mini|137x137px|Signatur Milan Kunc Milan Kunc (* 1944 in Prag) ist ein Maler und Bildhauer der Postmoderne. Er schreibt sich die Erfindung der Stilrichtungen „Peinlicher Realismus“, „Ost-Pop“ und „Popsurrealismus“ mit gesellschafts- und medienkritischen, ironisch-melodramatischen Sujets zu. Mit seiner künstlerischen Gegenposition zum akademischen Kunstbetrieb zählt er zu den Neuen Wilde der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre.
Leben Kunc studierte von 1963 bis 1967 an der Kunstakademie Prag. Während des Prager Frühlings 1968 und der Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Pakts wurde er zum Wehrdienst verpflichtet. Am Tag der Invasion am 21. August 1968 befand er sich im Militärgefängnis. Er ist wegen zivilem Ungehorsam inhaftiert worden. In derselben Nacht malte er ein Ölbild mit abgetretenen Militärschuhen in Anlehnung an das Paar alter Schuhe von Vincent van Gogh. Die Erfahrungen dieser Lebensphase verarbeitete er in den 70er-Jahren in seinen Bildern, Collagen und Performance-Aktionen, die er als „Peinlicher Realismus“ bezeichnete. 1969 emigrierte er in die Bundesrepublik Deutschland (BRD), nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und studierte von 1970 bis 1975 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys und Gerhard Richter. Im Gegensatz zum damaligen konzeptuellen akademischen Mainstream und den kommunistisch affinen Ansichten dieser Zeit fokussierte sich Kunc auf Empathie, Ironie, Sarkasmus, Farbigkeit und Experiment.
1973 reiste Kunc zum ersten Mal nach New York. Dort traf er Jan Knap, den ehemaligen Studenten von Gerhard Richter. Beide Künstler verband seitdem eine intensive künstlerische Zusammenarbeit. Diese Reise und eine Ausstellung von Saul Steinberg haben ihn zum Zeichnen inspiriert. In dieser Zeit hatte er sich eine zeichnerische Disziplin angeeignet und durch die Jahre permanent entwickelt. Es folgten Reisen nach Mexiko, Guatemala und Honduras. Erste Bilder des von Kunc benannten „Peinlichen Realismus“ entstehen.
1979 gründete Kunc zusammen mit Peter Angermann und Jan Knap in Düsseldorf die international beachtete Gruppe Normal. Es folgten ab 1980 gemeinsame Ausstellungen u. a. in der Neuen Galerie / Sammlung Ludwig, in New York („Times Square Show“) und anlässlich der XI. Biennale de Paris im Musée de la Ville. 1984 war die Gruppe Normal in der von Kaspar König kuratierten Ausstellung „Von hier aus“ in Düsseldorf vertreten. In den 80er Jahren zählte Kunc zu den „Jungen Wilden“ der deutschen Kunstavantgarde. In dieser Zeit entstanden zusammen mit Jörg Immendorff u. a. Plakatbilder, Performances und Happening-Aktionen mit gesellschaftskritischem Bezug zum damals noch nicht entwickelten Umweltverständnis dieser Zeit. Ein Thema, das Kunc in seinem gesamten Schaffensprozess in der ihm eigenen unverwechselbaren Bildsprache beschäftigte. Erneut reiste Kunc Mitte der 80er Jahre durch die USA und Südamerika. Begleitet wurde er von Silke Niehaus, die er als seine „Muse“ in dieser Zeit bezeichnete.
1983 war Kunc auf der documenta IX in Kassel vertreten. In den 80er und 90er Jahren arbeitete und lebte er abwechselnd in New York und Köln. Dort wurde sein Sohn Roman aus der Partnerschaft mit der Künstlerin und Museumsleiterin Anne Frechen geboren. In dieser Zeit stellte er u. a. mit George Condo in den Galerien Pat Hearn, Sprüth-Magers, Barbara Gladstone, Tony Shafrazi und Robert Miller aus. 1988 bis 1991 folgten Aufenthalte in Rom und in der Toskana. Es entstanden u. a. eine Reihe von surrealen Landschaftsbildern und manieristischen Porträts, die er in der Gallery Robert Miller ausstellte. Während des Aufenthalts in Italien hat sich sein Pinselstrich verfeinert. Er verließ den expressionistischen Duktus und sein Stil hat neo-klassizistische und manieristische Züge angenommen. Mit diesem Verfahren der „Lichtmalerei“ befreite er sich von dem deutschen Mainstream und entwickelte einen eigenen figurativen Stil.
Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ zog Kunc zurück nach Köln. 1992 nahm er eine Einladung des Präsidenten Václav Havel nach Prag an. Ein Jahr später folgte dort eine Einzelausstellung im Belvedere (Prag) mit einer umfassenden Werkschau und weiteren Stationen in Karlsruhe, Kunsthal Rotterdam und Malmö Konsthall. Mitte der 1990er arbeitete Kunc wiederholt an Keramikplastiken in Den Haag. 2008 folgte er einer Einladung des European Ceramic Workcenter Hertogenbosch. mini|hochkant|V. Havel Milan Kunc 1992
Von 1997 bis 1998 übernahm er eine Professur an der Kunstakademie Kassel und kehrte im Anschluss nach Köln zurück. Seit 2003 ist er mit der Künstlerin Olga Maler-Kunc verheiratet. 2002 wurde Tochter Věra geboren. In den 2000er Jahren folgten mehrere Studienreisen nach Italien und Indien. 2004 kehrte Kunc nach Prag zurück.
Künstlerische Phasen und Werk Noch während seiner Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf entwickelte Kunc eine künstlerische Ausdrucksform, die er als „Peinlichen Realismus“ bezeichnete. Bilder und Collagen mit ironisch-provokativen Bezügen zur Alltagswelt und zum Konsumverhalten entstehen. Bereits Ende der 70er Jahre thematisierte Kunc vorausschauend die in der Folge eintretende Auseinandersetzung mit der Globalisierung westlicher Konsumikonen und die Doppelmoral insbesondere in den damaligen Ostblockstaaten hierzu. Er benannte diese Schaffensphase „Ost-Pop“. Performance-Aktionen in Deutschland (Wuppertal) und der UdSSR (Moskau) führten zu kontroversen Diskussionen und Publikationen. Er begann mit dieser Stilrichtung eine experimentelle Phase, in der er persönliche Erfahrungen aus der Zeit des „Kalten Krieges“ verarbeitete. Er schuf Objekte, die Konsumideologie, Ost und West vereinigten sowie gestellte Fotografien und Performances zu diesem Thema.
Ab 1977 begann er mit der Arbeit mit Keramikplastiken in Düsseldorf, die er 1995 in Den Haag fortsetzte. Durch die intensive Beschäftigung mit ökologischen, medienkritischen und mystisch-surrealen Sujets entwickelte sich eine weitere Schaffensphase, in der über 100 Keramiken entstanden. Die Sammlung Louis Vuitton übernahm eine Reihe von modisch skurrilen Objekten. Nach einer Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf (Luxuskeramik) folgten internationale Ausstellungen in New York (Galerie Gian Enzo Sperone) und Trento (Studio d’Arte Raffaelli), Brünn (Dům umění města Brna) und Erfurt (Kunsthalle Erfurt). 2008 arbeitete Kunc im European Ceramic Work Center in Hertogenbosch (Niederlande). Die Arbeiten wurden u. a. in der Ausstellung „Sculptures“ der Galerie Andrea Caratsch (Zürich, St. Moritz) gezeigt. 2013 nahm Kunc einer Einladung zur Korean International Ceramics Biennale nach Gyeonggi (Südkorea) an.
Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ folgte 1993 auf Einladung des Staatspräsidenten Václav Havel eine Einzelausstellung im Prager Belvedere. Diese löste einen Diskurs zu den in dieser Zeit aufkommenden Themen wie interkulturelle Öffnung, Identitätssuche, Migration und gesellschaftspolitische Veränderung aus. Kunc sah sich in seiner Vision aus den frühen 80er-Jahren und in der provokativen Wirkung seiner prophezeienden Bildsprache bestätigt. Im Jahr 2015 war Kunc in der Ausstellung „Junge Wilde. Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, vertreten, die in der Folge im Groninger Museum gezeigt wurde.
2019 gestaltete er einen BMW i8 mit dem Thema der drängenden Umweltfragen unserer Zeit. Obgleich kein offizielles BMW Art Car, wird er auch im BMW Museum gezeigt und soll schließlich zugunsten dem The-Ocean-Cleanup-Projekt versteigert werden.bimmertoday.de vom 27. Februar 2019, Inoffizielles Art Car: Milan Kunc gestaltet BMW i8 4 Elements, abgerufen am 20. Juli 2019.
2021 widmete der Kampus Hybernská in Prag Kunc eine Einzelausstellung mit dem Titel „Jenseits der Vorstellungskraft. Bilder und Plastiken 1968 – 2021“ und dokumentierte damit eine umfassende Werkbetrachtung seiner künstlerischen Phasen.
Kunc ist in öffentlichen Sammlungen vertreten (Auswahl):
Coca Cola Collection, Verona, Italien; Deutsche Bank Stiftung, Frankfurt am Main, Deutschland; Groninger Muzeum, Groningen, Niederlande; Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Deutschland; Museum Würth, Künzelsau, Deutschland; Kunstmuseum Düsseldorf, Deutschland;Kunstmuseum Bonn; Louis Vuitton, Italy / France; Sylvester Stallone, Santa Monica, USA; Stadtmuseum Düsseldorf, Deutschland; Kunsthalle Mannheim, Deutschland; Rooseum Malmö, Schweden; MOCA Museum of Contemporary Art, Los Angeles, USA; Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, Niederlande; Stedelijk Museum, Amsterdam, Niederlande; Muzeum umění Olomouc, Olomouc, Tschechische Republik; Národní Galerie Praha, Prag, Tschechische Republik; Fonds Hélène et Édouard Leclerc, Landerneau, Frankreich
Rezeption Kunc gilt als Anti-Konformist. Er lehnt konventionelle Ästhetik und ideologische Positionen ab. Insbesondere in seiner Embarrassing Realism Phase figuriert Kunc den Irrsinn der Wirklichkeit in Anlehnung an Magrittes Péeriode Vache, Picabia oder Kippenberger. Ironie und Idealismus verbinden sich in einer paradoxen Weise. Mit seiner Bildsprache greift Kunc die tschechoslowakischer Kunsttradition (Porträt, mystische Landschaftsmalerei, Symbolismus, Kubismus, Karikatur) auf und führt diese mit eigenen Stilmitteln, thematischen Akzenten und Kritik am Zeitgeist fort. Ironisch-provokante Anspielungen auf Alltagsthemen und peinlich-ansprechenden Interpretationen gesellschaftspolitisch brisanter Themen finden sich in seiner gesamten Schaffensphase. Seine einzigartige Bildsprache setzt in der figurativen Kunst neue Akzente.
Das art Magazin titelte 1989:
Die aufgegriffenen Themen (Ökologie, Feminismus, Medienwahn, gesellschaftliche und politische Doppelmoral) haben vorausschauend-visionäre Bedeutung und spiegeln zugleich aktuelle globale Herausforderungen.
Galerie
Einzelausstellungen
Gruppenausstellungen
Literatur Pavel Liška (Hrsg.): Milan Kunc. Ostfildern / Stuttgart, 1992, ISBN 3-89322-514-5. Kunsthalle Erfurt: Milan Kunc. Erfurt, 2007, ISBN 80-86970-25-6. Kai Uwe Schierz (Hrsg.): Wunder über Wunder. Wunderbares und Wunderliches im Glauben, in der Natur und in der Kunst. Kunsthalle Erfurt, 18. November 2007 bis 13. Januar 2008, Kerber Verlag, Bielefeld/Leipzig 2007, ISBN 978-3-86678-115-3. Karel Srp: Za Hranicí Predstavivosti (Jenseits der Vorstellungskraft). Kampus Hybernská, Prag, 2021, ISBN 978-80-908173-0-2.
Weblinks
milan-kunc.com (englisch) artfacts.net galeriecaesar.cz
Einzelnachweise Milan Kunc, International: Normal, Ost-West-Transfer, Kunst am Bau, Dokumentation. Band IV, S. 6, PDF. Archives de la Biennale de Paris 1980, archiviert vom Original, abgerufen am 9. August 2023. Kaspar König (Hrsg.): Von hier aus. Zwei Monate neue deutsche Kunst. Ausstellungskatalog, Köln 1984. Kunstforum international 1973. Online-Portal, abgerufen am 15. August 2023. Milan Kunc, Pavel Liška: Zur richtigen Zeit am falschen Ort sein. Stuttgart 1992, S. 9–20. Die 80er. Figurative Malerei in der BRD. Städel Museum, Frankfurt am Main 2015, staedelmuseum.de abgerufen am 13. August 2023. Kampus Hybernská: Jenseits der Vorstellungskraft. 2021. Boris Groys: Milan Kunc – die fröhliche Postmoderne. In: Pavel Liška (Hrsg.): Milan Kunc. Ostfildern / Stuttgart 1992, S. 21–35. Stéfane Corréard, Hervé Loevenbruck: Milan Kunc – 51 years of independent revolutionary painting (1972–2023). Loeve & Co., Paris.
Kategorie:Maler (Tschechien) Kategorie:Tscheche Kategorie:Tschechoslowake Kategorie:Geboren 1944 Kategorie:Mann