Beim sogenannten Gehirntraining handelt es sich um ein Training der geistigen Leistungsfähigkeit mit dem Ziel, diese zu erhalten oder zu steigern. Gehirntraining ist als Methode altersunabhängig.

Gehirnjogging / Mentales Aktivierungstraining Gehirnjogging ist eine Bezeichnung für spezielle geistige Übungen. Der Begriff wurde im Wesentlichen durch Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen geprägt,Siegfried Lehrl, Bernd Fischer, Wolfgang Eissenhauer, Horst Abraham: Gehirn-Jogging. In: Fortschritte der Medizin. 101 (1983) S. 1217–1218, 1259.Siegfried Lehrl, Bernd Fischer: Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit im Alter. In: Nervenheilkunde. 5 (1986) S. 173–181. der dieses Training 1992 unter dem Ausdruck „Mentales Aktivierungstraining“ (= MAT) präzisierte. Später wurden zur Unterstützung der mentalen Fördermaßnahmen „gehirngerechte“ körperliche Maßnahmen aus den Gebieten der Ernährung, Bewegung, des Schlafs und der Sinnesanregungen hinzugenommen und dieses Konzept, das geistige und körperliche Maßnahmen kombiniert, seit 2013 als „Brain-Tuning“ bezeichnet.Siegfried Lehrl, Peter Sturm: Brain-Tuning: schneller – schlauer – konzentrierter. Weil dein Gehirn mehr kann. BusinessVillage, Göttingen 2013 Als „gehirngerecht“ gelten die somatischen Maßnahmen, deren förderlicher Einfluss auf die geistige Leistungsfähigkeit wissenschaftlich belegt ist. Die geistigen Übungen und körperlichen Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, den „Arbeitsspeicher“ bzw. seine beiden Komponenten, die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit (IVG) und Merkspanne, auf ein „optimales“ „Aktivationsniveau“ zu bringen. Die Voraussetzung für den Effekt ist, dass sich die Übenden zu Beginn noch nicht in einem optimalen Aktivationszustand befinden.

Unter den mentalen Maßnahmen zur Förderung des Arbeitsspeichers kommt dem MAT der Zweck des mentalen Warming-up zu, das bei schläfrigen Personen etwa vier und bei entspannt wachen Personen ungefähr zwei Minuten dauert. Die anderen beiden Maßnahmen, die ebenfalls zum Arbeitsspeichertraining gehören, sind: im oberen Grenzbereich des geistigen Leistungsvermögens mental aktiv sein und zur Entspannung den Arbeitsspeicher wieder herunterfahren (Cooling-down).

Bekannt wurde der Ausdruck „Gehirnjogging“ vor allem durch Frank Berchem, der mehrere Bücher über das „Gehirnjogging“ verfasste. Auch ein Konsolenspiel namens Dr. Kawashimas Gehirnjogging ist auf dem Markt.

Das Gehirnjogging bzw. die Weiterentwicklungen, das mentale Aktivierungstraining und Brain-Tuning zu fördern, ist ein wichtiges Anliegen der Gesellschaft für Gehirntraining e. V.

Studien zur Wirksamkeit Die Wirkungen wurden durch kontrollierte Studien über den Arbeitsspeicher sowie seine beiden Komponenten belegt. In Bezug auf letztere ergaben sich beispielsweise bei 411 „gesunden“ Personen zwischen 28 und 86 Jahren, die an acht Sitzungen im Abstand von einer Woche teilnahmen, gleiche prozentuale Zuwächse für die IVG und Merkspanne. Die Leistungszunahmen in beiden Variablen waren je hoch signifikant, während Kontrollpersonen keine Verbesserungen hatten.Dennis John, Siegfried Lehrl, Annette Scheder: Rundum fit – auch im Kopf. Prüfung eines Fitness-Programms. In: Geistig fit. 25 (3), 2015, S. 3–5. Als erwünschte begleitende Wirkungen erhöhten sich bei den Trainierten übrigens auch die Lebensfreude, das Selbstvertrauen, die Interessiertheit an den Geschehnissen in der Welt und die Kommunikationsfähigkeit.

Viele weitere Studien begnügten sich ebenfalls nicht nur mit der Wirkungsprüfung der trainierten Leistungsgrößen. Sie untersuchten jeweils zusätzlich, ob sich ein Transfer ergab, z. B. auf die Resultate in psychometrischen Tests, die ganz andere Leistungen abverlangten, oder sie erfasste Persönlichkeitseigenschaften und aktuelle Personenzustände. Es interessierte auch, ob das Training das Alltagsleben beeinflusst.

In einigen der Studien wurden der Arbeitsspeicher bzw. seine beiden Komponenten trainiert. Die wahrscheinlich älteste dieser Studien an Personen, die nicht neuropsychiatrisch auffällig waren, war 1986 veröffentlicht worden. Sie belegte, dass 50- bis 70-Jährige durch tägliche Gehirnjogging-Übungen während zwei Wochen, ihr Niveau an fluider Intelligenz (gemessen mit dem Raven-Test SPM) um 13 bis 15 IQ-Punkte steigerten und dabei außerdem ihre Kommunikationsfähigkeit erhöhten. Demgegenüber ergaben sich bei einer Kontrollgruppe im gleichen Zeitraum keine Veränderungen.Wolfgang Weidenhammer, Heinz Glowacki, Elmar Gräßel: Wie führt man zerebrales Training in der Praxis durch und was hat sich bewährt? In: Pregeriatrics-Geriatrics-Rehabilitation 2 (1986) S. 66–76. Auch im Persönlichkeitstest EPI nach Eysenck zeigten sich Veränderungen: die Probanden erwiesen sich am Trainingsende als psychisch stabiler.

Auch Oswald u. a. fanden bei ihren Trainings, die u. a. Übungen für die IVG und Merkspanne enthielten, Transfers auf die fluide Intelligenz, gemessen mit dem Zahlen-Verbindungs-Test.Wolf Dieter Oswald, Roland Rupprecht, Thomas Gunzelmann: Effekte eines einjährigen Gedächtnis-, Kompetenz- und psychomotorischen Trainings auf Leistungsfähigkeit im höheren Lebensalter. In: A. Kruse (Hrsg.) Psychosoziale Gerontologie - Intervention. (Band 2, S. 94–107). Hogrefe, Göttingen 1998. Mit ähnlichen Übungen wurden Transfers auf Aufmerksamkeitsleistungen, Wortfindungsgeschwindigkeit und Mathematikleistungen festgestellt.Michael Scanlon, Kunal Sarkar, David Drescher: Improvement of Visual Attention and Working Memory through a Web-based Cognitive Training Programm. A Lumos Labs White Paper. 2007.

Die angeführten Studien sind nicht in dem Überblick von Michelle E. Kelly u. a. über 31 Untersuchungen angeführt, die Übungen der IVG und Merkspanne umfassten und den Trainingserfolg maßen.Michelle E. Kelly, David Loughrey, Brian A. Lawlor, Ian H. Robertson, Cathal Walsh, Sabina Brennan (2014) The impact of cognitive training and mental stimulation on cognitive and everyday functioning of healthy older adults: a systematic review and meta-analysis. In: Ageing Res Rev 15:28-43. Die Autoren fanden neben den Effekten in den trainierten Variablen ebenfalls Transfers auf andere mentale Größen sowie auf Alltagsfunktionen. Auch zeigte sich, dass die Verbesserungen noch Wochen und Monate nach dem Trainingsende nachweisbar waren (Nachhaltigkeit).

Die folgenden Studien enthielten Trainings entweder der IVG oder Merkspanne, nicht beider zusammen. Das Training der IVG überträgt sich förderlich und nachhaltig auf die Geschwindigkeit und Komplexität der Informationsverarbeitung im Alltag.Sherry L. Willis, Sharon L. Tennstedt, Michael Marsiske et al.: Long-Term Effects of Cognitive Training on Everyday Functional Outcomes in Older Adults. In: Journal of the American Medical Association 296(23) 2006 S. 2805–2814. Nach einigen kurzen Trainingsauffrischungen konnten sogar noch zehn Jahre nach dem ersten Training Wirkungen einschließlich Transfereffekten im Alltag festgestellt werden. Unter anderem folgten dem IVG-Training ein erhöhtes Gesundheitsempfinden und verringerte Gesundheitskosten.George W. Rebok, Karlene Ball, Lin T. Guey et al.; ACTIVE Study Group (2014) Ten-year effects of the advanced cognitive training for independent and vital elderly cognitive training trial on cognition and everyday functioning in older adults. In: J Am Geriatr Soc. 62(1), S. 16–24.Fredric D. Wolinsky, Henry Mahncke, Mark W. Vander Weg et al. (2010) Speed of processing training protects self-rated health in older adults: enduring effects observed in the multi-site ACTIVE randomized controlled trial. In: International Psychogeriatrics. 22: S. 470–478. In anderen Studien trug das IVG-Training zu einer höheren Fahrtüchtigkeit älterer Autofahrer bei und zur Verringerung von Unfällen. Allgemein förderten IVG-Trainings die Fahrtüchtigkeit.Daniel L. Roenker, Gayla M. Cissell, Karlene K. Ball et al. (2003) Speed-of-processing and driving simulator training result in improved driving performance. In: Human Factors. 45(2), S. 218–233.

Takeuchi et al. wiesen nach, dass Trainings der Geschwindigkeit geistiger Vorgänge auch Veränderungen im Gehirn bewirken.

Bei den angeführten Studien wurde typischerweise nicht von Transfers auf die Merkspanne berichtet wie umgekehrt ebenfalls nicht (s. u.). Dies ist dadurch erklärbar, dass sich die beiden Basisvariablen der Informationsverarbeitung sowohl nach der Konzeption nicht in der Bedeutung überschneidenHelmar Frank (1960) Über grundlegende Sätze der Informationspsychologie. In: Grundlagenstud Kybern Geisteswiss. 1: S. 25–32. als auch einander unabhängigen Netzwerken im Gehirn zuzuordnen sind.Hikaru Takeuchi, Yasuyuki Taki, Ryūta Kawashima: Effects of working memory training on cognitive functions and neural systems. Rev Neurosci 21 (6), 2010, S. 427–449.

Trainings der Merkspanne führten in Studien zu Transferwirkungen auf den Interferenztest nach Stroop,Torkel Klingberg, Elisabeth Fernell, Pernille J. Olesen et al.: Computerized Training of Working Memory in Children With ADHD – A Randomized, Controlled Trial. In: J Am Acad Child Adolsc Psychiatry. 44 (2005) S. 177–186. und den Progressive Matrizentest für fluide Intelligenz nach Raven.Susanne M. Jaeggi, Martin Buschkuehl, John Jonides, Walter J. Perrig: Improving fluid intelligence with training on working memory. In: PNAS 105(19), 2008, S. 6829–6833.M. Rosario Rueda, Mary K. Rothbart, Bruce D. McCandliss, Lisa Saccamanno, Michael I. Posner: Training, maturation and genetic influences on the development of executive attention. In: PNAS 102, 2005, S. 14931–14936.

Jaeggi et al. beanspruchte im Jahr 2008, dass ein Üben mit sog. „n-back“ Aufgaben die fluide Intelligenz, messbar mit verschiedenen Standardtests erhöhen kann. Die Methodologie dieses Papers wurde von David Moody kritisiert. Jacky Au et al. veröffentlichten 2015 eine Metaanalyse über 20 Studien. Die Autorengemeinschaft bestätigt die Ergebnisse von Jaeggi et al.J. Au, E. Sheehan, N. Tsai et al.: Improving fluid intelligence with training on working memory: a meta-analysis. In: Psychonomic Bulletin And Review. 22 (2), 2015, S. 366–377.

In einer Überblicksarbeit von Takeuchi et al. in der 18 einschlägige Studien berücksichtigt wurden, ergab sich für 16 der Untersuchungen, dass Übungen der Merkspanne auch andere Größen fördern, beispielsweise sich auf Wichtiges zu konzentrieren, komplex zu denken und kreativ zu sein. Außerdem haben die Übungen nachhaltige Wirkungen, die mehrere Monate nach einem etwa dreiwöchigen Training noch nachweisbar sind.

Bei Erwachsenen, die den „Arbeitsspeicher“ drei bis vier Wochen lang trainierten, wurde mit Hilfe Bildgebender Verfahren festgestellt, dass durch das Training das Gehirn auf neue Aufgaben schneller und umfassender reagieren konnte und dass es sich dabei umgestaltete.Pernille J. Olesen, Helena Westerberberg, Torkel Klingberg: Increased prefrontal and parietal activity after training of workings memory. In: Nature Neuroscience 14. Dez. 2003, S. 1–5. Aus neurobiochemischer Sicht ist bedeutsam, dass sich mit dem Arbeitsspeichertraining die Dichte des Botenstoffes Dopamin im Präfrontalhirn erhöht.Fiona McNab, Andrea Varrone, Lars Farde, Aurelija Jucaite, Paulina Bystritsky, Hans Forssberg, Torkel Klingberg: Changes in Cortical Dopamine D1 Receptor Binding Associated with Cognitive Training. In: Science 323(5915), 2009, S. 800–802.

Laut einem Bericht der Universität Münster ist mentale Aktivität speziell im Alter notwendig zum Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit. Dem Bericht zufolge wurde nachgewiesen, dass durch geistige Beanspruchung die typischen Eiweißablagerungen (Plaques) bei der Alzheimer-Krankheit in Zahl und Ausdehnung verringert werden. Verhaltensstudien zeigten entsprechend deutlich bessere Gedächtnisleistungen.

Zur Kritik am Gehirnjogging