mini|Vinaigre des quatre voleurs in einer Flasche des 17. Jahrhunderts mini|Pestdoktor von Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, ca. 1656 mini|Ein in Leder gekleideter Schnabeldoktor während der Pestepidemie in Marseille 1720. Im geräumigen Nasenfutteral wurde in Essig und Kräuter getränkte Schwämmchen untergebracht, die vor dem Dunst der Pestkranken schützen sollten.
Der Pestessig (auch Räuberessig, Vierräuberessig oder Giftessig; lat. Acetum pestilentiale/prophylacticum oder Acetum quattuor latronum) war eine im 18. Jahrhundert weit verbreitete Duftstoffmischung, die man zum Schutz vor der Pest anwenden sollte. Er wurde auch als Spitzbubenessig bezeichnet.Ernst Winkelmann, Erklärung von 20 000 Fremdwörtern und technischen Ausdrücken, welche in der deutschen Sprache gebräuchlich sind, Paul Neff, Stuttgart 1863, S. 794.
Herkunft und Verwendung Der Pestessig entstand 1720, als die Pest in Südfrankreich, insbesondere in Toulouse und Marseille, wütete. Einer Legende nach sollen sich vier Plünderer zur Zeit der Pest-Epidemie in Marseille (ab 1720) durch diese Tinktur vor Ansteckung geschützt haben, die sie ansonsten beim Ausrauben der Pestkranken und -toten hätten befürchten müssen. Vor Gericht bot man ihnen Straffreiheit an, sofern sie das Geheimnis ihrer Immunität gegen die Epidemie preisgeben würden – was sie in Form eines Duftstoffrezepts taten.
Dieser Vierräuberessig (frz.: Vinaigre des quatre voleurs) ist wiederum ein Kräuterauszug auf Essigbasis. Zu diesen Kräutern gehört – laut einigen Quellen als wichtigstem Bestandteil – die Weinraute. Des Weiteren werden Wermutkraut, Rosmarin, Wacholderbeeren, Lavendel, Kalmuswurzel, Knoblauch, Zimt, Muskat, Gewürznelken, Pfefferminze, Engelwurz und Kampfer genannt. Neben dieser medizinischen Anwendung des Vierräuberessigs wird er gelegentlich auch in der (modernen) Küche eingesetzt.
Die angegebene Duftmischung verbreitete sich schnell in ganz Europa. In England war sie als The four Thieves Vinegar, in Frankreich als Vinaigre des quatre voleurs bekannt. Zum Schutz gegen Infektionskrankheiten sollte man sich mit dem Pestessig den Mund ausspülen, verschiedene Körperteile damit waschen oder ein paar Löffel täglich einnehmen.
Die Verwendung von Duftstoffzubereitungen zu medizinischen Zwecken reicht viele Jahrhunderte zurück. Die weite Verbreitung des Pestessigs hatte zur Folge, dass die so genannten Vinaigrettes sehr gebräuchlich wurden und feste Duftstoffe, wie sie etwa in Bisamäpfeln verwendet wurden, endgültig verdrängten.
Rezepte Für den Pestessig sind viele verschiedene Rezepturen überliefert. Meist extrahierte man Duftstoffe mittels Alkohol oder Weinessig und fügte anschließend Campher hinzu. Der französische Autor Pierre-Joseph Buc'hoz (1731–1807) gibt in seinem Buch La toilette de Flore (1773), das sich mit kosmetischen Präparaten befasst, folgende Herstellungsvorschrift an:
Krünitz’ Oeconomische Encyclopädie gibt als zu verwendende Kräuter „Raute, Salbey, Wermuth, Münze und Lavendel“ an.
Meyers Konversations-Lexikon von 1888 gibt an, der Pestessig werde
Literatur Renate Smollich: Der Bisamapfel in Kunst und Wissenschaft. Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-7692-0733-5, S. 143–144 Monika Cremer: Essig, Pickles & Chutneys, Augsburg 1998. ISBN 3-89604-254-8
Weblinks
Artikel: "Ruta graveolens (Raute)" in: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld, Wien 1898 - Sagen.at
Einzelnachweise
Kategorie:Duftstoff Kategorie:Pest Kategorie:Essig Kategorie:Wein als Thema