mini|Reklamemarke von Paul Telge, 1896

Unter dem englischen Philatelie-Begriff Cinderellas lassen sich grob sämtliche nichtamtlichen Ausgaben von Briefmarken verstehen, wozu u. a. auch Ausstellungs(werbe)marken, Fälschungsmarken, (Weihnachts-)Spendenmarken (engl. charity labels, nicht zu verwechseln mit Zuschlagmarken wie Wohlfahrts- bzw. Wohltätigkeitsmarken), Eisenbahnmarken, Telegraphenmarken u. Ä. zu zählen sind. Die Nichtamtlichkeit bezieht sich hierbei auf alle Arten von Briefmarken, die vom internationalen Weltpostverein mit Sitz im schweizerischen Bern nicht als Postwertzeichen zur Frankatur einer Postsendung anerkannt werden.

Nachfolgend wird ein allgemeiner Überblick über philatelistische Cinderella-Briefmarken dargestellt, welche am weltweiten Philateliemarkt präsent sind.

Kategorien Halbamtliche Ausgaben mini|Briefmarke der Insel Lundy, 1929 Halbamtliche Ausgaben sind solche, die einen lokal gültigen amtlichen Charakter genießen und somit für einen streng definierten Postdienst zur Frankatur von Postsendungen zugelassen sind.

Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel hierfür sind die Briefmarken der Insel Lundy im Bristol-Kanal im Südwesten Großbritanniens. Eine amtliche Sondergenehmigung erlaubt den Betreibern des Postverkehrs von und zur dünn besiedelten Insel (winters oft weniger als zwanzig Dauerbewohner) unter bestimmten Auflagen die postalische Verwendung von eigenen Lundy-Briefmarken für den Postverkehr zwischen Lundy und dem nächstgelegenen amtlichen Postamt Großbritanniens, nämlich jenem in der Kleinstadt Bideford an der Nordküste Devons gelegen. Lundy-Briefmarken dürfen offiziell jedoch nur in der linken oberen Ecke von (Ansichts-)Karten respektive auf der Rückseite von Briefen angebracht und mittels Poststempel des lokalen (privaten) Postdienstes entwertet werden. Für die anschließende (inter)nationale Postbeförderung ab Bideford sind sodann jedenfalls amtliche Postwertzeichen der britischen Postverwaltung zusätzlich anzubringen.

Weitere Beispiele: Alderney Shipping Company Commodore Shipping Company Sark Insel Herm Kaulbach Island in der kanadischen Mahone Bay Souveräner Malteserorden

Lokal- bzw. Privatpostausgaben Die Unterscheidung zu den halbamtlichen Ausgaben besteht vorwiegend lediglich darin, dass keine amtliche Genehmigung vorliegt (und es auch keiner solchen bedarf), die den Postverkehr zum nächstgelegenen amtlichen Postamt einer vom internationalen Weltpostverein anerkannten Postverwaltung eigens regelt. Solche Lokal- bzw. Privatpostdienste (engl.: local post, local postal service, locals, private post, private postal service) entstehen zumeist aus dem Idealismus („Spaß“) von Privatpersonen oder Vereinen, die ihre privaten ausgehenden Postsendungen mit eigenen, selbst kreierten Briefmarken versehen oder über einen gewissen Zeitraum, etwa zur Weihnachtszeit, für ein örtlich begrenztes Gebiet einen privaten Postdienst begründen.

Zu dieser Kategorie gibt es zahlreiche Beispiele, wie etwa die Lokalpost Gardenia, die einen solchen lokalen Privatpostdienst von 1988 bis 1998 in Pfarrkirchen bei Bad Hall in Oberösterreich betrieb. Populär sind solcher Art Privatpostdienste vor allem in Großbritannien, in den Vereinigten Staaten von Amerika (weit über 500 solcher Privatpostdienste) oder in Australien sowie Neuseeland.

Als Beispiele seien genannt: Insel Brecqhou,Brecqhou British Columbia Private Courier Service, Clacton Cycle Mail, Erith-Schulpost, Insel Jethou,Jethou Lord Howe Courier Post, Insel Rona, Timaru Bicycle Post und viele mehr.

Ebenfalls dieser Gruppe zugehörend sind Briefmarken von Mikronationen, das heißt Fürstentümern, König- wie Kaiserreichen und Ähnliches, die international nicht anerkannt werden oder wurden und sich de facto selbst für unabhängig, zumeist hinsichtlich ihres Privat(grund)besitzes, erklärt haben, zudem einen privaten Postdienst bis zum nächstgelegenen amtlichen Postamt unterhalten oder unterhielten.

Eine der ältesten bekannten Ausgaben datiert bis ins Jahr 1889, als die Ausgaben des dubiosen Königreichs Sedang an Händler in Belgien und Frankreich verkauft wurden.Ullrich Häger: Großes Lexikon der Philatelie. Bertelsmann, Gütersloh, 1973, ISBN 3-570-03229-9, S. 477. Ein neueres Beispiel ist das selbst erklärte Fürstentum Principality of Hutt River im Westen Australiens, wo sich ein Farmer und Großgrundbesitzer samt Familie vom australischen Staat lossagte, seinen Besitz kurzerhand zum unabhängigen Fürstentum ausrief und unter anderem mit der Ausgabe eigener Hutt-River-Province-Briefmarken begannHutt-River-Briefmarken und hierfür auch einen Privatpostdienst bis zum nächstgelegenen australischen Postamt in Northampton, Western Australia, etablierte.

Weitere bekannte Beispiele sind die Republik Kugelmugel sowie die Fürstentümer Sealand und Seborga. Das „Kaiserreich Atlantium“Atlantium unterhält auch eine „Kaiserliche Sammlung“ von Briefmarken von Mikronationen im Web (siehe Weblinks). Abgrenzung zu Postunternehmen

Die zitierte Art von Privatpostdienst ist streng zu unterscheiden von gewerblich ausgeübten Postunternehmen, die im öffentlichen Leben als wirtschaftlicher Unternehmer in Erscheinung treten, als Gewerbebetrieb amtlich eingetragen sind, Arbeitnehmer gemeldet haben, Steuern entrichten und ihr Unternehmen generell nachhaltig mit kommerzieller Gewinnabsicht betreiben.

Souvenirausgaben Souvenirausgaben sind im Wesentlichen eine Untergruppe der Lokal- bzw. Privatpostausgaben, deren Erscheinen oftmals hauptsächlich einen touristischen Hintergrund besitzt, um etwa für eine Stadt oder ein Naturschutzgebiet o. Ä. mittels der Begründung eines Lokal- bzw. Privatpostdienstes und somit mit dem Erscheinen spezieller (Werbe-)Briefmarken eigens wie verstärkt damit zu werben.

Ein Beispiel dazu wäre etwa die Lokalpost Frodsham und Halton in den beiden englischen Ortschaften Frodsham und Halton, südöstlich von Liverpool gelegen, wo sich seinerzeit Lokalpolitiker der Sache angenommen hatten, um durch eine private Posttätigkeit für ihre Gemeinden gemeinsam touristisch zu werben.

Als weitere Beispiele seien hier die Conch Republic, die Känguru-InselKangaroo und der Freistaat Socorro genannt.

Unter der Kategorie der Souvenirausgaben wären aber auch jene Briefmarken miteinzubeziehen, die zumeist von Privatpersonen oder Vereinen ausgegeben werden/wurden, um aus dem Verkauf solcher Briefmarken ein oftmals gemeinnütziges Projekt finanziell zu unterstützen.

Hierzu ließen sich die Briefmarken der Saint-Kilda-Inseln zählen, einer abgelegenen Inselgruppe im Nordwesten Schottlands, die, da Naturschutzgebiet, ein UNESCO-Weltkulturerbe darstellen. Die unbewohnte Inselgruppe wird seit dem Jahre 1957 vom National Trust for Scotland verwaltet, der zur finanziellen Unterstützung seines Naturschutzprojekts u. a. auch Briefmarken von dieser Inselgruppe verausgabte.

Aus der Vielzahl solcher Projekte wieder ein paar Beispiele: das Caerdroia Project (ein Forschungsprojekt zu walisischen Rasenlabyrinthen), der Dahlak-Archipel und die Inseln Caldey, Canna, Lihou und Steep Holm (im Bristolkanal).

Mail-Art-Ausgaben Eine weitere Gruppe der Cinderella-Briefmarken bilden die sogenannten Mail-Art-Ausgaben (engl.: Artistamp), folglich Briefmarken von Korrespondenz-Künstlern, die Kunst per Post und somit die sublimste Form der Korrespondenz darstellen. Den Mail-Art-Künstlern geht es hierbei nicht zwingend um eine Form eines Postdienstes jedweder Art, sondern vielmehr um die Verbreitung ihrer eigenen individuell kreierten Form von Mail-Art-Kunst eben und im Besonderen auch durch subjektiv gestaltete Briefmarken. Die Begründung von (imaginären) Republiken, Fürstentümern, Königreichen oder Ähnlichem, wie etwa im Fall des Königreichs Aldabra, beruht hierbei nicht auf politisch gestützten Ideologien, sondern einzig und allein auf den rein persönlichen Ideen und Gedanken ihres künstlerischen Schöpfers.

Weitere Beispiele (Auswahl): Alki Postage, Khanat Bokhara, Königreich Edelweiss (vormals Scheinausgaben), Hochkönigreich Fantippo, Republik Free Vinland, Republik Kemp Land (vormals Scheinausgaben), Republik Liegerland, Loowit,Loowit Republik MevuMevu (vormals Scheinausgaben), Montebello-Inseln (vormals Scheinausgaben), Föderation Musograd,Musograd Fürstentum Ohain, Republik Port Maria (vormals Phantomausgaben), Republik Raoul (siehe auch Kapitel Abgrenzung zwischen einzelnen Kategorien), Königreich (All the) Sedang, Terra Candella, Archipel Tui Tui, Sultanat Upper Yafa, Herzogtum Zujuteland und viele mehr.

Scheinausgaben Als Scheinausgaben (engl.: bogus) bezeichnet man Briefmarken von Orten, Städten, Gebieten, Inseln, Ländern u. Ä., die aus geographischer Sicht tatsächlich irgendwo real existent sind, wo jedoch zu keiner Zeit jemals ein Privatpostdienst stattgefunden hat. Hierbei ist es unbedeutend, ob das Gebiet oder die Insel, wofür die Briefmarken erschienen sind, von Menschen bewohnt sind/waren oder nicht.

Als vielleicht bekanntestes Beispiel wäre hierfür die schottische Insel Eynhallow anzuführen, wofür seit den 1970er-Jahren Unmengen an Briefmarken auf dem philatelistischen Markt gesichtet wurden, ohne dass auf dieser unbewohnten Insel auch nur zu irgendeiner Zeit so etwas Ähnliches wie ein privater Postdienst stattgefunden hätte.

Aus der Vielzahl solcher Orte und Inseln einige Beispiele: Morokulien, die Insel Abd al-Kuri (bei Sokotra), die Bernera-Inseln, die Inseln Eigg, Gruinard, Mactan, Skomer, Soay, Staffa, Tiree u. v. m.

Ebenso der Kategorie der Scheinausgaben zuzurechnen sind Briefmarken von selbst ernannten Fürstentümern und König- wie auch Kaiserreichen u. Ä., sofern das hierfür proklamierte „Hoheitsgebiet“ tatsächlich irgendwo auf der Erde real existent ist (sogenannte Mikronationen), jedoch zu keiner Zeit ein operativer Privatpostdienst stattgefunden hat.

Hierzu wäre etwa das philatelistisch imaginäre irische Fürstentum Thomond als Beispiel zu nennen, wofür im Jahre 1961 eine Serie von zwölf Briefmarken ausgegeben wurde, ohne dass jedoch durch einen tatsächlich bewirkten Privatpostdienst ein notwendiger Anlass respektive ein notwendiges Interesse hierfür vorgelegen wäre.

Das „Sultanat Occussi-Ambeno“ unterhält eine Website,Occussi-Ambeno wo auch Marken seiner „Provinzen“ Feripæga und Quatair abgebildet sind. Als Domäne eines deutschen „Fürsten“ sei das unterseeische „Fürstentum Wikingland“Wikingland genannt.

Phantomausgaben Als Phantomausgaben werden Briefmarken von Gebieten jedweder Art bezeichnet, die geographisch nirgendwo existent sind, somit also reine Fantasieprodukte ihrer Erfinder darstellen. Ein Beispiel hierfür wäre das Königreich Buddhistan, ein „Staat“, der sich nach Angaben des Herausgebers jener Briefmarken irgendwo in der Weite des Weltalls befindet.

Weitere Beispiele (Auswahl): Königreich Adaluncatiff, Republik Ahu'a, Bannatyr, Fürstentum Castellania, Insel Chitawa, Republik Chyan, Königreich Dromidau, Fürstentum Erehwon, Republik Goffrea, Königreich Grand Baetica, Insel Hispanico, Königreich Ilis Day, Insel Ilyria, Königreich Intersol, Invelden, Insel Karang, Sultanat Khayyam, Republik Laurania, Litholand, Fürstentum Lomand, Insel Lucid, Mandoro, Mars Postage, Insel Minland, Insel Monku, Moon Postage, Insel Nei, Scheichtum Nohi Pibni, Republik Normenia, Popalania, Föderation Romanches, Sai-Land, Insel Serran, Solar System Rocket Service, Kaiserreich Sonne, Taiper, Freistadt Toravo, Republik Tyr, Venus Postage, Republik Witti u. v. m.

Ausgaben von Exilregierungen u. Ä. Unter Ausgaben von Exilregierungen u. Ä. fallen alle jene Briefmarken, die von international anerkannten wie aber auch selbst erklärten, demzufolge international nicht anerkannten Exilregierungen u. Ä. in Auftrag gegeben werden/wurden.

Hierfür einschlägig bekannt sind vor allem die Briefmarken der Kroatischen Exilregierung, welche seinerzeit ihren Sitz zuletzt in der spanischen Hauptstadt Madrid innehatte und von dort aus gegen die damals reguläre Regierung Jugoslawiens (politisch) operierte.