Panpsychismus (von altgriech. pan „alles“ und psyche „Seele“) ist eine metaphysische Theorie der Philosophie, der zufolge alle physischen Objekte neben physikalischen auch geistige Eigenschaften besitzen, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können. Im Sinne eines Eigenschaftsdualismus handelt es sich um zwei untrennbare „Seiten“ der Realität, die nur eine gemeinsame Existenz haben können. Die „geistige Seite“ drückt sich nicht nur als „Innenwelt“ komplexer Gehirne aus (etwa als menschliche Psyche) und entstand auch nicht erst mit dem Leben, sondern umfasst die Vorstellung einer jeglicher Materie innewohnenden Intentionalität bis hinunter auf die Quantenebene.

Der Panpsychismus setzt bei allen ungeklärten Fragen der Naturwissenschaften an, für die es bislang keine überzeugenden Theorien gibt. Am bekanntesten ist der Lösungsvorschlag für das sogenannte „Leib-Seele-Problem“, das sich mit dem Verhältnis von Materie und Geist beschäftigt. Panpsychisten gehen davon aus, dass sich geistige Eigenschaften im Laufe der Zeit bis hin zum Bewusstsein entwickelt haben. Dualisten behaupten, dass der Geist nicht aus der Materie hervorgehen kann und prinzipiell von anderer Art ist als die Materie. Materialisten hingegen behaupten, dass mentale oder geistige Eigenschaften nichts anderes sind als „Nebenprodukte“ oder Funktionen komplexer materieller Systeme. Panpsychisten verneinen die dualistische Trennung von Geist und Materie, aber auch die These, dass mentale Eigenschaften aus rein materiellen Dingen plötzlich und aus den Vorbedingungen erklärbar hervorgehen können (Emergenz). Für Panpsychisten ist die Entwicklung des bewussten Erlebens und jeglicher geistiger Phänomene nur dann erklärbar, wenn deren Vorstufen schon in der Grundstruktur der materiellen Welt vorhanden sind. Solche Vorstufen geistiger Eigenschaften werden oft „proto-mentale“ Eigenschaften genannt. Der zeitgenössische Panpsychismus behauptet jedoch nicht, dass beispielsweise Atome oder Bakterien bereits Schmerzen oder ähnliche Bewusstseinszustände erleben können oder dass alle Dinge eine menschenähnliche Seele haben, wie es im (religiösen) Animismus der Fall ist.Patrick Spät: Panpsychismus: ein Lösungsvorschlag zum Leib-Seele-Problem. Dissertation, FreiDok der Universität Freiburg, Freiburg 2010, PDF, abgerufen am 17. Juni 2023. S. 2–3.

Werden Geist und Materie des Universums mit Gott gleichgesetzt, spricht man von Pantheismus.

Begriffsbestimmung und Abgrenzung Schöpfer des Begriffs „Panpsychismus“ war der Renaissance-Philosoph Francesco Patrizi.David Skrbina: Panpsychism. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. Zeitgenössische Panpsychisten bezeichnen den geistigen bzw. proto-mentalen Aspekt, den sie allen existierenden Dingen zuschreiben, oft als phänomenale Eigenschaften oder Qualia. Der Begriff Qualia meint, dass sich etwas irgendwie anfühlt; dass etwa Senf einen bestimmten Geschmack erzeugt oder bestimmte Wellenlängen des Lichts dem Menschen als Farben erscheinen. Eine panpsychistische Position, die „einfache Erfahrung“ auf allen Ebenen der Natur kennt, steht meist in der Tradition von Alfred North Whitehead und heißt nach David Ray Griffin auch Panexperientialismus.

Neben Qualia und Erfahrungen verallgemeinern Panpsychisten auch andere Aspekte des Geistigen – darunter sind Subjektivität, die Einheit eines subjektiven Erlebens, Teleologie (Zweckgerichtetheit), Spontaneität (Entscheiden, Freiheit), Intentionalität (Gerichtetheit, Repräsentation), Wahrnehmung, Erinnerung oder gar Erkennen, Denken, Sprechen und Selbstbewusstsein. Entweder wird den kleinsten Bauteilen der Welt eine dieser Eigenschaften direkt zugesprochen oder eine Vorform davon – die jedoch nicht rein physisch aufgefasst wird.

Der Panpsychismus muss nicht zwangsläufig den kleinsten Dingen unmittelbar geistige oder proto-mentale Eigenschaften zuschreiben. Stattdessen sprechen viele (insbesondere historische) Panpsychisten der Welt als ganzer geistige Eigenschaften zu. Man unterscheidet also einerseits atomistische Panpsychisten, für die alle einzelnen Dinge einen geistigen Aspekt haben – und andererseits holistische Panpsychisten, die die Geistigkeit aller Dinge von der Geistigkeit des Ganzen ableiten.

Abgrenzung vom Animismus Auf den ersten Blick scheint der Panpsychismus – insbesondere seine holistische Variante – eine animistische Position zu sein. Animisten nehmen an, dass z. B. Wasserquellen oder Bäume Gefühle empfinden, die denen des Menschen gleichen. Der Panpsychismus wurde daher gelegentlich als absurd bezeichnet, da er Dingen wie Steinen oder Telefonen eine Art von Seele zuspreche. Zeitgenössische Panpsychisten grenzen sich mit zweierlei Überlegungen gegen eine solche Verwechslung des Panpsychismus mit dem Animismus ab:

Erstens treten aus der Sicht vieler Panpsychisten geistige Eigenschaften graduell gestuft auf. Bakterien beispielsweise mögen nur äußerst primitive geistige Zustände haben; sie besitzen kein Selbstbewusstsein und kein Schmerzempfinden. Wer dennoch von ihrer Empfindungsfähigkeit sprechen will, kann entweder mit Whitehead von Proto-Bewusstsein bzw. Prehensionen sprechen, oder mit zeitgenössischen Panexperientialisten von phänomenalen Eigenschaften oder Qualia, die den kleinsten Bauteilen des Universums zukommen. Zweitens wird im modernen atomistischen Panpsychismus unterschieden zwischen echten individuenartigen Einheiten (Elementarteilchen) bzw. Hierarchien solcher individueller Einheiten (Elementarteilchen, Atome, Moleküle, Zellen, Organismen), denen geistige Eigenschaften zugeschrieben werden, und Artefakten, also Anhäufungen solcher individuenartiger Einheiten, denen ausdrücklich keine eigenen geistigen Eigenschaften zugestanden werden. Eine Anhäufung von kleineren Einheiten ist nicht automatisch ein neues Individuum. Dem Haufen als Ganzen müssen keine proto-mentalen Eigenschaften zukommen, sondern nur seinen kleinsten Bestandteilen. Ein Haufen hat insbesondere keine eigene Subjektivität und keine individuelle Perspektive. Alle makroskopischen Gegenstände sowie teils auch „niedere“ Organismen (wie Pflanzen oder Quallen) werden von Panpsychisten als solche Anhäufungen oder Aggregate angesehen. Diese Differenzierung wird beispielsweise von David Ray GriffinD. R. Griffin: Whitehead's Radically Different Postmodern Philosophy. SUNY Press, New York 2007. und Ken WilberK. Wilber: Eros, Kosmos, Logos: Eine Vision an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Krüger, Frankfurt 1998.Holons, Haufen und Artefakte sehr deutlich gemacht.

Abgrenzung vom Idealismus Der Panpsychismus wird oftmals mit einem idealistischen Ansatz gleichgesetzt. Eine idealistische Position, die besagt, dass jedes Ding im Universum (proto-)mentale Eigenschaften hat, kann in diesem Sinn als panpsychistisch bezeichnet werden. Umgekehrt aber mündet nicht jede panpsychistische Auffassung in einen philosophischen Idealismus.

Die Begriffe Idealismus und Panpsychismus sind daher nicht deckungsgleich: Für die meisten Idealisten sind materielle Eigenschaften auf geistige Eigenschaften reduzierbar. Für viele Panpsychisten gilt dies gerade nicht, da sie Materielles und Geistiges als zwei gleich ursprüngliche Aspekte einer zugrundeliegenden Substanz betrachten. Eine solche Auffassung ist nicht idealistisch in jenem spezifischen Sinn.

Eine weitere Definition des Idealismus besagt, dass alle Eigenschaften gedacht werden müssen, um zu existieren. Viele Panpsychisten fordern lediglich eine schwächere Bedingung für die Existenz einer Eigenschaft, wie beispielsweise Whitehead lediglich die Existenz vorbewusster „Prehensionen“ (Erfassungen).

Argumente für den Panpsychismus Die wichtigsten Argumente für den Panpsychismus sind das genetische Argument und das Argument aus den intrinsischen Naturen. Weiterhin zu nennen sind Analogie-Argumente sowie das Argument, dass der Panpsychismus zur besten Weltanschauung führt.D. Skrbina: Panpsychism in the West. MIT Press, Cambridge 2005, Kapitel 10; W. Seager: Panpsychism. (PDF; 152 kB)

Das genetische Argument Zunächst stellen der Panpsychismus und verwandte Sichtweisen fest, dass sich Geistiges und rein Physisches grundlegend unterscheiden: Geistige Eigenschaften wie Phänomenalität, Intentionalität (Absichtlichkeit) oder Teleologie (Zielgerichtetheit) können mittels physikalischer Strukturen nicht erfasst werden. Wie kommt der Geist nun in die (rein physische) Natur? Wo ist die Grenze zwischen Mentalem und Nicht-Mentalem in der Natur? Wann tritt das Mentale im Rahmen der Evolutionsgeschichte in Erscheinung? Ab wann hat ein menschlicher Embryo Bewusstsein? Ist die Vorstellung, dass Mentales plötzlich „wie aus dem Nichts“ entstanden ist – man spricht in diesem Zusammenhang von radikaler Emergenz – plausibel?

Viel eleganter scheint ein glatter Übergang zwischen rein Physischem und Psychischem. Nun kann es aber zwischen zwei prinzipiell unterschiedlichen Bereichen keinen glatten Übergang geben. So, wie es keinen homogenen Übergang zwischen den Zahlen (von 1 bis 200) und einem Meterstab gibt, gibt es gemäß dem genetischen Argument auch keinen Übergang zwischen rein Materiellem und (Proto-)Mentalem. Folglich muss sich etwas (Proto-)Mentales bereits auf den unteren Ebenen der Natur finden lassen.William James: If evolution is to run smoothly, consciousness must have been present at the very origin of things. In: Principles of Psychology. (Ausgabe 1983), Harvard University Press, Cambridge MA 1890, S. 152. Wenn man eine möglichst einfache Theorie haben möchte, dann sollte es nichts rein Physisches geben. Will man letztere Sparsamkeitserwägung vermeiden, kann man zum selben Ergebnis gelangen, wenn man das genetische Argument mit der folgenden Überlegung kombiniert.

Das Argument von den intrinsischen Naturen Man nehme irgendeinen Gegenstand in der Welt. Man beschreibt ihn dadurch, dass er Teil eines Systems ist, wie beispielsweise die Arbeit im System der Ökonomie oder bestimmte Atomgitter und Moleküle im System der Chemie usw. Für jedes solcher Systeme gibt es Darstellungen in Lehrbüchern, oft auch Simulationen in Museen oder auf Computern. Was macht nun aber den Unterschied, dass man mit dem Wort „Kochsalz“ ein konkretes Molekül und nicht eine Simulation im Museum meint? Die Chemie kann diesen Unterschied mit ihren Begrifflichkeiten nicht ausdrücken. Ein spezifisches Kochsalzmolekül muss sich also durch etwas auszeichnen, das außerhalb des Systems der Chemie ist. Diese Auszeichnung geschieht durch seine intrinsische Natur. In diesem Fall ist die intrinsische Natur der physikalischen Konstitution des Kochsalzmoleküls zuzuordnen.

Für ein Elementarteilchen in der Physik ergibt sich aber wieder dasselbe Problem wie für das Molekül. Seine Beschreibbarkeit im System der Physik zeichnet es nicht so eindeutig aus, dass es nicht Teil einer Simulation sein könnte. Für die grundlegende Wissenschaft Physik gibt es aber keine tieferliegende Wissenschaft, die den Unterschied zu einer Simulation begründen könnte. Also müssen sich die physikalischen Elementarteilchen durch Eigenschaften auszeichnen, die nicht durch (physikalische) Relationen beschreibbar sind, sondern den physikalischen Dingen in sich selber zukommen. Es sind intrinsische Eigenschaften, die sich nicht mehr als physikalische Strukturen beschreiben lassen.

Die einzigen intrinsischen Eigenschaften dieser Art, die wir kennen, sind jedoch unsere eigenen Empfindungen. Nur sie kommen einem Subjekt so zu, dass es nicht mit Anderem in Beziehung stehen muss. Wenn es nun keine sinnvollen Alternativen für die intrinsischen Eigenschaften physikalischer Dinge gibt, müssen sie den geistigen Empfindungen analog gedacht werden.G. Rosenberg: On the Intrinsic Nature of the Physical. In: M. Weber, A. Weekes (Hrsg.): Process Approaches to Consciousness in Psychology, Neuroscience, and Philosophy of Mind. SUNY Press, New York 2009, S. 273–291.