mini|Ein Kleiner Ohrwurm (Labia minor) beim Entfalten der Flügel – die Form der entfalteten Flügel erinnert an menschliche Ohren und hat die Namensgebung der Ordnung beeinflusst. Er zählt zu den kleinsten 10 % der Arten.

Ohrwürmer (Dermaptera) sind eine Ordnung der Insekten und gehören zu den Fluginsekten (Pterygota), genauer zu den Polyneoptera. Die Ordnung besteht aus mehr als 2030 Arten in 11 Familien, die auf allen Kontinenten außer Antarktika zu finden sind. Davon sind 7 im Freiland lebende Arten auch aus Deutschland bekannt, 9 aus der Schweiz, 12 aus Österreich und 13 Arten insgesamt aus dem deutschsprachigen Teil Mitteleuropas, dazu kommen weitere 6 Gewächshausarten. Aus Europa sind 64 Arten bekannt, dazu kommen noch etwa 19 Arten von den Kanaren und Madeira. Manche Arten gelten als Nützlinge, da sie unter anderem verschiedene Blattlaus-Arten fressen. Kennzeichnend für die Ordnung ist die Zange am Hinterleib, die vor allem bei den Männchen sehr unterschiedlich aussehen kann.

Namensgebung Von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein wurden die Tiere pulverisiert als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht.Vgl. auch Lambert Grassmann (Hrsg.): Volksmedizinische Rezepte im Aufschreibbüchlein eines Bina-Hafners um 1815. In: Der Storchenturm. Geschichtsblätter der Landkreise Dingolfing, Landau und Vilsbiburg. Band 14, 1979, Nr. 27, S. 126–140, hier: S. 131 (Ohrwurm-Rezept, das dem Kapitel 101 im Arzneibuch Ortolfs von Baierland entspricht). Daher stammt nach einigen Angaben auch der lateinische Name auricula (Diminutiv zu auris „Ohr“). Von diesem sind auch die Bezeichnungen earwig im Englischen und perce-oreille im Französischen abgeleitet. Anderen Angaben zufolge entstand der Name aufgrund der Form der Zangen, die einem Nadelöhr gleicht. Hinweise darauf finden sich ab dem 17. Jahrhundert, das Wort „Öhr“ selbst existierte schon in der althochdeutschen Sprache als „ōri“, Ohrwürmer selbst sind in älterer Literatur als „orenwurm“ bekannt. Weitere Deutungen der Namensherkunft gründen sich unter anderem auf ein von Goldschmieden verwendetes Instrument, mit dem Ohren durchstochen werden konnten und das der Zange von Ohrwürmern ähnelt (auch als Herleitung für das französische „perce oreille“ und das italienische „forfeccina“ möglich) und auf die Ähnlichkeit der ausgebreiteten Ohrwurm-Hinterflügel mit der Form des menschlichen Ohrs. Hier wird vermutet, dass aus dem englischen ear wing schließlich earwig wurde. Eine fünfte Erklärung vermutet den Ursprung in dem Irrglauben, Ohrwürmer würden in menschliche Ohren krabbeln. Dieser Mythos ist schon in der „Naturalis Historia“ von Plinius dem Älteren zu finden. Bis heute sind jedoch keine solchen Vorfälle bekannt, jedoch können bei im Freien auf dem Erdboden schlafenden Menschen durchaus Wirbellose Schutz in Ohren suchen.

Im deutschen Sprachraum sind die Tiere unter verschiedensten regionalen Variationen ihres Namens bekannt, z. B. Ohrenfitzler, Ohrenkneifer, Ohrenklemmer, Ohrenzwicker, Ohrenschliefer (verballhornt zu Ohrenschlüpfer), Ohrlaus, Ohrenpitscher, Ohrawusler, Ohrengrübler oder Ohrkriecher, Ohremüggel (Schweiz) oder Ohrenhöhler (Bayern).

Funktion der Zangen Ohrwürmer und ihre Zangen sind, entgegen früheren Annahmen,Vgl. auch Dimitrios Dimitriadis: Über fremde Körper, Würmer und Insekten im menschlichen Ohr und ihre Behandlung von den ältesten Zeiten bis heute. Athen 1909; Neudruck 2013. die mindestens bis ins 1. Jahrhundert zurückreichen, für Menschen vollkommen ungefährlich: die Zangen werden zur Flügelentfaltung, zur Verteidigung, für Konkurrenzkämpfe und je nach Art bei der Jagd auf kleine Insekten genutzt – nicht zum Kneifen in Ohren, wie der Name Ohrkneifer suggerieren könnte. Ohrwürmer sind überdies nicht fähig, mit ihren Zangen die menschliche Haut zu durchdringen, wenngleich sie diese leicht kneifen können. Die Männchen der Ohrwürmer benötigen ihre Zangen außerdem, um den Hinterleib der Weibchen anzuheben, wenn sie bei der Paarung ihren Penis einführen wollen. Männchen, die einen Teil der Zange oder die ganze Zange verloren haben, können sich nicht mehr paaren. Auch sind Konkurrenzkämpfe der Männchen mit ihren Zangen bekannt: manche Arten, wie Anisolabis maritima, tragen Konkurrenzkämpfe aus, bei denen der Winkel ihrer gebogenen Zangen einen Vorteil bieten kann.

Merkmale miniatur|Titanolabis colossea, mit bis zu 5 cm Länge die größten lebenden Ohrwürmer aus Australien und flügellos. mini|Anisolabella marginalis aus Japan Die Körperlänge einschließlich der Zangen beträgt meist zwischen 5 und 30 Millimetern, einige Arten können auch deutlich größer werden, beispielsweise der Riesenohrwurm (Titanolabis colossea) mit bis zu 50 mm Körperlänge, Apachyus feae mit bis zu 47 mm Körperlänge oder Forcipula congo mit bis zu 46 mm Körperlänge. Der im 21. Jahrhundert ausgestorbene St.-Helena-Riesenohrwurm (Labidura herculeana) wurde bis zu 80 mm lang. Die kleinste Art ist Eugerax poecilum mit 2,5–3,4 mm Körperlänge, gefolgt von Pseudovostox myrmecus mit 3 mm Körperlänge und Eugerax salcedoi mit 3–3,5 mm Körperlänge.

Die Vorderflügel der Ohrwürmer sind derb verhärtet und verkürzt (in Derma(to)ptera bedeutet (gr.) derma so viel wie „Leder“). Sie bedecken nur den vordersten Teil des Abdomens und werden Elytren genannt. Die häutigen Hinterflügel werden unter diesen Deckflügeln sehr kompliziert und kompakt gefaltet. Weniger als die Hälfte der Ohrwurmarten kann fliegen, viele Arten haben die Flugmuskulatur sowie die Flügel weitgehend zurückgebildet.

Die zu Zangen umgebildeten Hinterleibsfäden, die Cerci, sind bei männlichen Tieren häufig stark gebogen, während sie bei Weibchen meist gerade sind. Diese Umbildung hat ihnen auch den umgangssprachlichen Namen „Ohrenkneifer“ eingebracht. Die Zangen, auch Forceps genannt, werden zur Jagd, zur Verteidigung, als Hilfe beim Entfalten der Hinterflügel sowie bei der Begattung eingesetzt. Bei manchen Arten sind sie sehr kurz, bei anderen dagegen lang, in manchen Fällen sogar ebenso lang wie oder länger als der restliche Körper. Es existiert eine große Vielfalt verschiedener Zangenformen, die auch häufig für Artbestimmungen genutzt werden.

Die meisten Arten haben gut ausgebildete Facettenaugen. Punktaugen (Ocellen) sind aber immer reduziert. Bei adulten Ohrwürmern folgt auf den Kopf das Pronotum, dahinter sind je nach Art die Elytren mit Hinterflügeln, nur die Elytren oder der unbedeckte Meso- und Metathorax zu finden. Daran schließt sich das Abdomen an. Vor allem am zweiten und dritten Abdominaltergit befinden sich häufig dorsolateral Drüsenfalten, aus denen Wehrsekrete abgegeben werden können. Bei manchen Arten sind diese sehr groß ausgebildet, bei anderen unauffällig. Das letzte Abdominaltergit sowie das daran sitzende Pygidium zwischen den Ästen der Zange können wichtige Bestimmungsmerkmale aufweisen. Je nach Art sitzt das Pygidium auf den Hinterleibssegmenten acht, neun, zehn oder elf, oder aus zwei miteinander verschmolzenen Segmenten. Die Behaarung mit den Setae fällt je nach Art unterschiedlich aus. Die Nymphen der Ohrwürmer besitzen noch keine voll entwickelten Elytren oder Flügel, allenfalls Flügelknospen (Alae). Daher sind bei ihnen alle drei Thoraxsegmente sichtbar. Ebenso nimmt die Anzahl der Antennenglieder mit fortschreitenden Nymphenstadien zu. Auf das oft verlängerte basale Antennenglied folgen das kurze Wendeglied sowie die übrigen Antennenglieder. Die Anzahl der Antennenglieder ist ein Merkmal, das oft unterstützend zur Bestimmung der Art oder des Nymphenstadiums verwendet wird, jedoch können Antennenglieder auch abbrechen, sodass einige Individuen weniger Glieder besitzen.

Manche Familien unterscheiden sich stark von den aus Mitteleuropa bekannten Arten. Bei den Arixeniidae sind die Komplexaugen nur klein, Flügel fehlen. Eine bekannte Art ist die als Phoret an Fledermäusen lebende Arixenia esau in Malaysia. Die lebendgebärenden Arixenidae leben ausschließlich auf oder nahe bei Fledermäusen auf Malaysia und den Philippinen, bevorzugt Nacktfledermäusen. Bei den Hemimeridae sind sowohl die Komplexaugen als auch die Flügel vollständig reduziert. Alle Arten leben auf den Riesenhamsterratten (Cricetomys) in Afrika, wo sie sich wohl von Hautpilzen und -schuppen ernähren. Es konnte noch nie gezeigt werden, dass die Hemimeridae den Riesenhamsterratten schaden würden. Deshalb sind die Hemimeridae nicht als Parasiten, sondern als Mutualisten oder eventuell als Symbionten zu bezeichnen.

Verbreitung mini|Ein Männchen der Art Bormansia africana. Die zugehörige Unterfamilie Karschiellinae kommt nur im tropischen Afrika vor. Ohrwürmer finden sich auf allen Kontinenten außer Antarktika. Die meisten weniger spezialisierten Unterfamilien sind pantropisch verbreitet, wohingegen nur wenige stärker spezialisierte Unterfamilien wie die Anechurinae oder Forficulinae auch artenreicher in der Holarktis zu finden sind.

In Europa, Nordafrika und Westasien kommen insgesamt über 100 Arten vor. Am weitesten nach Norden dringen dabei Forficula auricularia, Labia minor und Forficula tomis vor. In Fennoskandinavien und Island kommen Ohrwürmer nördlich bis über den 64. Breitengrad hinaus vor, in Russland bis etwa zum 61. Breitengrad. Neben den bereits genannten Arten dringen noch Chelidurella acanthopygia, Apterygida albipennis und Labidura riparia bis nach Nordeuropa vor, andere Arten finden sich im Freiland nicht in Nordeuropa oder dem nördlichen Mittel-, West- und Osteuropa. Da geographische Isolation die Artbildung fördert, finden sich besonders viele Arten in den Gebirgen der Paläarktis oder auf Inseln, wie den Kanaren. Im Mittelmeerraum ist die Artenvielfalt generell um ein Vielfaches höher als weiter nördlich.

In Nordamerika leben etwa 30 Arten. Die nördlichsten Funde liegen hier im Süden Alaskas bei etwa 62° nördlicher Breite und in Kanada zwischen 52° und 57° nördlicher Breite (von West nach Ost abnehmend). Hier dringt nur Forficula auricularia besonders weit nach Norden vor. Die übrigen Arten finden sich nur südlich des 51. Breitengrades. Die höchste Artenvielfalt in Nordamerika findet sich in den tropischen Bereichen, z. B. in Florida.

In Ostasien kommen nur wenige Arten nördlich des 44. Breitengrades vor, z. B. Forficula tomis, Timomenus komarowi, Anechura harmandi und Anechura japonica. In den Gebirgen, Steppen und Wüsten Zentralasiens leben vergleichsweise nur wenige weitere Arten.

Auf der Südhalbkugel reichen die Vorkommen in Südamerika bis etwa zum 54. Grad südlicher Breite. Auch hier dringt Forficula auricularia weiter nach Süden vor als die anderen Arten. Im Süden von Argentinien und Chile leben noch ein paar weitere Arten, z. B. aus der Gattung Esphalmenus.

In Afrika kommen zahlreiche Arten bis nach Südafrika vor, und auch in Australien und Neuseeland leben zahlreiche Arten bis in die südlichsten Landesteile, obwohl die Artenzahl Richtung Norden stark ansteigt.

Fast 90 % der Arten finden sich in der Neotropis, Afrotropis, Orientalis sowie China und der nördlichen Australis. Da gerade in den Tropen die Artenvielfalt nur wenig erforscht ist, leben hier vermutlich noch mehr Arten als bisher bekannt.

Die meisten Ohrwürmer bevorzugen feuchte Lebensräume. Es gibt zwar auch an Trockenheit angepasste Arten, dennoch ist die Artenzahl auf jedem Kontinent in feuchten Lebensräumen deutlich höher als in trockenen. Auch werden Verstecke wie Steine, Totholz und Ähnliches benötigt, deshalb sind strukturreiche Lebensräume ebenfalls von mehr Arten besiedelt. Dementsprechend leben in Regenwäldern und Gebirgen die meisten Arten, in Steppen, Wüsten und anderem offenen Grasland dagegen nur wenige.

Vorkommen und Lebensweise