Die Gemeine Becherjungfer (Enallagma cyathigerum) ist eine Kleinlibellenart aus der Familie der Schlanklibellen (Coenagrionidae). Sie ist in der Wahl des Lebensraums relativ anspruchslos und besiedelt eine Vielzahl verschiedener Gewässertypen – langsam fließende Bäche, Weiher und Tümpel mit offener Wasserfläche sowie Moorseen – und ist daher eine der am weitesten verbreiteten und auch häufigsten Libellen Europas. Von der IUCN wird sie als ungefährdet eingestuft. Das große Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Europa und weite Teile Asiens, wo es zur Ausformung von Populationen mit leicht unterschiedlichen Merkmalen kommt – sehr dunkel gefärbte Männchen mit ausgeweiteter schwarzer Zeichnung. Die Gemeine Becherjungfer ähnelt verschiedenen Arten der Azurjungfern (Coenagrion) und wird deshalb in älterer Literatur auch Becher-Azurjungfer genannt.

Die Männchen der typischen, mittelgroßen Schlanklibelle haben eine hellblaue Grundfarbe mit schwarz abgesetzter Zeichnung, die Weibchen treten in blauer oder bräunlich grüner Farbvariante auf. Die Imagines sind zu einem temperaturabhängigen physiologischen Farbwechsel befähigt, bei dem die Körperfarbe bräunlich verdunkelt wird. Die Gemeine Becherjungfer lebt wie alle Libellenarten sowohl als Larve wie auch als Imago räuberisch und ist für die sich aquatisch entwickelnden Larven auf Gewässer zur Eiablage angewiesen. Diese kann auch unter Wasser stattfinden.

Merkmale Merkmale der Imagines Die Gemeine Becherjungfer ist eine typische Schlanklibelle mit einer Körperlänge von 29–36 mm und einer Flügelspannweite von 40–45 mm. Die männlichen Imagines haben eine hellblaue Grundfarbe mit jeweils schwarzen Zeichnungen an den Segmentenden des Hinterleibs (Abdomen). Mittig auf der Oberseite des Vorderkörpers (Thorax) befindet sich ein breiterer schwarzer Mittelstreifen, dieser wird – bei den Männchen selten, bei Weibchen häufiger – von einer feinen hellen Mediannaht geteilt, das Merkmal kann aber sehr schwach ausgebildet sein oder ganz fehlen. Der Mittelstreifen wird beidseits von den hellblauen Antehumeralstreifen flankiert, diese sind mindestens so breit wie die dann folgenden schwarzen Humeralstreifen. Auf den darunterliegenden hellblauen Thoraxseiten befinden sich zwei kürzere schwarze Striche, der obere der beiden ist dabei nur sehr rudimentär oder gar nicht ausgebildet, so dass er ohne vergrößernde Betrachtung meist nicht wahrnehmbar ist.

mini|links|Zweites Abdominalsegment mit der namensgebenden Zeichnung|alt=Detailfoto des Thorax einer männlichen Gemeinen Becherjungfer mini|Androchromes (männchenfarbiges) Weibchen – in der Vergrößerung ist der abstehende Dorn vor dem Legebohrer auf dem achten Abdominalsegment zu erkennen|alt=Foto einer weiblichen Becherjungfer, die wie ein Männchen gefärbt ist (androchrom) mini|Kältefärbung einer männlichen Imago bei ca. 5 °C|alt=vor einem durchgehend blauen Hintergrund eine grünlich braun gefärbte Kleinlibelle, nur an wenigen Stellen sind noch Reste der ursprünglich durchgehenden blauen Färbung zu erkennen Auf dem zweiten Hinterleibssegment findet sich die namensgebende Zeichnung in Form eines gestielten Bechers – manchmal wird diese Figur auch als pilzförmig beschrieben. Sie ist allerdings recht variabel und kann daher nicht allein zur Bestimmung herangezogen werden. Die Zeichnung der Hinterleibssegmente drei bis fünf ist ähnlich, aber ausgedehnter und reicht an den Segmentseiten herunter. Auf dem sechsten und siebten Segment nimmt die Zeichnung dann fast die ganze Fläche ein. Die achten und neunten Hinterleibssegmente der männlichen Imagines sind wieder ganz blau und bilden damit ein auffallendes „Schlusslicht“.

Die Weibchen sind kräftiger gebaut; die schwarze, jeweils zu den vorderen Segmentstößen lanzettartig zugespitzte Zeichnung ist ausgedehnter als bei den Männchen. Vor dem Legebohrer, auf dem achten Hinterleibssegment, befindet sich ein abstehender Dorn. Wie in der Unterfamilie der Ischnurinae nicht ungewöhnlich, treten die Weibchen in verschiedenen Farbvarianten auf. Es gibt androchrome, wie die Männchen gefärbte Weibchen, und grünliche oder hell bräunlich-graue Formen. Von letzteren ist noch nicht geklärt, ob es sich eventuell um die Jugendform der grünen Morphe handelt. Die Häufigkeitsverteilung der verschiedenen Farbmorphen variiert regional stark.

Kurz nach der Umwandlung zur Imago sind die Libellen noch ohne Zeichnung – diese entwickelt sich erst innerhalb der nächsten Stunden. Auch die typische Blaufärbung wird erst während der Ausreifung in den folgenden Tagen gebildet. Diese Färbung ist nicht an Pigmente gebunden, sondern wird durch die Lichtbrechung an einer Suspension mikroskopischer Partikel (Tyndall-Effekt) vor einer schwarzen Pigmentschicht innerhalb der Epidermiszellen gebildet und von außen durch die durchsichtige Kutikula wahrgenommen. Dadurch ist Enallagma cyathigerum zu einem physiologischen Farbwechsel befähigt, bei dem durch Pigmentwanderung in den Epidermiszellen die Körperfarbe bräunlich verdunkelt werden kann. Da dieser Effekt nur bei tiefen Außentemperaturen auftritt, dient er wahrscheinlich dem schnelleren Aufwärmen durch die höhere Absorption der Sonnenstrahlung in der dunklen Farbphase.

Ähnliche Arten mini|Thoraxseite eines Männchens mini|Grünfarbige Morphe eines Weibchens; man beachte auch die typische, „torpedoförmige“ Zeichnung auf der Oberseite des Abdomens Die Gemeine Becherjungfer ähnelt verschiedenen Arten der Azurjungfern (Coenagrion) und wird deshalb in vielen älteren Bestimmungsbüchern auch Becher-Azurjungfer genannt. Sie gehört jedoch zur Gattung der Becherjungfern (Enallagma), so dass heute meist der die Gattung korrekt bezeichnende Name „Gemeine Becherjungfer“ verwendet wird. Gerade die Weibchen beider Gattungen können durch ihre sehr ähnlichen Zeichnungen leicht verwechselt werden. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal ist, neben dem abstehenden Dorn vor dem Legebohrer, die Zeichnung der Thoraxseiten. Bei Männchen wie Weibchen von Enallagma cyathigerum ist diese Fläche bis auf einen kleinen schmalen Strich zeichnungslos, bei den Azurjungfern und auch bei der ebenfalls ähnlichen Pokaljungfer (Erythromma lindenii) sind hier immer zwei deutlich ausgeprägte Striche zu erkennen. Braune Weibchen können an die Weibchen der Winterlibellen (Sympecma) erinnern.

Merkmale der Larven Die Länge der Larven beträgt 14–18 mm, die der Kiemenblättchen zusätzlich noch einmal 6–7 mm. Die Farbgebung des gesamten Körpers ist sehr variabel und reicht von grün bis dunkelbraun, wobei Exemplare aus Heidemooren eine besonders dunkle Färbung aufweisen können. Die Antennen des Kopfes gliedern sich in sechs, gelegentlich auch sieben, Segmente. Die Femora sind kurz vor dem Gelenk zur Tibia einmal gebändert, die Tibiae selbst sind nicht gezeichnet. Am Körperende befinden sich die hinten zugespitzten und im Vergleich zu Larven anderer Arten großen und, besonders an der Basis, breiten Kiemenblätter. Diese können mit bis zu drei dunkel abgesetzten Querbinden in der distalen Hälfte der Kiemenblättchen gezeichnet sein. Diese Zeichnung ist jedoch hochgradig variabel, die Binden variieren in der Intensität zwischen den Individuen und können auch ganz fehlen. Auf dem ersten bis hin zu zwei Dritteln der Gesamtlänge werden die abgeflachten Kiemenblättchen an den Kanten von kleinen Borsten gesäumt. Bei manchen ähnlichen Arten markiert eine Kerbe den Übergang zum nicht gesäumten Bereich; diese fehlt bei E. cyathigerum. Die Kiemenblättchen können, auffällig gewedelt, als Drohgebärde gegen Artgenossen eingesetzt werden. Normalerweise sind die sehr aktiven Larven untereinander aber friedlich. Erbeutet werden in der Hauptsache Wasserfloh- und Zuckmückenlarven, die Überwinterung erfolgt im vorletzten oder einem der davor liegenden Larvenstadien. Die Larven der Gemeinen Becherjungfer ähneln den Larven anderer Kleinlibellen, sind jedoch deutlich transparenter. Sicheres Bestimmungsmerkmal ist eine kleine Nebenborste an der Basis der letzten Fangborste der Fangmaske. Die Kiemenblättchen sind deutlich weniger spitz als die der Pechlibellen und dem Hinterkopf fehlt jegliche Fleckenzeichnung, wie sie für die Larven von Hufeisen- und Fledermaus-Azurjungfer typisch ist.

Verbreitung und Lebensraum Verbreitung mini|Verbreitung der Gemeinen Becherjungfer Das paläarktische Verbreitungsgebiet von Enallagma cyathigerum reicht vom Hohen Atlas bis Kamtschatka und nördlich über die Tundrazone und den Polarkreis bis zum Eismeer. Erst in jüngerer Zeit wurde erkannt, dass die bisher ebenfalls zu E. cyathigerum gestellte nordamerikanische Population als eigene Art zu betrachten ist; sie wird seither als Enallagma annexum geführt. Auch wenn die Gemeine Becherjungfer damit ihren zirkumpolaren Status verloren hat, ist sie eine der am weitesten verbreiteten Libellenarten. In Mitteleuropa ist die Art meist häufig, im Mittelmeerraum jedoch auf Berglagen beschränkt.

Geographische Variation Vor allem im Norden und Osten des Verbreitungsgebiets treten sehr dunkel gefärbte Männchen auf, die nicht in allen Merkmalen denen der mitteleuropäischen Populationen entsprechen. Bei ihnen ist die Zeichnung des Abdomens deutlich ausgedehnter, die lateral länglich ausgezogenen Streifen erinnern an die Sibirische Azurjungfer (Coenagrion hylas), die Antehumeralstreifen sind verengt oder sogar durchbrochen. Auf den, bei den mitteleuropäischen Vertretern, zeichnungslosen Thoraxseiten können sich zusätzliche dunkle Striche befinden. Die nördlichen und südlichen Populationen in Sibirien sind zwar deutlich unterscheidbar, die Merkmale variieren aber entlang einer Kline von Norden nach Süden und tauchen in den gemäßigten Zonen Russlands so vermischt auf, dass eine Unterscheidung schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist.

Diese morphologische Variabilität führte zu einer Reihe von fehlerhaften Artbeschreibungen. Auch wird der Status einiger Taxa als eigenständige Art oder Unterart der Gemeinen Becherjungfer – insbesondere bei Enallagma deserti und Enallagma risi – in der Literatur unterschiedlich betrachtet.

Eine Studie aus dem Jahr 2004, bei der Merkmale von mehr als 1.500 sibirischen Enallagma-Exemplaren untersucht wurden, kommt zum Schluss, dass Enallagma deserti, E. risi, E. strouhali und E. nigrolineata als Synonyme der polymorphen Gemeinen Becherjungfer zu betrachten sind. Nach dieser Studie wird in Sibirien einzig E. c. risi als Unterart anerkannt. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2002, die sechs Populationen des Enallagma cyathigerum-Komplexes aus Nordafrika, Europa, West- und Zentralasien anhand von DNA-Analyse und elektronenmikroskopischer Untersuchung der männlichen Hinterleibsanhänge untersuchte, kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Taxa E. c. deserti und E. c. risi als Unterarten zur Gemeinen Becherjungfer zu stellen sind, wenn auch die Männchen anhand der Form der oberen Hinterleibsanhänge eindeutig zu unterscheiden sind. Darüber hinaus hybridisiert die Nominatform mit E. c. deserti, wie auch mit E. c. risi. Daraus wird geschlossen, dass sie erst seit kurzer Zeit divergieren.

Andere Quellen sprechen Enallagma risi und Enallagma deserti aufgrund der deutlichen morphologischen Unterschiede Artstatus zu; so zeigt eine weitere Untersuchung aus Sibirien im Jahr 2010, dass E. cyathigerum und E. deserti gemeinsam in der untersuchten Gegend in der Ebene des Vasyugan vorkommen, jedoch nicht die gleichen Habitate besiedeln, woraus zusätzlich zu den morphologischen und jüngst untersuchten molekularen Unterschieden ein Artstatus für beide Taxa ableitet wird. Auch in einer Studie, die für die Enallagma-Arten der gesamten Holarktis anhand der mitochondrialen DNA reifer männlicher Imagines ein Kladogramm erstellte, wird den nebeneinander gestellten Taxa Enallagma cyathigerum, E. deserti und E. risi Artrang zugesprochen und sie werden mit der japanischen Art Enallagma circatum zu einer paläarktischen Klade zusammengefasst.