Boris Godunow ist eine Oper (vom Komponisten „musikalisches Volksdrama“ genannt) in vier Akten mit Prolog von Modest Mussorgski nach Motiven des gleichnamigen Dramas von Puschkin, deren Urfassung 1870 fertiggestellt wurde. Die historische Person Boris Godunow war russischer Zar von 1598 bis 1605. Er gilt in der monarchistischen Geschichtsperspektive als Usurpator, war allerdings von der damaligen Volksvertretung Semski Sobor gewählt worden.
Entstehung und Aufführungsgeschichte Das Libretto verfasste der Komponist selbst nach dem Drama Boris Godunow von Alexander Puschkin. Weitere Quellen Mussorgskis sind die Geschichte des Russischen Imperiums von Nikolai Karamsin (1816–1829), das bereits Puschkin zur Grundlage seiner Dramatischen Chronik (1825) gedient hatte, außerdem Iwan Chudjakows Das mittelalterliche Rußland (1867).
1868 bis 1870 entstand eine erste Fassung („Urfassung“). Die zweite, bekanntere Fassung ist von 1872. Die Urfassung gab P. Lamm 1928 als Notendruck heraus. Das Fehlen einer großen Frauenrolle drohte jedoch die Verbreitung dieser ursprünglichen Version zu verhindern, so dass mit Einführung der Marina auch weitere Bilder hinzu komponiert wurden. Diese Fassung von 1872 wurde am im Mariinski-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführt (Besetzung: Warlaam – Afanasajewitsch Petrow; Marina – Julia F. Platonowa). Die Inszenierung fand 25 Wiederholungen, bevor sie aus offenbar politischen Gründen abgesetzt wurde: Nach dem Attentat auf Zar Alexander II. „verschärfte sich die innenpolitische Situation“, und die Handlung wirkte nun zu aktuell und brisant. Außerdem prägten Kritiker des „mächtigen Häufleins“ die „veröffentlichte Meinung“ entgegen den Ansichten des Publikums.Erik Fischer: Boris Godunow. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 4: Werke. Massine – Piccinni. Piper, München/Zürich 1991, ISBN 3-492-02414-9, S. 365–375
Unter Eduard Naprawnik (russischer Dirigent und Komponist, 1839–1916) wurden das „Schenkenbild“ und die beiden „Polen-Bilder“, die Mussorgski im Jahr zuvor komponiert hatte, bereits am 17. Februar 1873 an der Hofoper St. Petersburg aufgeführt. Bei seinem Tod 1881 hinterließ Mussorgski mehrere noch nicht instrumentierte Szenen.
Weitere Aufführungen:
in Moskau, Bolschoi in St. Petersburg, Großer Saal des Konservatoriums (Erste Bearbeitung von Nikolai Rimski-Korsakow) in Moskau, Operngesellschaft Mamontow (mit Fjodor Iwanowitsch Schaljapin) 19. Mai 1908 in Paris, Grand Opéra; italienische Erstaufführung 1909 (Mailand, Scala) – (beide in der Zweiten Bearbeitung von Rimski-Korsakow) 23. Oktober 1913 deutsche Erstaufführung in Breslau (deutsche Textfassung Max Lippold) 5. März 1929 in Moskau, Staatliches Operntheater K.S. Stanislawski (Fassung von 1869) 26. Februar 1932 deutsche Erstaufführung der Urfassung (konzertant) Funk-Stunde Berlin (deutsche Textfassung Max Hube)Vorwärts, 25. Februar 1932, S. 3 (online) 22. Januar 1936 deutsche Erstaufführung der Urfassung (szenisch) Hamburgische Staatsoper (deutsche Textfassung H. Möller) 4. November 1959 in Leningrad, Kirow-Theater (Fassung von Dmitri Schostakowitsch mit dessen Instrumentierung von bei Mussorgski fehlenden Teilen)
Besetzung, Orchester und Partitur Orchester Fassung Rimski-Korsakow Holzbläser: drei Flöten (3. auch Piccolo), zwei Oboen (2. auch Englischhorn), drei Klarinetten (3. auch Bassklarinette), zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, drei Trompeten (3. = tiefe Trompete in F, „Tromba alta“), drei Posaunen, Basstuba Pauken, Schlagzeug, Glocken Harfe Klavier Streicher Bühnenmusik: Trompete, Glocken, Tamtam
Auch wenn die Fassung von Nikolai Rimski-Korsakow heute sehr umstritten ist; ohne diese Bearbeitung wäre das Werk niemals bekannt geworden. Sie blieb bis weit ins 20. Jahrhundert die meistgespielte Fassung.
Rimski-Korsakow war ein viel beschäftigter Komponist und Lehrer, aber trotzdem nahm er sich die Zeit, das Werk eines früh und tragisch verstorbenen Freundes zu bearbeiten. Allein die Schreibarbeit bei einer fast vierstündigen Oper, das Anfertigen eines Klavierauszuges – was seine Frau übernahm – und die Korrekturen bei der Drucklegung, sind erhebliche Mühen, die er auf sich nahm, um einem Jugendfreund einen posthumen Liebesdienst zu erweisen. Trotzdem war er ehrlich und gab gegen Ende seines Lebens zu, dass man vielleicht eines Tages wieder die originale Fassung spielen werde.
Seine Wirkung verfehlt das Werk auch heute in dieser umstrittenen Fassung nie; und noch dazu stimmen bei seiner Ausgabe Partitur, Klavierauszug, Chor- und Orchesterstimmen immer genau überein. Das Orchester ist nur etwa so groß wie das von Verdi, der Orchestersatz ist so sicher gearbeitet, dass auch bei durchschnittlichen Orchestern, mit den wenigen Bühnen-Orchester-Proben, die im Opernalltag möglich sind, das Ergebnis – ohne lästige Einrichtung des Aufführungsmaterials – immer solide und wirkungsvoll ist. Diese – eher technischen – Gründe haben dazu geführt, dass dann doch Rimski-Korsakow gespielt wurde, weil einfach wenig Zeit war, sich mit einer spröden Original-Partitur eingehend zu beschäftigen.
Die deutlich sprödere „Originale (Ur)-Fassung“ hat ihre Lebensfähigkeit jedoch schon lange eindeutig bewiesen, aber hier wurden – und werden notgedrungen – gelegentlich doch kleinere Retuschen im Orchestersatz vorgenommen. (Eine Reihe von Einrichtungen des originalen Orchestersatzes sind bekannt geworden; Karol Rathaus schuf eine davon für die Metropolitan Opera). Auch sind die verschiedenen Urtext-Ausgaben (Pawel Lamm, David Lloyd-Jones und andere) nicht wirklich untereinander kompatibel. Man gibt der (Ur)-Fassung heute trotzdem den Vorzug.
Die Partitur der Lamm-Fassung war in der jungen Sowjetunion nur in einer winzigen Auflage gedruckt worden und kaum zugänglich. Lloyd-Jones stimmt zwar oft mit Lamm überein, aber viele Details sind trotzdem etwas anders. Das Orchestermaterial und auch die Klavierauszüge ist eher durchschnittlich in der Qualität, was auch auf die schwierige Situation in Russland um 1928 zurückzuführen ist. Auch gab Lamm zusätzlich die zugrundeliegenden Klavierauszüge auf Russisch und Deutsch heraus und auch die Urformen einzelner Szenen (er nannte diese „Erste Redaktion“). Oft wurden nach 1945 Reprints des Verlages Kalmus/U.S.A. verwendet, weil nur diese in ausreichender Anzahl zu bekommen waren. (Lamm druckte die russischen Texte bereits in der reformierten Orthografie von 1917 und schrieb auch das Wort Gott (Бог) mit kleinen Buchstaben als (бог), was damals von der kommunistischen Doktrin so gefordert wurde.)
Während Lamm in Einzelfällen Fassungen vermischte – was bei der Fülle der vorliegenden ad hoc ergänzten Varianten im Laufe der Aufführungen nicht verwunderlich ist – bemühten sich andere Herausgeber, „reine“ Fassungen anzubieten. Auch Mussorgski musste – wie Bruckner – Teile des Orchestersatzes leider an die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Orchesters anpassen und vereinfachte z. B. eine Passage mit vielen punktierten Noten in einfache, glatte Sechzehntel. Lamm übernahm hier wieder die interessantere Frühform. (Lamm handelte hier ähnlich wie sein Zeitgenosse Robert Haas bei Bruckner.)
Auch sind die Übersetzungen oft grundverschieden und wurden und werden notgedrungen vermischt. Die Originalsprache ist heute oft zu hören, aber noch Rafael Kubelík – obwohl er als Slawe Russisch verstand – wählte in den 60er Jahren in München bewusst eine deutsche Übersetzung, weil er der entschiedenen Meinung war, dass das Publikum den Text unbedingt verstehen müsse.
Fassung Schostakowitsch Holzbläser: drei Flöten (3. auch Piccolo), zwei Oboen, Englischhorn, drei Klarinetten (3. auch Es-Klarinette), Bassklarinette, drei Fagotte (3. auch Kontrafagott) Blechbläser: vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Basstuba Pauken, Schlagzeug: Glocken, Glockenspiel Harfe Klavier, Celesta Streicher Bühnenmusik: vier Trompeten, zwei Cornets à pistons, vier Hörner (Althörner in Es der Militärmusik), zwei Tenorhörner, zwei Baritonhörner, zwei Basstuben, Balalaika und Domra ad lib.
Hier stimmen Partitur, Stimmen und Klavierauszug stets überein. Der deutsche Klavierauszug (Henschelverlag/Berlin-Ost) wurde auch gerne bei Aufführungen der Urfassung zusätzlich verwendet, weil er gut geraten ist. Diese Fassung basiert auf den Ausgaben von Lamm, und Schostakowitsch hat nur sehr wenige kompositorische Veränderungen daran vorgenommen. Sinnvoll sind seine Kürzungen im „Polenakt“, der letztendlich doch oft wie ein Fremdkörper im ursprünglichen Werk wirkt. Auch übernahm er viel von Rimski-Korsakows Instrumentation. („Ich erfand keine Fahrräder“, pflegte er zu sagen.)
Bis heute ist jedoch keine wirklich gelungene CD-Aufnahme dieser Fassung erhältlich. Es existieren einige Live-Mitschnitte. Trotz ihrer hohen Qualität wird sie relativ selten gespielt.
Partitur Durchkomponierte Szenenfolge
Verlage
Fassung 1869 und 1872/74: Oxford University Press, London (hrsg. von David Lloyd-Jones) Bearbeitungen von Rimski-Korsakow: Muzgiz, Moskau; Breitkopf & Härtel, Wiesbaden Bearbeitung von Schostakowitsch: Sikorski Musikverlage, Hamburg
Inhalt Prolog Erstes Bild
miniatur|440px|Anfangsmelodie des Prologs
Das Werk beginnt mit einer viermal wiederholten viereinhalbtaktigen Melodie in Form einer schlichten russischen Volksweise. Sie umfasst mit einer Septime einen relativ kleinen Tonumfang und wirkt durch ihre engen Intervalle (größtes Intervall ist eine Quarte) und den Mollcharakter „slawisch“ und etwas bedrückt.Kurt Pahlen: Modest Mussorgskij – Boris Godunov. Atlantis Musikbuchverlag, 1997, S. 10 Sie wird zuerst unisono von Fagott und Englisch Horn, dann von Klarinette und Horn mit einer Pizzicato-Streicherbegleitung in Achteln und schließlich im Bass in der Quinte zu Sechzehntelfiguren der Oboe präsentiert. Mit der letzten Wiederholung gewinnt die nun im Bass liegende oktavierte und voller orchestrierte Melodie einen zunehmend bedrohlichen Charakter.
Sieben Takte leiten zum Beginn der Handlung über. Hier erscheint zuerst folgendes in der Forschung als „Unterdrückungs/Gewalt-Motiv“ bezeichnete und im Verlauf des Werkes wiederholt auftretende motorische Motiv.Caryl Emerson, Robert Oldani: Modest Musorgsky and Boris Godunov: Myths, Realities, Reconsiderations. Cambridge University Press, 1994, S. 232
Der Vogt Nikitsch nötigt in Form eines durch die Streicher im Tremolo Vibrato begleiteten Rezitativs die sich vor dem Kloster aufhaltende Menge, Bittgesänge anzustimmen, um den unentschlossenen Boris dazu zu bewegen, die Zarenkrone anzunehmen. Das Volk beginnt – wie so oft im Werk – mit einem nicht ganz freiwilligen Lobpreis auf den zukünftigen Zaren.Beiheft der Stuttgarter Staatsoper zur Aufführung des Boris Godunow. Spielzeit 1996/97, Heft 33, Seite 9 Die Aufforderung Nikitschs wird von einem abwechselnd unisono und vierstimmig agierenden Chor im Stil russischer Volksmusik, inklusive Einwürfen einzelner Personen des Volkes, beantwortet.Kurt Pahlen: Modest Mussorgskij – Boris Godunov. Atlantis Musikbuch-verlag, 1997, S. 12 ff. Durch die Verwendung von Kirchentonarten, den vermehrten Einsatz von Chromatik sowie die realistische Darstellung des Volkes und seiner Reaktionen fällt der Chor aus dem zeitgenössischen Rahmen damals in Russland beliebter ausländischer Opern (z. B. Giuseppe Verdis), aber auch der Romantik eines Tschaikowski oder Rubinstein und verweist bereits auf spätere Entwicklungen wie den Naturalismus oder Verismus.Kurt Pahlen: Modest Mussorgskij – Boris Godunov. Atlantis Musikbuch-verlag, 1997, S. 14 Der Sekretär der Duma, Schtschelkalow, fordert die Menge in einem melodiösen Rezitativ erneut auf, Boris zu unterstützen und für ihn zu beten. Ihm antwortet ein primär mit Streichern instrumentierter, weicher „Chor der Pilger“, der sich im weiteren Verlauf zu einer voll orchestrierten Hymne steigert. Das dem Volk abverlangte obrigkeitsorientierte Staatsverständnis spiegelt dabei folgender Textausschnitt:
Zweites Bild