mini|hochkant=1|Henry Purcell, Porträt eines unbekannten Künstlers nach einer John Closterman (1660–1711) zugeschriebenen Zeichnung mini|Autograph aus dem Jahr 1682 mit Unterschrift Purcells Henry Purcell ([];Henry Purcell. In: Oxford Learner’s Dictionaries. Oxford University Press, abgerufen am 5. Februar 2025. * 10. September 1659 (?) in Westminster; † 21. November 1695 ebenda) war ein englischer Komponist des Barock. Schon zu seinen Lebzeiten galt er als der bedeutendste englische Komponist und wurde daher mit dem Ehrentitel Orpheus britannicus gewürdigt.
Purcells Karriere war eng mit dem Königshof verbunden. Er begann als Chorknabe in der Chapel Royal, wurde Organist der Westminster Abbey und schuf Oden für spezielle Anlässe. Als wesentliches zweites Standbein diente die Arbeit für das Theater, wo in England zu Purcells Zeit keine Opern mit Rezitativen reüssieren konnten, die Musikstücke ergänzten also gesprochene Theaterstücke. Weitere Einnahmen generierte Purcell durch Unterricht und Veröffentlichungen seiner Werke.
Purcell verband in seiner Musik die englische Tradition kontrapunktischer Arbeit mit ausdrucksvoller Stimmführung etwa im Querstand mit französischen und vor allem italienischen Einflüssen wie der Sequenz mit ihrem Generalbassfundament. In der Vokalmusik folgte Purcell der englischen Textdeklamation genau. Wirkungsvoll ist seine Verwendung des ground songs mit wiederholtem Bassfundament. Besonders bekannt sind heute seine kurze Oper Dido and Aeneas (1689) mit ihrem Lamento und die Frostszene aus der Semi-Oper King Arthur.
Nach seinem Tod mit nur 35 Jahren übte Purcell großen Einfluss auf die englische Musikkultur aus, wo ab 1710 auch Georg Friedrich Händel Purcells Werke als Vorlagen nutzte. Die zunehmende Dominanz des italienischen Geschmacks brachte seine Musik jedoch weitgehend zum Verstummen, bis sich Organisationen wie die Academy of Ancient Music auch wieder um seine Beiträge für das Theater bemühten. Im 20. Jahrhundert ließen sich eine Reihe bedeutender englischer Komponisten von Purcell beeinflussen, auch im Film und in der Popularmusik sind seine Spuren zu erkennen.
Leben Jugend, Einflüsse und erste Anstellungen Henry Purcell wurde wahrscheinlich 1659 in Westminster, damals noch nicht zu London gehörig, geboren, was aus seiner Gedenktafel in der Westminster Abbey und dem Frontispiz der Sonata’s of III. Parts (1683) geschlossen werden kann.Peter Holman, Robert Thompson: Purcell, Henry (ii). In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Zwei Brüder, Thomas und Henry Purcell, die als professionelle Musiker arbeiteten, kommen als Vater in Betracht. Wahrscheinlich vor seinem zehnten Geburtstag wurde er Mitglied der um 1660 errichteten Chapel Royal, der Sängerkapelle König Karls II. Er erhielt seine Ausbildung als Chorknabe unter Henry Cooke († 1672) und dessen Nachfolger Pelham Humfrey (1647–1674). Im Jahr 1673 erfolgte Purcells Stimmbruch, sodass er aus dem Knabenchor ausschied. Stattdessen wurde er Assistent von John Hingston, der für die königlichen Instrumente zuständig war.
mini|John Blow Humfreys Einfluss auf den jungen Purcell dürfte bereits vor seiner Übernahme der Leitungsfunktion begonnen haben. Besonders wichtig für die künstlerische Entwicklung von Purcell wurde jedoch der Organist von Westminster John Blow (1649–1708), der 1674 die Position Humfreys übernahm. Zwischen Blow und Purcell wird eine wechselseitige Beeinflussung angenommen. Weitere Anregungen dürfte Purcell von Christopher Gibbons (1615–1676) und Matthew Locke (1621/1622–1677) empfangen haben; letzterer war ihm ein „worthy friend“, dem er 1677 nach dessen Tod als ersten Versuch im rezitativischen Stil die Elegie What hope for us remains now he is gone? widmete. Sie wurde 1679 veröffentlicht, dem Jahr, als Purcell die Organistenstelle an der Westminster Abbey übernahm. 1677, als Purcell Locke im Amt des „composer for the violins“ nachfolgte, dürfte Purcell auch die Erstfassung von My beloved spake verfasst haben, einem Beitrag zur aufwändigen Gattung der „symphony anthem“, mit dem er beim König, der nur zu Sonntagen und besonderen Anlässen in die Chapel Royal kam, Aufmerksamkeit erheischen wollte. Die Gattung ließ Purcell dann fünf Jahre unbeachtet. Es standen unter John Banister 24 Violinen zur Verfügung, die mit in das anthem integrierten „symphonies“ dem königlichen Geschmack entsprachen.
Unter Karl II. mini|König Karl II. (um 1680), Gemälde von Thomas Hawker. Für das Jahr 1680 wird die Hochzeit von Henry und Frances Purcell angenommen, da im Jahr darauf Taufe und Begräbnis eines Henry Purcell, Sohn eines Henry und einer Frances Purcell, dokumentiert sind. Über Purcells Frau ist nichts bekannt, außer dass sie nach seinem Tod mehrere seiner Werke veröffentlichte, darunter die Ten Sonatas of IV Parts. Zudem schrieb sie ein gefühlvolles Vorwort zum Orpheus Britannicus,Zwei Bücher, 1698 Digitalisat (63 Seiten) und 1702 Band I (2. Auflage 1706) einer Anthologie von Purcells Liedern. Über Purcell als Person gibt es mangels Briefen oder Zeugnissen von Freunden kaum Informationen.
Aufgrund des Englischen Bürgerkriegs (1642–1649) und des protestantischen Eifers im sogenannten Langen Parlament waren Theateraufführungen von 1642 bis 1660 komplett verboten gewesen (siehe Schließung der Londoner Theater (1642)). Das Theaterwesen nach der Wiedereröffnung war durch Übertreibung, Missmanagement und gedankenlos verschwendete ästhetische Ressourcen unter Karl II., Jakob II. und Maria II. charakterisiert. Um 1680 begann Purcell Musik für Londoner Theater beizusteuern. Üblich waren einleitende Stücke und solche für die Aktschlüsse außer dem letzten, zudem Lieder und gelegentlich Musik für dramatisch entscheidende Szenen, eine eher undankbare Aufgabe für Komponisten.
1682 wurde Purcell als Organist der Chapel Royal angestellt, eine Position, die er zeitgleich mit seinem Organistenamt an der Westminster Abbey innehatte. Purcell widmete außerdem eine Psalmkomposition dem London Charterhouse. Ob er jedoch etwa als Organist an dieser in ganz England bekannten Institution gewirkt hat, ist unbekannt.
Die Hochzeit von Jakob, dem Bruder König Karls II., mit Maria von Modena begünstigte das Erstarken italienischen Einflusses im Musikleben Englands. Zu den angesehensten ausländischen Musikern in London zählten zu Purcells Zeit Giovanni Battista Draghi und Nicola Matteis, daneben brachte Thomas Baltzar einen virtuosen Violinstil aus Deutschland in die Stadt. Als erster Engländer veröffentlichte Purcell 1683 eine Sammlung von Triosonaten im neuesten italienischen Stil mit dem Verfahren der Subskription. Die Sammlung ist dem König gewidmet, für den Purcell in den frühen 1680er Jahren auch mehrere Oden komponierte.
Unter Jakob II. Anlässlich des Todes von Karl II. schuf Purcell mit If Pray’rs and Tears eine eher intime Elegie. Die Krönung von Jakob II. wurde 1685 durch zwei seiner bekanntesten Anthems, I was glad nach dem Einmarsch in die Kathedrale und My heart is inditing am Ende der Zeremonie, gefeiert. Purcell behielt seine Anstellungen inklusive der Aufgabe von Stimmung und Reparatur der Instrumente, erscheint aber nicht als offizieller Komponist der „Private Musick“. Offenbar war er genötigt, Privatunterricht zu geben, wobei als eines von wenigen Dokumenten ein eigenhändiger Brief erhalten ist, in dem er überfällige Bezahlung dafür einfordert. Zu den finanziellen Sorgen traten Trauerfälle: Drei weitere Kinder waren nach kurzer Lebenszeit zu beerdigen.
Über Purcells musikalische Freizeitgestaltungen ist wenig bekannt. Roger North berichtete, dass sein Bruder, Francis North, 1. Baron Guilford, der gerne solistisch die Bassgambe spielte, sich dazu herabließ, die Bassstimme im Ensemble mit dem Komponisten zu musizieren.
1688 fand der Abschluss eines Wettbewerbes zwischen zwei Orgelbauern statt. Die Orgel von Renatus Harris wurde von Giovanni Battista Draghi präsentiert, Blow und Purcell führten das Instrument von „Father Smith“ zum Sieg.
Unter Wilhelm III. Ab 1689 war Wilhelm III. von Oranien König. Wilhelm reduzierte den Aufwand für Musik am Hof. Für Purcell war bereits bei der Krönungsfeier am 11. April eine Änderung der Gepflogenheiten relevant, da ihm als Organisten nun weniger Einnahmen aus Kartenverkäufen für Plätze bei der Orgel zustanden. Viele Hofmusiker wandten sich nun einer Karriere am Theater zu, auch Purcell, der seit 1688 Vater einer Tochter und seit 1689 eines Sohnes war.
1689 wurde Purcells Oper Dido and Aeneas in einer Internatsschule für Mädchen auf die Bühne gebracht. Es gibt Vermutungen, dass sie wie ihr Vorbild Venus and Adonis von Blow vor der Schulaufführung bereits am Hof aufgeführt worden und bereits um 1684 entstanden war, dagegen spricht jedoch, dass es im gedruckten Libretto keinen Hinweis darauf gibt.
mini|The Queen’s Theatre, Dorset Garden, 1673 veröffentlichter Kupferstich von William Dolle Die 1690er-Jahre waren in England charakterisiert durch wachsenden Nationalstolz und eine größere Rolle im internationalen Handel. Dem Bedürfnis nach ausländischen Raffinessen und dem Ausdruck nationaler Identität kam Purcell in seinen Werken nach, die nun einem breiteren Publikum in Zeitschriften und auf den Bühnen Londons präsentiert wurden. Dem Triumph von Dioclesian (1690), mit einem Libretto von Thomas Betterton auf Basis eines Theaterstücks von John Fletcher und Philip Massinger, folgte bald die Musik zu King Arthur von John Dryden (1691), wo Pan und die Nereiden die britischen Exportwaren Fisch und Wolle preisen. Diese Erfolgsserie am Dorset Garden Theatre wurde 1692 mit The Fairy-Queen fortgesetzt, einer Bearbeitung von Shakespeares Ein Sommernachtstraum, für die die Ausgaben jedoch so groß waren, dass Bettertons Schauspieltruppe wenig von den Einnahmen blieb. Im Herbst des Jahres wurden die Londoner Bühnen von mehreren Katastrophen heimgesucht, die Schauspieler waren von Unfällen und zum Teil gewaltsamen Todesfällen betroffen.
Eine Unterbrechung der Arbeit für das Theater bot für Purcell die Ode Hail, bright Cecilia, die im November 1692 uraufgeführt wurde und einen Höhepunkt darstellt unter Purcells Beiträgen, die seit 1683 zur Feier des Cäcilientags entstanden waren. Für Purcells Einkommen war jedoch weiterhin die Produktion von Musik für die Bühne wichtig, darunter für zwei Komödien von William Congreve: The Old Bachelor und The Double Dealer.
Den jugendlichen John Weldon aus Eton unterrichtete Purcell 1693 bis 1694, als adlige Schüler sind Annabella Howard, die vierte Ehefrau des Dramatikers Sir Robert Howard, Sir Roberts Enkelin Diana und Rhoda Cavendish zu nennen. 1694 überarbeitete und aktualisierte Purcell zudem die Introduction to the Skill of Music von John Playford.
mini|hochkant=1|Henry Purcell von John Closterman 1694 wurde am Vorabend zum Cäcilientag Purcells Te Deum und Jubilate uraufgeführt, das später als Prototyp für Werke von Blow, William Croft, Georg Friedrich Händel und anderen dienen sollte. Ende desselben Jahres starb Maria II. von England. Obwohl sie keine großen Ausgaben für ihr Begräbnis gewünscht hatte, fand zu ihren Ehren eine der größten Trauerfeiern des 17. Jahrhunderts statt. Purcell steuerte einen Note-gegen-Note-Satz bei, der in einen wesentlich älteren funeral service von Thomas Morley eingefügt wurde, sowie einen Marsch.
Tod Am 21. November 1695 machte Purcell sein Testament und starb vor Mitternacht. Welche Krankheit für sein Ableben verantwortlich war, ist nicht mit Sicherheit geklärt. Er wurde am 26. November in der Westminster Abbey neben der Orgel zu den Klängen seiner eigenen Musik begraben. Auf seinem Grabstein steht: „HERE LYES HENRY PURCELL Esq. Who left this Life and is gone to that Blessed Place where only his Harmony can be exceeded. Obiit 21 mo die Novembris Anno Aetatis suae 37mo Anno Domini 1695.“ John Blow wurde Purcells Nachfolger als Organist von Westminster.