mini|hochkant=1.5|Seebad Mariendorf, 1908. Das Wohnhaus stand an der heutigen Ullsteinstraße, links neben ihm der Haupteingang. Der baumumstandene Karpfenteich liegt rechts vor dem Wohnhaus und ist verdeckt. Rechts vom Steg der Teil für Schwimmer; hinten Mitte der Sprungturm.
Das Seebad Mariendorf war ein Freibad, das von 1876 bis 1950 im heutigen Berliner Ortsteil Mariendorf existierte. Es gehörte zur Zeit seiner Errichtung zum Kreis Teltow und wurde erst 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet. 1953 wurden die Badeeinrichtungen zugunsten einer Wohnbebauung beseitigt. Es lag an der Südseite der Ullsteinstraße (Haupteingang) zwischen dem Mariendorfer Damm und der Rathausstraße, durchgehend bis zur Markgrafenstraße. Das Seebad wurde 1872 von Adolf Lewissohn gegründet, fast 30 Jahre vor dem Bau des 1906 eröffneten Teltowkanals.
Entstehung mini|Anzeige der Tempelhofer Eiswerke von Löwynsohn bei Mariendorf 1876 mini|Im Juli 1881 wird im Berliner Tageblatt über einen tödlichen Badeunfall im Seebad berichtet mini|Erwähnung der Bade- und Schwimmanstalt von Löwisson 1887 zur Eröffnung der Pferdebahnlinie zwischen Tempelhof und Mariendorf mini|Ebenfalls 1887 wurde über den Diebstahl von 80 Badehosen und sämtlicher Likörflaschen aus der Lewissohn’schen Badeanstalt berichtet miniatur|Das Wohnhaus der Lewissohns und weiter hinten der Eingang des Seebad Mariendorf von der Germelmannbrücke aus gesehen mini|hochkant|Die Reste der Steingrotte auf dem Gelände des Seniorenzentrums an der Ullsteinstraße, 2011 mini|hochkant|Der Zierteich auf dem Gelände des Seniorenzentrums an der Ullsteinstraße, 2011
An dieser Stelle, wie auch an vielen Stellen des späteren Teltowkanals, befanden sich viele Tümpel und Teiche. Im Jahr 1871 kaufte Salomon Lewissohn (geb. 5. August 1805; gest. 18. April 1876), der Vater von Adolf Lewissohn, das Grundstück vom Rittergut Tempelhof. Das Grundstück am ehemaligen Grenzweg, ab 1907 Burggrafenstraße, ab 1927 Ullsteinstraße und während der Zeit des Nationalsozialismus Zastrowstraße (bis 1949), hatte eine Größe von 9,5 Morgen, dies entspricht etwa 2,4 Hektar (rund 24.000 m²).
Adolf Lewissohn (geb. 6. Juli 1852 in der Tempelhofer Dorfstraße; gest. 14. November 1927 in Mariendorf) ließ 1872 die von seinem Vater gekauften Wiesen- und Wasserflächen von Sumpfpflanzen reinigen und ausbaggern. Er hat erheblich zur Eröffnung der Anlage beigetragen.
Um 1872 wurde ein zweigeschossiges Wohnhaus neben dem Grundstück am Grenzweg errichtet und zu einem Restaurant ausgebaut. Im Sommer 1876 wurde dann die Badeanstalt eröffnet. Die dort befindlichen Teiche wurden in den Wintermonaten zur „Eisernte“ genutzt, das heißt, es wurde Natureis auf Vorrat gehalten. Während der „Eisernte“ waren die Lewissohnschen Eiswagen eine alltägliche Erscheinung im Berliner Straßenbild. Als Höchstleistung sollen an einem Tag 500 Fuhren nach Berlin gerollt sein. Adolf Lewissohn war auch kommunalpolitisch tätig. Mehrere Jahrzehnte war er die erste Hand des Tempelhofer Bürgermeisters Friedrich Mussehl (geb. 23. November 1855 in Lychen; gest. 24. Dezember 1912 in Tempelhof).
So gelang ihm zum Beispiel der Verkauf eines großen Areals zwischen dem nördlichen Mariendorf und Südende, das sich im Besitz verschiedener Eigentümer befand, an die Imperial-Continental-Gas-Association, die 1901 darauf das Gaswerk Mariendorf errichtete. Dieses übernahm die Versorgung des südlichen Berliner Raumes und war außerdem damit bis 1912 der größte Steuerzahler Mariendorfs. Durch diese Einnahmen konnten unter anderem in der Rathaus- Ecke Kaiserstraße 1905 das Rathaus (zerstört im Zweiten Weltkrieg) und 1911 das Eckener-Gymnasium sowie Gemeindestraßen erbaut werden. Außerdem war Lewissohn behilflich beim Verkauf und der Erschließung des Geländes am Teltowkanal zur Industrieansiedlung.
Fast jedes Jahr wurden die Wasserbecken und die Parkanlagen erweitert oder umgestaltet. Es wurde eine Sportbahn angelegt, die eine Länge von 130 Meter hatte, wie es den damaligen Wettkampfbestimmungen entsprach. Ein „Riesen“-Wasserbecken wurde gebaut und mit Beton umgeben. Außerdem wurde ein 60 Meter tiefer Brunnen angelegt. Der Brunnen hatte eine elektrisch betriebene Pumpe, was zur damaligen Zeit sehr beachtlich war. Es konnte auch während des Badebetriebes Frischwasser zu- und verbrauchtes Wasser abgeführt werden. Damals hieß es in der Werbung, dies sei „die größte und schönste Badeanstalt von Groß-Berlin mit ständigem Zu- und Abfluss“.
Geschichte Das Seebad diente nicht nur dem Freizeitvergnügen, es wurde auch von Schulen und Vereinen für Schwimmunterricht und Schwimmtraining, Kurse für Rettungsschwimmer sowie Wettkampfveranstaltungen genutzt. Die Deutschen Schwimmmeisterschaften 1911 wurden im Seebad ausgetragen, am 2. Juni 1912 fanden hier Ausscheidungskämpfe für die Olympischen Sommerspiele in Stockholm statt.
Während des Ersten Weltkriegs und danach bis zum Jahr 1919 wurden das neue Wohn- und Restaurantgebäude als Kriegslazarett genutzt und durch den Bau von zusätzlichen Baracken gegenüber vom Seebad direkt am Teltowkanal konnten bei voller Belegung 400 Kranke und Verwundete versorgt werden. 800 Insassen sollen während der gesamten Zeit dort verstorben sein.
In den 1920er Jahren wurden an heißen Sommertagen täglich bis zu 4000 Badegäste gezählt. Die Restaurant- und Saalbauten mit entsprechenden Kücheneinrichtungen ermöglichten die Durchführung von Verbandsfesten mit bis zu 7000 Personen.
In den Teichen der Parkanlage waren neben riesigen Goldfischen auch bis zu 60 Jahre alte und 15 Kilogramm schwere Karpfen, einige tummelten sich auch in den Schwimmabteilungen. Auf dem Karpfenteich waren auch Enten zu Hause. Die daneben angelegte Grotte und das sogenannte „Freiwild-Aquarium“ waren eine besondere Sehenswürdigkeit im Seebad Mariendorf. Der Karpfenteich einschließlich Grotte war durch einen breiten Holzsteg von den Badebecken abgetrennt, die ihrerseits durch einen Holzsteg in Schwimmer und Nichtschwimmer unterteilt waren. Die Wände der Schwimmbecken bestanden aus Beton, der Boden aus Sand. Es gab einen hölzernen Sprungturm mit Drei-Meter-Brett und hölzerne Umkleidekabinen. Als Liegeflächen dienten Holzroste auf dem breiten Steg zum Karpfenbecken sowie eine viereckige Fläche mit strandartigem Sand an der Grundstücksgrenze zur Markgrafenstraße.
Am 14. November 1927 starb Adolf Lewissohn im 76. Lebensjahr nach langer und schwerer Krankheit. Ebenfalls im November 1927 fand in den Festräumen des Seebades die Gründungsversammlung des Mariendorfer Reichsbanners statt. Als Festredner sprach an diesem Tag der von den Nationalsozialisten später ermordete SPD-Landtagsabgeordnete Erich Kuttner. Zu dem Festakt erschienen unter anderem auch der Tempelhofer Lokalpolitiker und spätere Bürgermeister Otto Burgemeister und der ehemalige Berliner Polizeipräsident Wilhelm Richter.
Am 13. Dezember 1930 hielt der ehemalige Innenminister in Preußen und Berliner Polizeipräsident, Albert Grzesinski, eine umstrittene RedeAlbert Grzesinski Papers 1915–1937 International Institute of Social History, Amsterdam im Seebad. Er hatte 1929 politisch als Innenminister den Blutmai in Berlin zu verantworten.
Zum 60-jährigen Bestehen des Seebades wurde im Juli 1932 eine Festwoche durchgeführt. Es gab allabendlich unter anderem Rundfunkdarbietungen und Kinderfeste. Das Motto lautete „Seebad in Flammen“. Der Gründer des Seebades hat dies nicht mehr erlebt. Ihm zur Erinnerung war anlässlich seines ersten Todestages am 14. November 1928 im Privatpark der Familie ein Gedenkstein von seiner Tochter gewidmet worden. Der Verbleib des Steines ist heute unbekannt.
Nach dem Jubiläum erschien am 12. August 1932 ein Artikel in der Tempelhof-Mariendorfer Zeitung, in dem erwähnt wurde, dass auf Einladung von Helene Lewissohn (geb. 18. Juni 1874; gest. 17. April 1957), der einzigen Tochter und Erbin von Adolf Lewissohn, hundert ältere und bedürftige Frauen aus Mariendorf kostenlos mit Kaffee und Kuchen im Seebad bewirtet wurden, und dass es ihnen unmöglich war, die gespendeten Kuchenberge und Kaffeemengen zu verbrauchen. Diese hochherzige Tat hat ein bleibendes Denkmal in den Herzen der Eingeladenen geschaffen und die alten Damen dankten es ihr mit Tränen in den Augen.
Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945 Im Jahr 1933 begann der Prozess der „Arisierung“ des Seebades. Als erster Nutzer übernahm der Reichsluftschutzbund (RLB) spätestens im September 1933 Räume auf dem Seebadgrundstück und zahlte für diese als Nutzung einer Bezirksluftschutzschule im Gegensatz zu den bisherigen Nutzern (u. a. das ehemalige Polizeirevier 202) keine Miete. Ab April 1934 war ein gerichtlich bestellter Zwangsverwalter für das gesamte Grundstück tätig.
Helene Lewissohn „verkaufte“ im Juli 1934 an den Gastwirt Paul Hilgner ein rund 9300 m² großes Grundstück (den östlichen Teil) mit allen Baulichkeiten und Maschinen für 115.000 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Euro). Nach Abzug aller Verbindlichkeiten, die aufgelaufen waren, erhielt Frau Lewissohn einen Betrag von lediglich 151,25 Mark.
Hilgner wurde am 23. August 1933 in die NSDAP aufgenommen und war bis Anfang 1936 ordentliches Mitglied, als er durch ein bürokratisches Versehen nicht in der Zentralkartei registriert wurde. Das Wiederaufnahmeverfahren zog sich aber so sehr in die Länge, dass er 1937 nicht wieder aufgenommen wurde, weil mittlerweile für Freimaurer die Zugehörigkeit zur NSDAP ausgeschlossen wurde. Bis November 1932 war Hilgner Mitglied der Logenvereinigung Blücher von Wahlstadt gewesen.
Als wesentlicher Urheber für die Herabsetzung des Kaufpreises auf einen so niedrigen amtlichen Schätzpreis wird unter anderem das NSDAP-Mitglied Carl Pollesch vermutet, der seit Juli 1933 in Tempelhof Staatskommissar für das bezirkliche Finanzwesen und ab 1937 Bezirksbürgermeister war.
Die C. Lorenz AG pachtete ab 1937 den Grundstücksteil von Paul Hilgner als „Kameradschaftsheim“ und lagerte dort auch betriebliche Unterlagen des Konzerns ein.
Im Jahr 1939 wurde auch der bei Helene Lewissohn verbliebene westliche Teil mit dem Seebad am 28. Februar zwangsversteigert. Käuferin des auf 50.000 Mark taxierten Grundstücks wurde Franziska Theuerkauf, die zuvor zwei auf dem Grundstück lastende Hypotheken „mit hohem Damnum“ (also zu einem wesentlich geringeren Preis) erworben hatte. Ihr Sohn, der Kaufmann Friedrich Theuerkauf, war bereits seit April 1933 bekennendes NSDAP-Mitglied und sie bezahlte für das 12.000 m² große Grundstück mit dem Seebad 60.000 Mark. Das Gutachten eines Architekten im Jahr 1932 bezifferte den Wert noch auf 294.000 Mark.
Die C. Lorenz AG gab 1942 das Kameradschaftsheim wieder auf und die Wehrkreisverwaltung richtete dort ein Reservelazarett ein. Im Zweiten Weltkrieg diente das Seebad als Hilfskrankenhaus für das Reservelazarett 122, das heutige Wenckebach-Krankenhaus, wobei hier zusätzliche Verwundete der Abteilung für Kieferverletzte untergebracht wurden.Karl Schuchardt – Leben und Werk Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Zahnmedizin, Hamburg 2001