Medaillenspiegel Platz Land G S B Ges. 1 80 69 46 195 2 47 37 42 126 3 8 16 17 41 4 8 7 5 20 5 rand|18px Italien 8 3 4 15 6 7 10 15 32 7 6 6 13 25 8 rand|18px Frankreich 6 5 3 14 9 rand|18px Großbritannien 5 7 9 21 10 3 14 15 32 … … … … … … 19 rand|18px SchweizDer Olympia-Boykott von 1980: «Pilgerfahrt nach Moskau – njet!» In: Neue Zürcher Zeitung. 19. Juli 2021. 2 – – 2 21 1 2 1 4 Vollständiger Medaillenspiegel

Die Olympischen Sommerspiele 1980 (offiziell Spiele der XXII. Olympiade genannt) fanden vom 19. Juli bis zum 3. August 1980 in Moskau (UdSSR) statt. Sie waren nach den Sommerspielen von Montreal vier Jahre zuvor die zweiten Boykottspiele. Die Eröffnungsfeier und Abschlussfeiern wurden im Zentralen Leninstadion abgehalten. Während die sowjetische Hauptstadt Schauplatz der meisten olympischen Wettbewerbe war, fand das Fußballturnier neben Moskau auch in Leningrad, Kiew (Ukrainische SSR) und Minsk (Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik) statt, die Segelwettbewerbe wurden nach Tallinn in die Estnische SSR ausgelagert.

Die Mannschaften der UdSSR und der DDR, die bereits in Montreal die Medaillenwertung anführten, dominierten einen Großteil der Wettbewerbe und gewannen mehr als die Hälfte aller vergebenen Medaillen. Erfolgreichster Sportler war der sowjetische Turner Alexander Ditjatin, der acht Medaillen gewann, darunter dreimal Gold, viermal Silber und einmal Bronze. Bei den Damen war die Schwimmerin Caren Metschuck aus der DDR mit drei Gold- und einer Silbermedaille am erfolgreichsten.

Vorgeschichte Bewerbung Moskau unternahm 1970 den ersten Versuch, sich für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1976 zu bewerben. Es argumentierte dabei mit dem „moralischen Recht“, als Hauptstadt des größten Staates der Erde und einer der sportlich erfolgreichsten Nationen die Spiele ausrichten zu dürfen. Trotzdem unterlag die Stadt bei der Abstimmung in Amsterdam im zweiten Durchgang Montreal mit 28:41 Stimmen.Kluge, S. 667.

Bereits ein Jahr später wurde eine erneute Kandidatur angekündigt. Einziger Gegenkandidat war Los Angeles. Da mit Lake Placid nur ein Kandidat seine Bewerbung für die Winterspiele 1980 abgegeben und Denver die Ausrichtung der Winterspiele 1976 zurückgegeben hatte, ging Moskau als Favorit in die Abstimmung, die bei der 75. IOC-Session am 23. Oktober 1974 im Rathaus in Wien stattfand. Man vermutete, die Delegierten würden nach den Winterspielen die Sommerspiele im gleichen Jahr nicht erneut in eine amerikanische Stadt vergeben. Wie erwartet gewann Moskau, welches in der Volkshalle des Wiener Rathauses zusammen mit dem Gegenkandidaten Los Angeles und dem Kandidaten für die Winterspiele, Lake Placid, sich in einer Ausstellung präsentierte, die Abstimmung klar.

Ergebnis des Wahlgangs: Ort Land Wahlgang Moskau 39 Los Angeles 20

Boykott

mini|hochkant=2|Übersicht über Olympiaboykott Seit dem Fernbleiben der Mannschaften der Niederlande, Spaniens und der Schweiz von den Olympischen Spielen 1956 als Antwort auf die im gleichen Jahr erfolgte Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes durch die Sowjetarmee galt der Boykott von sportlichen Großveranstaltungen als legitimes Mittel, um politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Im anhaltenden Ost-West-Konflikt bedienten sich fortan auch die Westmächte und die Ostblockstaaten dieses Mittels. So hatten die USA und Kanada ebenfalls aus Protest gegen die sowjetische Einmischung in Ungarn auf eine Teilnahme an der Eishockey-Weltmeisterschaft 1957 in Moskau verzichtet, im Gegenzug boykottierten die Ostblockländer Sportveranstaltungen in den NATO-Staaten, wenn Mannschaften aus der DDR dabei die Einreise verweigert worden war oder Uneinigkeit über den politischen Status der Gastgeber herrschte (z. B. Südkorea oder West-Berlin).

Auch im Vorfeld der Festlegung des Austragungsortes für die Olympischen Sommerspiele 1980 gab es in den Vereinigten Staaten bereits vereinzelte Stimmen, eine mögliche Vergabe nach Moskau an Bedingungen zu knüpfen. Nach der Wahl Moskaus mehrten sich die Stimmen, eine Teilnahme US-amerikanischer Sportler von der Frage der Behandlung der Regimegegner in der Sowjetunion abhängig zu machen, was durch den offenen Boykottaufruf des sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowski unterstützt wurde. Die westlichen Staaten sahen hier ein wirksames Druckmittel gegen den politischen Gegner, da man auf das sowjetische Interesse spekulierte, seine ersten Spiele schon aus Prestigegründen ungestört ablaufen zu lassen. Zudem wurde auch der ökonomische Schaden einkalkuliert, der allein durch ein US-amerikanisches Fernbleiben verursacht werden würde. Der Schweizer Historiker Jérôme Gygax wies nach, dass bereits 1978 Überlegungen der US-Regierung bestanden, den Spielen von Moskau fernzubleiben und auf diese Weise eine internationale Debatte über Menschenrechte in der Sowjetunion einzuleiten. Als treibende Kraft hinter diesen Bemühungen stand Gygax’ Forschungsarbeit zufolge Zbigniew Brzeziński, damals Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. In den USA wurde als Grund für einen möglichen Boykott auch die Nichtakkreditierung der ehemals vom CIA mitfinanzierten und mittlerweile von der Administration Carter zu Regierungssendern erklärten Radio Free Europe und Radio Liberty diskutiert, denen bereits bei den vergangenen Winterspielen von Innsbruck vom IOC die Zulassung verweigert worden war, weil sie nicht den IOC-Regeln entsprachen. Ähnlich verhielt es sich mit der sowjetischen Visaverweigerung für Israel aufgrund von dessen Sportbeziehungen zu Südafrika.

Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan ab Dezember 1979 verkündete US-Präsident Jimmy Carter im Januar 1980 als Reaktion darauf einen Strafenkatalog, in dem neben verschiedenen Embargos ein Olympiaboykott das erste Mal öffentlich erwogen wurde.Kluge, S. 665. Nachdem das IOC in einer Pressemitteilung eine „Änderung des Schauplatzes der Olympischen Spiele“ strikt abgelehnt hatte, drohte Carter bei unveränderter sowjetischer Haltung einen weltweiten Teilnahmeboykott an, bei dem er gleichzeitig von den US-amerikanischen Bündnispartnern Solidarität einforderte. Während die Regierungen Großbritanniens und Kanada ihre volle Unterstützung zusagten, verständigten sich auch die Außenminister von 36 islamischen Ländern auf einen Boykott der Spiele. Zudem reiste der ehemalige Boxweltmeister Muhammad Ali im Auftrag Carters nach Afrika, um dort weitere Staaten für dieses Vorhaben zu gewinnen. Dagegen ordnete die sowjetische Parteiführung eine Kampagne an, bei der die Botschaften sowie alle staatlichen Organisation mit Beziehungen ins Ausland besonders in Dritte-Welt-Staaten für die Teilnahme an den Olympischen Spielen zu werben hatten.Protokoll des Sekretariats des Zentralkomitees der KPdSU vom 5. Februar 1980 Kopie in: Bukovsky Archives

Im Februar 1980 erklärte das IOC auf seiner 82. IOC-Session in Lake Placid einstimmig, dass nur die NOK der einzelnen Staaten dazu bevollmächtigt sind, die Einladung zu den Olympischen Spielen anzunehmen oder abzulehnen. Diesem Beschluss ging die Forderung von US-Außenminister Cyrus Vance voraus, der an gleicher Stätte das IOC während seiner Eröffnungsrede aufgefordert hatte, Moskau wegen der Invasion in Afghanistan die Olympischen Spiele zu entziehen. Da die Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid ausgetragen wurden, forderten die USA den Boykott erst offensiv, nachdem diese bereits beendet waren, um negative Konsequenzen für die eigenen Spiele auszuschließen. Das US-amerikanische Nationale Olympische Komitee USOC stimmte daraufhin am 12. April entgegen dem Willen der Mehrzahl seiner Athleten für einen Boykott, nachdem die US-Regierung zuvor steuerliche Sanktionen für den Fall eines gegenteiligen Beschlusses angedroht hatte. Auch das NOK für Deutschland kam der Empfehlung der bundesdeutschen Regierung nach und stimmte auf seiner Mitgliederversammlung am 15. Mai 1980 – nach heftigen Debatten mit 59:40 Stimmen – ebenfalls für ein Fernbleiben von den Spielen. Der Großteil der westeuropäischen NOK widersetzte sich hingegen den Empfehlungen seiner Regierungen und vereinbarte eine differenzierte Form des Protests, wie der Nichtteilnahme an den olympischen Zeremonien oder dem Antreten unter der Olympiafahne anstatt der eigenen Nationalflagge. Bis auf einige Militärangehörige, denen von Regierungsseite die Teilnahme an den Moskauer Spielen untersagt wurde, überließ man dabei die Entscheidung über die Entsendung der Athleten den jeweiligen nationalen Sportverbänden. Während die Reitsportverbände geschlossen dem Boykottaufruf des US-Präsidenten Carter Folge leisteten, um den Vorsitzenden nicht zu diskreditieren, da der Duke of Edinburgh als Gatte des britischen Staatsoberhauptes der Regierung zu folgen hat, orientierten sich in der Regel die übrigen Sportverbände an der NOK-Vereinbarung.Kluge, S. 671 ff.

Weltweit schlossen sich insgesamt 42 NOK dem Olympiaboykott an, der Großteil davon Dritte-Welt-Länder bzw. islamisch geprägte Staaten. Weitere 24 NOK verzichteten aus finanziellen oder sportlichen Gründen auf eine Teilnahme bzw. ließen die Einladung unbeantwortet.Kluge, S. 677.

Folgen des Boykotts Neben den finanziellen Einbußen für die sowjetischen Gastgeber aufgrund des ausgebliebenen US-amerikanischen Olympiatourismus und der weggefallenen westlichen TV-Übertragungsrechte war auch der US-amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC ein direkter Schaden in dreistelliger Millionenhöhe entstanden, vorrangig durch ausgebliebene Werbeeinnahmen. Des Weiteren erlitten in Westeuropa und den USA zahlreiche kleinere und mittlere Unternehmen Verluste, die in das Geschäft von olympischen Lizenzprodukten investiert hatten.

Die von einigen erhoffte Signalwirkung des Boykotts auf die Politik blieb hingegen aus. Der zum Anlass genommene Einmarsch der sowjetischen Streitkräfte in Afghanistan wurde unvermindert fortgesetzt, wobei sich die Truppenstärke in den nächsten acht Jahren von 85.000 auf etwa 115.000 Soldaten noch vergrößerte. Darüber hinaus bemühte sich der Westen, das „politische Tauwetter“ der letzten Jahre nicht zu gefährden, und so nahmen die Vereinigten Staaten noch im Mai 1980, zwei Monate vor Beginn der Olympischen Spiele, wieder Kontakte mit der UdSSR auf. Auch von bundesdeutscher Seite gab es keinerlei Interesse, die vor Jahren eingeleitete westdeutsch-sowjetische Annäherung aufs Spiel zu setzen. So hatte noch drei Wochen vor Eröffnung der Spiele Bundeskanzler Helmut Schmidt der sowjetischen Führung um Leonid Breschnew einen zweitägigen Besuch abgestattet, bei dem neue Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR vertraglich vereinbart worden waren.

Die bis dahin ignorierten Befürchtungen eines sowjetischen Gegenboykotts für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles sollten sich hingegen vier Jahre später bewahrheiten.

Organisation Die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in Moskau wurden von höchster Stelle in der Staats- und Parteiführung unterstützt. Als Präsident des Organisationskomitees wurde mit Ignati Nowikow ein Experte für Bauwesen und Energieversorgung und früherer Weggefährte von Leonid Breschnew ernannt.

Die Finanzierung der Spiele beruhte auf drei Säulen. Etwa die Hälfte der Einnahmen wurde durch eine Olympia-Lotterie erzielt, die neben der Sowjetunion auch in anderen sozialistischen Ländern abgehalten wurde. Eine weitere Geldquelle waren Lizenzgebühren für verschiedene Artikel und Übertragungsrechte, davon auch für die geschickte Vermarktung des Maskottchens Mischka, das auch in den westlichen Ländern enorme Popularität während der Spiele erlangte. Als dritte Säule zur Finanzierung diente ein Münzprogramm, das aus 45 Gedenkmünzen mit olympischen Motiven aus Platin (150 Rubel), Gold (100 Rubel), Silber (5 und 10 Rubel) und Kupfernickel (1 Rubel) bestand und allein zu 45 Prozent in Westeuropa verkauft wurde.

mini|links|hochkant|Maskottchen „Mischka“ in Kiew (2010)