Die Digital Humanities (kurz DH; auch Digitale Geisteswissenschaften) sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld an der Schnittstelle zwischen der Informatik und den klassischen Geistes- und Kulturwissenschaften. Das Feld bündelt und erweitert dabei methodische Ansätze aus etablierten Schnittstellendisziplinen wie der Computerphilologie, der Historischen Fachinformatik, der Informationswissenschaft und der Computerlinguistik.

Typische Anwendungsbereiche reichen von der maschinenlesbaren Aufbereitung historischer Quellen (digitale Edition) über die statistische Analyse großer Textkorpora (Text Mining) bis hin zur Netzwerkanalyse und Informationsvisualisierung komplexer Forschungsdaten. Darüber hinaus widmet sich die Disziplin der kritischen Reflexion darüber, wie digitale Technologien die akademische Wissensproduktion und den Umgang mit dem kulturellen Erbe verändern.

Begriff „Digital Humanities“ und „e-Humanities“ sind Begriffe jüngerer Prägung, die beide heute gebräuchlicher sind als die etwas älteren Begriffe „Computing in the Humanities“ und „Humanities Computing“.Siehe zu dieser Unterscheidung u. a. David M. Berry: „The Computational Turn: Thinking About the Digital Humanities“, in: Culture Machine 12, 2011, 2-4. URL: [culturemachine.net/wp-content/uploads/2019/01/10-Computational-Turn-440-893-1-PB.pdf] oder Patrik Svensson: Humanities Computing as Digital Humanities, in: DHQ 3.3, 2009. E-Humanities ist dabei analog zu e-Science gebildet und steht für „enhanced“ oder auch „enabled“ Humanities. Unklar bleibt bisher, ob es sich bei Digital Humanities um ein Fach, eine Methode oder eine bestimmte Denkweise handelt, wenn oft allein die Verwendung von Computern bei der Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen schon dazu führt, diese den Digital Humanities zuzuordnen.

Die erste internationale Fachtagung zum Thema „Literatur und Datenverarbeitung“Literatur und Datenverarbeitung. Ein Tagungsbericht, hrsg. von Helmut Schanze. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1972, ISBN 3-484-10153-9. fand in Deutschland bereits im Juni 1970 an der RWTH Aachen statt. Rund 100 Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure und Geisteswissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen aus sechs Ländern kamen zusammen, um die Relevanz der modernen elektronischen Daten- und Informationsverarbeitung für die Geisteswissenschaften (Humanities) zu diskutieren, die sich in ihren traditionellen Erkenntnisinteressen, Forschungsgegenständen und Methoden zunehmend durch den Einsatz von Computern provoziert und in Frage gestellt sahen.Computer und Literatur. Eine Sendung des WDR 3 am 19. Juli 1970 von Burghard Rieger zur Tagung „Literatur und Datenverarbeitung“ vom 15. bis 17. Juli 1970 an der RWTH Aachen An der Eberhard Karls Universität Tübingen fanden ab November 1973 regelmäßig Kolloquien zur Anwendung der EDV in den Geisteswissenschaften statt.

Wissenschaftsorganisation Die US-amerikanische Fachorganisation The Association for Computers in the Humanities (ACH), die European Association for Digital Humanities (EADH) (bis 2011 Association for Literary and Linguistic Computing (ALLC)) und die kanadische Society for Digital Humanities / Société pour l’étude des médias interactifs (SDH-SEMI) sind in der Dachorganisation The Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) zusammengefasst. 2013 gründete sich der Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) als assoziierter Regionalverband der EADH.

Mitglied einer dieser Organisationen wird man durch das Abonnement der Zeitschrift Literary and Linguistic Computing, die somit die wichtigste Fachzeitschrift in diesem Feld darstellt. Die ADHO organisiert einmal im Jahr die Konferenz Digital Humanities, die abwechselnd in den USA bzw. Kanada stattfindet oder in Europa. Außerdem vergibt die ADHO alle drei Jahre den Busa-Preis für besondere Verdienste in den Digital Humanities.

Seit 1986 gibt es die Fachzeitschrift Literary and Linguistic Computing, weitere Zeitschriften sind über die Jahre hinzugekommen. Seit 1999 gibt es das deutschsprachige Forum Computerphilologie. Weitere einschlägige Fachzeitschriften sind im Abschnitt Literatur angeführt.

CenterNet ist ein internationaler Zusammenschluss von rund 100 Digital Humanities Centers aus 19 Ländern. Die Organisation steht im Dienst der Digital Humanities und benachbarter Fachrichtungen.

Studiengang Der interdisziplinär ausgerichtete Studiengang Digital Humanities umfasst die systematische Nutzung computergestützter Verfahren und digitaler Ressourcen in den Geistes- und Kulturwissenschaften sowie die Reflexion über deren Anwendung.

Für einen Bachelor of Science (mit 180 ECTS) im Bereich Digital Humanities belegen Absolventen Seminare aus dem Wahlbereichsangebot der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie aus dem Wahlpflichtbereich Informatik und werden mit den Arbeitsweisen und Methoden beider Bereiche vertraut gemacht.Bachelor of Science Digital Humanities B. Sc. Universität Leipzig, abgerufen am 18. September 2025.

Anschließend besteht die Möglichkeit, einen Masterstudiengang zu belegen, wobei hier unterschiedliche Profile zur Auswahl stehen; der Studiengang wird entweder ganz oder teilweise auf Englisch angeboten. In Deutschland wird Digital Humanities in der Regel ohne Zulassungsbeschränkung angeboten (Stand 2025).Digital Humanities (M.A.) Universität Göttingen, abgerufen am 18. September 2025.

Kritik In den herkömmlichen Geisteswissenschaften galten die Digital Humanities bisweilen als „wunderlich“. Der Literaturtheoretiker Stanley Fish behauptet zudem, dass sie traditionelle Werte der Geisteswissenschaften untergrüben. Den Digital Humanities fehle überdies die theoretische Reflexion und sie neigen angeblich zur unkritischen Affirmation technologischer, gegenstandsferner Konzepte. Gleichzeitig liefern erste DH-Analysen im Bereich kultursoziologischer Diachronie zum Teil verblüffende Resultate, die sowohl einige herrschende Meinungen klar bestätigen, als auch andere deutlich in Frage stellen, wie etwa die These von der zunehmenden Ökonomisierung moderner Gesellschaften.

Themen Zentrale Themen des geisteswissenschaftlichen Computereinsatzes sind: Information Retrieval (Suchverfahren) Text Mining und Sprachverarbeitung Spatial Humanities und Geographische Informationssysteme Fachspezifische Kodierungsstandards Fachspezifische Datenbanken Fachinformation Metadaten Linked Open Data in den Kultur- und Geisteswissenschaften Digitale Bildverarbeitung Korpuslinguistik Langzeitarchivierung Digitalisierung und Gesellschaft Digitale Edition Virtuelle Museen

Wissenschaftliche Projekte Deutsche Projekte Analysing networked climate imagesanci. Analysing networked climate images Arachne-Datenbank für archäologische Objekte und Bilder Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte (seit 2012) Archivportal-D VerbaAlpina ARTigo – Social Image Tagging Beethovens Werkstatt – Genetische Textkritik und Digitale MusikeditionWebportal des Langzeit-Akademienvorhabens Beethovens Werkstatt - Genetische Textkritik und Digitale Musikedition Bildindex der Kunst und Architektur BStK Online: Datenbank der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften Abgerufen am 24. April 2020. CATMA CLARIN-D coronarchiv Corpus Musicae Ottomanicaecorpus-musicae-ottomanicae.de Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland DARIAH-DE Deutsche Inschriften Online Deutsche Biographie Deutsches Textarchiv DiViAS-Projekt eAQUA eIdentity Epigraphische Datenbank Heidelberg Europäische Geschichte Online eSciDoc GigaMesh Software Framework für 3D-Digitalisate Graphikportal LegIT – Der volkssprachige Wortschatz der Leges barbarorumLegIT – Der volkssprachige Wortschatz der Leges barbarorum LOEWE-Schwerpunkt Digital Humanities Hessen mainzed – Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften metropolitalia – Social Language Tagging musiXplora (mXp), Repositorium der Organologie und der Musikwissenschaft der Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig NFDI-Konsortien NFDI4Culture, NFDI4Memory, NFDI4Objects, Text+ Personendaten-Repositorium (PDR)BBAW: Personendaten-Repositorium, ein DFG-Projekt zur Etablierung einer digitalen Infrastruktur für wissenschaftliche biographische InformationenJanna Hennicke: Person Data Repository. In: culturesofknowledge.org. 2013, abgerufen am 23. Januar 2022 (englisch). Portraitindex Germanische Altertumskunde Online Sandrart.net – Online-Edition der „Teutschen Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste“ TextGrid VisArgue (2012–2016): Verbundprojekt an der Universität Konstanz zwischen Politikwissenschaft, Linguistik und Information WisNetGrid Wissenschaftliche Kommunikations-Infrastruktur (WissKI) WissGrid ZenMEM – Zentrum Musik-Edition-Medien, Forschungsinstitut der Universität Paderborn im Bereich Digital Humanities/Digitale Musikwissenschaft/Digitale Edition. Das Zentrum ist aus dem BMBF-Zentrum für eHumanities, Verbundprojekt der Universität Paderborn, TH Ostwestfalen-Lippe, HfM Detmold hervorgegangen.

Österreichische Projekte Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage (ACDH-CH) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Department für Bildwissenschaften, Lab für Digital Humanities, Donau-Universität Archiv für Digitale Kunst, ehemals Database of Virtual Art seit 2000, ca. 3500 besprochene Werke Zentrum für Informationsmodellierung – Austrian Centre for Digital Humanities an der Universität Graz (ZIM-ACDH) Digital Humanities Austriadigital-humanities.at Neue Mozart-Ausgabe der Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg und des Packard Humanities Institute[url=https://dme.mozarteum.at/ dme.mozarteum.at] MedienKunstGeschichte, seit 2005 www.MediaArtHistories.org Graphische Sammlung Göttweig online, seit 2007 www.gssg.at GAMS – Geisteswissenschaftliches Asset Management Systemgams.uni-graz.at Kultur- und Wissenschaftserbe Steiermarkgams.uni-graz.at

Schweizer Projekte corona-memory.ch SALSAH HyperHamlet Digital Humanities bilden überdies einen der Schwerpunkte der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, die mehrere Infrastruktur-, Forschungs- und Netzwerkprojekte unterstützt.Digital Humanities auf sagw.ch, abgerufen am 5. Juni 2018.

Französische Projekte Electronic Enlightenment (EE)WebSite des Projekts Digitale Aufklärung.

Europäische Projekte CLARIN ERIC DARIAH-ERICdariah.eu DiXiT Europeana ESFRI Interedition ICARus World Literary AtlasWorld Literary Atlas Venice Time Machine

US-amerikanische Projekte

A Journal of the Plague Year: an Archive of CoVid19 Project Bamboo (2008–2012) Perseus Digital Library Index Thomisticus

Literatur Einführende Literatur Christine Antenhofer, Christoph Kühberger, Arno Strohmeyer (Hrsg.): Digital Humanities in den Geschichtswissenschaften. utb/Böhlau, Wien 2023, ISBN 978-3-8252-6116-0. Florian Arnold, Johannes C. Bernhardt, Daniel Martin Feige und Christian Schröter: Digitalität von A bis Z (= Edition Medienwissenschaft. Band 104). transcript, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8376-6765-3. Fotis Jannidis, Hubertus Kohle, Malte Rehbein (Hrsg.): Digital Humanities. Eine Einführung. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02622-4. Susanne Kurz: Digital Humanities. Grundlagen und Technologien für die Praxis. 2. Auflage. Springer Vieweg, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11212-7. Susan Schreibman, Ray Siemens, John Unsworth (Hrsg.): A New Companion to Digital Humanities. John Unsworth, Chichester 2016 (zuerst 2004) Dave M. Berry: The Computational Turn: Thinking About the Digital Humanities. In: Culture Machine, Vol 12 (2011), [culturemachine.net/wp-content/uploads/2019/01/10-Computational-Turn-440-893-1-PB.pdf online].

Einführungen in Einzelfragen der Digital Humanities

Oliver Grau: Museum and Archive on the Move: Changing cultural Institutions in the digital Era, Munich: de Gruyter 2017.