mini|Blick auf die beiden Kirchenschiffe der Doppelkirche Die Wendisch-Deutsche Doppelkirche () ist eine Doppelkirche in Vetschau/Spreewald. Die evangelische Kirche verfügt über einen Kirchturm, der nur zur Wendischen Kirche gehört und über eine gemeinsame Sakristei. Die beiden Kirchenschiffe liegen nebeneinander. Das gesamte Kirchengebäude steht unter Denkmalschutz.Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BLDAM): Denkmalliste des Landes Brandenburg – Landkreis Oberspreewald-Lausitz; Objektnummer 09120355 („Doppelkirche [Wendische und Deutsche Kirche] mit Glockenstuhl“).

Lage Das Kirchengebäude mit den beiden nebeneinandergebauten Kirchenschiffen steht im historischen Stadtzentrum von Vetschau an der Adresse Kirchstraße/Kirchplatz. Der Baukomplex ist streng geostet. Ein Eingang zur Wendischen Kirche befindet sich auf der südlichen Längsseite des Gebäudes.

Geschichte Vorgängerbau Der erste Kirchenbau an dieser Stelle ist wahrscheinlich Ende des 13. Jahrhunderts im Zuge der Christianisierung der hier lebenden Sorben (Wenden) entstanden. Diese wendische Kirche war aus Feld- und Raseneisensteinen gebaut. Dieses Gotteshaus war mehrere Jahrhunderte die Hauptkirche der wendischen Dörfer in der Umgebung und die Predigten wurden in deutscher und wendischer Sprache gehalten. Infolge der Reformation wurde die Kirchengemeinde 1540 evangelisch, der Religion der Schlossherrschaft derer von Schlieben folgend. Ein Stadtbrand im Jahr 1619 beschädigte auch die Kirche samt dem anfangs vierstimmigen GeläutChronik der Freiwilligen Feuerwehr Vetschau: Historie zum Stadtbrand von 1683 mit der Dokumentation des Verlusts der damaligen Sakralbauten und des vierstimmigen Altgeläuts. (Zitat: „...eine große Feuersbrunst wütete und vernichtet in der Stadt Vetschau innerhalb von wenigen Stunden 93 Häuser, 2 Kirchen mit Kirchturm samt vier Glocken und eine Schule.“ ); weitere Schäden entstanden bei einem Brand im Jahr 1642. Erhalten blieb nur der steinerne Turmsockel, der noch heute den unteren Teil des Kirchturms bildet.

Bau der wendischen Kirche mini|Wendische Kirche Auf den alten Fundamenten wurde, wohl nach Ende des Dreißigjährigen KriegsHans-Joachim Beeskow: Führer durch die evangelischen Kirchen des Kirchenkreises Lübben. Lübben 1998, ISBN 3-929600-14-5, Seite 223, 2. Absatz, um 1650Eschrich, Dehio, Seite 1075 eine neue schlichte rechteckige Backsteinkirche mit einer flachen Decke, sichtbaren Querbalken und hohen Spitzbogenfenstern errichtet. Der Westturm wurde zunächst nicht wieder aufgebaut. An der nördlichen Seite dieser Dorfkirche wurde eine Schlosskapelle angebaut. Diese Kapelle diente als Raum für die Gottesdienste der deutschen Schlossherren, die nun aus den Grafschaften Sachsen-Merseburg stammten. Sie bevorzugten die deutsche Sprache und versuchten, das Wendische zurückzudrängen.

Die ursprüngliche, später die wendische genannte Kirche bezeichnet eine Matrikel aus den Jahren 1673/1674 als Hauptkirche. Sie diente vor allem für die Gottesdienste in niedersorbischer (wendischer) Sprache für zehn benachbarte Ortschaften. Es wurde aber auch auf Deutsch gepredigt. Von deutscher Seite gab es jedoch Bemühungen, den Status der Hauptkirche der deutschen Kapelle zuzusprechen.

Bau der deutschen Kirche mini|Deutsche Kirche mini|Freigelegte, in der Sakristei aufeinander stoßende Mauerwerke beider Kirchenschiffe In der Stadt Vetschau nahm der Anteil der deutschen Bevölkerung zu, während das Umland weiter wendisch geprägt blieb. Das deutsche Bürgertum strebte an, sich auch in kirchlichen Fragen von der wendischen Landbevölkerung abzusetzen. Die Besucherzahl des deutschsprachigen Gottesdienstes nahm zu, so dass die Kapelle, vermutlich ohne Kanzel und nach einem Brand nur notdürftig repariert, den Ansprüchen nicht mehr genügte. Daraus entstand dann der Auftrag, die Schlosskapelle abzureißen und durch eine ordentliche Kirche für die wachsende deutschsprachige Gemeinde zu ersetzen. Die örtlichen Pfarrer sollen dem Neubau ablehnend gegenübergestanden haben.Faltblatt der Stadt Vetschau 2006, Seite 3, 1. Absatz.

Nachdem im Jahr 1689 die Kapelle abgetragen worden war, wurde am 31. März 1690 der Grundstein für die deutsche Kirche gelegt; der Bau war nach dreijähriger Bauzeit 1693 fertiggestellt. Dieses aus Backsteinen errichtete spätbarocke Kirchenschiff weist einen rechteckigen Grundriss wie das Vorgängergebäude auf und schließt auf voller Länge nördlich an das wendische Kirchenschiff an. Die Sakristei am Ostgiebel stellt die räumliche Verbindung beider Kirchengebäude her. An der Nordseite und den Ecken wurden gestufte Strebepfeiler gebaut. Die Decke wurde als hölzernes, verputztes Tonnengewölbe ausgeführt. Der Zugang zu den Emporen entstand in der Nordwestecke und der Westseite. Das Portal zum deutschen Kirchenschiff wurde in der Mittelachse der Nordwand angelegt. Am 30. Januar 1694 weihte der Lübbener Generalsuperintendent Daniel Römer den Neubau ein. Es standen nun zwei Kirchenschiffe direkt Wand an Wand. Unabhängig voneinander bestand sowohl eine wendische als auch eine deutsche Gemeinde. Die wendische Kirche blieb Hauptkirche, die prächtigere deutsche Kirche fungierte als Tochterkirche mit einem dort amtierenden Archidiakonus. Eine dem gemeinsamen Ostgiebel vorgesetzte Sakristei verband die beiden Kirchen. Die mit einem zweijochigen Kreuzgratgewölbe ausgestattete Sakristei ist wohl gleichzeitig mit dem Bau der deutschen Kirche entstanden. Neben der Sakristei wurde auch der Kirchturm vor der wendischen Kirche von beiden Kirchen gemeinsam genutzt. mini|links|hochkant=0.5|Kirchturm – die Kante des alten Turmstumpfes ist im Mauerwerk am Übergang zur Ausführung in Backstein zu erkennen

Wiederaufbau und Umbauten Der Kirchturm war zunächst nur als Ruine stehen geblieben. Der Wiederaufbau dauerte von 1704 bis 1709. In diesem Jahr wurde auf den erhalten gebliebenen quadratischen Turmstumpf ein achteckiger, mit Backsteinen verblendeter Aufbau in Fachwerkbauweise errichtet. Bis zur Fertigstellung des Turms war ein hölzerner Glockenstuhl in Gebrauch. Im Jahr 1715 waren die Glocken repariert oder umgegossen und konnten wieder geläutet werden. Ein aufgerichteter Stern von Bethlehem über einem niederliegenden Halbmond bekrönte den Turm, mit dem die Erbauer ihre Freude über den abgewendeten Vormarsch der Türken ausdrückten.

In den Jahren 1847 und 1849 trafen starke Blitzeinschläge die Kirche, richteten aber keinen besonders großen Schaden an.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach 1853, erfolgte in der wendischen Kirche ein grundlegender Umbau. Um mehr Plätze zu gewinnen, wurden doppelstöckige Emporen an der Nord- und Südseite gebaut. Ein hölzernes Tonnengewölbe ersetzte die bisherige, für die Emporen hinderliche, flache Decke. Da wegen der Emporen zu wenig Licht in die Kirche gelangt wäre, wurde hinter dem heutigen Altar ein großes halbrundes Fenster eingesetzt. Zugleich baute die Firma Kaltschmidt aus Stettin eine neue Orgel ein. Die Kanzel, die eher einer Tonne geglichen haben soll, wich einem von einem Kreuz gekrönten Kanzelaltar. In den Predellen beiderseits der Kanzelstütze ursprünglich angebrachte Bibelsprüche wurden später übermalt.

Die deutsche Kirche erhielt in dieser Zeit eine neogotische Ausmalung, wobei die ursprüngliche prächtige spätbarocke Farbgebung verschwand. Zum Ende des 19. Jahrhunderts, um 1890, wurde die westliche Vorhalle der deutschen Kirche umgebaut. Bei Beibehaltung der Dachkonstruktion wurde das ursprüngliche Fachwerk gegen einen Backsteinbau im neogotischen Stil ausgetauscht. 1899 wurde in dieses Kirchenschiff eine neue Orgel eingebaut. Gleichzeitig entstanden neue Fenster. Die westliche Empore wurde 1935 bauchig vorgezogen.

Niedergang der wendischen Kirche Im Jahr 1910 wurden die beiden kirchlichen Gemeinden zu einer Parochie vereinigt. Die deutschen Behörden strebten zur damaligen Zeit an, die sorbische Kultur und Sprache zugunsten des Deutschen zurückzudrängen. Mit der Einstellung des wendischen Schulunterrichts Anfang des 20. Jahrhunderts verlor die wendische Sprache stark an Bedeutung und Rückhalt. Die Zahl der Besucher des wendischen Gottesdienstes ging stark zurück, der letzte fand im Jahr 1932 statt. Es wird spekuliert, dass möglicherweise in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den ab 1933 herrschenden Nationalsozialisten dann keine wendischen Gottesdienste mehr angeboten wurden.Faltblatt der Stadt Vetschau 2006, Seite 3, 2. Absatz. mini|hochkant|Kirchturm Bereits im Ersten Weltkrieg musste eine der drei historischen Bronzeglocken als Metallspende des deutschen Volkes abgeliefert werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde auch eine weitere auf den Hamburger Glockenfriedhof gebracht. Nach dem Ende des Krieges identifizierten Angestellte diese beiden Glocken und sie konnten nach Vetschau zurückgeführt werden.

Bis 1977 waren beide Kirchenschiffe noch als Raum für regelmäßige Gottesdienste im Gebrauch. Die wendische Kirche hieß nun Landkirche, die deutsche Stadtkirche. Ab 1977 diente die wendische Kirche nur noch als Lagerraum. So wurden Teile der Dorfkirche von Pritzen eingelagert, die einem Braunkohletagebau weichen musste.

Im Jahr 1999 wurde in der Gießerei Lauchhammer zu den (wieder) vorhandenen drei Bronzeglocken eine neue wendische Traditionsglocke gegossen. Diese Glocke trägt eine wendische (niedersorbische) Inschrift mit einem alttestamentarischen Bibelvers: „Swěty, swěty, swěty jo ten kněz Cebaot“ (dt.: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr <oder Gott> Zebaoth“).Alfred Roggan: Die große den Wenden, die kleine den Deutschen… Drei Niederlausitzer Städte und ihre evangelischen Doppelkirchen. Veröffentlicht über den Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V., S. 24.Kommentar: Die auf der Glocke verwendete Schriftart wurde historisch exakt dem Wendischen Neuen Testament von Johann Gottlieb Fabricius (Jan Bogumił Fabricius) entlehnt, das im Jahr 1709 in Kahren gedruckt wurde.

Außenarchitektur Kirchturm Der Westturm der deutschen Kirche steht an der nordwestlichen Ecke des Kirchenkomplexes. Der Unterbau besteht aus Feldsteinen, der Turmoberteil ist Fachwerk. Darin befindet sich außer der Glockenstube auch eine Turmuhr mit Zifferblättern nach allen vier Seiten. Den Turmabschluss bildet eine Welsche Haube mit Laterne und Spitze. Der Turm ist mit Kupferblech eingedeckt.

Am Kirchturm erinnert eine Tafel an den niedersorbischen Dichter Johannes Bock, der 1569 in Vetschau geboren wurde.

In der Glockenstube hängen drei läutbare Kirchenglocken in einem hölzernen Glockenstuhl, der noch aus dem Jahr 1709 stammt. Der Turm selbst gehört historisch-architektonisch direkt zum Baukörper der wendischen Kirche, dient aber beiden integrierten Kirchengemeinden. Bei Führungen des Fördervereins und Gemeindeaktivitäten (z. B. für die lokale Christenlehre) wird der Glockenstuhl samt Anschauungsmaterialien regelmäßig für Besucher geöffnet.Mitteilungsblatt der Stadt Vetschau/Spreewald (Ausgaben September 2022 / September 2023): Offizielle Dokumentation der Denkmaltage und Kirchenführungen durch den Gemeindevertreter Hartmut Bott, welche den historischen Glockenstuhl und das dreistimmige Geläut baulich und pädagogisch beschreiben.

Kirchenhauptbau Die äußere Hauptachse beider Kirchengebäude ist zwischen 22 und 25 m lang, die Breiten liegen bei 12 bis 13 Meter.Bauaußenmaße grob mit dem Tool von Google Earth abgemessen. Das Kirchenschiff der deutschen Kirche bildet den nördlichen Teil des Komplexes; es ist mit einem ziegelgedeckten Walmdach abgeschlossen. Das Kirchenschiff der wendischen Kirche verfügt über ein ziegelgedecktes Pultdach. Die drei Altarfenster der wendischen Kirche sind als Rundbogenfenster ausgeführt. Dieser Teil des Komplexes ist nach der Sanierung nun mit weißem Putz verkleidet, die deutsche Kirche behielt ihre Backsteinsicht.

Innenarchitektur