mini|hochkant=1.4|Südseite mit Eingang und Torzwinger mini|hochkant=1.4|Der Schlossinnenhof mit dem Sieberflügel (links) und dem Stammhausflügel (rechts)

Schloss Herzberg ist eine Schlossanlage in Herzberg am Harz im Landkreis Göttingen, Niedersachsen (Deutschland), die auf eine mittelalterliche Burg aus dem 11. Jahrhundert zurückgeht. Nach einem Brand im Jahr 1510 wurde die heutige Vierflügelanlage als Schloss neu aufgebaut. Sie ist mit 180 Zimmern die größte Renaissanceschlossanlage Niedersachsens, die in Fachwerkbauweise errichtet wurde. Da sie sich über 700 Jahre im Besitz der Welfen befand, wird die Anlage auch als Welfenschloss Herzberg bezeichnet.

Geographie Das Schloss liegt beherrschend auf dem nordöstlichen Sporn eines als Schlossberg bezeichneten, langgestreckten bewaldeten Bergrückens () unmittelbar westlich oberhalb des Zentrums der Stadt Herzberg am Harz. Nördlich am Schloss vorbei verläuft die Sieber. Unterhalb der Schlossanlage an der eingleisigen Bahnstrecke Herzberg–Seesen liegt der Haltepunkt Herzberg am Harz Schloss. Auf den Schlossberg führen eine Fahrstraße und ein separater Fußweg. Vor dem Torhaus gibt es einen Bus- und PKW-Parkplatz. Für Taxis und Versehrte ist die direkte Anfahrt in den Schlosshof möglich.

Das Schloss Herzberg ist die Landmarke 5 des UNESCO Global Geopark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen (Geopunkt 1).

Schlossberg An den steilen Hängen des Hirschbergs, auf dem das Schloss thront, steht der Hauptdolomit des Südharzer Zechsteingürtels an. Den Schlossberg-Sockel bildet Werra-Anhydrit. In der Umgebung zeugen sowohl Felstürme als auch Erdfälle wie etwa der Juessee davon, dass Wasser der Sieber unter den Berg versickert und den Felsuntergrund aus Dolomit und Gips stark auslaugt. Zu Beginn der letzten Eiszeit lag das Flussbett der Sieber noch wesentlich höher. Davon zeugen die verwitterten Flussschotter aus Harzgesteinen auf dem Berg.

Problematisch ist die Gesamtsituation des Bergsporns unterhalb der Fundamente des Schlosses; er ist durch die unterirdische Auslaugung und Verfrachtung von löslichem Gestein des lagernden Werra-Anhydrits und auch der Hauptdolomit-Platte destabilisiert. Das Kluftsystem, das die Dolomitschichten zergliedert, begünstigt das talwärtige Abkippen und Abrutschen von am Rande liegenden Felspartien. Zugleich gleitet die gesamte, ca. 40 m dicke und an ihrer Oberfläche nur etwa 100 m breite Felsplatte sehr langsam in Richtung der Steilhänge auseinander. Diese sogenannte Hangzerreißung wird durch eine bis zu 1 m dicke Tonlage gefördert. Rotbrauner Salzton trennt Werra-Anhydrit vom Hauptdolomit des Südharzer Zechsteingürtels.Infotafel im Schlosshof – Labiler Fels (gesehen am 28. September 2021)

Baubeschreibung mini|Die Schlossanlage und Stadt Herzberg auf einer Flurkarte von 1753 Von der ursprünglichen Burganlage stammt noch ein max. 5 m tief erhaltener Graben im Süden. Im Südosten diente ein Vorwall als zusätzlicher Schutz gegen den dahinter liegenden Bergrücken. Dieser Wall ist ca. 80 m lang, bis zu 2,5 m hoch und an der Basis bis zu 5 m breit.

Beim heutigen Schloss handelt es sich um eine geschlossene Vierflügelanlage mit rechteckigem Innenhof (40 × 58 m). Der Zugang erfolgt durch ein Torhaus mit folgendem Torzwinger und durch ein weiteres, zweigeschossiges Torhaus in der Südwestecke. Im östlich anschließenden, auch „Stammhausflügel“ genannten Südtrakt werden noch Reste der ursprünglichen Burg vermutet. Sein zweites Obergeschoss wurde 1722 erbaut oder erneuert. In diesem Flügel befindet sich auch ein Kapellenraum (heute das Café-Restaurant). Der Ostflügel („Grauer Flügel“) weist ein Erdgeschoss aus Sandsteinquadern mit Fachwerkobergeschoss auf. Sein Vorgänger wurde ca. 1860 abgetragen und auf dem alten Keller in spätklassizistischer Form 1861 wieder errichtet. Der Nordflügel („Sieberflügel“) beherbergte in seinem steinernen Erd- und den beiden Fachwerkobergeschossen ursprünglich die herzogliche Hofhaltung. Er wurde ca. 1648–1660 errichtet (heute das Amtsgericht Herzberg am Harz). Im Winkel der beiden Trakte steht der zur selben Zeit entstandene, quadratische Schloss- bzw. Uhrturm mit drei Obergeschossen aus Fachwerk. Auf der Nordwestseite des Hofes befindet sich der massive, zweistöckige Marstallflügel.

Die Dacheindeckung besteht aus roten Hohlpfannen, die Laternenhaube des Turmes aus Blei und die sechs Wasserspeier zur Hofseite des „Sieberflügels“ aus getriebenem Kupfer.

Das Museum im Schloss Herzberg ist nicht barrierefrei.

Geschichte mini|links|Schloss Herzberg als Merian-Kupferstich von 1654 (Ausschnitt) mini|Der Schlossinnenhof im Jahr 1907 mini|Wappen des Herzogtums Braunschweig über dem Schlosseingang am zweiten Torhaus mini|Fachwerkverzierungen am Schlossturm (April 2012) mini|Blick vom Schlossinneren (Torhaus) in den Torzwinger (Mai 2006)

Das Schloss Herzberg war eine der bedeutenden Residenzen unterschiedlicher Linien des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg. Nach einer sehr wahrscheinlich unkorrekten Überlieferung wurde als Vorgänger der Burg im Jahr 1029 durch einen Werner von Lutterberg hier ein Jagdhaus errichtet. Als Erbauer der Burg wird der König und spätere Kaiser Lothar III. (von Süpplingenburg) vermutet. Der erste indirekte Hinweis auf das Bestehen der Burg ist die Existenz eines Ministerialen, Luipold von Herzberg, als Zeuge in einer Urkunde von 1050. 1144 wurde auf Anordnung der Welfen durch die aus Bayern stammende Ministerialen-Familie von Göttingen das Schloss Herzberg mit der umliegenden Pflege als heimgefallenes Lehen für die Welfen in Besitz genommen, nachdem 1143 Graf Hermann von Lutterberge dort ohne Lehnserben verstorben war.Diese Aussage zum Jahr 1144 wird heute von verschiedenen Historikern in Frage gestellt. Die ältesten direkten Zeugnisse für die Burg sind zwei Urkunden Heinrichs des Löwen aus den Jahren 1156 und 1158, die auf der Burg ausgestellt worden sind. Heinrich besaß somit damals die Verfügungsgewalt über die Burg, erworben hat er die damals noch den Status einer Reichsburg besitzenden Anlage aber erst 1157 durch ein Tauschgeschäft mit Friedrich Barbarossa. Heinrich der Löwe trat im Gegenzug dafür Erbgüter seiner ersten Gemahlin Clementia von Zähringen in Schwaben an Friedrich I. ab. Seither befand sich die Anlage 708 Jahre lange ununterbrochen in der Hand der Welfen bis zum Ende des Königreichs Hannover 1866.

Nach Heinrichs Tod kam die Burg an Otto IV. und diente nach dessen Tod 1218 seiner Gemahlin Marie als Witwensitz. Diese Rolle spielte die Burg in ihrer weiteren Geschichte noch mehrmals, z. B. ab 1279 diente für die Witwe Herzog Albrechts des Großen. Zunächst wurde sie aber mit dem Beginn der welfischen Linie Braunschweig-Grubenhagen 1290 deren Residenz. Von 1384 bis 1402 war sie als Apanage im Besitz des ehemaligen Abts von Corvey, Ernst von Braunschweig-Grubenhagen. Ab 1486 residierten hier die Herzöge des Fürstentums Grubenhagen bis zu ihrem Aussterben 1596. Danach ging die Anlage an die welfische Linie Braunschweig-Lüneburg über.

Von der schweren Feuersbrunst auf der Burg 1510 ist überliefert, dass sich die Schlossherrenfamilie, Herzog Philipp I. mit Gemahlin Katharina und dem Sohn Philip, in letzter Minute vor dem rasch um sich greifenden Feuer retten konnte. Der Schildknappe und die Kammerfrau der Herzogin seien beim Brand umgekommen. Zum Dank für ihre Hilfe bei Brand und Wiederaufbau erlaubte Philipp I. den Herzberger Bürger, Schützenfeste abzuhalten, und schenkte ihnen eine Silberkette mit einem silbernen Hirsch.

Bis 1636 lebte in dem wieder aufgebauten Schloss Herzog Georg von Braunschweig und Lüneburg mit seiner Gemahlin Anna Eleonore von Hessen-Darmstadt.Alexander Dylong: Feldherr und Staatsmann im Dreißigjährigen Krieg – Georg von Calenberg Herzog zu Braunschweig-Lüneburg. MatrixMedia Verlag, Göttingen 2020, S. 18, 37, 41, 59, 64, ISBN 978-3-946891-13-0. Sein Porträt von der Buchtitelseite hängt im Rittersaal und weitere Bilder aus dem Buch sind im Museum ausgestellt. Dort wurde 1629 ihr jüngster Sohn, der spätere erste Kurfürst von Hannover, Ernst August Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, geboren. Seine Schwägerin, Herzogin Dorothea Sophie von Celle, lebte hier ab 1665 für drei Jahre als Witwe, bis sie den „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg heiratete und nach Berlin zog.

1714, in jenem Jahr als Ernst Augusts Sohn Georg I. in Personalunion König von Großbritannien und Irland wurde, wurde das Schloss Herzberg als Residenz aufgegeben und 1798 zum Kornspeicher. Bereits zuvor wurde im Schloss der Zehnt der Bauern gelagert, weshalb ein Ausbau von weiteren Räumen zu Zehntböden nahelag. Seit 1852 ist es Sitz des Amtsgerichts Herzberg. 1900 wurde im Schloss ein Museum eingerichtet. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erlitt das Schloss schwere Beschädigungen, die heute alle behoben sind. In der Nacht zum 4. April 1945 kam es unterhalb des Schlosses in der nahe gelegenen Sprengstofffabrik, wo 40.000 kg Sprengstoff und 8.000 Minen lagerten, zu einer gewaltigen Detonation. Davon wurde das Dach des Schlosses abgedeckt. Im Zuge dessen wurde auch das Museum zerstört und vermutlich geplündert. 1947 kam es zu weiteren Beschädigungen durch die Sprengung von Militärbunkern in der Nähe.

Neben dem Torhaus war in früheren Zeiten das Gefängnis untergebracht, im Torhaus selbst bis Anfang 2000 ein Jugendarrest.

2006 wurde das Schloss in Teilen saniert. Bei einer weiteren – auf 10 Jahre angelegten – Generalsanierung der Schlossanlage werden seit 2017 das Torhaus mit Torzwinger, der Uhrenturm, der Marstallflügel, der Graue Flügel und der Sieberflügel kernsaniert. Bei dieser, bis dato größten Bausanierung werden auch zwei Aufzugsanlagen im Amtsgericht (Marstallflügel und Grauer Flügel), sowie in allen vier Gebäudeteilen Brandmeldeanlagen und Notausgänge eingebaut. Als erster Bauabschnitt konnte im Dezember 2021 der Uhrenturm, der zuvor jahrelang aus Sicherheitsgründen eingerüstet war, mit Mitteln des Landes Niedersachsen fertiggestellt werden. Das Fachwerk wurde in Original-Lehmbauweise wiederhergestellt, eine Auflage des Denkmalschutzes. Im Gegensatz zum bisherigen Anblick in Braunrot, sind die Balken heute im historischen Ocker gestrichen. Ein Jahr später wurde auch der Marstallflügel fertiggestellt, hier ist zwischenzeitlich das Amtsgericht Herzberg untergebracht.

Im Sommer 2023 kamen vier Original-Gemälde aus dem Leineschloss Hannover als Dauerleihgabe der VGH Versicherungen ins Welfenschloss Herzberg; die Porträts von Herzogin Sophie und der Herzöge Ernst August, Johann Friedrich und Christian Ludwigergänzen jetzt die wertvolle Sammlung im Rittersaal.Gemälde der Welfenfürsten kehren nach Herzberg zurück. In: Harz Kurier 18. Juli 2023, S. 14

Heutige Nutzung mini|Schloss Herzberg am Harz (2009) mini|Detail am Stammhausflügel Heute beherbergt das Schloss neben dem Amtsgericht Herzberg ein kleines kulturelles Zentrum mit einem Café-Restaurant, einem Museum und dem Rittersaal, der für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird.Veranstaltungen im Rittersaal Website der Stadt Herzberg am Harz Das Museum gehört zum Kulturerbe Niedersachsen und zeigt die Geschichte der Forstwirtschaft des Harzes, die Schlossgeschichte und die Geschichte der Welfen. Weitere Ausstellungsbereiche präsentieren die Geschichte der Herzberger Gewehrmanufaktur sowie den Herzberger Orgelbauer Johann Andreas Engelhardt. Im Rahmen der Dauerausstellung kann ein Faksimile des Evangeliar Heinrichs des Löwen und ein Modell vom Herzberger SchlossDas Modell des Welfenschlosses kann im Museum besichtigt werden In: LauterNeues 5. Oktober 2021 sowie der Burg Scharzfels betrachtet werden. Seit dem Internationalen Museumstag 2017 ist im Schlossmuseum die restaurierte Welfenwiege aus dem 16. Jahrhundert zu sehen.Besucher bewundern die Welfenwiege In: Harz Kurier 22. Mai 2017