mini|Siegel Arnolfs: links um 890, rechts um 896

Arnolf von Kärnten (auch Arnulf, Arnold; * um 850; † 8. Dezember 899 in Regensburg) aus dem Adelsgeschlecht der Karolinger war ab 887 König des Ostfrankenreiches und von 896 bis 899 römischer Kaiser.

Arnolfs Vorgänger Karl III. („der Dicke“) vereinte für kurze Zeit alle drei Teilreiche und damit das Reich Karls des Großen unter seiner Herrschaft. Angesichts der sich abzeichnenden Regierungsunfähigkeit Karls konnte ihn Arnolf mit Hilfe der Bayern, Franken, Sachsen, Thüringer und Alemannen stürzen und selbst die Königswürde übernehmen. Arnolf beschränkte sich auf das Ostreich seines Großvaters, Ludwigs des Deutschen, während in den übrigen Teilen des Frankenreiches andere Große die Königswürde beanspruchten. Ab 888 konnte Arnolf seine Herrschaft über Lothringen wie auch Reichsitalien festigen. Mit seinem Sieg an der Dijle bei Löwen 891 fanden die Normannenüberfälle auf das Ostfrankenreich ein Ende. Die dadurch im Norden erreichte Stabilität förderte den Aufstieg der Liudolfinger, die wenige Jahrzehnte später die Königsfamilie im Reich stellten. Arnolfs Pakt mit den Ungarn, die im 10. Jahrhundert zur größten Bedrohung für das Ostfrankenreich werden sollten, verdüsterte sein Bild in der Nachwelt. In Rom ließ sich Arnolf 896 zum Kaiser krönen. Zu seiner Zeit erreichte Regensburg den Höhepunkt seiner Bedeutung als Herrschaftszentrum im Ostfrankenreich.

Leben Herkunft mini|Stammtafel der Karolinger aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Ekkehard von Aura, Chronicon universale, Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 295, fol. 80v

Arnolf entstammte dem Geschlecht der Karolinger, die seit 751 die fränkische Königswürde innehatten. Er war ein außerehelicher Sohn des ostfränkischen Königs Karlmann mit einer Adligen namens Liutswind, deren Herkunft ungewiss ist. Damit war er ein Ururenkel Karls des Großen und Enkel Ludwigs des Deutschen. Seine Mutter ist bei Regino von Prüm und Notker I. als „nobilissima femina“ (hochedle Frau) bezeugt, was in der Forschung zu einer Einordnung bei den Luitpoldingern geführt hat.Gerd Althoff: Amicitiae und Pacta. Bündnis, Einung, Politik und Gebetsgedenken im beginnenden 10. Jahrhundert. Hannover 1992, S. 329. Heinz Dopsch: Arnolf und der Südosten – Karantinien, Mähren, Ungarn. In: Franz Fuchs, Peter Schmid (Hrsg.): Kaiser Arnolf. Das ostfränkische Reich am Ende des 9. Jahrhunderts. Regensburger Kolloquium 9.–11.12.1999. München 2002, S. 143–186, hier: S. 150. Man hat sie aber auch den Ebersbergern und Sighardingern zugeordnet.Michael Mitterauer: Karolingische Markgrafen im Südosten. Fränkische Reichsaristokratie und bayerischer Stammesadel im österreichischen Raum. Graz u. a. 1963, S. 218. Später wandte sich Karlmann von Liutswind ab; vor 861 heiratete er eine namentlich unbekannte Tochter des Markgrafen Ernst. Diese Ehe blieb kinderlos.Brigitte Kasten: Königssöhne und Königsherrschaft. Untersuchungen zur Teilhabe am Reich in der Merowinger- und Karolingerzeit. Hannover 1997, S. 509–514.

Nach Brigitte Kasten war eine uneheliche Abkunft in der Karolingerzeit nicht von Nachteil und kein Ausschlusskriterium für die Königsherrschaft. Das „Rechtsargument der Illegitimität“ sei bei der Herrschaftsnachfolge „weniger eine Generationen übergreifende Normbildung als in erster Linie eine variabel gehandhabte Strategie des Machterhalts“ gewesen.Brigitte Kasten: Chancen und Schicksale „unehelicher“ Karolinger im 9. Jahrhundert. In: Franz Fuchs, Peter Schmid (Hrsg.): Kaiser Arnolf. Das ostfränkische Reich am Ende des 9. Jahrhunderts. Regensburger Kolloquium 9.–11.12.1999. München 2002, S. 17–52, hier: S. 52. Nach einer neueren Forschungsmeinung beruhte die monarchische Autorität eines unehelich geborenen Herrschers weniger auf seiner väterlichen Abstammung als auf seiner Fähigkeit, sich in die Adelsgesellschaft zu integrieren.Geoffrey Koziol: The Politics of Memory and Identity in Carolingian Royal Diplomas. The West Frankish Kingdom (840–987). Turnhout 2012. Bei den Geschichtsschreibern trat Arnolfs uneheliche Geburt in den Hintergrund.Matthias Becher: Arnulf von Kärnten – Name und Abstammung eines (illegitimen?) Karolingers. In: Uwe Ludwig (Hrsg.): Nomen et Fraternitas. Festschrift für Dieter Geuenich zum 65. Geburtstag. Berlin 2008, S. 665–682, hier: S. 670. Dagegen versucht Matthias Becher nachzuweisen, dass Arnolf ehelich geboren war. Er vermutet, „dass Arnulf vielleicht nur zu einem Zeitpunkt geboren wurde, zu dem Ludwig der Deutsche als Vater Karlmanns dessen Ehe mit der Tochter des aufständischen Markgrafen Ernst nicht anerkannt hatte – vielleicht auch nur rückwirkend“.Matthias Becher: Arnulf von Kärnten – Name und Abstammung eines (illegitimen?) Karolingers. In: Uwe Ludwig und Thomas Schilp (Hrsg.): Nomen et Fraternitas. Festschrift für Dieter Geuenich zum 65. Geburtstag. Berlin 2008, S. 665–682, hier: S. 678.

Ludwig der Deutsche schickte 856 seinen Sohn Karlmann in die bairischen Marken, um diese wichtige Region unter seine Kontrolle zu bringen. Karlmann betrieb jedoch eine so eigenständige Politik, dass Ludwig dies als Aufstand auffasste. Eigenmächtig schloss Karlmann 858 Frieden mit dem von den Ostfranken seit Jahren bekämpften Rastislav von Mähren. Die folgenden Jahre waren von Rebellion und Ausgleich zwischen Vater und Sohn geprägt. Erst 865 söhnte sich Ludwig dauerhaft mit Karlmann aus. Nach Ludwigs Tod erhielt Karlmann 876 Bayern, Pannonien und Karantanien sowie die Reiche der Slawen, worauf er vermutlich im selben Jahr seinem Sohn Arnolf einen Herrschaftsraum in Karantanien und Pannonien zuwies. Ein wichtiges Herrschaftszentrum dieses Areals war Regino von PrümRegino von Prüm, Chronicon a. 880. und anderen zeitgenössischen Quellen zufolge die Königspfalz „Mosaburg“. Diese lag vermutlich im heutigen Zalavár in Südwest-Ungarn, dem Hauptort des Plattensee-Fürstentums, wo in diesen Jahren ein steinernes Palastgebäude entstand.Béla Miklós Szőke: Die Karolingerzeit in Pannonien. Mainz 2021, DOI:10.11588/propylaeum.1110, S. 303–338 und 463. Daneben wurde die „Mosaburg“ Arnolfs aber auch häufig mit der Arnulfsfeste in der Kärntner Gemeinde Moosburg identifiziert und diese darüber hinaus als möglicher Geburtsort Arnolfs diskutiert. Heinz Dopsch vermutet jedoch angesichts der bayerischen Herkunft von Arnolfs Mutter, dass er wohl eher in Bayern, vielleicht in Regensburg geboren wurde.Heinz Dopsch: Arnolf und der Südosten – Karantinien, Mähren, Ungarn. In: Franz Fuchs, Peter Schmid (Hrsg.): Kaiser Arnolf. Das ostfränkische Reich am Ende des 9. Jahrhunderts. Regensburger Kolloquium 9.–11.12.1999. München 2002, S. 143–186, hier: S. 150f.

Entmachtung Karls III. und Königserhebung Arnolfs Die Herrschaftszeit Ludwigs des Deutschen war mit 50 Jahren ungewöhnlich lang. Dies hatte zur Folge, dass seine Söhne erst in relativ hohem Alter an die Macht kamen. Mit seinem Tod setzte 876 eine rasche Folge von Herrscherwechseln im Ostreich ein. Ähnlich wie im Westreich reduzierte sich durch mehrere unerwartete Todesfälle die Anzahl der karolingischen Könige und Königssöhne. Die älteren Söhne Ludwigs des Deutschen, Karlmann und Ludwig der Jüngere, starben bereits 880 bzw. 882. Ludwig der Jüngere hatte zuvor schon seine beiden Söhne Ludwig († 879) und Hugo († 880) verloren. Dadurch konnte Karl III. „der Dicke“, der jüngste Sohn Ludwigs des Deutschen, für kurze Zeit alle drei Teilreiche und damit noch einmal das gesamte Frankenreich unter seiner Herrschaft vereinen. Die raschen Herrscherwechsel sowie Karls lange Aufenthalte in Italien und im Westreich beeinträchtigten aus der Sicht der ostfränkischen Großen die Kontinuität der Herrschaftsausübung im Osten. Karls Ehe mit der Alemannin Richgardis blieb kinderlos, so dass mit Arnolf und Bernhard aus der Linie Ludwigs des Deutschen nur zwei uneheliche Königssöhne verblieben. Karl sah offenbar strikt von einer Favorisierung Arnolfs als Nachfolger ab, da er ihn in keiner seiner Urkunden erwähnte.Rudolf Schieffer: Karl III. und Arnolf. Karl Rudolf Schnith, Roland Pauler (Hrsg.): Festschrift für Eduard Hlawitschka zum 65. Geburtstag. Lassleben 1993, S. 133–149, hier: S. 139 (). Im Mai 887 adoptierte er den höchstens sechsjährigen Ludwig, den Sohn des im Januar verstorbenen Boso von der Provence. Damals litt er schon seit einiger Zeit unter heftigen Krankheitsattacken und zunehmendem Siechtum. Er ahnte offenbar, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, denn ab etwa 885 finden sich in seinen Diplomen in auffälliger Form zahlreiche Bestimmungen für sein Seelengedächtnis.Thilo Offergeld: Reges Pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hannover 2001, S. 467. Die Krankheit, die Bedrohungen durch Normannen, Slawen und Mährer sowie die ungelöste Nachfolgefrage erschütterten Karls Autorität im Reich.

Als im November 887 in Tribur eine Reichsversammlung zusammentreten sollte, war Karls Regierungsunfähigkeit den Großen bereits deutlich geworden. Sie blieben der Versammlung fern und verweigerten damit ihre Zustimmung. Ein Boykott solchen Ausmaßes kam einer Herrscherverlassung – der faktischen Aufkündigung der Loyalität – gleich. Den Grund dafür sieht man traditionell in der gängigen Einschätzung Karls „des Dicken“ als schwacher und lethargischer Herrscher. Nach Simon MacLean (2003) hingegen war nicht ein persönliches Versagen Karls oder seine Krankheit für seinen Sturz entscheidend, vielmehr lag die Ursache in strukturellen Mängeln eines zu wenig institutionalisierten Herrschaftsapparates; eine in den Quellen teils suggerierte lange vorbereitete Verschwörung von Adelskreisen sei ebenso unzutreffend.Simon MacLean: Kingship and Politics in the Late Ninth Century. Charles the Fat and the End of the Carolingian Empire. Cambridge 2003, S. 191–198. Achim Thomas Hack untersuchte 2009 das Itinerar des Königs, seine Bereitschaft zur konsensualen Herrschaft mit den Großen und die überlieferten Urkunden der letzten 13 Monate vor dem Sturz; dabei konnte er keine Beeinträchtigung der Herrschaftsausübung Karls feststellen.Achim Thomas Hack: Alter, Krankheit, Tod und Herrschaft im frühen Mittelalter. Das Beispiel der Karolinger. Stuttgart 2009, S. 266–268.

Die ostfränkischen Großen brachten Arnolf aufgrund seines Alters und seiner politischen und militärischen Qualifikation größeres Vertrauen entgegen als dem um 876 geborenen Bernhard.Thilo Offergeld: Reges Pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hannover 2001, S. 471. Daher huldigten sie ihm als ihrem neuen König. Zeitgenössische Geschichtsschreiber sahen diesen Schritt als Zäsur an. Die bairische Fortsetzung der Fuldaer Annalen notierte, dass in „Europa“ viele Kleinkönige (reguli) hervortraten.Annales Fuldenses zu 888. Im Jahr 888 griffen gleich sechs nichtkarolingische Prätendenten nach dem Königtum: im Westfrankenreich der Robertiner Odo, in Hochburgund der Welfe Rudolf, in Italien Berengar von Friaul und Wido von Spoleto, in der Provence Ludwig III. und in Aquitanien Ramnulf von Poitiers. Sie alle außer Wido huldigten Arnolf, der sie seinerseits in ihren Machtbereichen anerkannte. Er erhob keine über das ostfränkische Reich hinausgehenden Herrschaftsansprüche.Joachim Ehlers: Die Entstehung des Deutschen Reiches. 4. Auflage. München 2012, S. 11.