mini|Rose Cleveland Rose Elizabeth Cleveland (* 13. Juni 1846 in Fayetteville, New York; † 22. November 1918 in Bagni di Lucca) war die Schwester des amerikanischen Präsidenten Grover Cleveland. Nach ihrer Ausbildung am Houghton Seminary in Clinton war sie zuerst als Lehrerin tätig. Während der ersten Amtszeit ihres Bruders als Präsident fungierte sie für 15 Monate bis zu dessen Hochzeit mit Frances Cornelia Folsom im Juni 1886 als seine First Lady. Zu dieser Zeit wurden zwei Bücher von ihr veröffentlicht. Nachdem sie das Weiße Haus verlassen hatte, war sie weiterhin schriftstellerisch tätig. Ihren Lebensabend verbrachte sie mit ihrer Lebensgefährtin Evangeline Simpson Whipple in der Toskana.

Leben Ausbildung und Beruf Cleveland, die in der Familie den Rufnamen „Libby“ hatte, kam als jüngstes von neun Kindern zur Welt. Sie hatte vier Schwestern und vier Brüder. Ihre Eltern waren der presbyterianische Geistliche Richard Falley und Ann Neal Cleveland. Sie stammten aus angelsächsischen Familien, die schon seit mehreren Generationen in Amerika lebten, und verfügten nur über bescheidene finanzielle Mittel.Sirpa Salenius: Rose Elizabeth Cleveland: First Lady and literary scholar. Palgrave Pivot, New York 2014, ISBN 978-1-137-45288-7 (E-Book), S. 8. Kurz nach dem Umzug nach Holland Patent im Oneida County, New York, im Jahr 1853 starb der Vater. Cleveland blieb bei der Mutter, während ihr neun Jahre älterer Bruder Grover auf Stellensuche nach New York City ging, um die Familie zu versorgen. Von 1864 bis 1866 besuchte sie das Houghton Seminary in Clinton, eine in der Region bekannte Privatschule für Mädchen mit altsprachlichem Unterricht. Sie war eine glänzende Schülerin und in Anerkennung ihrer Leistung wurde sie ausgewählt, ihre Abschlussarbeit vorzulesen.Sirpa Salenius: Rose Elizabeth Cleveland: First Lady and literary scholar. Palgrave Pivot, New York 2014, ISBN 978-1-137-45288-7 (E-Book), S. 9. Im Anschluss arbeitete sie am Houghton Seminary als Lehrerin. Weitere Beschäftigungen als Lehrerin folgten in den späten 1860er Jahren in Muncy, Pennsylvania, und danach in Lafayette, Indiana. Außerdem betätigte sie sich als Privatdozentin.Rob Hardy: The Passion of Rose Elizabeth Cleveland. In: New England Review. Vol. 28, No. 1, 2007, S. 180–193; hier: S. 181.

Als Lehrerin in Muncy, wo sie in den späten 1860er Jahren unterrichtete, war sie für ihre „starke Persönlichkeit und Unabhängigkeit“ bekannt. Weil sie oft unter einem Apfelbaum Bücher lesend angetroffen werden konnte, hatte sie in Anlehnung an den bekannten Pionier Johnny Appleseed bei ihren Freunden im Ort den Spitznamen „Johnny Cleveland“. In den frühen 1880er Jahren kehrte sie nach Holland Patent zurück, um sich um ihre pflegebedürftige Mutter zu kümmern, die schließlich 1882 starb. Hier unterrichtete sie an einer Sonntagsschule und war wie schon zuvor als selbständige Dozentin tätig. So gab sie im Jahr 1883 eine Vorlesung an einem Frauen-College in Elmira, bei dem sie über Altruismus im Glauben sprach. Nach dem Tod der Mutter lebte sie vorerst weiter im Anwesen der Familie. Als ihr Bruder Ende 1882 zum Gouverneur von New York gewählt worden war und ab Januar 1883 in Albany residierte, übernahm sie die Rolle seiner First Lady, weil er Junggeselle war. Wahrscheinlich hatte Rose Cleveland wegen dieser Verpflichtung das Angebot einer Dozentenstelle an einer Akademie in New York City ausgeschlagen.Merry Ellen Scofield: Rose Cleveland, Frances Cleveland, Caroline Harrison, Mary McKee. In Katherine A. S. Sibley (Hrsg.): A Companion to First Ladies. Wiley-Blackwell, Chichester 2016, ISBN 978-1-118-73222-9, S. 265–282; hier: S. 266. Aus der Präsidentschaftswahl im November 1884 ging Grover als Sieger hervor. Anfang 1885 reiste Rose daher mit ihrem Bruder zu seiner Amtseinführung als Präsident der Vereinigten Staaten nach Washington, D.C.Rob Hardy: The Passion of Rose Elizabeth Cleveland. In: New England Review. Vol. 28, No. 1, 2007, S. 180–193; hier: S. 181 f.

First Lady Weil ihr Bruder immer noch ledig war, als er 1884 zum ersten Mal ins Weiße Haus gewählt wurde, übernahm sie auch hier die Funktion der First Lady. Zu ihren Aufgaben gehörte vor allem bei den aufwendigen Empfängen, die mit dem Präsidentenamt verbunden waren, die Rolle der Gastgeberin zu übernehmen. Über ihr Auftreten und ihre Kleidung bei diesen Anlässen wurden von der Presse detailliert berichtet, so zum Beispiel von der New York Times im März 1885. Trotz ihrer Selbstsicherheit und stilvollen Mode fühlte sich Cleveland in dieser Rolle nicht vollkommen wohl. Sie verstand sich als Intellektuelle, die Bücher Menschen vorzogMerry Ellen Scofield: Rose Cleveland, Frances Cleveland, Caroline Harrison, Mary McKee. In Katherine A. S. Sibley (Hrsg.): A Companion to First Ladies. Wiley-Blackwell, Chichester 2016, ISBN 978-1-118-73222-9, S. 265–282; hier: S. 266. und als Blaustrumpf, weshalb sie dem gesellschaftlichen Small Talk und dem hohen Stellenwert, der der weiblichen Garderobe in der High Society der Hauptstadt beigemessen wurde, wenig abgewinnen konnte. So berichtete der klassische Gelehrte und Autor Harry Thurston Peck, dass sich die First Lady ihre Gelassenheit bei den Gesellschaften im Weißen Haus dadurch bewahrte, dass sie im Kopf griechische Verben konjugierte. Bei ihrem ersten Empfang zeigte sie sich besonders erfreut, dem Historiker George Bancroft vorgestellt zu werden.Rob Hardy: The Passion of Rose Elizabeth Cleveland. In: New England Review. Vol. 28, No. 1, 2007, S. 180–193; hier: S. 182 f. Insgesamt war Cleveland aufgrund ihrer Berufserfahrung, Bildung und literarischen Ambitionen eine ungewöhnliche First Lady, die sich auf dem gesellschaftlichen Parkett dennoch mit Geschick bewegte. In der Presse wurde unter anderem ihr exzellentes Personen- und Namensgedächtnis hervorgehoben.Merry Ellen Scofield: Rose Cleveland, Frances Cleveland, Caroline Harrison, Mary McKee. In Katherine A. S. Sibley (Hrsg.): A Companion to First Ladies. Wiley-Blackwell, Chichester 2016, ISBN 978-1-118-73222-9, S. 265–282; hier: S. 266.

Cleveland stand als First Lady bei der Gründung der Women’s Anthropological Society („Anthropologische Frauen-Gesellschaft“) in der Hauptstadt Pate. Dieser Verein förderte die naturwissenschaftliche Erziehung und akademische Ausbildung von Frauen.Merry Ellen Scofield: Rose Cleveland, Frances Cleveland, Caroline Harrison, Mary McKee. In Katherine A. S. Sibley (Hrsg.): A Companion to First Ladies. Wiley-Blackwell, Chichester 2016, ISBN 978-1-118-73222-9, S. 265–282; hier: S. 266. Im März 1886 veröffentlichte die New York World einen Brief der Frauenrechtlerin und Abolitionistin Elizabeth Cady Stanton an die First Lady samt ihrer knappen Antwort. Stanton warnte darin vor dem aus ihrer Sicht moralisch fragwürdigen Modetrend, die Dekolletés immer tiefer auszuschneiden und somit „unschuldige Mädchen in der Öffentlichkeit teilweise zu entblößen“. Cleveland gab ihr Recht und schrieb, dass an einem Kleid, das Hals und Arme frei ließe, nichts auszusetzen sei. Der moralische Unterschied zu einem die Brüste akzentuierenden Dekolleté sei jedoch so groß, dass dies auch der „frivolsten Dame der Gesellschaft“ verständlich sei. Während die New York Times Cleveland für diese Klarstellung lobte, sah eine anarchistische Zeitung darin die Prüderie einer in die Jahre gekommenen Jungfrau. Etwa zu dieser Zeit löste die First Lady in Washington Kontroversen aus, als sie zu einem Theaterbesuch nur mit einer Freundin und ohne männliche Begleitung erschien. Am 27. Mai 1886 traf Frances Folsom aus Europa ein, der der Präsident im Juni des vorigen Jahres einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sie war die Tochter von Grover Clevelands früherem Kanzleipartner Oscar Folsom. Nach dessen Tod im Jahr 1875 hatte er als Folsoms Testamentsvollstrecker fungiert und sich um das Wohlergehen der Witwe und der damals 11-jährigen Frances gekümmert. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr heiratete sie den Präsidenten am 3. Juni 1886 im Weißen Haus.Rob Hardy: The Passion of Rose Elizabeth Cleveland. In: New England Review. Vol. 28, No. 1, 2007, S. 180–193; hier: S. 183 f.Merry Ellen Scofield: Rose Cleveland, Frances Cleveland, Caroline Harrison, Mary McKee. In Katherine A. S. Sibley (Hrsg.): A Companion to First Ladies. Wiley-Blackwell, Chichester 2016, ISBN 978-1-118-73222-9, S. 265–282; hier: S. 268 f.

Noch als Cleveland als First Lady fungierte, waren 1885 mit George Eliot’s Poetry and Other Studies eine Essaysammlung sowie im Jahr darauf der Roman The Long Run erschienen, der von Peck wohlwollend rezensiert wurde. Außerdem verfasste sie das Vorwort zu einem Buch aus dem Bereich der Ratgeberliteratur. In George Eliot’s Poetry and Other Studies, das vom Verlag Funk & Wagnalls herausgegeben wurde, schrieb Cleveland unter anderem über die Autorin George Eliot und Jeanne d’Arc. Die Kritiken waren wohlwollend und hoben Clevelands Enthusiasmus und „femininen Stil“ hervor. Laut Peck erhielt die First Lady für dieses Buch Tantiemen von mehr als 25.000 US-Dollar (das entsprach 2021 inflationsbereinigt mehr als 700.000 DollarBerechnet nach in2013dollars.com.).Merry Ellen Scofield: Rose Cleveland, Frances Cleveland, Caroline Harrison, Mary McKee. In Katherine A. S. Sibley (Hrsg.): A Companion to First Ladies. Wiley-Blackwell, Chichester 2016, ISBN 978-1-118-73222-9, S. 265–282; hier: S. 266 f. Der Altphilologe Rob Hardy urteilte 2007 in einem Aufsatz in der New England Review, dass Cleveland mit Eliot, die unter einem männlichen Namen veröffentlichte, und der kriegerischen Jeanne d’Arc zwei Sujets wählte, die deutlich maskuline Züge tragen, was eine Faszination für Doppelnaturen offenbare. Darunter falle auch Clevelands Übersetzung der Selbstgespräche Augustinus von Hippos in das Englische im Jahr 1910, denn dieses Zwiegespräch mit sich selbst sei gleichbedeutend mit einer „Verdoppelung“ des Augustinus. Letztendlich spiegeln sich laut Hardy in dieser Vorliebe Clevelands Zweifel an der eigenen Identität. In diese Richtung deutete auch ihr Roman The Long Run, in dem die beiden Protagonisten sich vor allem dann zum anderen hingezogen fühlen, wenn sie ihn in seiner natürlichen Umwelt antreffen, während die Anziehung stark nachlässt, wenn der andere sie zuhause besucht.Rob Hardy: The Passion of Rose Elizabeth Cleveland. In: New England Review. Vol. 28, No. 1, 2007, S. 180–193; hier: S. 185 f.

Literarisches Schaffen