mini|Aviäres Influenzavirus (HPAIV), elektronenmikroskopische Aufnahme mini|H5N1-Virion Vogelgrippe H5N1 ist eine Viruserkrankung der Vögel (darunter auch Pinguine), hervorgerufen durch das Influenza-A-Virus H5N1 (A/H5N1). Wie alle anderen durch Influenza-Viren verursachten Geflügelkrankheiten ist auch die Vogelgrippe H5N1 bei in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln und bei Wildvögeln in zahlreichen Ländern eine anzeigepflichtige Tierseuche, gegen die umgehend amtliche Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung und zur Verhinderung ihrer Ausbreitung eingeleitet werden können. In Einzelfällen sind die Viren auf Menschen und andere Säugetiere übertragen worden, die Erkrankung ist folglich eine Zoonose. Der erste wissenschaftlich dokumentierte Ausbruch von A/H5N1 ereignete sich 1959 in Schottland.Weifeng Shi und George F. Gao: Emerging H5N8 avian influenza viruses. In: Science. Band 372, Nr. 6544, 2021, S. 784–786, doi:10.1126/science.abg6302.

A/H5N1-Virus

Das Virus Influenza A/H5N1 ist ein behülltes Einzel(−)-Strang-RNA-Virus aus der Familie der Orthomyxoviridae. Der Durchmesser des Virus beträgt etwa 100 Nanometer, es besitzt etwa 14.000 Nukleotide.

Der Erhalt der Infektionsfähigkeit des Erregers ist in der Außenwelt nicht sehr hoch und kann durch die Desinfektionsmittel mit deklarierter Wirksamkeit für das Wirkungsspektrum „begrenzt viruzid“ unschädlich gemacht werden.. Im Original publiziert auf rki.de, Stand: August 2010. Jedoch kann das Virus – geschützt durch organisches Material wie Körpersekrete, Kot und Ähnliches – in Tierställen und insbesondere bei niedrigen Temperaturen einige Wochen überstehen. Infektiös bleiben die Viren bei 4 °C zum Beispiel ca. 30 bis 35 Tage in Kot, Geflügelfleisch oder gelagerten Eiern, bei 37 °C hingegen nur sechs Tage.. Im Original publiziert von WHO und FAO auf who.int vom 4. November 2005. Merkblatt des Schweizer Bundesamtes für Veterinärwesen (BVET), Stand 03/2011. Nach bisherigen Erkenntnissen sind die Viren nicht mehr infektiös, wenn sie Temperaturen über 70 °C ausgesetzt wurden, so dass eine Übertragung über durchgegarte Eier oder andere durchgegarte Geflügel- und Fleischprodukte als ausgeschlossen gilt.

Übertragungswege von Tier zu Tier Die Folgen der seit 1997 gehäuft auftretenden H5N1-Ausbrüche gelten laut New Scientist als die schlimmste Erkrankungswelle, die jemals unter Tieren bekannt geworden istIn: New Scientist vom 13. Mai 2006, S. 39., vergleichbar allenfalls mit der Rinderpest. Grundsätzlich werden bei Zuchtgeflügel die gleichen Infektionswege wie bei anderen Influenzaviren beobachtet: Die H5N1-Viren können durch Kotpartikel verbreitet werden, die über sogenannte „Hühnerabfälle“ (Tierreste) auch in industrielles Geflügelfutter gelangen können; ferner können sie beim Schlachten über Blut sowie über Kleidung und Arbeitsgeräte verbreitet werden.

Auf einer gemeinsamen Konferenz der FAO und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) wurde Ende Mai 2006 jedoch von Forschern der Erasmus-Universität (Rotterdam) darauf hingewiesen, dass H5N1-Viren bei Wildvögeln – anders als sämtliche anderen bekannten Influenzaviren – offenbar stärker über den Atemtrakt als über den Kot ausgeschieden werden.In: Science. Band 312 vom 9. Juni 2006, S. 1451. Dies erkläre möglicherweise, warum unter nahezu 100.000 Kotproben von lebenden Wildvögeln, die in den 10 Monaten vor Mai 2006 in Europa analysiert wurden, kein einziger H5N1-Fall entdeckt wurde.

Umstritten ist, welcher Anteil dem Handel mit Vögeln sowie mit Geflügelprodukten bei der Ausbreitung von A/H5N1 zukommt und welcher Anteil den Wildvögeln. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC erläutert in diesem Zusammenhang, dass weltweit einzelne Wildvögel das Virus in sich tragen, ohne daran zu erkranken;. Im Original publiziert auf cdc.gov, zuletzt abgerufen am 5. Februar 2023. Wörtlich heißt es hier: „Wild aquatic birds can be infected with avian influenza A viruses in their intestines and respiratory tract, but some species, such as ducks, may not get sick.“ Aus Amerika wurden erstmals 2015 H5N1-Nachweise bekannt, in Australien scheint A/H5N1 bislang noch nicht angekommen zu sein.

2010 bestätigte eine Studie, dass sich mit Kleinstsendern ausgestattete Spießenten im Jahr 2008 auf ihren Flugrouten zwischen Japan und dem nordasiatischen Festland in Gewässern aufhielten, auf denen infizierte Singschwäne heimisch waren. Dies wurde als Unterstützung der Hypothese interpretiert, dass Wildvögel die Viren entlang ihrer Wanderrouten verbreiten können.Noriyuki Yamaguchi et al.: Satellite-tracking of Northern Pintail Anas acuta during outbreaks of the H5N1 virus in Japan: implications for virus spread. In: Ibis. Band 152, Nr. 2, S. 262–271, doi:10.1111/j.1474-919X.2010.01010.x. Auf regionaler Ebene wurde 2020 für China berechnet, dass die Verbreitung von aviären Influenzaviren auch entlang der Handelswege von Geflügel erfolgt.Qiqi Yang, Xiang Zhao et al.: Assessing the role of live poultry trade in community-structured transmission of avian influenza in China. In: PNAS. Band 117, Nr. 11, 2020, S. 5949–5954, doi:10.1073/pnas.1906954117.Avian influenza and live poultry trade in China. Auf: eurekalert.org vom 2. März 2020.

Das Friedrich-Loeffler-Institut veröffentlichte zuletzt im Juli 2022 eine aktualisierte Risikoeinschätzung für Deutschland.FLI aktualisiert die Risikoeinschätzung zur Ausbreitung von HPAI-H5.siehe auch dpa/AFP vom 21. September 2022: Fachmann sieht „ganz neue Qualität“ bei Vogelgrippe. Das Risiko der Aus- und Weiterverbreitung der HPAI-H5-Viren in Wasservogelpopulationen im Zusammenhang mit der hohen Dichte in Brutkolonien oder eines zu erwartenden Wasservogelbesatzes an Mauser- und Sammelplätzen, vor allem aber an den Küstenregionen, wurde als hoch eingestuft. Das Risiko eines Eintrags in Geflügelhaltungen und Vogelbestände wurde in diesen Regionen als hoch, ansonsten als gering eingestuft.

Vögel Die Symptome des akuten Verlaufs einer H5N1-Infektion sind identisch mit den Symptomen, die andere Virussubtypen der Geflügelpest hervorrufen. Besonders schwer ist der Krankheitsverlauf regelmäßig bei Hausgeflügel, insbesondere bei Hühnern und Truthühnern. Als Inkubationszeit werden von der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) „maximal 21 Tage“ ausgewiesen.

Neben Zeichen allgemeiner Schwäche (Apathie, Inappetenz, stumpfes, struppiges Federkleid) treten hohes Fieber, eine erschwerte Atmung mit geöffnetem Schnabel, Ödeme (d. h. Schwellungen aufgrund Flüssigkeitsaufstauung) an Kopf, Hals, Kamm, Kehllappen, Beinen und Füßen, Blauverfärbung von Haut und Schleimhäuten, wässerig-schleimiger und grünlicher Durchfall, neurologische Störungen (sonderbare Haltung des Kopfes, Störungen der Motorik) auf. Die Legeleistung sinkt, die Eier sind dünnwandig oder schalenlos. Die Mortalität in infizierten Hausgeflügelbeständen ist sehr hoch: Der Tod tritt bei nahezu allen Tieren ein.

Wildlebende Wasservögel Influenza A-Viren sind unter wildlebenden Enten und anderen Wasservögeln weit verbreitet; diese Tiere werden daher als „natürliches Reservoir für das Virus“ bezeichnet. Charakteristisch für solche Reservoirwirte ist häufig, dass sie selbst gar nicht oder zumindest nicht schwer erkranken. Evolutionsbiologen deuten derartige Formen einer Koexistenz dahingehend, dass sich auf längere Sicht vor allem jene Virus-Varianten in der Population ihrer Reservoirwirte verbreiten, die ihre Wirte nicht töten. Wird nämlich der Wirt – zumal sehr rasch – getötet, stirbt mit ihm auch die im Wirt ansässige Viren-Population ab; größere Vermehrungschancen haben daher jene Varianten eines Virustyps, die ihren Wirt langfristig zur Vermehrung und Verbreitung nutzen (attenuierte Viren). Aber auch sie können Vektoren sein, und ihr Wanderverhalten (Vogelzug) kann zur Verbreitung beitragen.

A/H5N1 fiel in Asien zunächst dadurch auf, dass durch dieses Virus auch viele von anderen Influenza A-Viren weniger stark gefährdete Zugvögel getötet wurden. Daraufhin wurden ab Anfang 2003 in Südchina und Hongkong tausende Kot- und andere Proben von Wildvögeln auf A/H5N1 untersucht, ohne dass zunächst Viren gefunden wurden. Erst Anfang 2005 wurden H5N1-Viren bei sechs offensichtlich gesunden Wildenten am Poyang-See in der chinesischen Provinz Jiangxi nachgewiesen. Die chinesischen Forscher hatten zugleich mehr als tausend serologische Proben von Wildenten untersucht und bei drei Prozent davon Antikörper gegen A/H5N1 entdeckt, was als Anzeichen einer früheren Infektion bewertet wurde. Die Forscher vermuteten, dass einzelne Zugvögel die Viren über große Strecken verbreiten können, dass gehäufte lokale Ausbrüche hingegen auf infiziertes Nutzgeflügel zurückzuführen seien.In: Science. Band 311 vom 3. März 2006, S. 1225. Vergleichbare Ergebnisse wurden 2007 aus Europa bekannt: Forscher aus Schweden und den Niederlanden hatten in Nordeuropa über acht Jahre hinweg 37.000 frei lebende Wasservögel untersucht und bei sechs Prozent der Tiere Influenza-Viren nachweisen können, jedoch keine einzige H5N1-Infektion.laut New Scientist vom 19. Mai 2007, S. 12.

Das erste große Massensterben unter Wildvögeln war ein H5N1-Ausbruch am nordchinesischen Qinghai-See (einem Rastplatz für Zugvögel), wo 2005 zahlreiche Streifengänse verendeten.

Hausgeflügel

Eine Infektion mit A/H5N1 oder mit anderen Influenza-A-Viren kann besonders bei Hühnern und Puten, aber auch bei Fasanen, Wachteln und Perlhühnern zu schwerwiegenden Krankheitszuständen bis hin zum raschen Tod führen. Tauben sollen zwar selbst nicht sehr empfänglich für A/H5N1 sein, es wird aber befürchtet, dass sie die Erreger als mechanische Vektoren im Gefieder verbreiten. Wegen des möglichen, erheblichen wirtschaftlichen Schadens wurden auf der Grundlage nationaler Tierseuchengesetze durch diverse Verordnungen – in Deutschland zum Beispiel durch die Geflügelpest-Verordnung – Vorkehrungen für Schutzmaßnahmen nach dem Auftreten von Influenza-Infektionen getroffen.

Von welchen Wirtstieren A/H5N1 erstmals auf Zuchtgeflügel überging, ist bisher nicht bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass die Viren bereits vor ihrem ersten Hervortreten unter Hühnervögeln (im Jahr 1997 in Hongkong) unter südchinesischen Enten und Gänsen verbreitet waren. Aufgrund der raschen Reaktion der Behörden von Hongkong, die 1997 den gesamten Zuchtgeflügelbestand töten ließen, habe man damals offenbar alle für Hühnervögel gefährlichen Virusvarianten ausrotten können.

Bei den erneuten Ausbrüchen des Erregers Ende 2003/Anfang 2004 in anderen Regionen Südostasiens wurde nicht mit ähnlich drakonischen Maßnahmen reagiert, so dass sich A/H5N1 von Jahr zu Jahr weiter ausbreiten konnte. Ein Vorgehen wie in Hongkong wäre angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung, die der Geflügelzucht in anderen Regionen Südostasiens heute zukommt, kaum durchsetzbar gewesen. Thailand, Indonesien und Vietnam haben ihre Geflügelproduktion etwa von 1975 bis 2005 verachtfacht, die chinesische Produktion hat sich in den 1990er-Jahren verdreifacht. Das Hühnerfleisch stammt heute weit überwiegend aus Mastfabriken, die in der Nähe großer Städte liegen und Großunternehmen gehören; für Viren kann die Massentierhaltung gute Vermehrungsbedingungen bewirken. Auch rund um den Qinghai-See, wo 2005 erstmals ein Massensterben von Wildvögeln durch A/H5N1 nachgewiesen wurde, gibt es nach Angaben der Vogelschutzorganisation BirdLife zahlreiche Geflügelfarmen. Mit Unterstützung der FAO sei dort zudem eine Fischfarm errichtet worden, wobei der Hühnerkot aus den Geflügelfarmen als Fischfutter genutzt worden sei.