mini|Historische Contergan-forte-Verpackung Der Contergan-Skandal, auch als Contergan-Katastrophe oder Contergan-Tragödie bezeichnet, war einer der aufsehenerregendsten Arzneimittelskandale in der Bundesrepublik Deutschland. Er wurde in den Jahren 1961 und 1962 aufgedeckt.„Ich habe gelernt über mich zu lachen“ (Interview mit Thomas Quasthoff). In: Die Welt, 2. Oktober 2007, S. 10.

Das millionenfach verkaufte Beruhigungsmedikament Contergan, das den Wirkstoff Thalidomid enthielt, konnte bei der Einnahme in der frühen Schwangerschaft Schädigungen in der Wachstumsentwicklung der Föten hervorrufen. Contergan half unter anderem auch gegen die typische morgendliche Schwangerschaftsübelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase und galt im Hinblick auf Nebenwirkungen als besonders sicher. Es wurde vom 1. Oktober 1957 bis zum 27. November 1961 vertrieben und zunächst gezielt als rezeptfreies Beruhigungs- und SchlafmittelDamalige Indikationen: „Neurovegetative Dysregulationen, Vasoneurosen und neurozirkulatorische Dystonien. Hyperthyreosen leichten und mittleren Grades. Pavor nocturnus, Affektlabilität, Enuresis, Appetitlosigkeit, Psychoneurosen, Überreizungs- und Spannungszustände, psychische Traumen. Akute und chronische somatogene und psychogene Schlaf- und Einschlafstörungen. Zur prae- und postoperativen Sedierung in Kombination mit Analgetika und Narkotika.“ Rote Liste, Editio Cantor Verlag, Januar 1961, S. 209 für Schwangere empfohlen. Mit Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes am 1. August 1961 wurde es aufgrund von möglichen Nebenwirkungen auf das Nervensystem verschreibungspflichtig. Durch die Einnahme von Contergan kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen (Dysmelien) oder gar dem Fehlen (Amelie) von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen. Dabei kamen weltweit etwa 5000 bis 10.000 geschädigte Kinder auf die Welt. Zudem kam es zu einer unbekannten Zahl von Totgeburten. Anfang 2016 gab der Bundesverband Contergangeschädigter auf seiner Internetseite an, dass in Deutschland noch etwa 2400 Contergan-Geschädigte leben.Bundesverband Contergangeschädigter: abgerufen am 21. Januar 2016.

1958 wurden Fehlbildungen bei Neugeborenen erstmals im Bundestag diskutiert. Damals wurde ein möglicher Zusammenhang mit Kernwaffentests vermutet. Die Häufung wurde jedoch zunächst aufgrund der in Westdeutschland nach der nationalsozialistischen Vergangenheit gelockerten Meldepflichten, mangelnder Koordination der staatlichen Stellen und der Forschung sowie weiterer Probleme bei der statistischen Erfassung nicht ernst genommen. Erst Ende 1961 wurde der Zusammenhang zwischen Contergan und den Fehlbildungen erkannt und das Medikament vom Hersteller, der Grünenthal GmbH in Stolberg, vom Markt genommen. Westdeutschland richtete 1961 das Bundesministerium für Gesundheit auf Bundesebene ein. Der Skandal hatte weltweite Auswirkungen auf den Umgang mit Arzneimittelzulassungen. Er wurde mehrmals verfilmt und zur Grundlage verschiedener Bücher, Romane und Studien.

Vorgeschichte mini|Historische Contergan-Verpackung Das Medikament wurde 1954 von Wilhelm Kunz, Herbert Keller und Heinrich Mückter als „K17“ in der Forschungsabteilung des Stolberger Unternehmens Chemie Grünenthal entwickelt.Klaus Roth: Eine unendliche Geschichte. (PDF; 561 kB) Tierversuche zeigten zunächst keine konkrete, positive Medikamentenwirkung oder Nebenwirkungen. Erst die Verabreichung an Menschen, anfangs zur Behandlung der Epilepsie, zeigte das hohe Potential der Substanz als Sedativum und Schlafmittel. Am 11. Juni 1956 wurde beim nordrhein-westfälischen Innenministerium die Genehmigung beantragt. Da bei dem Medikament die Eignung zum Suizid aufgrund seiner sehr geringen Akut-Toxizität niedriger war und die Versuche an Nagetieren keine Nebenwirkungen zum Vorschein brachten, konnte das Medikament in vielen Ländern rezeptfrei vertrieben werden. Unter dem Handelsnamen Contergan (25 mg) und Contergan forte (100 mg) war der Wirkstoff Thalidomid darauf ab 1. Oktober 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel in den westdeutschen Apotheken frei erhältlich. In anderen Ländern, bspw. in Großbritannien, war es ab 1958 unter Markennamen wie Distaval (Forte), Maval, Tensival, Valgis oder Valgraine auf dem Markt.

Kernwaffentests als vermutete Ursache Die Ende der 1950er zunehmenden Kernwaffentests in der Atmosphäre schürten vielerlei Ängste. Am 10. Mai 1958 veröffentlichte der Bayreuther Kinderarzt Karl Beck in der Schwäbischen Landeszeitung einen Artikel, in dem er behauptete, die Zahl der missgebildeten Kinder steige aktuell deutlich an und dies sei auf die Atomtests zurückzuführen. Die Untersuchungen Becks führten zu einer Anfrage Erich Mendes im Bundestag am 14. Mai 1958. Die Bundesregierung, namentlich das Innenministerium, wurde ersucht, festzustellen, ob die „Zahl der Mißgeburten (Lebend- und Totgeburten) seit 1950 zugenommen“ habe und ob ein Zusammenhang mit der Einwirkung radioaktiver Strahlung bestehe. Die Bundesregierung wies in ihrer Antwort die Behauptung einer Zunahme von Fehlbildungen mit Hinweis auf statistische Daten zurück und stritt den Zusammenhang mit Kernwaffen ab. 1959 ergriff der Freiburger Pathologe Franz Büchner erneut die Initiative und kritisierte Einzelheiten des Berichts. Damals waren erst knapp 90 Kinder mit conterganbedingten Schäden auf die Welt gekommen. 1961 wurde aufgrund einer Elterninitiative in Hamburg erneut der Zusammenhang mit den Kernwaffentests angefragt, in diesem Fall an den Bundespräsidenten.

Erste Entdeckung von Nebenwirkungen mini|Thalidomid Am 31. Dezember 1960 machte erstmals der schottische Arzt Leslie Florence aufgrund von Beschwerden seiner Patienten in einem Leserbrief () an das British Medical Journal auf die nervenschädigende Wirkung von Thalidomid aufmerksam,A. L. Florence (1960): Is thalidomide to blame? In: British Medical Journal. 2: 1954, . woraufhin der Direktor der Kölner Universitätsnervenklinik Werner Scheid 1961 die Rezeptpflicht forderte. Zunächst bestritt das Pharmaunternehmen Grünenthal die Zusammenhänge zwischen Contergan und den Erkrankungen, beantragte jedoch am 26. Mai 1961 die Rezeptpflicht, die ab Juli 1961 in den einzelnen Bundesländern schrittweise wirksam wurde (als letztes Bundesland unterstellte Bayern den Contergan-Wirkstoff Thalidomid am 1. Januar 1962 der Rezeptpflicht). Seit Mai 1961 waren eine Reihe von Aufsätzen in Fachzeitschriften veröffentlicht worden.Horst Frenkel: Contergan-Nebenwirkungen. In: Medizinische Welt. 6. Mai 1961.Hans-Werner Scheid und andere: Polyneuritische Syndrome nach längerer Thalidomid-Medikation. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. 12. Mai 1961. Joachim Raffauf: Bewirkt Thalidomid (Contergan) keine Schäden? In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. 12. Mai 1961.Ralph Voss: Nil nocere! Contergan-Polyneuritis. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 103, 1961, S. 1431. In der Ausgabe vom 16. August 1961 berichtete auch Der Spiegel über Nebenwirkungen des Arzneimittels. In diesem Artikel wurde auf die Entdeckungen von Horst Frenkel, Ferdinand Hoff und Jürg Zutt Bezug genommen.

Aufdeckung der Missbildungsfälle Seit Ende des Jahres 1960 wurde in der Bundesrepublik eine rapide Zunahme von Missbildungen bei Neugeborenen beobachtet. In der ersten Fachpublikation berichtete der Arzt Hans-Rudolf Wiedemann im September 1961,H.-R. Wiedemann: Die Medizinische Welt. September 1961, S. 1863. dass in der Städtischen Kinderklinik Krefeld in den vorausgegangenen zehn Monaten 13 Fälle von Gliedmaßenfehlbildungen beobachtet worden waren. Da er aber die Ursache nicht ausmachen konnte, nahm er an, dass dies an einem neu eingeführten „toxischen Faktor“ liege, den man noch nicht kenne. Die Öffentlichkeit spekulierte weiter über eine mögliche Schädigung durch Kernwaffentests, was die Aufklärung verzögerte.

1961 überprüften und publizierten schließlich der Hamburger Arzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William McBrideWilliam McBride: Bericht. In: The Lancet. Dezember 1961, S. 1358. unabhängig voneinander den Zusammenhang zwischen Contergan und den Missbildungen. Die Veröffentlichungen basierten auf beobachteten Korrelationen zwischen Angaben über Conterganeinnahme der Mutter und dem geschädigten geborenen Kind.

Nach einem anonymen Brief veröffentlichte die Welt am Sonntag am 26. November 1961Welt am Sonntag, 26. November 1961, , siehe auch Rückblick einen Artikel, woraufhin Grünenthal schließlich am darauffolgenden Tag Contergan aus dem Handel zog. Das Unternehmen war bereits am 15. November telefonisch von Lenz in Kenntnis gesetzt worden, hatte aber noch am 24. November abgelehnt, das Medikament vom Markt zu nehmen und für den Fall eines Verbotes mit Regressansprüchen gedroht.

Am 6. Dezember 1961 wurde im Spiegel ein weiterer, ausführlicherer Artikel veröffentlicht. Über die Entdeckung des Mediziners Lenz und die jüngsten Veröffentlichungen heißt es darin:

Eine Darstellung der Folgen liefert auch ein Jahr später ein im Spiegel veröffentlichter Artikel.

Hintergrund Im Westdeutschland der Nachkriegszeit hatten sich Öffentlichkeit und Ärzteschaft gegen eine Meldepflicht von Fehlbildungen bei Neugeborenen gewehrt. Man scheute sich, das Meldewesen auf Basis des nationalsozialistischen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses weiterzuführen,Ludwig Zichner, Michael A. Rauschmann, Klaus-Dieter Thomann: Die Contergankatastrophe. Eine Bilanz nach 40 Jahren. Gabler Wissenschaftsverlage, 2005, 190 Seiten. das eng mit den Verbrechen der Aktion T4 verknüpft war. Damit wurden die zunehmenden Missbildungen von Kindern in der Bundesrepublik Deutschland lange nicht zentral erfasst und nicht in Gänze wahrgenommen. Zusätzlich traten die unterschiedlichen Schädigungen durch Thalidomid nur auf, wenn das Schlafmittel in der so genannten ‚sensiblen Phase‘ der Organentwicklung zwischen dem 27. und 40. Tag nach der Empfängnis bzw. dem 34. und 50. Tag nach Beginn der letzten Menstruation eingenommen wurde.

Anlässlich der Parlamentsanfrage 1958 zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Kernwaffentests und Fehlbildungen wurde erst parallel zur Freigabe von Thalidomid wieder begonnen, Schadensmeldungen systematisch auszuwerten. Damit war zunächst keine Steigerung der Fehlbildungen zu finden. Die zudem eingerichtete Kommission und das damit verbundene Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft verzögerten die Aufklärung zunächst mehr als sie zu fördern. Der zuständige Wissenschaftler, der Freiburger Pathologe Franz Büchner, wollte vor allem seine teratologische Theorie beweisen, wonach ungesunde Ernährung und das Verhalten der Mütter zu Missbildungen beitrügen, und nutzte das Projekt, um andersmeinende Fachkollegen zu isolieren. Sein Gegenspieler, der Genetiker Hans Nachtsheim, betonte vor allem Ursachen, die in den Erbanlagen zu finden seien. Die NS-Vergangenheit von Nachtsheim erleichterte das Vorgehen des erklärten Moralisten Büchner, der auch unter dem Spitznamen „Heiliger Franz“ bekannt war.

Versuche an Säuglingen und Kindern Erst im August 2020 wurde bekannt, dass das Medikament bis 1960 auch an Hunderten von Säuglingen und kranken Kindern getestet wurde.Contergan-Skandal: Versuche auch an Säuglingen und Kindern In einer Lungenheilanstalt der Caritas in Wittlich und durch einen Stuttgarter Kinderarzt wurde Contergan an tuberkulosekranken Kindern sowie an unruhigen, „verhaltensauffälligen“ Säuglingen erprobt. Dabei wurden auch starke Überdosierungen verabreicht. Inwieweit die Kinder dabei geschädigt wurden, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Der Vorsitzende des Caritasverbands für die Diözese Trier e. V., Weihbischof Franz Josef Gebert gab an, von den Versuchen nicht gewusst zu haben. Er entschuldigte sich im Namen der Caritas und wolle nun die Geschehnisse aufklären. Der Hersteller Grünenthal sagte, dass solche Medikamentenstudien an Kindern zur damaligen Zeit nicht unüblich gewesen seien. Aus heutiger Sicht seien sie aber nicht nachzuvollziehen.

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