mini|Farbillustration für den Buchdeckel (Walter Trier, 1932)
Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee ist ein Kinderbuch von Erich Kästner mit Illustrationen von Walter Trier. Es erschien im November 1932 bei Williams & Co. (Berlin-Grunewald).
Inhalt
mini|„Sie gucken alle drei zum Fenster hinaus.“Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 13. (Walter Trier, 1932)
Die Erzählung setzt am Donnerstag Nachmittag, dem 35. Mai, ein. Apotheker Ringelhuth darf seinen Neffen Konrad wie jeden Donnerstag nach der Schule zu sich in seine Wohnung im dritten Stock holen. Konrad hat einen Aufsatz über die Südsee auf, weil er gut rechnen könne und daher keine Fantasie habe.Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 5ff. Wenig später klingelt an der Wohnungstür Negro Kaballo, ein sprechendes schwarzes Zirkuspferd. Der Onkel befiehlt ihm hereinzukommen und Konrad füttert es mit viel Würfelzucker. Das Pferd erfährt von der Hausaufgabe und schlägt vor, rasch in die Südsee zu gehen. Es telefoniert deswegen mit dem Riesenross, das sie auffordert, im Korridor in den alten Holzschrank zu gehen.Erich Kästner greift hier ein Märchenmotiv von E.T.A. Hoffmann in Nußknacker und Mausekönig (1816) auf. Dort ist beim alten Kleiderschrank im Hausflur der Eingang ins Puppenreich. (Stefan Neuhaus, Märchen, 2. Aufl., Tübingen 2017, S. 312). Konrad klettert sofort hinein und der Onkel folgt ihm mit dem Pferd nach.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 9ff.
mini|„Hannibal und Wallenstein spielen mit Zinnsoldaten.“Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 53. (Walter Trier, 1932)
Auf dem Rücken von Negro Kaballo erreichen sie das Schlaraffenland. Konrad trifft dort auf den Präsidenten. Es ist sein Schulkamerad Seidelbast, der elf Mal sitzengeblieben ist und nach der dritten Klasse die Schule verlassen hat. Seidelbast hat eine Liegewiese eingerichtet, auf der Wünsche Wirklichkeit werden. Negro Kaballo wünscht sich Rollschuhe und so rollen sie weiter.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 20ff. Sie erreichen eine riesige mittelalterliche Burg und werden von Karl dem Großen hereingelassen. In der Burg finden gerade die Olympischen Spiele statt und Konrad überredet Ringelhuth, sich die Spiele anzusehen. Der Onkel demütigt dort Napoleon und verspottet Caesar.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 42ff. Sie verlassen die Tribüne wieder und reisen weiter. Hinter einem Rosenstrauch beobachten sie, wie Hannibal und Wallenstein mit Zinnsoldaten spielen. Nach einem Streitgespräch mit Konrad und Ringelhuth brechen diese das Spiel ab.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 51ff.
Vor ihnen liegt nun „Die Verkehrte Welt“, in der böse Eltern von Kindern erzogen werden. Völlig unerwartet wird Ringelhuth von einer Schar Kinder festgesetzt. Doch dank Konrads guten Beziehungen – er trifft seine Klassenkameradin Babette, die Ministerialrätin ist – gelingt es ihm, seinen Onkel zu befreien.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 57ff. Sie steigen in eine U-Bahn und verlassen diese wieder in einer Stadt mit Hochhäusern, die Elektropolis heißt. Dort ist fast alles dank Elektrizität automatisiert. Es geschieht eine Katastrophe und Ringelhuth jagt Negro Kaballo schnell durch dieses Chaos weiter.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 72ff.
mini|„Ein kleines Mädchen kaute an einer Ananas.“Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 98. (Walter Trier, 1932)
Sie erreichen den Indischen Ozean am Äquator, ein zwei Meter breites Stahlband. Darauf gleiten sie zur „Südsee, Westportal“.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 86ff. Dort begegnen sie allerlei Tieren, die zwar nicht sprechen, sich aber wie Menschen verhalten. Mitten im Wald entdeckt Konrad Petersilie.Intertextueller Bezug: Petrosinella (dt. „kleine Petersilie“) heißt ein Märchen aus Pentameron(1634) des neapolitanischen Dichters Giambattista Basile. Die Brüder Grimm änderten den Titel ihres Märchens vom Typ „Jungfrau im Turm“ (ATU 310) um in Rapunzel, unter dem es heute bekannt ist (WEİDENHÖFFER, J. (2014). Studien Zur Deutschen Sprache Und Literatur, 2(30), 59–78). Sie sei „schwarz und weiß gekästelt“ und Prinzessin, da ihr Vater ein „berühmter schwarzer Südseehäuptling“ und ihre Mutter – vor der Heirat ein „Tippfräulein“ – aus Holland sei. Ein Walfisch verfolgt Petersilie, da sie ihm die Zunge herausgestreckt hat. Doch Häuptling Rabenaas vertreibt ihn mit Schüssen seines Taschenmessers, das er mit heißen Bratäpfeln zu laden pflegt.Äpfel wachsen nicht in der Südsee am Äquator. Bratäpfel isst man in Europa traditionell um Weihnachten. Wie beim Schrank spielt Erich Kästner hier mit dem Motiv eines Märchens von E.T.A. Hoffmann: Im berühmten Anfang von Der goldene Topf rennt „am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr“ ein junger Mann in einen Korb mit Äpfeln, die hinausgeschleudert werden. Christi Himmelfahrt (Vatertag) ist ein Feiertag im Mai, der immer auf einen Donnerstag fällt (Stefan Neuhaus, Märchen, 2. Aufl., Tübingen 2017, S. 172). Petersilie führt die drei Reisenden zu einer Nachbarsiedlung. Die Menschen des befreundeten Volkes zeigen dem Onkel und seinem Neffen ihre vielfältigen Künste und veranstalten für sie ein Festessen. Petersilie erzählt Konrad, dass sie zur Diamantenwaschfrau Lehmann nach Bali müsse, hüpft davon und lässt Konrad traurig zurück. Rabenaas zaubert den alten Schrank in den Urwald und wenige Augenblicke später sind der Onkel und sein Neffe zurück in der Wohnung. Negro Kaballo bleibt bei einem Schimmelfräulein in der Südsee.Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 92ff.
mini|„Vor ihnen stand ein bronzebrauner Mann.“Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 102. (Walter Trier, 1932)
Nachts als Konrad schon im Bett schläft, kommt Ringelhuth zu dessen Eltern. Er erzählt ihnen vom sprechenden Pferd, vom Präsidenten Seidelbast, von selbstlenkenden Autos und von der Freundschaft Konrads mit der „schwarz und weiß karierten“ Petersilie. Die entsetzten Eltern halten Ringelhuth für krank oder verrückt. Da verlässt Ringelhuth sie und liest in Konrads Schlafzimmer noch heimlich dessen Schulaufsatz. Konrad streift im Aufsatz kurz Abenteuer auf dem Weg durch den Schrank bis zur Südsee, beschreibt genauer die Tiger, den Walfisch, Häuptling Rabenaas sowie das vorgesetzte Essen und betont, das Schönste war für ihn das Treffen mit Petersilie.Der 35. Mai. Zürich: Atrium 2018, S. 112ff.
Einordnung Der dritte Kinderroman Erich Kästners entstand in politisch unruhigen Zeiten im Jahr 1932 und ist deutlich kürzer als Emil und die Detektive (1929) und Pünktchen und Anton (1931). Erich Kästner schrieb den Text im Frühjahr 1932Hanuschek, Sven: Erich Kästner, 4. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, S. 62. und es kam – wie zuvor seine beiden ersten KinderbücherEmil und die Detektive erschien Mitte Oktober 1929 und Pünktchen und Anton im November 1931. (Hanuschek, Sven: Erich Kästner, 4. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, S. 55 ff.) – im Herbst für das Weihnachtsgeschäft in den Handel. Das genaue Datum ist nicht bekannt, es wurde vermutlich Anfang November 1932 publiziert.Görtz, Franz Josef und Hans Sarkowicz: Erich Kästner. Eine Biographie. Unter Mitarbeit von Anja Johann. München, Zürich 1998, S. 145. Es erschien, als Kästner den Höhepunkt seines Schaffens erreichte, und war gleichzeitig das letzte Buch beim Berliner Verlag Williams & Co., bevor er Publikationsverbot im Dritten Reich erhielt.Tobias Lehmkuhl in Lesart: Erich Kästner im Dritten Reich – Im Inneren immer gespalten. Deutschlandfunk Kultur vom 9. November 2023. Obwohl Erich Kästner in diesem Kinderbuch eine phantastische Unsinnsgeschichte erzählt, erwähnt er auch hier existierende Orte. Beispiele sind die Glacisstraße,Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 5. in der das Pferd um ein Stück Zucker bittet, und die Johann-Mayer-Straße 13,Der 35. Mai. Zürich: Atrium Verlag 2018, S. 18. die Adresse von Ringelhuths Wohnung.
Rezeption Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee gilt als „Kästners freiestes und phantasievollestes Werk“.Sven Hanuschek: Erich Kästner, 4. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, S. 62. Es verkaufte sich in den ersten Wochen sehr gut.Die Auflagen der bis Herbst 1933 erschienen „Jugendbücher von Erich Kästner (Verlag Williams & Co., Berlin)“ waren: Emil und die Detektive: 75.000, Pünktchen und Anton: 35.000, Der 35. Mai: 30.000. (s. Seite hinter dem Abb.-Verzeichnis: Das fliegende Klassenzimmer 13.-17. Aufl., Atrium Verlag, Basel-Wien-M.-Ostrau 1933). Erich Kästner berichtete in einem Brief an die Mutter von den positiven Rückmeldungen der Freunde zu seinem dritten Kinderbuch: „er gefiel ‚allen, die ihn lesen, sehr gut‘“.Brief von Erich Kästner an seine Mutter vom 10. November 1932 (in: Görtz, Franz Josef und Hans Sarkowicz: Erich Kästner. Eine Biographie. Unter Mitarbeit von Anja Johann. München, Zürich 1998, S. 145).
Linke und liberale Zeitungen teilten die Meinung der Freunde Kästners, die weiter rechts angesiedelten Kritiker urteilten weniger freundlich, denn Erich Kästner und Walter Trier setzten hier den national-konservativen und faschistischen Tendenzen am Ende der Weimarer Republik subtil andere Werte entgegen. Besonders scharf griff ihn hier erstmals Christian Jenssen an, der sich in den Folgejahren zu einem der prominentesten Gegner Kästners entwickelte. In der Berliner Börsen-Zeitung spottete er am 22. Jan 1933: „[Erich Kästner hat] nur eine sehr schwache Ahnung von der unerschöpflich bunten, den klügelnden Verstand des Erwachsenen verschlossenen Welt der Kindheit“In: Görtz, Franz Josef und Hans Sarkowicz, Erich Kästner. Eine Biographie. München, Zürich 1998. Ab März 1933 begannen die ersten Bücherverbrennungen, die im Mai ihren Höhepunkt erfuhren, und bald wurde dieses Kinderbuch – wie fast alle Bücher Kästners – verboten.Am 16. Mai 1933 wurden im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel alle Bücher Erich Kästners verboten – außer Emil und die Detektive. Erst im Januar 1948 erschien der Roman wieder in Deutschland, noch ohne die typische Signatur von Walter Trier auf der Buchdeckelillustration (32.–43. Tsd. Aufl., Williams & Co., Berlin).
Bis zum Jahr 1936 wurde dieses Kinderbuch ins Schwedische, Englische, Tschechische, Französische, Polnische und Italienische übersetzt. Der Kritiker der New York Times zeigte sich von der Übersetzung enttäuscht. Nur passagenweise finde er den Humor und die Spontaneität von Emil und die Detektive wieder, auch die Zeichnungen Walter Triers seien zwar ebenfalls humorvoll gestaltet, jedoch übertriebener und weniger unterhaltsam. Insgesamt sei die Erzählung eine bemühte Aneinanderreihung von Geschichten und Figuren und lasse die innere Logik echten Unsinns vermissen.The New York Times vom 11. November 1934.
Die Literaturwissenschaft begegne dem Kinderroman mit Geringschätzung, bedauerte Wolfgang Biesterfeld im Jahr 1985, obwohl auch er empfand, dass das Buch „ein wenig spröde“ sei.Biesterfeld, Wolfgang: Erich Kästners ‚Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee‘ und die literarische Tradition. In: Pädagogische Rundschau 39, H. 6 (1985), S. 669. Für Stefanie Plener repräsentiert die Person des Onkel Ringelhuth eine Wunschfigur für Kinder und macht sie offener für andere Lebensstile. Da der Held Konrad auch Schwächen hat, können Kinder sich besser mit ihm identifizieren. Die Besuche der Phantasiewelten regen die kindliche Vorstellungswelt an und philosophische Fragen über das gute Leben, über Gerechtigkeit und Strafe werden aufgeworfen.Stefanie Plener: Kästner, Erich - Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee, München, GRIN Verlag, 1997.