Das ehemalige Kernkraftwerk Fessenheim (, Kürzel FSH) wurde 1978 in Betrieb genommen und war vor seiner Stilllegung 2020 das älteste und leistungsschwächste französische Kernkraftwerk. Reaktor 1 wurde im Februar 2020 und Reaktor 2 im Juni 2020 abgeschaltet, womit das Kraftwerk endgültig vom Netz ging.

Lage Das Kraftwerk lag etwa zwei Kilometer südöstlich der Gemeinde Fessenheim (Département Haut-Rhin/Oberelsass) am Rheinseitenkanal (Grand Canal d’Alsace), einen Kilometer westlich der Grenze zu Deutschland, 25 Kilometer westsüdwestlich von Freiburg im Breisgau, 23 Kilometer südöstlich von Colmar, 24 Kilometer nordöstlich von Mülhausen (F) und 40 Kilometer nördlich von Basel.

Planung 1962 schlug die Électricité de France (EDF) erstmals den Bau eines Kernkraftwerks in Fessenheim vor. Der deutsche Energieversorger RWE zeigte daran kurzzeitig Interesse, sah dann aber zugunsten des Baus des Kernkraftwerks in Biblis von einer Zusammenarbeit ab. Die Firmen Siemens und Babcock beteiligten sich zusammen an dem Projekt und schlugen einen gasgekühlten graphitmoderierten Reaktor vor, ähnlich den französischen Modellen, mit einer elektrischen Leistung von 500 MW und Natururan als Brennstoff. Das Groupement Atomique Alsacienne Atlantique (GAAA) änderte den Reaktortyp geringfügig und erhöhte die Leistung auf 750 MW. Da der französische Staat sich mittlerweile auf Leichtwasserreaktoren des US-Herstellers Westinghouse konzentrierte, wurden keine staatlichen Subventionen für den Bau der Anlage bereitgestellt. Zeitweise wollte man sie trotzdem errichten.Wolfgang D. Müller: Auf der Suche nach dem Erfolg – Die sechziger Jahre – Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland Band II. In: Schäffer Poeschel, Stuttgart 1996, ISBN 3-8202-1029-6. S. 306/307

Im Jahr 1967 wurde für beide Reaktoren eine Baugenehmigung ausgefertigt, doch 1969 von der EdF zugunsten der Errichtung von Leichtwasserreaktoren storniert. Ein Aspekt hierfür waren die zu hohen Anschaffungskosten: Siemens bot zwei Leichtwasserreaktoren an; EdF entschied sich aber für die Reaktoren von Westinghouse. Von Beginn an war auf dem Gelände der Bau von vier Reaktoren vorgesehen; erst 1991 wurde der Bau der Blöcke III und IV ad acta gelegt.

Betrieb mini|250px|Funktionsschema eines Druckwasserreaktors ohne Kühlturm Von 1977 bis 2020 waren zwei Druckwasserreaktoren mit je 880 Megawatt elektrischer Nettoleistung in Betrieb, seit Februar 2020 nur noch Reaktor 2, der am 29. Juni 2020 abgeschaltet wurde. Fessenheim war damit bis Ende Juni 2020 das älteste damals noch in Betrieb befindliche Kernkraftwerk Frankreichs.Spiegel-online.de, Politik, Ausland, 20. März 2011, cte/dpa: Umweltministerin rührt an Frankreichs Atompolitik (14. Juni 2011) Seit Inbetriebnahme wurden über 443 TWh elektrischer Energie erzeugt (Stand 2018).

Betreiber Der EDF gehören 67,5 % der Anlage. Energie Baden-Württemberg (EnBW) (vormals Badenwerk) hält 17,5 % der Anteile. Der Anteil beinhaltet eine Beteiligung von 17,5 % an den Betriebs- und Investitionskosten und im Gegenzug den Erhalt von 17,5 % der StromproduktionToni Nachbar: Heiße Anteile an Fessenheim – Wie verquickt sind das elsässische AKW, die EnBW und die neue Landesregierung? In: Badische Zeitung, 24. Juli 2011. (28. April 2012) („virtuelle Kraftwerksscheibe“). 2009 bzw. 2010 wurden aus kartellrechtlichen bzw. technischen»Das wäre eher Chance denn Last« – Staatsministerin Silke Krebs zu EnBW und Fessenheim In: Badische Zeitung, 21. August 2011 Gründen die Bezugsrechte an Fessenheim im Rahmen eines „Swaps“ an die Fa. E.ON gegen Strombezugsrechte aus anderen deutschen Kraftwerken getauscht.Geschäftsbeziehungen zwischen der EnBw und dem Atomkraftwerk Fessenheim. In: (28. April 2012) 17,5 % der fixen sowie der variablen Kosten des Kraftwerkes (also der Investitions-, Betriebs-, Nachrüstungs- und Reparaturkosten) liegen allerdings nach wie vor bei der EnBW. Eine im Falle einer vorzeitigen Stilllegung von deutscher Seite zu zahlende Entschädigung wurde Mitte 2017 vom baden-württembergischen Umweltministerium in Abrede gestellt.

Die übrigen 15 % der Anteile hält mittels der Kernkraftwerks-Beteiligungsgesellschaft AG (KBG) bzw. Centrales Nucléaires en Participations (CNP) auf dem Wege von Strombezugsrechten bzw. -pflichten seit 1971 ein Konsortium dreier schweizerischer Unternehmen: mit jeweils 5 % die Energiekonzerne Alpiq, Axpo und BKW Energie3. Juni 2016, Hans Galli, derbund.ch: Streit um Abschaltung des AKW Fessenheim (3. Juni 2016) (bis 1996: BKW, Bernische Kraftwerke).bernerzeitung.ch, 27. Februar 2013, Dominik Balmer: Fessenheim und Gaskraftwerke trüben die Rechnung der BKW (28. Februar 2013)5. Mai 2012, handelszeitung.ch: Schweizer Konzerne sollen für AKW Fessenheim zahlen (26. Mai 2012) Diese Kooperation mit dem KKW Fessenheim wurde gebildet, weil das schweizerische Kernkraftwerk Graben nach heftigen Protesten der Bevölkerung nicht gebaut werden konnte; der Vertrag wurde Anfang September 2017 von dem Konsortium aus nicht genannten Gründen zum 31. Dezember 2017 gekündigt.

Arbeitsplätze Ende 2017 waren mehr als 1000 Arbeitnehmer und Dienstleister im Kernkraftwerk Fessenheim beschäftigt. Nach der Außerbetriebnahme im Juni 2020 wurden bis zum Jahr 2023 noch 294 Arbeitsplätze sowie nachfolgend noch 60 Arbeitsplätze bestehen bleiben. Die Stilllegung des Kraftwerks wurde daher vom französischen Gewerkschaftsbund CGT kritisiert.Akw Fessenheim endgültig stillgelegt Bericht der deutschen Wochenzeitung Die Zeit am 30. Juni 2020, abgerufen am 30. Juni 2020Französisches Atomkraftwerk Fessenheim endgültig abgeschaltet Bericht der Tageszeitung Frankfurter Rundschau am 30. Juni 2020, abgerufen am 30. Juni 2020

Erträge Die Bürgermeisterin der Gemeinde Fessenheim äußerte im April 2012, die EDF führe jährlich Gewerbesteuern in Höhe von 5,5 Millionen Euro ab;Adrien Dentz: Enjeu – Plébiscite à Fessenheim pour la centrale nucléaire (dt. Wahlkampf: Plebiszit in Fessenheim für die Nuklearzentrale) In: lalsace.fr, 23. April 2012 (25. April 2012) der Kernkraftwerkdirektor bezifferte den Jahresgewinn 2012 auf 400 Mio. Euro.Bärbel Nückles, badische-zeitung.de, 23. Januar 2013: Fessenheim-Mitarbeiter wollen gegen Schließung protestieren (11. März 2013)Bärbel Nückles, badische-zeitung.de, 6. März 2013: Wie die Fessenheimer ihr Atomkraftwerk retten wollen (11. März 2013)

2015 bezog die KBG aus dem KKW 637 Gigawattstunden Energie.

Emissionen Radionuklide Die zulässigen Grenzwerte pro Jahr für die Emission von radioaktiven Gasen aus dem laufenden Betrieb des Kernkraftwerks in die Luft betragen für Tritium und Edelgase laut EDF 1480 Terabecquerel (TBq, ein TBq = eine Billion Bq); für Jod und andere Elemente 111 Gigabecquerel (GBq, ein GBq = eine Milliarde Bq). Über das Abwasser dürfen jährlich bis zu 74 TBq Tritium sowie 925 GBq Jod und andere Elemente in den Rheinseitenkanal emittiert werden.EDF in: energie.edf.com, Umwelt und Strahlenschutz – monatliche Informationen aus dem Kernkraftwerk Fessenheim, Nr. 71, Juli/August 2011 (7. November 2011; PDF) 2009 hat das Kernkraftwerk nach Angaben der Badischen Zeitung gut 24 TBq Tritium in den Rhein abgegeben.Pressemitteilung, Bärbl Mielich, Mitglied Landtag Baden-Württemberg (Die Grünen), 10. November 2010: Niedrigere Grenzwerte für radioaktive Emissionen aus Atomkraftwerken! (4. Mai 2011)

Wärmelast Der gesetzliche Grenzwert für die Erwärmung des Rheinseitenkanals aus dem Kühlwasser der Reaktoren lag bei 4 K; der Maximalwert für den Unterlauf bei 30 °C. Das Kernkraftwerk belastete während seines Betriebes den Rhein mit einer Abwärme von geschätzt bis zu 3622 MW. Es war damit bis zum deutschen Atomausstieg 2011 nach den Kernkraftwerken Biblis und Philippsburg die drittgrößte maximale Wärmebelastung für den Rhein.Jörg Lange: Studie Wärmelast Rhein in: (23. März 2011; PDF; 6,5 MB) Während der Hitzewelle in Europa 2003 kam es zu einer zusätzlichen Erhöhung der Wassertemperatur des Rheinseitenkanals unterhalb der Kühlwassereinleitung von bis zu 1,7 °C. (2. November 2011; PDF; 6,5 MB) Im Gegensatz zu anderen Kraftwerken fehlt hier eine Rückkühlmöglichkeit des zum Betrieb notwendigen Kühlwassers mittels eines Kühlturmes. Wegen der Dürre und Hitze in Europa musste einer der beiden Reaktoren im August 2018 komplett außer Betrieb genommen und der zweite in der Leistung reduziert werden.AKW Fessenheim schaltet wegen Hitze Reaktor ab In: saarbruecker-zeitung.de, 5. August 2018, abgerufen am 6. August 2018.

Zehnjahresinspektionen Für jeden Reaktorblock in Frankreich muss alle zehn Jahre der Nachweis erbracht werden, dass die Anlagen mit funktionierender Technik ausgestattet sind und den aktuellen Sicherheitsanforderungen entsprechen ( „Visite décennale“).Näheres in der französischen Wikipedia

Block I Block I war zwischen Oktober 2009 und März 2010 für seine dritte Zehn-Jahres-Revision heruntergefahren. Im Juli 2011 bestätigte die französische Atomaufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire (ASN) die Möglichkeit einer Laufzeitverlängerung des Blocks um zehn Jahre.Bärbel Nückles, Michael Baas: Fessenheim: Atomaufsicht empfiehlt Laufzeitverlängerung und Nachrüstung. In: badische-zeitung.de, Lokales, Elsass, 5. Juli 2011 Dazu müsste bis zum 30. Juni 2013 neben ca. 40 weiteren AuflagenBärbel Nückles: AKW Fessenheim wird nachgebessert. In: badische-zeitung.de, Lokales, Elsass, 19. November 2011 die Bodenplatte des Reaktors verstärkt werden, um ihre Sicherheit gegen ein Durchschmelzen des Reaktorkernes zu erhöhen, und bis zum 31. Dezember 2012 eine Vorrichtung installiert werden, welche die dauerhafte Abfuhr der Restwärme auch bei einem Ausfall der Kühlsysteme gewährleistet.ASN 25. Juli 2011: Die endgültige Entscheidung sollte zunächst im Herbst, dann am Ende des Jahres nach Beendigung der beiden Teile des EU-weiten Kernkraftwerke-StresstestesBärbel Nückles: Kernkraftgegner kritisieren französischen AKW-Stresstest. In: badische-zeitung.de, Lokales, Elsass, 6. November 2011 (20. November 2011) von der französischen Regierung getroffen werden.

mini|Stromproduktion des AKW Fessenheim 1977 bis 2010

In der Nacht vom 6. auf den 7. November 2011 wurde Block I wieder angefahren.badische-zeitung.de, Lokales, Elsass, 7. November 2011: Das AKW Fessenheim ist über Nacht wieder ans Netz gegangen Im April 2013 kündigte der Kraftwerksdirektor an, die Betonplatte unter dem Reaktordruckbehälter werde bald verstärkt werden;badische-zeitung.de, 10. April 2013: AKW Fessenheim investiert und rüstet nach – nicht ohne Trotz (6. Oktober 2017) im Herbst 2017 war u. a. diese Auflage der ASN noch nicht umgesetzt.badische-zeitung.de, 27. September 2017, Sebastian Wolfrum: Gutachten zum Akw Fessenheim: Auflagen der Atomaufsicht werden nicht umgesetzt (6. Oktober 2017) Block I wurde im Juli 2017 für einen Brennelemente-Wechsel vom Netz genommen und am 1. Oktober wieder in Betrieb genommen. Am 21. Februar 2020 um ca. 20:30 Uhr begann die Abschaltung des Reaktors, die am 22. Februar 2020 um 2:00 planmäßig beendet wurde.

Block II Block II wurde am 16. April 2011 für seine dritte 10-Jahres-Revision heruntergefahren. Die Revision kostete über 200 Mio. Euro; dabei wurden mehrere tausend Leiharbeiter beschäftigt. Vor allem wurden drei Dampfgeneratoren ausgetauscht,Neue Zürcher Zeitung online: Block 2 des AKW Fessenheim wieder am Netz. In: nzz.ch, 7. März 2012 außerdem Prüfungen an den Schweißnähten und eine Druckprüfung am Containment durchgeführt.Badische Zeitung, Bärbel Nückles: Fessenheim: Armee von Leiharbeitern renoviert AKW. In: badische-zeitung.de, Nachrichten, Südwest, 30. April 2011 (30. April 2011) Am 6. März 2012 wurde Block II wieder hochgefahren.Derniéres Nouvelles d’Alsace (DNA): dna.fr, 6. März 2012