276px|mini|Karte des Landes Thüringen 1945–1952 Das Land Thüringen war ein Land des Deutschen Reiches während der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus sowie ein Land der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik. Landeshauptstadt war Weimar, die größte Stadt zunächst Gera und seit der Vereinigung mit dem preußischen Regierungsbezirk Erfurt (1944/45) Erfurt.

Das Land entstand am 1. Mai 1920 aus einem Zusammenschluss der thüringischen Freistaaten Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen sowie des Volksstaates Reuß. Der Freistaat Coburg hingegen schloss sich Bayern an. Eine Integration von Gebieten aus dem preußischen Thüringen konnte trotz verschiedener Bestrebungen nicht realisiert werden. Im Thüringer und im nördlichen Fränkischen Raum ging damit die jahrhundertelange Ära starker territorialer Zersplitterung zu Ende.

Mit dem Gesetz über den Neuaufbau des Reichs 1934 wurde das Land gleichgeschaltet, der Gau Thüringen unter Fritz Sauckel spielte politisch die wichtigere Rolle. Das Land wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach kurzer amerikanischer Besatzung Teil der sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Es wurde um den preußischen Regierungsbezirk Erfurt auf 15.585 km² vergrößert und erhielt am 20. Dezember 1946 eine neue Verfassung. Mit der Neugliederung der DDR nach Bezirken verlor das Land 1952 seine Funktion. 1958 wurde es endgültig aufgelöst.

Geschichte Gründung Schon Ende 1918 nahmen die Regierungen der thüringischen Freistaaten, einschließlich des Freistaates Coburg, Verhandlungen zu einem Zusammenschluss aller auf, möglichst unter Einschluss der preußischen Gebietsteile. Da der Freistaat Preußen zu keinerlei Gebietsveränderungen bereit war, wurde die Landesgründung im Jahr 1919 als sogenannte „kleinthüringische Lösung“ vorangetrieben.

Im Verlauf der Gründungsverhandlungen äußerten die Landesregierungen von Sachsen-Meiningen und Coburg Bedenken darüber, ob ein Anschluss an das zu bildende Land vorteilhaft sei; denn der eher fränkisch geprägte Bereich südlich des Rennsteigs fühlte sich von jeher sprachlich wie landsmannschaftlich stärker mit den fränkischen Gebieten verbunden, die seit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 zu Bayern gehören. Die Bedenken Sachsen-Meiningens konnten (unter anderem durch eine Bestandsgarantie für die IHK Sonneberg und für die Landkreise) ausgeräumt werden. Der Freistaat Coburg entschied sich bei einer Volksabstimmung am 30. November 1919 mit 88 Prozent gegen einen Anschluss an Thüringen, worauf am 1. Juli 1920 die Vereinigung mit dem Freistaat Bayern vollzogen wurde.

Durch das Reichsgesetz vom 30. April 1920 (RGBl. I S. 841) wurden die sieben Volks- beziehungsweise Freistaaten, ohne das Gebiet Coburg, schließlich am 1. Mai 1920 zum Land Thüringen mit einer Fläche von 11.763 km² vereint. Das erste Landeswappen hatte sieben Sterne auf rotem Grund, welche die ehemaligen Freistaaten symbolisieren. Hauptstadt wurde Weimar. Die Verfassung des Landes Thüringen, die am 11. März 1921 verabschiedet wurde, und der Gemeinschaftsvertrag von 1919 wurden von dem Jenaer Abgeordneten der DDP, Eduard Rosenthal, entworfen.

Von 1920 bis 1933 mini|Ehemaliges Landtagsgebäude in Weimar Auch in Thüringen war die Zeit der Weimarer Republik von politischen Wirren geprägt. Im Oktober 1923 bildeten die Sozialdemokraten unter August Frölich eine Regierung zusammen mit der KPD. Jedoch wurde die „Arbeiterregierung“ kurz darauf durch den Einmarsch der Reichswehr per sogenannter Reichsexekution abgesetzt.Wolfgang Michalka, Gottfried Niedhart (Hrsg.): Die ungeliebte Republik. Dokumente zur Innen- und Aussenpolitik Weimars 1918–1933. dtv dokumente, München 1986, S. 75.Die Bedeutung der Reichsexekution in der Weimarer Reichsverfassung und ihre Anwendung 1923 in Sachsen und Thüringen. Deutscher Bundestag – Wissenschaftliche Dienste, Ausarbeitung, S. 8.

Von Januar 1930 bis April 1931 gab es im Land Thüringen die erste völkisch-nationalsozialistische Regierung in Deutschland, nach ihrem nationalsozialistischen Innenminister Wilhelm Frick als Frick-Regierung bezeichnet, und schon 1932 konnte die NSDAP mit ihrem Gauleiter Fritz Sauckel als Leitendem Staatsminister allein die Regierung im Land bilden.

Das Land wurde nach außen durch den Vorsitzenden des Staatsministeriums vertreten. Dies waren zwischen 1920 und 1945: 1920–1921 Arnold Paulssen (DDP) 1921–1924 August Frölich (SPD) 1924–1928 Richard Leutheußer (DVP) 1928–1930 Arnold Paulssen (DDP) 1930–1932 Erwin Baum (Landbund) 1932–1933 Fritz Sauckel (NSDAP) 1933–1945 Willy Marschler (NSDAP)

Von 1933 bis 1945 mini|hochkant=0.7|Das von den Nationalsozialisten verliehene Landeswappen

Nach der Machtübertragung an Adolf Hitler Anfang 1933 erfolgte die Gleichschaltung der Länder. Zur Verfolgung der politischen Gegner entstanden die ersten sogenannten Schutzhaftlager in Nohra und Bad Sulza (beide im Landkreis Weimar). Trotz Verfolgung durch den NS-Terrorapparat entwickelte sich in unterschiedlicher Intensität auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der bisherige Ministerpräsident Fritz Sauckel wurde Reichsstatthalter und dessen Nachfolger Willy Marschler (NSDAP). Durch das Gesetz über den Neuaufbau des Reichs vom 30. Januar 1934 verlor das Land Thüringen seine Eigenstaatlichkeit. Die Landeshauptstadt Weimar wurde zur Gauhauptstadt; das „Gauforum Weimar“ nutzt heute das Thüringer Landesverwaltungsamt. Die territoriale Gliederung des NSDAP-Gaues Thüringen orientierte sich an der Gliederung der Reichstagswahlkreise in der Weimarer Republik und umfasste daher auch den Regierungsbezirk Erfurt und den Kreis Herrschaft Schmalkalden, die 1944 dann auch verwaltungsmäßig faktisch an Thüringen angeschlossen wurden (siehe unten, Kapitel #Gebietsänderungen). 1937 entstand das KZ Buchenwald bei Weimar. 1943 kam das Konzentrationslager Dora-Mittelbau im preußischen Regierungsbezirk Erfurt hinzu (zunächst als Nebenlager von Buchenwald und seit 1944 als eigenständiges Lager).

Im Zweiten Weltkrieg war Thüringen weniger als andere Gebiete Deutschlands von Luftangriffen betroffen. Fast völlig zerstört wurden die Städte Nordhausen, damals wie Erfurt zu Preußen gehörend, (aufgrund des dortigen KZ und Rüstungsbetriebes Mittelbau-Dora) und Creuzburg (strategisch wichtige Werraüberquerung); größere Beschädigungen gab es unter anderem in Jena und Gera. Erfurt wurde zu etwa 10 % zerstört.

Ende des Zweiten Weltkriegs, SBZ und DDR mini|Land Thüringen in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR (1945–1952) mini|hochkant=.65|Wappen des Landes Thüringen von 1945 bis 1952 Ende März 1945 näherten sich die Westalliierten Thüringen. Trotz des nahen Kriegsendes befahlen NS-Offiziere, den „Trutzgau Thüringen“ bis zum letzten Mann zu verteidigen; die „Werralinie“ westlich von Eisenach sollte unter allen Umständen gehalten werden. Dadurch kam es am 1. April zwischen Treffurt und Gerstungen zu Kämpfen von Volkssturm, Hitler-Jugend und Fronturlaubern gegen die anrückenden US-Truppen, die etwa 350 Todesopfer forderten und bei denen die Kleinstadt Creuzburg zu etwa 85 % zerstört wurde. Damit begann die Einnahme Thüringens; innerhalb von rund zwei Wochen wurde das ganze Land amerikanisch besetzt, wobei es am 6. April noch zu starken Bombenangriffen auf Gera kam.

Ab 16. April stand das Land Thüringen unter amerikanischer Verwaltung.Volker Wahl: Schaukasten Folge 3. Besatzungswechsel 1945 in Thüringen. Hauptstaatsarchiv Weimar Am 13. Juni 1945 konstituierte sich die Provinz Thüringen unter dem Regierungspräsidenten Hermann Brill, der am 9. Juni 1945 vom Militärregierungsoffizier des VIII. Corps, Colonel Azel F. Hatch, noch vorläufig eingesetzt worden war.Volker Wahl: Thüringen unter amerikanischer Besatzung (April bis Juli 1945). In: Thüringen. Blätter zur Landeskunde. Weimar 2001. Sie umfasste bereits den preußischen Regierungsbezirk Erfurt mit dem Kreis Schmalkalden, dazu jedoch auch sächsische Gebiete um Auerbach, Oelsnitz, Plauen, Reichenbach, Rochlitz und Zwickau. Am 2. und 3. Juli zogen die amerikanischen Truppen ab und vom 2. bis 6. Juli 1945 besetzten sowjetische Truppen Thüringen. Damit war die kurzfristige „Provinz Thüringen“ hinfällig. Am 16. Juli 1945 wurde Rudolf Paul auf Befehl des Marschalls der Sowjetunion, Georgi Konstantinowitsch Schukow, zum Präsidenten des Landes Thüringen ernannt.Regierungsblatt für das Land Thüringen vom 04.09.1945 Dieses Land umfasste das Gebiet des früheren Landes Thüringen ohne den Amtsgerichtsbezirk Ostheim von der Rhön (nun bayerisch), sowie das Gebiet des früheren Regierungsbezirks Erfurt und des Kreises Herrschaft Schmalkalden.

Das neue Land Thüringen war fortan Teil der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und umfasste eine Fläche von 15.585 km².

Der Thüringer Landtag wurde 1946 bei den halbfreien Landtagswahlen gewählt. Erstmals eine Verfassung erhielt das neue Land Thüringen am 20. Dezember 1946.Verfassung des Landes Thüringen im Regierungsblatt für das Land Thüringen, 1947, Nr. 1, S. 1–5 (Digitalisat der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena). Nach der Gleichschaltung der politischen Parteien zu Blockparteien wurde er bei den unfreien Landtagswahlen in der DDR 1950 nach Einheitslisten bestimmt. Mit der Neugliederung der DDR nach Bezirken verlor das Land 1952 seine Funktion. 1958 wurde es endgültig aufgelöst. Das Gebiet des Landes bildeten nun im Wesentlichen die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl.

Landespräsidenten des Landes Thüringen (ab 1947 Ministerpräsidenten) waren ab 1945: Hermann Brill (SPD, Juni bis Juli 1945, unter amerikanischer Besatzung) Rudolf Paul (DDP/SED, 1945–1947, in den Westen geflohen) Werner Eggerath (KPD/SED, 1947–1952)

Bevölkerung und Städte Das Land Thüringen war ländlich geprägt. Im September 1922 gab es 91 Städte und 2013 Orte (Gemeindebezirke), hinzu kamen noch 93 unbewohnte Gemarkungen – die meisten im Landkreis Meiningen.Thüringischen Statistisches Landesamt (Hrsg.): Kreiseinteilung des Landes Thüringen vom Jahre 1922. 2. Auflage. Kommissionsverlag von Gustav Fischer, Jena 1922, S. 41. Es gab keine Großstädte und, wie die folgende Tabelle zeigt, 22 Mittelstädte, die in den 1930er Jahren mehr als 10.000 Einwohner hatten. Gera war die größte Stadt des Landes. Weimar, die drittgrößte Stadt und ehemals Hauptstadt des größten thüringischen Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach, wurde neue Landeshauptstadt. Die heutige Hauptstadt Erfurt und einige andere größere Städte lagen auf preußischem Gebiet und gehörten dadurch nicht zum Land Thüringen.

Größte Städte Fläche(km²) Einwohnerzahl(Volkszählungsergebnisse) 1925 1933 1939 Gera 47,52 81.402 83.775 81.931 Jena 47,17 52.649 58.357 68.377 Weimar 37,69 45.957 49.327 65.916 Gotha 48,69 45.780 47.848 51.995 Eisenach 24,55 43.385 44.695 50.464 Altenburg 17,23 42.570 43.736 44.338 Greiz 44,18 37.490 39.903 38.933 Apolda 16,66 25.703 27.834 27.936 Arnstadt 26,93 21.693 22.024 22.619 Sonneberg 12,92 19.157 20.083 20.204 Meiningen 31,93 18.221 18.833 19.796 Saalfeld 24,63 17.960 19.148 21.980 Rudolstadt 16,72 15.711 16.863 18.222 Pößneck 14,78 14.625 15.712 16.045 Zella-Mehlis 26,80 14.423 14.100 16.363 Ilmenau 10,75 13.612 14.258 16.306 Schmölln 16,57 13.475 13.928 13.020 Meuselwitz 10,69 11.571 11.050 10.660 Eisenberg 14,92 11.317 11.371 11.103 Zeulenroda 14,50 11.047 12.247 12.481 Weida 12,54 10.040 11.040 11.150 Sondershausen 17,34 9.978 10.677 10.907

Verwaltungsgliederung