Die Salafiyya (, eingedeutscht Salafismus) ist eine heterogene Strömung innerhalb des sunnitischen Islams, die eine exklusive Rückbesinnung auf den Koran, die Sunna und die Praxis der „frommen Altvorderen“ () propagiert. Als historische Referenzepoche gelten die ersten drei Generationen der muslimischen Gemeinschaft.

In der Konflikt- und Sozialforschung wird der zeitgenössische Salafismus zumeist analytisch in drei Strömungen unterteilt: apolitische Puristen, die sich auf Frömmigkeit und Missionierung (Daʿwa) konzentrieren; politische Salafisten, die aktiv – mit den Menschenrechten in Konflikt stehende – gesellschaftliche Veränderungen anstreben; und Dschihadisten, die Gewalt als legitimes Mittel betrachten.Quintan Wiktorowicz: Anatomy of the Salafi Movement. In: Studies in Conflict & Terrorism 29/3 (2006), S. 207–239. Die Kategorien sind analytisch weit verbreitet, empirisch jedoch umstritten; vgl. bspw. Joas Wagemakers: Revisiting Wiktorowicz. In: Francesco Cavatorta, Fabio Merone (Hrsg.): Salafism After the Arab Awakening. Hurst, London 2016.

Ein Gutachten der Innenministerkonferenz von 2011 zeigt die Verfassungsfeindlichkeit bundesweiter „salafistischer Bestrebungen“ auf, wobei ausschließlich gerichtsverwertbare Erkenntnisse des Bundesamtes für Verfassungsschutz und der Landesbehörden für Verfassungsschutz berücksichtigt wurden, um Strukturen, Ziele und Aktivitäten von Salafisten aufzuzeigen, eine Gesamtbewertung salafistischer Bestrebungen in Deutschland vorzunehmen und Behörden und Gerichten (z. B. im Rahmen von Einbürgerungsverfahren) nachweisbare Erkenntnisse zur verfassungsschutzrechtlichen Einordnung zu liefern. Dem Gutachten zufolge bestehen salafistische Strukturen in Form von zahlreichen Vereinen, Moscheen, Internetseiten, Verlagen, informellen Personenzusammenschlüssen und Einzelpersonen.

Theologisch zentral ist eine strenge, in drei Dimensionen gegliederte Auslegung des Tauhīd (wörtl. „Einheit [Gottes]“, Monotheismus) – die Einheit der Herrschaft Gottes (Tauhīd ar-Rubūbiyya), der göttlichen Namen und Eigenschaften (Tauhīd al-Asmāʾ wa-ṣ-Ṣifāt, unter strikter Ablehnung metaphorischer Deutungen) sowie der Anbetung (Tauhīd al-Ulūhiyya) –, verbunden mit der Ablehnung jeder als religiöse Neuerung (Bidʿa) gewerteten Praxis, insbesondere der Heiligenverehrung und Grabfrömmigkeit als Formen des Schirk (Polytheismus). Ebenso abgelehnt wird theologische Spekulation (Kalām) zugunsten eines skripturalistischen Zugangs zu Koran und Sunna. Nach salafistischem Selbstverständnis handelt es sich bei der Salafiyya nicht um eine historisch kontingente Strömung, sondern um eine zeitlose Methodik (Manhaǧ) zur Wiederherstellung ursprünglicher Glaubenspraxis; die Bewegung beansprucht damit, die einzig verbliebene Orthodoxie (Ahl as-Sunna wa-l-Dschamāʿa, ) zu repräsentieren. Abgelehnt wird zudem die unkritische „Nachahmung“ (Taqlid) der etablierten Rechtsschulen, sofern deren Lehren einem als authentisch gewerteten Textbeleg (Dalīl) widersprechen. Bestimmte salafistische Theologen lehnen eine Gleichsetzung mit dschihadistischen Gruppen ab, die binnensalafistisch häufig als Khawaridsch bezeichnet werden.

Der Begriff Salafismus Der Ausdruck „Salafiyya“ setzt sich zusammen aus dem arabischen Wort für „Vorgänger, Altvordere“ (salaf) und der Feminin-Form der Nisbe-Endung (-iyya), einem recht produktiven abstrakta-bildenden Suffix, das sowohl dem deutschen -heit entspricht als auch der Bildung von /-ismen/ dient. Der Begriff Salafiyya kann daher frei als „die Orientierung an den frommen Altvorderen“ wiedergegeben werden.

Ein Anhänger der Salafiyya wird als Salafi bezeichnet, der inzwischen übliche Ausdruck Salafist bezieht sich meist nur auf die zeitgenössische Bewegung.

Verwendung Der Begriff bezeichnet kein einheitliches historisches Phänomen. Zu verschiedenen Zeiten haben sich Bewegungen herausgebildet, deren Verständnis des Islams sich an der Frühzeit der Religion orientiert und das daher von ihren Anhängern als unverfälscht angesehen wird. Je nach Kontext waren diese radikalen Strömungen unterschiedlich geprägt und hatten unterschiedliche Forderungen. Gemeinsam ist ihnen ein strikt skripturalistischer Zugang, der viele Jahrhunderte theologischer Entwicklung übergeht, um direkt auf Koran und Sunna zu rekurrieren.

Neuere ForschungMaßgeblich Henri Lauzière: The Making of Salafism: Islamic Reform in the Twentieth Century, Columbia University Press, New York 2016. argumentiert, dass die ältere Gleichsetzung der islamischen Modernisten des späten 19. Jahrhunderts (Dschamal ad-Din al-Afghani, Muhammad Abduh) mit einer Salafiyya-Bewegung eine nachträgliche Konstruktion sei. Der Begriff habe zunächst primär eine neo-hanbalitische theologische Haltung bezeichnet, keinen modernistischen Reformansatz. Der zeitgenössische Salafismus habe sich demnach als eigenständige puristisch-skripturalistische Strömung, die sich ab den 1920er Jahren als eigenständige Bewegung formierte (siehe unten), maßgeblich durch Raschid Ridas zunehmende Annäherung an den saudi-arabischen Wahhabismus.

Im öffentlichen und medialen Sprachgebrauch wird der Begriff dagegen oft weiter gefasst und auf islamistische Bewegungen unterschiedlicher Prägung ausgedehnt, bisweilen auch auf solche ohne direkte theologische Verbindung zur salafistischen Tradition.

Teilweise werden auch militante Gruppierungen als salafistisch bezeichnet; die von Osama bin Laden inspirierte Salafisten-Gruppe für die Predigt und den Kampf in Algerien trägt den Begriff selbst im Namen.

Die Salaf aṣ-Ṣāliḥ Die ehrwürdigen, rechtschaffenen Vorfahren (arab. as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ) sind die ersten drei Generationen von Muslimen. Diese standen entweder in unmittelbarem Kontakt mit dem Propheten Mohammed und waren dessen „Gefährten und Begleiter“ (arab. Sahāba), oder sie kannten die Sahaba und waren somit ihre Nachfolger (arab. Tabi’un). Wer wiederum die tabi’in kannte, gehört zur dritten Generation, Nachfolger der Nachfolger (arab. Atba’ at-tabi’in). Dabei ist nach der Lehre entscheidend, dass die Bekanntschaft im Zustand des Glaubens stattgefunden und dieser Zustand bis zum Tode angehalten hat. Der letzte Sahaba war Anas ibn Mālik († 710 oder 712 n. Chr.). Die chronologische Grenze der dritten Generation wird von den meisten Gelehrten im späten 2. islamischen Jahrhundert (ca. 9. Jahrhundert n. Chr.) angesetzt.

Manche zählen spätere Gelehrte noch zu den Salaf, wie etwa Ibn Taimīya und Muhammad ibn Abd al-Wahhab, den Gründer und Wegbereiter des Wahhabismus.

Verhältnis zum Wahhabismus Das Verhältnis zwischen Wahhabismus und Salafismus kann als ein Prozess der Konvergenz verstanden werden: Während der Wahhabismus ursprünglich eine regional begrenzte, hanbalitisch geprägte Erneuerungsbewegung auf der Arabischen Halbinsel war, verschmolz er im 20. Jahrhundert – begünstigt durch saudische Mission und die Radikalisierung der Manār-Schule – mit transatlantischen puristischen Strömungen zum modernen, globalen Salafismus. Der Wahhabismus erlangte durch die politische Allianz Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhābs mit dem Haus Saʿūd im 18. Jahrhundert institutionelle Macht und wurde im 20. Jahrhundert durch saudi-arabische Finanzierung global verbreitet.Cole M. Bunzel: Wahhābism: The History of a Militant Islamic Movement. Princeton University Press, Princeton 2023.

Salafismus und Wahhabismus sind jedoch nicht deckungsgleich: Salafismus bezeichnet ein breiteres Spektrum puristischer Strömungen, das neben dem wahhabitischen Traditionsstrang eigenständige Bewegungen umfasst, die in verschiedenen Regionen unterschiedliche Eigennamen tragen: auf dem Indischen Subkontinent Ahl-i Hadīth, in Ägypten und Sudan Anṣār as-sunna al-Muḥammadīya, in Nigeria Ǧamāʿat Izālat al-bidʿa wa-iḥyāʾ as-sunna. Die Bezeichnung „Wahhabiten“ wird von Anhängern dieser Strömungen meist als Fremdbezeichnung abgelehnt.

Die Kontroverse über die Anfänge des Salafismus Die Frage nach den Anfängen des Salafismus wird kontrovers diskutiert. Während bis zur Jahrtausendwende im Anschluss an die frühen Studien von Henri LaoustHenri Laoust: Le réformisme orthodoxe des «Salafiyya» et les caractères généraux de son orientation actuelle. In: Revue des Études Islamiques, 6, 1932, S. 175–224. angenommen wurde, dass die Salafiyya-Bewegung bereits in den 1870er und 1880er Jahren mit Dschamāl ad-Dīn al-Afghānī und Muhammad ʿAbduh Form annahm und al-ʿUrwa al-Wuthqā die erste Zeitschrift dieser Reformbewegung war, hat Henri Lauzière 2010 in einem Aufsatz diese herrschende Auffassung als „westliches Konstrukt“ zurückgewiesen. Er zeigte in seinem Aufsatz, dass das Konzept der „frommen Altvorderen“ (as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ) im Denken von al-Afghānī und ʿAbduh so gut wie keine Rolle gespielt habe. Nach Lauzières Auffassung hat die Salafiyya erst Mitte der 1920er Jahre mit dem Aufbau der Salafiyya-Buchhandlung von Muhibb ad-Dīn al-Chatīb in Mekka begonnen. Diese Buchhandlung habe als Zentrum der Verbreitung wahhabitischer Ideen gedient, die fortan als „salafitisch“ bezeichnet wurden.Lauzière: "The Construction of Salafiyya". 2010, S. 373ff.

Frank Griffel, der Lauzières These 2015 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Die Welt des Islams zurückwies, gestand darin zwar ein, dass die Begriffe salaf und salafiyya in den islamischen Reformdiskursen keine Bedeutung hatten, meinte jedoch, dass das eigentliche Wesen der Salafīya in der Ablehnung von Rechtsschulen bestehe und deswegen al-Afghānī und ʿAbduh und andere frühe Vertreter der Islāh-Bewegung diese Bezeichnung ebenfalls verdienten.Frank Griffel: What do we mean by ’Salafī’? Connecting Muḥammad ʿAbduh with Egypt's Nūr Party in Islam's contemporary intellectual history. In: Die Welt des Islams, 55, 2015, S. 186–220. Henri Lauzière kritisierte in einer Replik, die 2016 in derselben Zeitschrift veröffentlicht wurde, Griffels Verwendung des Salafiyya-Begriffs als willkürlich und mahnte an, dass sich die westliche Forschung von ihren früheren Annahmen über die Anfänge der Salafiyya lösen müsse, weil sie auch zu einer falschen Einschätzung dieser Bewegung führten. So beruhe die Annahme, dass die Salafiyya eine „moderne Bewegung“ sei, allein auf der fehlerhaften Einschließung von al-Afghānī und ʿAbduh in diese Strömung.Henri Lauzière: What do we mean against what they meant by ’Salafi’ A reply to Frank Griffel. In: Die Welt des Islams, 56, 2016, S. 89–96.

In seinem Buch The Making of Salafism. Islamic Reform in the Twentieth Century (2016) hat Lauzière seine These, wonach die Salafiyya erst in den 1920er Jahren beginnt, noch weiter ausgebaut. Er beschreibt dort die Rehabilitation der Wahhabiten durch Raschīd Ridā als den eigentlichen Anfangspunkt der Salafiyya.Henri Lauzière: The Making of Salafism. Islamic Reform in the Twentieth Century. Columbia University Press, New York, 2016, S. 60–94.

Die nachfolgenden Ausführungen zur frühen Geschichte der Salafiyya berücksichtigen die Ergebnisse seiner Forschung noch nicht, sondern folgen der konventionellen Darstellung, wonach die Salafiyya schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist.

Historische Vorläufer Die Bezeichnung „Salafismus“ als Eigenbezeichnung einer Bewegung ist ein modernes Phänomen (siehe oben). Dennoch reklamieren zeitgenössische Salafisten eine Kontinuität mit bestimmten vormodernen Gelehrten und Strömungen, die sie als Vorläufer ihrer Methodik betrachten.