mini|Die Große Moschee in Paris Der Islam in Frankreich lässt sich nur vage in Zahlen erfassen, da nach französischen Staatsbürgerschafts- und Antidiskriminierungsgesetzen offizielle Befragungen zur ethnischen und religiösen Zugehörigkeit unzulässig sind.
Muslime in Frankreich Geschätzte Anzahl Die Schätzungen zur Zahl der Muslime in Frankreich schwanken zwischen dreieinhalb und neun Millionen, wobei die meisten Einwanderer aus den Staaten des Maghreb (Algerien, Marokko, Tunesien und Mauretanien) oder aus Subsahara-Afrika (vor allem aus Mali, dem Senegal, dem Tschad, Guinea und den Komoren) sowie aus der Türkei sind, dazu kommen einige Zehntausend französische Konvertiten. Die Einwohner des französischen Überseedépartements Mayotte sind zu 95 % Muslime, auf Réunion lebt eine kleine alteingesessene muslimische Minderheit. Die überwiegende Mehrheit der französischen Muslime sind Sunniten, eine kleine Minderheit Schiiten.
Eine Studie von Alain Boyer vom französischen Innenministerium schätzte im Jahr 2000 anhand der Einwanderungsdaten eine Zahl von 4.155.000 MuslimenAlain Boyer in: Haut Conseil à l'Intégration „L’islam dans la république“ (PDF; 438 kB), 2000, S. 26., davon 1,55 Millionen algerischer, 1 Million marokkanischer, 350.000 tunesischer und 315.000 türkischer Abstammung, aber nur 250.000 Muslime aus dem Afrika südlich der Sahara. Hinzu kamen geschätzte 40.000 französische Konvertiten.
Die Demografin Michèle Tribalat des Institut national d’études démographiques (INED) errechnete 2003 eine Zahl von 3,7 Millionen „möglichen“ Muslimen in Frankreich, In: L’Express, 4. Dezember 2003. ausgehend von Einwandererzahlen aus islamischen Ländern und deren Nachkommen – bezogen allerdings nur auf afrikanischen Einwandererfamilien.
Schätzungen islamischer Organisationen geben die Zahl der Konvertiten, zu denen auch der Fußballprofi Franck Ribéry gehört, mit 70.000 an und die Gesamtzahl der Muslime in Frankreich meist mit 6 Millionen (nach Maximalschätzungen 8 Millionen) an.
Der deutsche „Taschenatlas Europäische Union“ gibt den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung Frankreichs mit 8,2 % an, bei etwa 60,5 Millionen Einwohnern wären das etwa 4,96 Millionen Muslime.Taschenatlas Europäische Union, Klett-Perthes Verlag, Gotha und Stuttgart 2007, S. 81. Inzwischen scheint die Schätzung von ungefähr 5 Millionen Muslimen auch in Frankreich Konsens zu sein.Jonathan Laurence et Justin Vaïsse: Intégrer l'Islam. Éditions Odile Jacob, Paris 2007, ISBN 978-2-7381-1900-1, S. 36 ff.
Viele Autoren weisen außerdem darauf hin, dass der Begriff „Muslime“ (musulmans) unterschiedlich ausgelegt werden könne und unterscheiden zwischen der Zahl der Personen de culture musulmane, die einem muslimischen Herkunftsmilieu entstammen und denjenigen Muslimen, die tatsächlich ihre Religion praktizieren. Die erste Gruppe schätzt etwa der Demograph Jean-Paul Gourévitch auf sechs bis neun Millionen – der Soziologe und ehemalige Minister Azouz Begag gar auf „beinahe 15 Millionen“http://tempsreel.nouvelobs.com/societe/20151022.OBS8134/azouz-begag-ex-ministre-il-fallait-refuser-la-semantique-guerriere-de-sarkozy.html –, die zweite auf 2,5 bis 4 Millionen.http://www.planet.fr/societe-la-verite-sur-le-nombre-de-musulmans-en-france.786839.29336.html
In der Wahrnehmung vieler nichtmuslimischer Franzosen werden jedoch Zuordnungen wie „Algerier“ (Algériens), „Maghrebiner“ (Maghrébins), „Nordafrikaner“ (Nord-africains), „Araber“ (Arabes) und „Muslime“ (Musulmans) oft immer noch synonym verwendet, obwohl z. B. libanesische, syrische und ägyptische Araber z. T. Christen sind oder 1,5 bis 2 Millionen Maghrebiner eher Berber als Araber sind. Daher entsteht gelegentlich der falsche Eindruck, dass die Mehrheit der muslimischen Einwanderer Algerier seien.
Die muslimische Bevölkerungsgruppe in Frankreich verteilt sich sehr ungleich über das Staatsgebiet: Zentren des Islam in Frankreich sind die Region Île-de-France um Paris (v. a. die Départements Seine-Saint-Denis und Val-de-Marne) und das Département Bouches-du-Rhône mit Marseille. Außerdem leben in den Großstädten Lyon, Toulouse, Straßburg (samt den jeweiligen Vororten), Besançon und Nizza sowie im Großraum Lille zahlreiche Muslime. Im Zentrum und dem Westen des Landes und in den meisten ländlichen Regionen leben hingegen kaum Muslime.
Integration und soziale Situation mini|Einwanderer aus 41 Nationen leben im Pariser Arbeitervorort Aubervilliers.
Die soziale Situation der Muslime in Frankreich ist von Problemen geprägt: Ghettoisierung (in Frankreich die Vorstädte), hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit und eine höhere Kriminalitätsbelastung, schlechte bzw. mangelhafte Integration. Diese explosive Situation entlud sich seit 1979 immer wieder und fand ihren vorläufigen Höhepunkt im November 2005 in den Pariser Vorstadtunruhen. Aufgrund dieser Perspektivlosigkeit ist seit Anfang der 1990er Jahre – parallel zur Entwicklung in anderen europäischen Ländern mit großer muslimischer Diaspora, etwa Großbritannien – eine Re-Islamisierung vieler verwestlichter Einwandererkinder und ein zunehmender Einfluss eines militanten islamischen Extremismus festzustellen, der vor allem Jugendliche aus sozialen Brennpunkten anzieht, die geringe Zukunftsperspektiven und oft bereits Erfahrungen mit Kleinkriminalität gemacht haben.
Der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy verschärfte die Situation noch, in dem er die revoltierenden Jugendlichen als „racaille“ („Abschaum“, „Gesindel“) bezeichnete. In die Proteste mischte sich daraufhin auch Antisemitismus, muslimische Nordafrikaner bezeichneten Sarkozy, dessen Mutter u. a. jüdische Wurzeln hat, als „sale juif“ („schmutzigen Juden“). Als Präsident bemühte sich Sarkozy, den ihm anhaftenden Ruf der Fremdenfeindlichkeit zu beseitigen und die Bemühungen zur Integration von Zuwanderern und zur Verbesserung der Lebensverhältnisse in den banlieues zu verstärken, indem er drei muslimische Frauen in sein Kabinett berief: Rachida Dati, Rama Yade und Fadela Amara. Auch im Kabinett Valls II waren mit Najat Vallaud-Belkacem und Myriam El Khomri zwei Frauen mit muslimischem Hintergrund vertreten.
Verschiedene islamische Strömungen Ideologisch konkurrieren ein zunehmend republikanisch-laizistisches Alltagsleben vor allem der Einwanderer-Kinder und -Enkel und islamistische Strömungen miteinander. Während vor allem die älteren muslimischen Einwanderer eher der Kultur ihrer Herkunftsländer verhaftet sind und auch die meisten Imame von dort kommen, gelten große Teile ihrer Nachkommen, für welche sich die umgangssprachliche Bezeichnung Beurs eingebürgert hat, als verstädtert, europäisiert bzw. französisiert und favorisieren einen liberalen Islam sowie eine von westlichen Einflüssen geprägte Mischkultur (z. B. Raï-Musik oder Französischer Hip-Hop). Der liberale Islam wird vor allem von Persönlichkeiten wie Dalil Boubakeur, récteur der Grande Mosquée de Paris und Hassen Chalghoumi, Leiter der Moschee von Drancy, geprägt.
Der Soziologe Gilles Kepel beschreibt anhand der Entwicklung des Départements Seine-Saint-Denis drei Phasen des Islam in Frankreich: 1) den „Islam der Väter“, der auf traditionelle Glaubensformen des ländlichen Bevölkerung Nordafrikas ausgerichtet war und noch keinerlei gesellschaftlichen Einfluss in Frankreich ausüben konnte. 2) den „Islam der Brüder“, ein politischer Islam mit einem zunehmenden Einfluss muslimischer Akademiker aus Nordafrika, der sich etwa in der Gründung muslimischer Organisationen wie der Union des organisations islamiques de France, inspiriert von der Ideologie der Muslimbrüder, zeigte und der sich an politischen Konflikten wie dem Kopftuchstreit in Frankreich ausrichtete. 3) den „Islam der Jungen“, in dem junge, in Frankreich aufgewachsene Muslime selbstbewusst Forderungen vertreten, wie es sich etwa in der Debatte um Halal-Nahrungsmittel zeigt. Parallel mit dem Übergang von der zweiten zur dritten Phase hätten sich auch verschiedene Formen des Salafismus ausgebreitet.
Schon 1987 entlud sich der militante Islamismus an der französischen Politik gegenüber dem schiitischen Iran (Frankreich unterstützte im irakisch-iranischen Krieg massiv den Irak) und dem Libanon, Paris wurde Ziel zahlreicher blutiger Terroranschläge. In den Jahren 1994/95 trugen die algerischen Extremistengruppen GIA und MIA erneut den Terrorismus nach Paris und Marseille, u. a. gegen die Pariser Metro, während Frankreich die Anti-Terror-Einheiten im algerischen Bürgerkrieg unterstützte.
Seither ist die Angst vor dem intégrisme, dem islamischen Fundamentalismus, in der öffentlichen Diskussion über den Islam in Frankreich dominierend. In den letzten Jahren zeigte sich die Radikalisierung einiger junger Muslime unter anderem beim Terrorangriff gegen die Satirezeitung „Charlie Hebdo“, den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris, mehreren Anschlägen auf jüdische Einrichtungen und an den jungen französischen Dschihadisten, die sich in Syrien der Terrormiliz Islamischer Staat anschlossen.
Parteien wie der Front national sprechen angesichts der zunehmenden „Sichtbarkeit“ des Islam (Kopftücher, Minarette, Halal-Produkte) von einer „Islamisierung des öffentlichen Lebens“. Ebenso warnen zahlreiche konservative Politiker und Intellektuelle wie auch laizistische Linke vor dem zunehmenden communautarisme der französischen Muslime, die sich zugunsten ihrer ethnischen und religiösen Sonderinteressen aus dem öffentlichen Leben der Republik ausgrenzten. Zahlreiche Muslime wiederum beklagen die zunehmende Islamfeindlichkeit der französischen Politik und sehen sich ausgegrenzt.
Geschichte Das heutige französische Staatsgebiet kam schon sehr früh mit dem Islam in Kontakt. Die arabische Eroberung Narbonnes 719 (nur acht Jahre nach dem arabischen Sieg über die spanischen Westgoten) lag noch vor Aufstieg (737, 751), Kaiserkrönungen (800, 814) und Reichsteilungen (843, 870, 880) der Karolinger, und erst mit ihrem endgültigen Sturz durch die Kapetinger begann 987 die Geschichte des heutigen Frankreich.
Mauren und Sarazenen mini|Karl Martell 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers, historisierende Darstellung um 1835 Von Narbonne aus eroberten die Muslime im 8. Jahrhundert über Arles, Nîmes und Avignon die Provence im Osten, Bordeaux und Toulouse im Westen, im Norden stießen sie vom Rhonetal und entlang der Saône über Lyon zur Frankenhauptstadt Autun vor, die sie 725/26 und 731 plünderten, sowie über Dijon bis Sens nahe der Loire, Langres und Luxeuil. Faktisch ganz Frankreich bzw. das Frankenreich südlich der Loire (von den Arabern Firandja genannt) fiel vorübergehend in ihre Hand, der Herzog von Aquitanien verbündete und verschwägerte sich mit ihnen gegen den fränkischen König. Kurz darauf wechselte er wieder die Seiten, doch die Aquitanier wurden bei Toulouse von den Arabern besiegt. Die Plünderung des reichen Klosters von Tours aber scheiterte 732 durch die Niederlage in der Schlacht von Tours und Poitiers, die in der christlichen Geschichtsschreibung allerdings fälschlich als Rettung des Abendlandes vor islamischer Herrschaft überhöht wird, denn 735 griffen die Araber erneut an. Im Gegenstoß eroberten die Franken 739/751 Septimanien und 759 auch Narbonne. Aquitanische Aufstände parallel zu arabischen Einfällen in die Gascogne und die Provence hielten aber bis 765 an, ein Gegenstoß Karls des Großen scheiterte 778 vor Saragossa.
Zum Schutz vor den Muslimen errichtete Karl als Pufferzone 781 das Teilkönigreich Aquitanien unter seinem Sohn Ludwig dem Frommen, doch Narbonne und Carcassonne wurden von ihnen 793 nochmals kurz zurückerobert. Daraufhin schuf Karl 795 die vorgeschobene Spanische Mark (812 bis zum Ebro erweitert) unter den Markgrafen von Barcelona, die Geburtsstunde Kataloniens (Barcelona 801, 827 und 852, letztmals 985 von Mauren erobert und letztmals 1115 belagert, bis 1137 französisch).
mini|hochkant|Kalif Harun schenkte Kaiser Karl 801 einen weißen Elefanten namens Abul Abbas