mini|Johannes Gerster, 2009 Johannes Gerster (* 2. Januar 1941 in Mainz; † 21. August 2021 ebenda) war ein deutscher Politiker (CDU). Er war Jurist, Regierungsdirektor sowie ab 1972 Mitglied des Deutschen Bundestages und des Rheinland-Pfälzischen Landtages. Von 2006 bis 2010 war er Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Ausbildung, Beruf und Familie Johannes Gerster, Sohn von Elisabeth Gerster, geborene Köllner, und ihrem Mann Gottfried Gerster, der als Generalagent im Versicherungswesen tätig war, wuchs als jüngstes von sechs KindernDr. h. c. Johannes Gerster. Homepage. in einem katholisch geprägten Elternhaus auf,Jochen Zenthöfer: Die Quellen nennt er nicht. Die Autobiographie des Aufklärers im „Neue Heimat“-Skandal. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. März 2011, auf faz.net (Bezahlschranke), abgerufen am 18. Oktober 2025. das in der Zeit des Nationalsozialismus in einem vom Mainzer Erzbischof zusammengerufenen Kreis Juden versteckt und ihnen bei der Flucht geholfen hatte.Dietmar Brück: Ein Mainzer Weltbürger legt seine Erinnerungen vor. In: Rhein-Zeitung Koblenz, 1. September 2010, S. 3 (PDF von der Website Gersters). Nach dem Abitur am Rabanus-Maurus-Gymnasium in Mainz studierte Gerster 1962 bis 1967 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Rechts- und Staatswissenschaften. Nach Abschluss des Referendariats legte er 1970 seine zweite juristische Staatsprüfung ab. Danach war er ab 1971 als Verwaltungsjurist des Landratsamtes im Landkreis Mainz-Bingen und ab 1970 im Innenministerium des Landes Rheinland-Pfalz, zuletzt 1976/1977 als Regierungsdirektor, tätig.

Im Jahr 1968 heiratete er Regina Linden, das Paar bekam drei Kinder.Detlef David Kauschke: Mainz bleibt Mainz: Johannes Gerster verläßt Jerusalem und kehrt zurück in seine Heimatstadt. In: Jüdische Allgemeine, 26. Januar 2006. Er war Onkel 2. Grades des ehemaligen Vorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, und der ZDF-heute-Moderatorin Petra Gerster. Er hatte drei Kinder: Thomas, Maria und Anna. Sein Sohn Thomas GersterJohannes Gerster – Zur Person (* 1970) ist Vorsitzender der CDU Mainz sowie Mitglied des Stadtrats der Stadt Mainz.Lebenslauf auf der Homepage von Thomas Gerster

Johannes Gerster starb nach schwerer Krankheit am 21. August 2021 in Mainz.Porträt auf der Website der Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 23. August 2021

Politische Laufbahn Gerster, ab 1960 CDU-Mitglied, wurde Vorsitzender der CDU Mainz und Zweiter Vorsitzender der CDU Rheinhessen-Pfalz. Er gehörte dem Deutschen Bundestag von 1972 bis 1976 und von Juli 1977 bis 1994 an. Bei den Bundestagswahlen 1983, 1987 und 1990 gewann er jeweils das Direktmandat im Wahlkreis 208 (Mainz). In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war er u. a. innenpolitischer Sprecher und stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Er galt als Politiker mit einer „Vorliebe für klare Worte“ und als „Hardliner“ (Jürgen Serke), der Streit zu schlichten wie zu schüren verstand.Jürgen Serke: Was macht eigentlich Johannes Gerster? In: Cicero, 22. Dezember 2005. Als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zum Neue-Heimat-Skandal erlangte er durch seine hartnäckige Aufklärungsarbeit Bekanntheit.

mini|hochkant|Wahlplakat der CDU Rheinland-Pfalz mit dem Spitzenkandidaten Johannes Gerster, 1996

Von 1993 bis 1997 war Gerster Landesvorsitzender der CDU in Rheinland-Pfalz, nachdem er bereits von 1976 bis 1987 Vorsitzender der Mainzer CDU gewesen war. Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 1996 bewarb sich der „volkstümliche“ Gerster mit Unterstützung Helmut Kohls als Spitzenkandidat um das Amt des Ministerpräsidenten. Gersters CDU blieb hinter der SPD, hätte aber mit der FDP zusammen eine Mehrheit im Landtag gehabt. Da die FDP die Koalition mit der SPD fortsetzte, blieb Kurt Beck Ministerpräsident. Gerster wurde Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion und Oppositionsführer, verzichtete aber bereits im Jahr darauf auf alle Ämter in Parlament und Partei.

Jochen Zenthöfer urteilte 2011, Gerster sei „einer derjenigen Politiker, die es nie in die erste Reihe geschafft haben. Dennoch war er wichtig, egal, wo er wirkte: in Mainz, Bonn oder Jerusalem.“

Arbeitsschwerpunkte Johannes Gerster trat als innenpolitischer Sprecher und als stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in den 1980er- und 1990er-Jahren vor allem für eine Verbesserung der Gesetze zur inneren Sicherheit, für ein neues Ausländerrecht und ein wirksames Asylverfahrensrecht ein. Ebenso wirkte er für die Aufwertung des Technischen Hilfswerkes und für die zügige Rechtsanpassung im Zuge der deutschen Wiedervereinigung. Gegen Widerstände setzte er durch, dass die Stasi-Akten in einem rechtsstaatlichen Verfahren für Opfer, Presse und Wissenschaft geöffnet wurden. Bundeskanzler Kohl bescheinigte ihm, die Innenpolitik der Bundesrepublik sei in dieser Zeit maßgeblich von Gerster beeinflusst worden. Zahlreiche Grundentscheidungen trügen erkennbar seine Handschrift.Wolfgang Wiedemeyer: Johannes Gerster. Ein Portrait. Mit einem Geleitwort von Bundeskanzler Helmut Kohl. Bouvier, Bonn 1995, ISBN 978-3-416-02594-2.

Der gegenüber der Union kritische FDP-Innenpolitiker Burkhard Hirsch urteilte über seine Zusammenarbeit mit Gerster: „Er kann seine Fröhlichkeit in aller Massivität einsetzen wie andere Leute einen Dampfhammer. (...) So haben wir viele Jahre zusammen ganz gute Innenpolitik gemacht und uns schätzen gelernt.“Zitiert nach Wolfgang Wiedemeyer: Johannes Gerster. Ein Portrait. Mit einem Geleitwort von Bundeskanzler Helmut Kohl. Bouvier, Bonn 1995, ISBN 978-3-416-02594-2.

Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble beschrieb die innenpolitischen Aktivitäten von Gerster so: „Nicht ohne Amüsement habe ich … beobachtet, wie er als innenpolitischer Sprecher peinlich darauf achtete, dass ihm die für diesen Bereich verantwortlichen stellvertretenden Vorsitzenden nicht in die Suppe spuckten, während er, kaum war er selbst Stellvertreter geworden, keineswegs Einschränkungen seiner Allzuständigkeit für das Gebiet von Innen- und Rechtspolitik zuließ.“

Seit dem Guillaume-Untersuchungsausschuss, in dem Gerster als Chefaufklärer des Skandals um den Kanzler-Spion auftrat, war er im Visier der Staatssicherheit der DDR. Diese beschrieb ihn als „aggressiv und provozierend“ und kritisierte seine „aktive gegnerische Kontaktpolitik und Kontakttätigkeit“ in der DDR. In seinen Stasi-Unterlagen ist vermerkt: Gerster ist „Staatsfeind“. Das führte zu seiner Einreisesperre, die 17 Monate vor dem Mauerfall „aus politischen Erwägungen“ vom Stasi-Chef Erich Mielke persönlich wieder aufgehoben wurde.Reinhard Küchler: Als "Staatsfeind" im Visier der Stasi. In: Rhein Main Presse, 18. Februar 2011, S. 3. (Digitalisat der Zeitungsseite auf der auch posthum noch gültigen Website Gersters johannes-gerster.de, abgerufen am 18. Oktober 2025)

Neben seinen innenpolitischen Aktivitäten arbeitete Gerster als Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe im Bundestag schwerpunktmäßig für den Auf- und Ausbau der deutsch-israelischen Beziehungen. Sein Credo: Aus historischen, politischen und moralischen Gründen sind wir verpflichtet, dass die Juden in Israel in Frieden und Freiheit leben können. Dies wurde von deutschen und israelischen Persönlichkeiten immer wieder gewürdigt. „Gersters unvergleichbarer Beitrag für die deutsch-israelischen Beziehungen“, so Gideon Esra, Likud-Minister, oder zum Ende seiner neun Jahre in Israel: „Der Verlust Jerusalems ist der Gewinn von Mainz“, so Ari Rath, ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, „Johannes Gerster – ein Glücksfall für die deutsch-israelischen Beziehungen“, so Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident.Deutsch-Israelische Gesellschaft: DIG-Magazin Nr. 3/2010

Gerster war „davon überzeugt, dass Israels Zukunft von seiner Fähigkeit abhing, Frieden mit den Palästinensern zu schaffen“. Deshalb gründete er mit Israelis und Palästinensern Arbeitsgruppen. Dort redeten die ansonsten miteinander sprachlosen Nachbarn über Verbesserungen der Lebenslage der Menschen auf beiden Seiten. Joint Ventures, eine gerechtere Wasserverteilung, humanitäre Einzelfälle, Sicherheitsfragen u. a. wurden immer wieder angepackt und trotz Rückschlägen teilweise gelöst. Dadurch sollte bewiesen werden, dass Israelis und Palästinenser Probleme gemeinsam angehen und gestalten können. Letztlich sollte Vertrauen von unten nach oben aufgebaut werden.Johannes Gerster: Nicht angepasst. Mein Leben zwischen Mainz, Bonn und Jerusalem. Leinpfad, Ingelheim 2010, ISBN 978-3-937782-95-9.

Engagement für Israel Nach seinem Rückzug aus der Politik arbeitete Johannes Gerster, der schon ab 1982 Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gewesen war, für die Konrad-Adenauer-Stiftung als Außenstellenleiter in Jerusalem. Er bemühte sich an der Nahtstelle zwischen Israelis und Palästinensern um einen Ausgleich zwischen den beiden Völkern. Von der Universität Tel Aviv wurde er 2004 in Anerkennung seiner langjährigen Freundschaft zu Israel und seines Einsatzes zur Stärkung der israelisch-arabischen Beziehungen mit dem President’s Award (Präsidentenpreis) ausgezeichnet. 1995 verlieh ihm die Ben-Gurion-Universität im Negev in Beʾer Scheva die philosophische Ehrendoktorwürde für sein politisches Engagement in der Region. Nach mehreren weiteren israelischen Ehrungen erhielt er von der europäisch-palästinensischen Handelskammer für sein Engagement die Ehrenplakette des Jahres 2005. Am 24. Januar 2006 wurde Gerster vom Bürgermeister der Stadt Jerusalem Uri Lupolianski der Titel Freund der Stadt Jerusalem verliehen, die höchste Auszeichnung der Stadt Jerusalem, die an Nichtjuden verliehen wird. Johannes Gerster bleibe damit immer als bewährter Freund im Buch der Stadt eingeschrieben.

Im Januar 2006 beendete Johannes Gerster seine Arbeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem und kehrte nach neun Jahren nach Deutschland zurück. Am 12. November 2006 wurde Gerster in Baden-Baden von der Bundesversammlung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zum Präsidenten gewählt und trat damit die Nachfolge von Manfred Lahnstein an, der nicht mehr kandidierte. In: DIG-Frankfurt.de. Im Oktober 2010 folgte ihm Reinhold Robbe in diesem Amt.

Ehrungen und Auszeichnungen 1984: Ehrenmitglied der katholischen CV-Verbindung Rheno-Palatia Breslau zu Mainz im CVGesamtverzeichnis des CV 1995, S. V-422 1986: Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1992: Ehrenzeichen in Gold des THW 1993: Ehrenkomiteeter des Mainzer Carneval Clubs 1994: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1995: Ehrendoktor der Ben-Gurion-Universität im Negev 1997: Ehrenvorsitzender der Musica Sacra am Hohen Dom zu Mainz 1999: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2000: Ehrenring der Stadt Mainz 2001: Diether-von-Isenburg-Medaille der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2001: Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde 2004: „President’s Award“ der Universität Tel Aviv 2005: Ehrenplakette der europäisch-palästinensischen Handelskammer 2006: Freund der Stadt Jerusalem 2006: Teddy-Kollek-Award der Jerusalem Foundation 2011: Ehrenpräsident der THW-Bundesvereinigung e. V. 2013: Ehren-Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde 2014: Ehrenpräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft 2018: Schirmherr des bundesweiten Schülerwettbewerbs „Erinnerung sichtbar machen – Reichspogromnacht“

Werke Meine Briefe aus Jerusalem. Leinpfad Verlag, Ingelheim 2005, ISBN 3-937782-31-1. Nicht angepasst. Mein Leben zwischen Mainz, Bonn und Jerusalem. Leinpfad Verlag, Ingelheim 2010, ISBN 978-3-937782-95-9. (Als Herausgeber) 175 Jahre Mainzer Pracht: Die Ranzengard an Fassenacht. Leinpfad Verlag, Ingelheim 2011, ISBN 978-3-942291-31-6.