mini|Dennis O’Neil (2012) Dennis „Denny“ O’Neil (* 3. Mai 1939 in St. Louis, Mississippi; † 11. Juni 2020 in Nyack, New York)Richard Sandomir: Denny O’Neil, Writer Who Left His Mark on Batman, Dies at 81. In: The New York Times, 18. Juni 2020, abgerufen am 20. Juni 2020 (englisch). war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Comicautor und Herausgeber. Am bekanntesten war er für seine Arbeit als Autor zahlreicher Batman-Comics in den 1970er-Jahren und als Editor der Batman-Comics in den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren.

Leben und Wirken Anfänge O’Neil entstammte einer katholischen Familie aus St. Louis. Er studierte an der St. Louis University und erwarb Abschlüsse in englischer Literatur, kreativem Schreiben und Philosophie. Nach dem Studium trat O’Neil in die US-Navy ein. Als Matrose nahm er unter anderem an der amerikanischen Seeblockade teil, die die amerikanische Regierung über die Insel während der Kubakrise von 1962 verhängte.

Nach seinem Ausscheiden aus der Marine arbeitete O’Neil zunächst gelegentlich als Kolumnist bei einer Zeitung in Fort Girardeau, Mississippi. O’Neils Kolumnen ließen den damals bei Marvel Comics als Autor tätigen Schriftsteller Roy Thomas auf ihn aufmerksam werden. Thomas vermittelte O’Neil einen Einstellungstest bei Marvel Comics. O’Neils Abschneiden bei diesem Test beeindruckte den damaligen Herausgeber und Chefautor von Marvel Stan Lee derart, dass er Thomas gestattete, O’Neil als neuen Autor für die Reihe Doctor Strange anzuheuern, die die Abenteuer eines mächtigen modernen Magiers zum Inhalt hat.

Wechsel zu DC Comics Unter dem Pseudonym Sergius O’Shaugnessy arbeitete O’Neil Ende der 1960er Jahre kurzzeitig bei Charlton Comics, wo er Dick Giordano kennenlernte. Nach dem Bankrott von Charlton Comics wechselte O’Neil zu dem Verlag DC Comics. Die von DC veröffentlichten Serien und Figuren galten damals weithin als gesellschaftlich konformistisch, brav und zahm. Insbesondere die dramatischen sozialen Veränderungen und Konflikte in den Vereinigten Staaten der 1960er Jahre (Rassenunruhen, Frauenbewegung, Anti-Vietnamkrieg-Bewegung, ein wachsender Trend zur Hinterfragung gesellschaftlicher Verhältnisse und Strukturen sowie des Handelns politischer Machtinstanzen) wurde in den von DC zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Comics so gut wie gar nicht reflektiert.

Bei DC schrieb O’Neil zunächst für die Serien Wonder Woman und Justice League of America. Zudem schuf er mit dem „durchgeknallten“ Vigilanten Creeper (sinngemäß „Schleicher, unheimlicher Kerl“) eine neue Figur, die sich als eine bleibende Hinzufügung zum Figurenbestand des DC-Universums erwies: Hinter ihm verbirgt sich der Journalist Jack Ryder, der sich unter dem Einfluss eines wundersamen Giftes immer wieder zeitweise in eine übermenschlich starke und akrobatische, zugleich aber auch wahnsinnige (dabei jedoch im Wesentlichen gutmütige), ständig irre lachende, Kreatur mit gelber Haut und grünen Haaren verwandelt, die allerhand schrille Abenteuer erlebt.

O’Neil, der sich sein Leben lang zu seinen linken Ansichten bekannte, benutzte seine Position als Autor (und später Editor) einiger der meistgelesenen amerikanischen Comicserien seit den späten 1960er Jahren beständig dazu, um von ihm als Missstände angesehene Erscheinungen der realen Welt durch das Medium der von ihm betreuten Comics zu thematisieren und anzuprangern. Der sich zum Konservativismus bekennende Autor Chuck Dixon, der von den frühen 1990er bis in die frühen 2000er Jahre mehr als zehn Jahre lang als Autor von O’Neil als Redakteur beaufsichtigte Comics über den Superhelden Batman verfasste, spöttelte daher, vom rechten Blickwinkel aus, 2016 über O’Neil, dass dieser „der wohl bekannteste Liberale der amerikanischen Comicbranche“ sei („perhaps comicdoms most famous bleeding heart liberal“; der Begriff bleeding heart liberal ist in der Sprache der amerikanischen Konservativen dabei mit dem Werturteil aufgeladen, dass jener Teil der Linken, der so bezeichnet wird, von übermäßiger und verfehlter Empathie für jene Teile der Gesellschaft erfüllt ist, die angeblich zu Unrecht behaupten, benachteiligt und unterdrückt zu sein), fügte aber hinzu, dass er und der O’Neil aufgrund des Umgänglichkeit und undoktrinärer Art während ihrer Zusammenarbeit „trotzdem immer prächtig miteinander ausgekommen“ seien („we never got along anything but famously“).

Green Arrow und Green Lantern Als Autor für die Anthologie-Serie The Brave and the Bold nahm O’Neil es zu dieser Zeit auf sich, die Figur des mit Pfeil und Bogen bewaffneten Superhelden Green Arrow optisch und charakterlich zu modernisieren: Während dieser in der ursprünglichen Version im Wesentlichen ein generischer Robin-Hood-Abklatsch ohne bemerkenswerte individuelle Persönlichkeitszüge gewesen war, verpasste O’Neil ihm erstmals eine konturierte Persönlichkeit: Während der alte Green Arrow ein glattrasierter austauschbarer Superheld, ohne nennenswerte Meinungen, Eigenschaften und politische Überzeugungen, gewesen war, machte O’Neil aus ihm einen leidenschaftlichen Anhänger linker Ideen (Hinterfragung von Autoritäten und Machtstrukturen, Ablehnung von Militär, Polizeigewalt, Nuklearwaffen, Überzeugung, dass ein größeres Maß an sozialer Gerechtigkeit verwirklicht werden müsse), der sich – eine Beigabe der Hippie-Bewegung der 1960er Jahre – einen langen Bart stehen ließ und fast noch mehr als gegen Kriminelle gegen soziale Ungerechtigkeiten kämpfte.

Die von ihm überarbeitete Green-Arrow-Figur machte O’Neil auch zu einem von zwei Protagonisten einer seiner wirkungsmächtigsten Arbeiten: Zusammen mit dem Zeichner Neal Adams verkuppelte O’Neil Green Arrow und die Figur des mit einem magischen Ring bewaffneten Weltraumpolizisten Green Lantern zu einem Team, das in der Serie Green Lantern (die nun in Green Lantern/Green Arrow umbenannt wurde) in einer über mehr als ein Jahr laufenden Storyline „Green Lantern/Green Arrow: Hard Travelling Heroes“ Abenteuer erlebten, die sich in einer für die damalige Zeit revolutionären Weise von den damals gängigen Superhelden-Geschichten unterschieden. „Hard Travelling Heroes“ schickt die beiden Helden auf eine Selbstfindungreise durch die Vereinigten Staaten der frühen 1970er Jahre. In ihrem Bestreben das „wahre Amerika“ kennenzulernen setzen die Helden sich in der Geschichte weniger mit Kriminellen und Superschurken auseinander, sondern treffen auf komplexe Probleme, wie Rassendiskriminierung, Opiatesucht, soziale Verelendung, Hass, Bigotterie und Korruption. Dabei erweist es sich, dass diese Probleme sich nicht auf die für Superheldencomics bis dahin gängige Weise lösen lassen, dass einigen Unholden ein paar gepflegte Faustschläge versetzt werden (woraufhin sich alles zum Guten wendet). So ist selbst der scheinbar allmächtige Zauberring von Green Lantern bei den Versuchen, diesen Erscheinungen beizukommen, völlig nutzlos.

Die Presse feierte die Reihe seinerzeit als eine effektvolle Aufzeigung von Missständen in der realen Welt, die das Bewusstsein für die hässlichen Seiten des zeitgenössischen Amerikas schärfe. Auch wurde O’Neils und Adams Arbeit als Beleg für die Reifung des Mediums Comic bewertet: So anerkannten Kritiker die „Hard Travelling Heroes“ als einen Nachweis dafür, dass Comics nicht zwingend darauf beschränkt sein müssten, ausschließlich auf Kinder zugeschnittene Geschichten mit wenig anspruchsvollem Inhalt zu bieten, der sich in kurzweiliger Unterhaltung ohne jede Tiefe erschöpft, sondern dass es auch möglich sei, in Comics Handlungen und Ideen zu präsentieren, die auch für Heranwachsende und Erwachsene geeignete Unterhaltung und sogar Denkanstöße transportieren.

Batman (1969 bis 2008) Generalüberholung Batmans und seiner Widersacher O’Neils bekannteste und wirkungsmächtigste Arbeit war schließlich die, ebenfalls zusammen mit Neal Adams als künstlerischem Partner verwirklichte, Generalüberholung des Superhelden Batman: Nachdem Batman sich in den 1950er und 1960er Jahren von einer unheimlichen Kreatur der Nacht, die im Schutz der Dunkelheit als bedrohlicher Rächer Jagd auf Kriminelle macht, zu einer harmlosen und sogar humoristischen Figur entwickelt hatte, die kinderfreundlich-zahme Abenteuer erlebte, führten O’Neil und Adams sie ab 1970 zu ihren Ursprüngen aus den späten 1930er und frühen 1940er Jahren zurück (und gingen sogar deutlich über diese hinaus), indem sie den Batman-Geschichten eine sehr viel düstere Optik sowie sehr viel düstere Inhalte und überhaupt einen grimmigeren und erwachseneren Stil als in den vorangegangenen Jahrzehnten gaben. Anstatt eines zumeist bei Tag agierenden leutseligen Zeitgenossen, der unbeschwert-lebensfroh durchs Leben geht und sich mit Widersachern auseinandersetzt, die ins Unterhaltungsprogramm eines Kindergeburtstages passen würden, machten sie Batman zu einer gebrochenen und traumatisierten Figur, die von inneren Dämonen angetrieben wird, die ihn zwingen, nachts einen harten Privatkrieg gegen gefährliche Kriminelle zu führen. Zu diesem Zweck wurden die bekanntesten Widersacher von Batman, wie der Joker, der Pinguin oder Scarerow („die Vogelscheuche“), die in den 1950er und 1960er Jahren erheiternd-harmlose Schießbudenfiguren gewesen waren, von O’Neil und Adams auf ihre Grundfesten herabgebrochen und dann als gefährliche Psychopathen und Geisteskranke (Joker, Scarecrow) oder als gewiefte Meisterverbrecher (Pinguin) neu interpretiert.

Die bis heute bekannten – in zahlreichen Fernsehserien, Filmen und Videospielen adaptierten – Versionen dieser Figuren wurden im Wesentlichen von O’Neil und Adams in den frühen 1970er Jahren geschaffen. Auch den seit den 1940er Jahren nicht mehr verwendeten Schurken Two-Face brachten die beiden zurück und reinterpretierten ihn als eine weitaus dunklere Figur – einen von Zwangsneurosen und schmerzhaften Obsessionen geleiteten mörderischen Geisteskranken mit krimineller Genialität – als in der ursprünglichen Fassung. Zudem fügten sie Batmans Schurkengalerie mit dem charismatischen Sektenführer und Terroristen Ra’s al Ghul, einem Adepten mysteriöser magischer Künste, die ihm ein jahrhundertelang währendes Leben geschenkt haben, einen neuen Schurken hinzu, der sich als bei den Lesern überaus populär erwies und als einer der am häufigsten wiederkehrenden Widersacher des Superhelden durchsetzte. Weitere beständige Figuren, die O’Neil dem Batman-Universum hinzufügte, waren al Ghuls Tochter Talia, die zwischen ihrer Loyalität zu ihrem Vater und seinen Idealen und ihrer Liebe zu Batman hin- und hergerissen ist und die in späteren Geschichten die Mutter von Batmans Sohn wird, des Weiteren der exzentrische Gangster Maxie Zeus, der sich für eine Reinkarnation des höchsten Gottes des griechischen Pantheons hält, sowie die humanistische Ärztin Leslie Tompkins, die sich der Fürsorge für die Armen und Kranken in den Slums von Batmans Heimatstadt Gotham City verschrieben hat.

Ausbau des Batman-Universums Abenteuer für die diversen Batman-Serien verfasste O’Neil mit Unterbrechungen bis Ende der 1970er Jahre. 1986 wurde er vom DC Verlag zurückgeholt und als Editor mit der redaktionellen Aufsicht über das gesamte Batman-Sortiment des Verlages betraut: In dieser Stellung lenkte er die Geschicke des Superhelden mehr als 16 Jahre lang, bis 2002, indem er Autoren und Zeichner zur Gestaltung der Comics einstellte und anleitete, Manuskripte prüfte, Leitlinien für den weiteren Verlauf der Serien ausgab und dergleichen mehr. Unter seiner Ägide wuchs das Batman-Programm des Verlages von drei monatlichen Serien im Jahr 1986 (Batman, Detective Comics, Batman and the Outsiders) auf neun monatliche Serien im Jahr 2002 (Batman, Detective Comics, Batman: Legends of the Dark Knight, Batman: Gotham Knights, Batgirl, Birds of Prey, Catwoman, Nightwing, Robin).