mini|300px|Das Kastell Obernburg mit der Beneficiarier-Station nach Grabungen von 1882 bis 2007 Das Kastell Obernburg war ein römisches Kohortenkastell inmitten der Altstadt von Obernburg am Main, einer Stadt des Landkreises Miltenberg im bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken. Das Kastell gehörte zur Mainlinie des Obergermanischen Limes und ist heute vollständig überbaut. Überregional bekannt wurde der einstige römische Garnisonsort aufgrund seiner reichen Inschriftenfunde, die größtenteils aus dem Weihebezirk einer Benefiziarierstation stammen, sowie durch weitreichende, neu gewonnene Erkenntnisse zum Aufbau der Station.Ludwig Wamser: Zum Geleit. In Bernd Steidl: Welterbe Limes: Roms Grenze am Main. Logo, Obernburg am Main 2008, ISBN 978-3-939462-06-4, S. 9.

Lage Das Kastell wurde als Teil des Nassen Limes am westlichen Ufer des Untermains errichtet. Der Fluss hat sich tief in die Landschaft eingegraben, aber dennoch kein allzu breites Bett ausgebildet. Die umliegenden Höhenzüge haben ihre zerklüfteten Formen durch zumeist kleine, enge Täler erhalten, die den Main über kleine Flüsse und Bäche mit Wasser versorgen. Die römisch bebaute Uferterrasse des Stroms war relativ schmal und wurde im Westen durch baumbewachsene, steil ansteigende Hänge begrenzt. Schräg gegenüber dem Kastell mündet das Spessartflüsschen Elsava, südlich, von Westen kommend, die Mümling in den Main. Bis heute diskutiert die Forschung, ob Obernburg nicht zu einem sehr frühen Zeitpunkt in Bezug zum etwas südlicher beginnenden Neckar-Odenwald-Limes zu setzen ist, da der heute bekannte Ausgangspunkt dieses Grenzabschnitts im Kastell Wörth begann. Diese Garnison, weniger als acht Kilometer südlich von Obernburg am Main gelegen, wurde nach modernen Erkenntnisse etwas später als der in der Zeit um 110/115 n. Chr.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 35. zunächst als Postenweg angelegte Odenwaldlimes errichtet.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 74. So könnte das bereits um 100/110 n. Chr. angelegte Obernburg in der Anfangsphase eine gewisse Rolle am Nordende dieses Grenzabschnitts gespielt haben.

mini|Wilhelm Conrady (1829–1903), Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission ermittelte als erster die Strukturen des Kastells und barg wichtige Funde

mini|Die Lage des Kastells am nördlichen Scheitelpunkt des Odenwaldlimes.

Forschungsgeschichte Die oberirdischen Strukturen des Steinkastells müssen noch bis ins Mittelalter prägend gewesen sein, da sich die Haupttrassen des Lagers sowie Teile der Umwehrung der Anlage bis heute als Straßenzüge im Weichbild der Stadt deutlich abzeichnen, auch wenn sich nichts mehr an sichtbarem Mauerwerk erhalten hat. So nimmt die Badgasse den Verlauf der Via praetoria, der nach Südosten zum Haupttor (Porta praetoria) des Lagers führenden Straße auf und die Römerstraße (früher: Hauptstraße) entspricht dem Verlauf der Via praetoria, die zum Südwest- und Nordosttor (Porta principalis dextra und Porta principalis sinistra) führte. Selbst die in einer römischen Garnison rückwärtige Via decumana mit ihrer Trasse zum vierten Lagertor im Nordwesten, wird teilweise in ihrem ungefähren Verlauf von der Schmiedgasse wiederaufgenommen. Die Obere Gasse wiederum zeichnet den vorderen Teil der Kastell-Südfront nach. Um auf das römische Militärlager hinzuweisen, wurde nach 1984 die einstige Porta praetoria im Straßenpflaster der Badgasse an Ort und Stelle kenntlich gemacht.

Als Standort eines römischen Kastells wurde Obernburg bereits 1771 in der einschlägigen Literatur genannt, jedoch wähnte man die Lage des Kastells in den Weinbergen oberhalb der Stadt.Joseph Fuchs, Alte Geschichte von Mainz, 1771, Band I S. 33: „woselbst ein kleines römisches Castell an dem Pfalrayn war“; Band II (1772) S. 272 jedoch: „großen starken Castell auf dem Berge an gedachter Stadt Obernburg“ (aus Leo Hefner: 1900 Jahre Obernburg am Main)J. F. Knapp: Römische Denkmale des Odenwaldes, insbesondere der Grafschaft Erbach und Herrschaft Breuberg. Engelmann, Heidelberg 1813. S. 85 Nachdem der spätere Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission (RLK), Wilhelm Conrady, 1882 vergeblich versucht hatte, die Garnison zu finden, gelang es ihm im Herbst und Winter 1884 trotz schwieriger Bedingungen, die Strukturen des Kastells unter der dichten, mittelalterlichen Überbauung schematisch zu erfassen.Wilhelm Conrady: Die Ausgrabung des Limes-Kastells in Obernburg a. M. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst Nr. 4. Verlag F. Lintz, 1885. S. 157. Seine Grabungsschnitte und Sondagen ließen die Ausmaße der Anlage, ihre vier Tore sowie in groben Zügen die Principia, das Stabsgebäude der Garnison, erkennen. 1901 fand sich im Bereich der einstigen Principia-Vorderfront, an der heutigen Einmündung der Schmiedgasse in die Römerstraße, das Fragment eines Reliefs mit der römischen Siegesgöttin Victoria. Im gleichen Areal kam 1921 der Rest einer Bauinschrift aus dem Boden, zu dem das Viktoria-Bruchstück mit Sicherheit gehörte.

Rund 100 Meter vor der südlichen Kastellmauer wurden 1954 beim Bau einer Tankstelle sieben Altäre der römischen Straßenpolizei (Benefiziarier) entdeckt. 1959 kam bei einem Schulneubau (heute Pflegezentrum Obernburg) rund 200 Meter nördlich des Kastells ein römischer Brunnen zutage, der die Reste von zwei Jupitergigantensäulen aus dem römischen Lagerdorf enthielt. Bis 1984 wurde nördlich des Kastells, im Bereich der ehemaligen Polizeiinspektion (bis 2008) an der Römerstraße 93, das antike Gräberfeld mit vielen Funden bekannt. Bereits 1849 hatte der damals nach Obernburg zur Revolutionsbekämpfung abkommandierte Major Maximilian Ney eine Abteilung Soldaten damit beauftragt, längs der nordwärts aus dem Städtchen führenden Chaussee im Bereich des heutigen Amtsgerichts „eine Menge von römischen Gefässen, die allem Anscheine nach aus Gräbern stammten“, ausgraben zu lassen. Die Funde kamen in das Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg, wo sie jedoch aufgrund eines Schreibfehlers in der Eingangsliste (Oberndorf statt Obernburg) erst 1968 korrekt zugeordnet werden konnten.Wilhelm Conrady: Die neuesten römischen Funde in Obernburg. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst Nr. 9. Verlag F. Lintz, 1890. S. 172.Leo Hefner: 1900 Jahre Obernburg am Main. Herausgeber: Stadt Obernburg am Main, 1984. S. 5–6. Auch der Nachweis des älteren Holz-Erde-Vorgängerkastells wurde mehrfach erbracht, unter anderem 1985/86 bei Grabungen im Löwengarten sowie beim Neubau der Polizeiinspektion an der Miltenberger Straße 13 im Jahr 2004. Zwischen 2000 und 2007 fanden erneut Untersuchungen im Bereich der 1954 errichteten Tankstelle statt, dabei konnte die vollständige Dienststelle der Straßenpolizei mit einem Weihebezirk erfasst werden.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 69Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Vom Main bis an den Neckar. 1. Auflage. Konrad Theiß Verlag, Stuttgart 1984. ISBN 3-8062-0328-8. S. 56–57.

Entwicklung Ein erstes Holz-Erde-Kastell wurde nach Analyse des Fundmaterials und der überregionalen Fundzusammenhänge unter anderem durch die Archäologen Egon Schallmayer und Barbara Pferdehirt in die Zeit kurz nach 100/101 n. Chr.Barbara Pferdehirt: Die römische Okkupation Germaniens und Rätiens von der Zeit des Tiberius bis zum Tode Traians. Untersuchungen zur Chronologie südgallischer Reliefsigillata. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 33, 1986. S. 221–320; hier: S. 279. bzw. 100/110 n. Chr. verortet und nach Ausweis einer Bauinschrift, die im Bereich der zum Stabsgebäude gehörenden Vorhalle aufgefunden wurde, wahrscheinlich im Jahr 162 durch das Steinkastell abgelöst. Dieses Datum korrespondiert mit etlichen dendrochronologischen Daten aus der Zeit des Aufbaus der hölzernen Limespalisade am Vorderen Limes (jüngere Odenwaldlinie) und deren Fortsetzung durch die rätische Mauer. Außerdem kann das Gründungsdatum von Lagerdörfern (Kastell Buch) und wichtige Baumaßnahmen in anderen Kastellen (Aalen) an den damals ausgebauten Grenzschneisen mit den sechziger Jahren des 2. Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden. Dieses Jahrzehnt steht für große Ausbau- und Befestigungsmaßnahmen an der Grenze zum germanischen Barbaricum. Nach den Befunden der verschiedenen Brandschichten zu urteilen, wurde es um 233 n. Chr., während eines Alamannenangriffs, zumindest teilweise wieder zerstört. Es blieb aber noch bis zur Räumung des obergermanischen Limesgebietes (Agri decumates) um 260/275 n. Chr. besetzt. Die Münzreihe endet bereits in den Jahren 244/247Claudia Theune: Germanen und Romanen in der Alamannia. Verlag Walter de Gruyter. Berlin 2004. ISBN 3-11-017866-4. S. 410. während der Herrschaft des Kaisers Philippus Arabs. Nach dem Rückzug der Römer wurde das Lagerdorf aber offenbar teilweise wiederbesiedelt, wie diesbezügliche Funde nahelegen.Claudia Theune: Germanen und Romanen in der Alamannia. Verlag Walter de Gruyter. Berlin 2004. ISBN 3-11-017866-4. S. 126.

Kastell Holz-Erde-Kastell Bereits seit längerer Zeit ist im bebauten Umfeld südlich der Porta principalis dextra des Steinkastells, mindestens ein älteres Holz-Erde-Lager mit einem zweiphasigen Kastellgraben – abschnittsweise – bekannt. Der Graben, der unter anderem 2004 in der Miltenberger Straße 13 angeschnitten wurde, wird von einer jüngeren römischen Straßentrasse überlagert, die geradewegs zum Südwesttor des Steinkastells führt. Bei diesem Holz-Erde-Lager könnte es sich somit um die älteste römische Militäranlage an diesem Platz handeln. Es ist möglich, dass dieses Lager auch noch einige Zeit parallel zum Steinkastell existierte, um dann aufgegeben und schließlich von dem sich immer weiter ausdehnenden Lagerdorf überbaut zu werden.

Steinkastell

Das annähernd rechteckige, 188 × 166 Meter (= 2,98 ha) umfassende Steinkastell Obernburg besitzt den für die mittlere Kaiserzeit typischen, weitgehend genormten Grundriss mit abgerundeten Lagerecken (Spielkartenform). Die Prätorialfront, die dem Feind zugewandte Hauptseite des Kastells mit der Porta praetoria, war nach Südosten, zum Main hin ausgerichtet.

Kastellmauer Die Wehrmauer war 2,10, mit Sockel 2,20 Meter breit.Wilhelm Conrady: Die Ausgrabung des Limes-Kastells in Obernburg a. M. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst Nr. 4. Verlag F. Lintz, 1885. S. 164–165. Insgesamt schwankte die Mauerbreite zwischen 1,85 bis 2,25 Metern im Sockelbereich. Wie die bei den Grabungen mehrfach angetroffenen Befunde zeigten, waren die Zinnen einst mit den für Limeskastelle typischen, halbwalzenförmigen steinernen Abschlüssen bekrönt gewesen.

Nördlich des südwestlichen Zwischenturmes fanden sich noch drei Lagen sehr gut erhaltenes Quadermauerwerk der Umwehrung mit sauber ausgeführten Fugen. Daraus ergab sich, dass die Mauer im unteren Bereich ähnlich wie die Wachtürme am Odenwaldlimes gegliedert war. Auf der Fundamentierung stand eine 20 Zentimeter hohe Quaderschicht, danach sprang die Umwehrung zehn Zentimeter zurück. In diesem Bereich lag eine Schicht 22 Zentimeter hoher, keilförmig behauener Sockelsimse, die mit ihrer abgeschrägten Oberfläche nach außen zeigten. Über diesem Sims hatten sich noch zwei Lagen Steinschichten von je 22 Zentimetern Höhe erhalten. Die Quader waren zwischen 38 und 73 Zentimeter lang. Im Schutt des Turmes fanden sich außerdem noch zwei Stücke des Karnisgesimses sowie halbrunde Zinnendeckel.

Tore und Türme