mini|Gart der Gesundheit, Mainz 1485. Titelblatt Der Gart der Gesundheit (lateinisch hortus sanitatis „Garten der Gesundheit“, in Bezug auf den mittelalterlichen Kräuter- und ArzneigartenChristina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65), ISBN 3-8260-1667-X, S. 116.Gundolf Keil: Hortus Sanitatis, Gart der Gesundheit, Gaerde der Sunthede. 1986, S. 68.), auch Hortus sanitatis germanice und Hortus sanitatis deutsch genannt, ist eines der ersten gedruckten Kräuterbücher in deutscher Sprache. Es wurde von dem am Mittelrhein geborenen Frankfurter Stadtarzt Johann Wonnecke von Kaub verfasst und erstmals 1485 von dem Drucker Peter Schöffer in Mainz verlegt.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65), ISBN 3-8260-1667-X, S. 116.Gundolf Keil: Hortus Sanitatis, Gart der Gesundheit, Gaerde der Sunthede. 1986, S. 68. Der Gart der Gesundheit diente als Vorlage für zahlreiche Nachdrucke bis ins 18. Jahrhundert und zählt zu den wichtigen spätmittelalterlichen Werken zur Kenntnis der Naturkunde, insbesondere der Heilpflanzen. In 435 Kapiteln wurden 382 Pflanzen (oder 384 Drogen pflanzlicher Herkunft),Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 140–141. 25 oder 23 Drogen aus dem Tierreich und 28 oder 27 Mineralien bzw. Drogen chemischer Herkunft beschrieben und unter der Leitung des Mainzer Malers Erhard Reuwich mit 379 Holzschnitten illustriert.Pia Rudolph: Im Garten der Gesundheit. Pflanzenbilder zwischen Natur, Kunst und Wissen in gedruckten Kräuterbüchern des 15. Jahrhunderts. Köln 2020.

Zusammen mit dem lateinischen Herbarius moguntinus (Peter Schöffer, 1484) und dem lateinischen Hortus sanitatis (Jacob Meydenbach, Mainz 1491) zählt der Gart der Gesundheit zur „Gruppe der Mainzer Kräuterbuch-Inkunabeln“ und markiert den Beginn einer Vereinheitlichung und Transparenz der Materia medica.

Da im Gart der Gesundheit vor allem Arzneimittel pflanzlicher Herkunft („Kräuter“) und in geringerem Umfang Arzneimittel animalischer und mineralischer Herkunft beschrieben werden, wird das Werk der literarischen Gattung „Kräuterbuch“ zugeordnet.Gundolf Keil, Peter Dilg: Kräuterbücher. In: Lexikon des Mittelalters. Band 5, Metzler, Stuttgart 1999, Sp. 1476–1480.Thomas Melan: .Henrike Fricke: Die Geschichte der Kräuterbuchliteratur unter besonderer Berücksichtigung des „Herbarium Siegesbeckianum“. Grin, 2017, ISBN 978-3-668-49375-9. (Bachelorarbeit 2013).

Entstehung Die Vorarbeiten dieser Kräuterbuch-Inkunabel gingen offenbar bis in die 1470er Jahre zurück. Der Auftraggeber des Gart war Bernhard von Breidenbach (um 1440–1497), ein Mainzer Domherr. Daneben war der Verleger Peter Schöffer beteiligt, ein ehemaliger Mitarbeiter Gutenbergs. Der Verfasser (Kompilator) des Gart war der Frankfurter Stadtarzt Johann Wonnecke von Kaub (um 1430–1503/1504). Der Zeichner Erhard Reuwich (auch Rewich, Reuwick, Reeuwyck) aus Utrecht hat etwa ein Viertel der 379 Illustrationen angefertigt.Julius Schuster: Secreta Salernitana und Gart der Gesundheit. In: Mittelalterliche Handschriften. Festgabe zum 60. Geburtstag von Hermann Degering. Leipzig 1926, S. 203–237, hier: S. 220. Während der Text zum Gart bereits 1483 fertiggestellt war und dem Verleger übergeben wurde, lagen noch nicht allzu viele Zeichnungen Reuwichs vor. Weitere sollten wohl noch hinzugefügt werden, vor allem die Ausbeute einer Pilgerfahrt nach Palästina, die Breidenbach mit Reuwich ab 1483 unternahm. Gerade dabei konnten qualitätvolle Abbildungen von Mittelmeerpflanzen erwartet werden. Zur Frankfurter Frühjahrsmesse 1485Gundolf Keil: ‚Gart der Gesundheit‘. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 458. wurde der im März des Jahres erstmals gedruckte Gart der Gesundheit dann von am 12. März 1485 Schöffer herausgebracht.

Text Entgegen der früheren Lehrmeinung (vgl. Keil 1982), Wonnecke habe nur deutsche Quellen für sein Werk herangezogen, geht man heute davon aus, dass sowohl deutsche als auch lateinische Quellen verwendet wurden. Im ausgehenden 15. Jahrhundert gab es in der deutschen Fachliteratur nicht ausreichende Quellen für 435 Drogenmonografien, sondern nur für etwas mehr als 150.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 173.Gundolf Keil: ‚Gart der Gesundheit‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 457–459Johannes Gottfried Mayer 2011

Als gesicherte Quellen können genannt werden Das Buch der Natur des Konrad von Megenberg (bspw. anhand des Kapitels zum Efeu) und das Speyrer Kräuterbuch, in dem, wie seit 1965Gundolf Keil über: H. Menhardt, Verzeichnis der altdeutschen literarischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek. In: Anzeiger für das deutsche Altertum. Band 76, 1965, S. 100–143, hier: S. 132–134. bekannt ist, anonym der Macer floridus des Odo Magdunensis (lateinische und deutsche FassungVgl. Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 83–87 (Zur Rezeption des ›Macer‹).),Vgl. auch Gundolf Keil: „Gart“, „Herbarius“, „Hortus“. Anmerkungen zu den ältesten Kräuterbuch-Inkunabeln. In: Gundolf Keil (Hrsg.): „gelêrter der arzenîe, ouch apotêker“. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Willem Frans Daems (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 24). Pattensen, Hannover / Königshausen & Neumann, Würzburg 1982, S. 589–635, hier: S. 599–601. die Naturkunde der Hildegard von Bingen und das Circa instans aus der Schule von Salerno kompiliert sind.Peter Riethe: Hildegards von Bingen „Liber simplicis medicinae“ im Mainzer Gart der Gesundheit. In: Sudhoffs Archiv 89 (2005) S. 98–119.Tobias Niedenthal: Die Epoche der Klostermedizin. In: Alexander Schubert (Hrsg.): Medicus: Die Macht des Wissens. wbg Theiss, Darmstadt 2019. S. 164–171.

Lateinische Quellen waren der Aggregator (Pseudo-Serapion) des Ibn Wafid, aus dem verschiedene Pflanzennamen übernommen wurden, das Circa instansVgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation. Halle an der Saale 1960. (bzw. die „Secreta salernitana“) aus der Schule von Salerno, dem die Anlage der Kapitel entlehnt ist und von dem vermutlich zwei Fassungen verwendet wurden, die Naturalis historia von Plinius, die Etymologien des Isidor von Sevilla sowie das zweite Buch des Canon medicinae von Avicenna.Johannes Gottfried Mayer, Tobias Niedenthal: Medicinal Plants in the Second Book of Ibn Sina’s Qānūn: The Reception in German Vernacular (in the Late Middle Ages and Early Modern Times). In: Merdan Güneş (Hrsg.): Avicenna – ein Universalgelehrter. Eine gegenwärtige Analyse des Prinzen der Philosophen Ibn Sīnā. V&R unipress, Universitätsverlag Osnabrück, 2020. ISBN 978-3-8471-1104-7. S. 75–84 () Diese Quellen werden im Gart teils genannt und lagen allesamt zur Zeit der Drucklegung nicht in einer deutschen Übersetzung vor. Einige der Werke wurden bis heute nicht komplett ins Deutsche übersetzt.

Zumindest indirekt zitiert wurden Pedanios Dioskurides (Materia medica) und Galenos (Simplicium pharmacorum).

Illustrationen Wohl entgegen der ursprünglichen Planung ging nur ein Viertel der 379 Holzschnitte der Ausgabe von 1485 auf Reuwich zurück. Sie zeigen hauptsächlich Pflanzen, die im Frühling und Frühsommer blühen. Die Qualität dieser Zeichnungen war für die Zeit außerordentlich. Die anderen Illustrationen wurden offenbar in Eile erarbeitet und sind weit weniger naturgetreu. Zum Teil gehen sie auf handschriftliche Vorlagen zurück, etwa bezüglich schematischer Illustrationen auf den auf der Handschrift Ms. Egerton 747 des Circa instans beruhenden Tractatus de herbis (Modena lat. 993).Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 241.

Die naturgetreuen, meist dem Vorbild der 1475 in Besitz Breidenbachs befindlichen oberrheinischen medizinischen Sammelhandschrift Kodex Berleburg (Codex Berleburg RT 2/6) folgenden Illustrationen im Gart der Gesundheit vereinen mittelalterliche Ornamentik mit Naturtreue.Allerdings sind nur fünf direkt dem Kodex Berleburg entnommen, während 94 nach dem Vorbild von Circa-instans-Illustrationen angefertigt worden sind.Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Werner Dressendörfer, Gundolf Keil: Älterer deutscher „Macer“ – Ortolf von Baierland: „Arzneibuch“ – „Herbar“ des Bernhard von Breidenbach – Färber- und Malerrezepte: Die oberrheinische medizinische Sammelhandschrift des Kodex Berleburg. Farbmikrofiche-Edition mit Einführung zu den Texten, Beschreibung der Pflanzenabbildungen und der Handschrift. München 1991 (= Codices illuminati medii aevi. Band 13).Werner Dressendörfer, Gundolf Keil, Wolf-Dieter Müller-Jahncke (Hrsg.): Älterer deutscher 'Macer' - Ortolf von Baierland 'Arzneibuch' - 'Herbar' des Bernhard von Breidenbach - Färber- und Maler-Rezepte: Die oberrheinische medizinische Sammelhandschrift des Kodex Berleburg (Berleburg, Fürstlich Sayn-Wittgenstein’sche Bibliothek, Cod. RT 2/6). Einführung zu den Texten, Beschreibung der Pflanzenabbildungen und der Handschrift. Farbmikrofiche-Edition, München 1991 (= Codices illuminati medii aevi. Band 13), S. 75–98, hier: S. 80–81.Gundolf Keil: ‘Gart’, ‘Herbarius’, ‘Hortus’. Anmerkungen zu den ältesten Kräuterbuch-Inkunabeln. 1982, S. 596–597. Dadurch wurde das Wesen der jeweils dargestellten Pflanze abstrahierend darstellt. Die Abbildungen in den Kräuterbüchern der Väter der Botanik verloren diese abstrahierende Ausdruckskraft durch zunehmende Betonung einer „photographischen Naturtreue“. Arnold Klebs bemerkte dazu (1925, S. IX): „We who today in our aesthetic demands are drawing away more and more from the slavish copying of nature and demand that a work of art expresses type and character, can better appreciate the didactic value of these simple drawings than the previous generation to whom the photographic appealed as the highest form of truthful representation.“ „Wir, die wir uns heute in unseren ästhetischen Ansprüchen mehr und mehr vom sklavischen Kopieren der Natur entfernen, können den didaktischen Wert dieser einfachen Zeichnungen [im Gart der Gesundheit] besser schätzen als die vorhergehende Generation, für welche die Photographie die höchste Form wahrhafter Abbildung darstellte.“

Abbildungen im Gart der Gesundheit. Mainz 1485 (Auswahl)

Wirkung mini|250px|Titelblätter zu Egenolffs Kreutterbuch. Links: Eucharius Rösslin der Jüngere 1533 Rechts: Balthasar Ehrhart 1783