche in München errichtet und 1938 abgebrochen wurde. St. Matthäus ist als Predigtstätte des Landesbischofs eine Bischofskirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Lage St. Matthäus (Nußbaumstraße 1) befindet sich am südlichen Ende des Sendlinger-Tor-Platzes an der Schnittstelle zwischen Altstadtring (Sonnenstraße/Blumenstraße) und Lindwurmstraße am Nußbaumpark.

Funktionen St. Matthäus besitzt zurzeit folgende Funktionen:

Pfarrkirche der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Matthäus München (-Altstadt) Münchner Predigtstätte des Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Bischofskirche) Sitz des Projektes „Matthäusdienste“: Anlaufstelle und missionarisch-evangelistische Ansprache von Menschen ohne kirchliche Bindung im landeskirchlichen Auftrag Sitz der Evangelischen Motorradfreunde St. Matthäus München als Personalgemeinde Veranstaltungsort für kulturelle Ereignisse, wie Konzerte.

Geschichte Erster Bau 1833–1938

mini|hochkant|Historische Matthäuskirche (1833–1938), Photographie von 1903 mini|hochkant|Aufriss und Plan der Matthäuskirche von Joseph Unger mini|hochkant|Das Innere der ersten Matthäuskirche, um 1888

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts ließen sich vermehrt evangelische Zuwanderer aus den neuerworbenen Gebieten des in der napoleonischen Zeit vergrößerten bayerischen Staates und den anderen Teilen Deutschlands in München nieder. Im Zeitalter der aufgeklärten Monarchie konnte ihnen das Münchner Bürgerrecht nicht mehr verweigert werden. Eine Vorkämpferin für religiöse Toleranz war die zweite Ehefrau des Königs Max I. Joseph, die badische Prinzessin Karoline. Sie hatte bereits Ende des 18. Jahrhunderts auf der Ausübung ihres evangelischen Glaubens bestanden; darum wurde eine evangelische Hofgemeinde errichtet und ein evangelischer Hofprediger bestellt. Am 12. Mai 1799 hielt der Kabinettsprediger Ludwig Friedrich Schmidt den ersten evangelischen Gottesdienst im Schloss Nymphenburg, der Sommerresidenz des Königspaares.

Da die katholische Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz, in der die evangelische Hofgemeinde Gast war, zu klein wurde, wurde die Forderung nach einer evangelischen Pfarrkirche lauter. Die in Religionsangelegenheiten tolerante Regierung Max I. Josephs sagte eine Pfarrkirche zu. So erhielt die evangelische Pfarrei München mit ihrer Gründung 1806 die ehemalige Friedhofskirche der Frauenkirche, St. Salvator, zur Nutzung überlassen. Der evangelischen Gemeinde war aber der bestimmungsgemäße Gebrauch dieser Kirche zu keiner Zeit möglich, da sie als Abstellraum, Wagenremise und später als Getreidespeicher zweckentfremdet wurde. Daher blieb das Problem akut.

So wurden mehrere Entwürfe bis zur Ausführungsreife entwickelt: Neben einer Erweiterung von St. Salvator wurden vor allem Neubauprojekte an Standorten an der heutigen Brienner Straße und am Maximiliansplatz diskutiert. Schließlich genehmigte der Bayerische Landtag am 6. September 1825 den Bau einer evangelischen Kirche an einer repräsentativen Stelle und gab entsprechende Mittel frei.

Nachdem Ludwig I. den Thron bestiegen hatte, verzögerte sich der Bau immer weiter. Ludwig I. akzeptierte die Entwürfe Leo von Klenzes nicht, schließlich billigte der überaus katholisch gesinnte König die Pläne des Baurats Johann Nepomuk Pertsch für eine nachklassizistische Rotunde. Obwohl Ludwig I. sehr um eine Rekatholisierung seines Königreiches bemüht war und trotz evangelischer Stiefmutter und evangelischer Gemahlin die Toleranz für die nichtkatholischen Denominationen nur insoweit zuließ, wie sie durch die Verfassung des Königreiches garantiert war, genehmigte er einen repräsentativen Bauplatz für die „Evangelische Kathedralkirche“, verlegte ihn aber vom Maximiliansplatz zu dem weniger vornehmen Karlsplatz (Stachus) in der Höhe Schwanthalerstraße/Herzogspitalstraße. Eine Beteiligung an den Baukosten aus seiner Privatschatulle verweigerte Ludwig. So verzögerte sich der Bau aus finanziellen Gründen auch nach der Grundsteinlegung am 28. Juli 1827 immer wieder. Erst am 25. August 1833, dem Namenstag Ludwigs I., konnte die Protestantische Kirche München, so ihre damalige offizielle Bezeichnung, eingeweiht werden. Für die angeheirateten evangelischen Mitglieder des Königshauses wurde sie auch Hofkirche. Ihren heutigen Namen nach dem Evangelisten Matthäus erhielt die Kirche erst im Jahr 1885, während die 1877 fertiggestellte zweite evangelische Kirche ebenfalls 1885 nach dem Evangelisten Markus benannt wurde.Genehmigung der Benennung der Matthäus- und der Markuskirche. Zweite Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 2. April 1885.Armin Rudi Kitzmann: Das offene Tor. Aus der Geschichte der Protestanten in München. Claudius Verlag, München 1990, S. 114, 183, 196.Chronik der Protestanten in München. Evang.-Luth. Dekanatsbezirk München. Die Benennung der evangelischen Kirchen in der Münchener Innenstadt nach den vier Evangelisten wurde später mit St. Lukas (1896) und St. Johannes (1916) weitergeführt.

Durch den Ausbau des Karlsplatzes mit repräsentativen Gebäuden, wie dem Justizpalast und zuletzt dem Stachusrondell durch Gabriel von Seidl, wurde die Lage der Kirche repräsentativer, sodass sie schließlich optisch der südliche Abschluss des Karlsplatzes wurde. 1919 wurde St. Matthäus Predigtstätte des Kirchenpräsidenten, der seit 1933 den Titel Landesbischof führt.

Für diese Kirche baute Albert Moser eine dreimanualige Orgel mit 74 Registern auf pneumatischen Kegelladen, im Gehäuse der Vorgängerorgel von Joseph Frosch aus dem Jahr 1833, die am 17. Oktober 1926 eingeweiht wurde. Als Besonderheit verfügte dieses Instrument über ein für diese Zeit ungewöhnliches Obertonregister (None 8/9′ im Echo).

Auf Drängen Adolf Hitlers verfügte der NSDAP-Gauleiter in Oberbayern, Adolf Wagner, im Juni 1938 den Abriss der Kirche – angeblich um die Sonnenstraße auf Berliner Maße verbreitern zu können.Siehe: Als eigentlicher Anlass wird jedoch die schwelende Animosität des NS-Regimes gegen den bayerischen Landesbischof Hans Meiser vermutet, der eine Gleichschaltung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern durch die Deutschen Christen und damit ein Aufgehen in der „Reichskirche“ zu verhindern versuchte.

Der Beschluss des Abrisses wurde dem damaligen Pfarrer Friedrich Loy am 9. Juni 1938 mitgeteilt. Zwei Tage später intervenierte Landesbischof Hans Meiser erfolglos. Am 26. Juni 1938 wurde die Vorhalle und am 3. Juli 1938 der Turm gesprengt. Am 6. Juli 1938 waren die Abbrucharbeiten abgeschlossen. Parallel dazu wurde am 8. Juni 1938 der Abbruch der Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße ebenfalls aus verkehrlichen Gründen verfügt, und ebenso schnell wurde sie innerhalb von vier Wochen dem Erdboden gleichgemacht. Es sollte vermutlich getestet werden, ob und in welchem Umfang mit Protesten aus dem kirchlichen Milieu zu rechnen wäre.

Zweiter Bau (seit 1955) mini|Moderner Kirchenbau im 50er-Jahre-Stil. Bischofskirche. mini|Blick auf die Orgelempore

Nachdem die Kirchengemeinde heimatlos geworden war und nur in Provisorien lebte, kam nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schnell die Forderung nach einem Wiederaufbau der Matthäuskirche auf. Ein Neubau am alten Ort wurde von der Stadt München nicht unterstützt. Stattdessen wurde als neuer Standort eine städtebaulich dominierende Fläche am Sendlinger-Tor-Platz angeboten. Nach Plänen von Gustav Gsaenger wurde 1953 bis 1955 ein Zentralbau mit integriertem Pfarramt, Gemeinderäumen und Campanile errichtet, in dem Gsaenger seine eigene Formensprache der organhaften Moderne voll entfaltete. Klaus Gallas, der Autor des DuMont-Kunst-Reiseführers für München, urteilte 1979 dagegen, dass Form und Gestalt der Kirche dieser Dominanz nicht gerecht werden könne.Klaus Gallas: München. Von der welfischen Gründung Heinrichs des Löwen bis zur Gegenwart: Kunst, Kultur, Geschichte. DuMont, Köln 1979, ISBN 3-7701-1094-3 (DuMont-Dokumente: DuMont-Kunst-Reiseführer), S. 317

Orgel Die Orgel wurde zwischen 1955 und 1963 nach Plan des Landeskirchenmusikdirektors Friedrich Högner von der Oettinger Orgelbaufirma Steinmeyer als opus 1900 erbaut. Das Instrument hatte ursprünglich 65 Register auf vier Manualen und Pedal auf Schleifladen mit elektrischer Traktur. Der Freipfeifenprospekt wurde vom Kirchenarchitekten Gustav Gsaenger entworfen.

I Positiv C–g3 1. Singend Gedackt 8′ 2. Dulzflöte 8′ 3. Praestant 4′ 4. Nachthorn 4′ 5. Octave 2′ 6. Octävlein 1′ 7. Sesquialter II ′ 8. Scharfcymbel IV ′ 9. Rankett 16′ 10. Vox humana 8′ Tremulant II Hauptwerk C–g3 11. Principal 16′ 12. Metallprincipal 8′ 13. Rohrflöte 8′ 14. Silbermann-Gambe 8′ 15. Octave 4′ 16. Kleingedackt 4′ 17. Schwiegel 2′ 18. Rauschflöte IV ′ 19. Mixtur V ′ 20. Trompete 16′ 21. Trompete 8′ III Oberwerk C–g3 22. Harfenprincipal 8′ 23. Holzgedackt 8′ 24. Quintade 8′ 25. Weitprincipal 4′ 26. Holzflöte 4′ 27. Principal 2′ 28. Gemshörnlein 2′ 29. Quintlein ′ 30. Scharfmixtur V ′ 31. Cymbel III ′ 32. Trichterregal 8′ 33. Kopftrompete 4′ IV Schwellwerk C–g3 34. Rohrgedackt 16′ 35. Principal 8′ 36. Hohlflöte 8′ 37. Lieblich Gedackt 8′ 38. Weidenpfeife 8′ 39. Octave 4′ 40. Koppelflöte 4′ 41. Quinte ′ 42. Waldflöte 2′ 43. Terz ′ 44. Flageolet 1′ 45. Plein Jeu V-VI 2′ 46. Glockencymbel III 2′ 47. Englischhorn 16′ 48. Oboe 8′ 49. Zinke 4′ Tremulant Pedal C–f1 50. Principal 16′ 51. Subbaß 16′ 52. Quintade 16′ 53. Grob Quintbaß ′ 54. Octavbaß 8′ 55. Gedacktbaß 8′ 56. Hohlflöte * 4′ 57. Rohrpfeife * 2′ 58. Choralbaß II * 4′ 59. Hintersatz IV * ′ 60. Octavmixtur II * 2′ 61. Sordun 32′ 62. Sordun * 16′ 63. Posaune 16′ 64. Trompete * 8′ 65. Clarine * 4′ Tremulant (für *)

Koppeln: I/II, III/II, IV/II, IV/III, I/III, I/P, II/P, III/P, IV/P, Generalkoppel 4 freie Kombinationen 1 freie Pedalkombination Crescendowalze Zungeneinführungstritte, jeweils für I.-IV. Man. und Pedal Mixturabsteller, Zungenabsteller, Handregister ab Tutti

Seit 2013 wird die Orgel von der Orgelwerkstatt Woehl schrittweise erweitert (derzeit 104 Register).München/Ludwigsvorstadt, St. Matthäus. www.organindex.de. Aufgerufen am 16. Mai 2018.Woehl-Orgel-Projekte: Die Bischofskirche St. Matthäus. www.orgelbau-woehl.de. Aufgerufen am 16. Mai 2018. Am früheren Steinmeyer-Spieltisch sind freie Registerwippen für das ursprünglich vorgesehene Fernwerk über dem Durchgang zur Sakristei angelegt; jedoch wurde an dieser Stelle nur ein Blindprospekt gebaut, hinter dem sich über 60 Jahre lang kein Pfeifenwerk befand. Der Entwurf für die Erweiterung der Steinmeyer-Orgel umfasst auch ein (bisher nicht realisiertes) schwellbares Teilwerk, das sowohl vom Kirchenschiff als auch im dahinter liegenden Gemeindesaal zu hören sein würde.Orgel der evangelischen Bischofskirche St. Matthäus, München. www.matthaeusorgel.de. Aufgerufen am 16. Mai 2018.

Seit 2017, nach Vollendung des 4. Bauabschnittes, hat die Hauptorgel folgende Disposition:Informationen zur Disposition auf organindex