mini|hochkant=1.5|Ausgetrockneter Aralsee Desertifikation (auch Desertation, , oder Verwüstung, auch Sahel-Syndrom) bezeichnet in der Bodenökologie die Verschlechterung des Bodens in relativ trockenen (ariden, semiariden und trocken subhumiden) Regionen, die vor allem durch menschliche (anthropogene) Aktivitäten herbeigeführt und durch unterschiedliche Faktoren wie den Klimawandel verstärkt wird.; auf der Website des UN-Umweltprogrammes, abgerufen am 29. Dezember 2007. Diese Bodendegradation bewirkt die Entstehung von Wüsten, Halbwüsten oder wüstenähnlichen Verhältnissen.

Allgemeines Wenige Autoren unterscheiden speziell Desertation als natürliche Wüstenbildung (einschließlich durch natürlichen Klimaveränderungen) und Desertifikation als durch Menschen verursachte Prozesse.Desertation im Lexikon der Biologie. Spektrum der Wissenschaft; abgerufen am 7. September 2017. Beide Begriffe leiten sich vom lateinischen desertus (= wüst), der zweite außerdem von facere (= machen; tun) ab. Voraussetzung hierfür ist der störende Eingriff des Menschen in das jeweilige Ökosystem. In der verbreitetsten Definition durch die Resolution auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992Report of the United Nations Conference on Environment and Development, Rio de Janeiro, 3-14 June 1992. Volume I: Resolutions Adopted by the Conference. United Nations . New York, 1993. Chapter 12, Managing fragile ecosystems: combating desertification and drought. Def. auf S. 149. „Desertification is land degradation in arid, semi-arid and dry sub-humid areas resulting from various factors, including climatic variations and human activities.“ ist auch Degradation von Land durch klimatische Veränderungen enthalten.

Jedes Jahr verliert die Erde dadurch momentan etwa 12 Millionen weitere Hektar fruchtbaren Bodens (dies entspricht etwa der Ackerfläche Deutschlands), mit weiter steigender Tendenz.Die schleichende Katastrophe. In: Das Parlament, Ausgabe 32–33 2010.

Ursachen mini|Globale Vulnerabilitätskarte über die am stärksten von Desertifikation betroffenen Gebiete. mini|Erosion, hier in Lesotho, bedingt vielerorts die Wüstenbildung

Desertifikation kann durch Deflation (Windböen), Denudation (Wasser), Versalzung und Skelettierung fortschreiten. Die wesentlichen Ursachen der Desertifikation beruhen auf menschlichen Handlungen, die Desertifikation ist also anthropogen. Daneben spielen aber auch natürliche Schwankungen der Niederschlagsmengen eine Rolle, indem durch Dürreperioden ein Desertifikationsprozess ausgelöst oder verstärkt werden kann.

Infolge der Dürre – und damit verbunden der Hungerkatastrophe in der afrikanischen Sahelzone – gewann Anfang der 1970er Jahre das Problem der Desertifikation immer stärker an Bedeutung. In der 1977 im kenianischen Nairobi erstmals abgehaltenen „United Nations Convention to Combat Desertification (UNCCD)“ kam man zur Übereinkunft, dass die menschliche Degradierung der biologischen Grundlagen durch folgende anthropogene Eingriffe in die Natur geschieht: Überweidung Übernutzung Abholzung falsche Bewässerungsmethoden

Überweidung Jahrzehntelang galt es als gesichertes Wissen, dass vor allem Überweidung von ariden Gebieten die Pflanzendecke zerstört, was zu Wasser- und Winderosion führt und schließlich, durch Desertifikation, menschengemachte Wüsten hinterlässt. In der Region vor Ort Forschende haben aber seit langer Zeit auf die theoretischen und praktischen Schwächen dieses intuitiv so einleuchtenden Modells hingewiesen.Andrew Warren: Changing Understandings of African Pastoralism and the Nature of Environmental Paradigms. Transactions of the Institute of British Geographers 20 (2), 1995, S. 193–203.Andrew Warren and Lennart Olsson: Desertification: Loss of Credibility Despite The Evidence. Annals of Arid Zone 42 (3/4), 1995, S. 271–287. Diesem neuen Ansatz zufolge kommt es in Trockengebieten normalerweise nicht zu Desertifikation durch Überweidung, weil Viehbestände durch die unvorhersagbare Abfolge von Regen- und Dürrejahren normalerweise nie eine dafür notwendige Dichte erreichen können. Die lokalen Viehhalter hätten dies seit jeher in ihre Nutzungsstrategien eingerechnet, was (zuerst oft koloniale) fremde „Experten“ schlicht nicht erkannt hätten. Außerdem seien die Klagen über Devastierung und Übernutzung jahrzehntelang gleich geblieben, ohne dass, wie vielfach vorhergesagt, die Systeme zusammengebrochen seien. Die folgende Debatte zwischen zwei Lagern, den Anhängern der „Gleichgewichts“-Theorie, für die die ökologische Tragfähigkeit des Weidelands die zentrale Größe ist, und den Anhängern der „Ungleichgewichts“-Hypothese, für die die jährliche und jährlich schwankende Regenmenge den Viehbestand so begrenzt, dass er das Weideland nicht übernutzen kann, ist bisher nicht entschieden.Susanne Vetter: Equilibrium and non-equilibrium in rangelands – a review of the debate. In Susanne Vetter (Hrsg.): Rangelands at equilibrium and non-equilibrium. Recent Developments in the debate around Rangeland ecology and Management. Published by Programme for Land and Agrarian Studies (PLAAS) School of Government, University of the Western Cape, Cape Town, South Africa, 2004, ISBN 1-86808-609-7. Es erwies sich als sehr schwer, lokal die Effekte von Wetter und Klima von denjenigen der Nutzung zu unterscheiden, eindeutige Effekte von Überweidung waren schwer nachweisbar und oft zeitlich und lokal begrenztLawrence M. Kiage (2013): Perspectives on the assumed causes of land degradation in the rangelands of Sub-Saharan Africa. Progress in Physical Geography 37(5): 664–684. doi:10.1177/0309133313492543, was auch die Beurteilung möglicher Gegenmaßnahmen schwierig macht.Nick Middleton (2018): Rangeland management and climate hazards in drylands: dust storms, desertification and the overgrazing debate. Natural Hazards 92: S57–S70. doi:10.1007/s11069-016-2592-6 Insgesamt erwiesen sich flexible, an die lokalen Verhältnisse angepasste Weideführung oft als entscheidender als die reine Betrachtung von Viehdichten.Pierre Hiernaux: Equilibrium and non-equilibrium behaviours of range vegetation dynamics in the Sahel. In Susanne Vetter (Hrsg.): Rangelands at equilibrium and non-equilibrium. Recent Developments in the debate around Rangeland ecology and Management. Published by Programme for Land and Agrarian Studies (PLAAS) School of Government, University of the Western Cape, Cape Town, South Africa, 2004, ISBN 1-86808-609-7. Maßnahmen wie die forcierte Anpflanzung nicht standortgerechter Baumarten anstelle von Weideland können sogar zu einer verstärkten Bodenerosion führen.J. Martínez‐Fernández, M.A. Esteve (2005): A critical view of the desertification debate in southeastern Spain. Land Degradation and Development 16 (6): 529-539. doi:10.1002/ldr.707 Möglicherweise hat die Beweidung durch neolithische Rinderhirten die Wüstenbildung in der Sahara nach der letzten humiden Periode vor ca. 5500 Jahren nicht beschleunigt, sondern sogar verzögert.Chris Brierley, Katie Manning, Mark Maslin Pastoralism may have delayed the end of the green Sahara. Nature Communications 9, Article number: 4018. doi:10.1038/s41467-018-06321-y (open access)

Durch langjährige Feldforschung in der Sahelzone konnte aber zumindest gezeigt werden, dass erhöhte Viehbestände zu degradierten, weniger nutzbaren Pflanzenbeständen führen können, wenn die Viehherden nicht mehr, wie traditionell üblich, wandern, sondern durch Brunnen oder Pumpen ganzjährig an einem Ort weiden können.Sabine Miehe, Jürgen Kluge, Henrik von Wehrden, Vroni Retzer (2010): Long-term degradation of Sahelian rangeland detected by 27 years of field study in Senegal. Journal of Applied Ecology 47: 692–700. doi:10.1111/j.1365-2664.2010.01815.x Insgesamt zeigte sich aber, dass gerade traditionelle Weidesysteme auch bei höheren Viehdichten nicht zwingend zu einer Desertifikation der genutzten Lebensräume führen müssen.

Übernutzung An zweiter Stelle ist eine unangepasste ackerbauliche Nutzung zu nennen. Verkürzte Brachezeiten, fehlerhafte Bewässerungstechniken, die Erosion begünstigendes Pflügen auf geneigten Flächen in Hangneigung und ungeeignete Pflanzen sind Ursachen von Bodenveränderungen, die zu geringerem Bewuchs und damit stärkerer Erosion führen. Durch chemische Stoffe wie Dünger oder Pestizide und maschinelle Verdichtung wird das Bodenleben beeinträchtigt, was bis zur Ausrottung von vielen im Boden lebenden Tierarten (z. B. Regenwürmer) führen kann. Auf solchen Flächen ist eine Desertifikation wesentlich wahrscheinlicher als auf Weideland.

Eine Übernutzung führt unter anderem zum Verlust von Terrassen, zur Versalzung, zum Verlust von Pflanzendecke und Nährstoffen, wodurch sich ein Teufelskreis aus Übernutzung und Desertifikation ergibt. Hinzu kommen oft eine illegale Grundwassernutzung sowie die Verwendung von Plastikplanen, die nach der Ernte in den Boden eingepflügt werden und dadurch dem Boden weiter schaden.

Entwaldung Schließlich ist auch die Entwaldung in Trockengebieten als wichtige Ursache der Desertifikation zu nennen. Die Gewinnung von Ackerland und der Bedarf an Brenn- und Bauholz haben in vielen ariden Gebieten der Erde den Baumbestand dramatisch reduziert, insbesondere in vielen dichtbesiedelten Regionen Afrikas, in denen Holz auch heute noch den wichtigsten Energieträger darstellt. Der fehlende Schutz durch die Baumkronen und insbesondere durch das Wurzelwerk geben den Boden der Erosion preis. Die natürliche Regeneration tropischer Trockenwälder ist häufig nicht gegeben. Allerdings ist bei höherer Beweidungsdichte oft zu beobachten, dass für das Vieh nutzbare Grasland-Ökosysteme durch nicht beweidungsfähige Strauchsavannen ersetzt werden können, vor allem in semiariden Regionen.Gregory P. Asner, Andrew J. Elmore, Lydia P. Olander, Roberta E. Martin, A. Thomas Harris (2004): Grazing systems, ecosystem response, and global cange. Annual Review of Environment and Resources 29: 261–299. doi:10.1146/annurev.energy.29.062403.102142

Komplexe Ursachenverflechtung Die Bekämpfung der Desertifikation gestaltet sich komplex. Übernutzung und Klimavariationen können identische Auswirkungen haben und in Rückkopplungen verbunden sein, was es sehr schwierig macht, die Ursachen für ein Vorrücken der Wüste zu identifizieren und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen. Hier kommt der Erforschung der Vergangenheit (historische Desertifikation) eine besondere Rolle zu, da sie eine bessere Unterscheidung zwischen natürlichen und anthropogenen Faktoren ermöglicht. Neuere Forschungsergebnisse zur historischen Desertifikation in Jordanien lassen es dabei fraglich erscheinen, ob die aktuellen Maßnahmen zum Schutz der Vegetation und der Böden unter fortschreitendem Klimawandel zum Erfolg führen können.

Dabei ist der tatsächliche Einfluss des Klimawandels auf die Desertifikation umstritten, da Forschungsergebnisse darauf hinweisen, dass Landdegradationsprozesse in Trockengebieten weniger durch globale Klimatrends als vielmehr durch komplexe regionale, lokale und politische Faktoren bestimmt werden. So kann die im Sahel in den 1970er- und 1980er-Jahren beobachtete Desertifikation darauf zurückgeführt werden, dass sich die Meeresoberflächentemperaturen im Indischen Ozean und im Atlantik veränderten und dadurch die großräumigen Niederschlagsmuster verschoben. Diese klimatische Anomalie führte zu langanhaltenden Dürreperioden, die fälschlicherweise als dauerhafte „Ausbreitung der Wüste“ interpretiert wurden. Mit der Rückkehr regelmäßiger Regenfälle in den folgenden Jahrzehnten zeigte sich jedoch, dass viele der als verloren geltenden Flächen wieder begrünt wurden. Die Geographen David S. G. Thomas und Nick Middleton bezeichnen Desertifikation im globalen Maßstab gar als Mythos.

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