mini| Franz Wilhelm Junghuhn (* 26. Oktober 1809 in Mansfeld; † 24. April 1864 in Lembang auf Java) war ein deutscher Arzt, Geologe, Botaniker und Landvermesser. Seine naturwissenschaftlichen Forschungs- und Entdeckungsreisen unternahm er auf den niederländisch-indischen, heute zu Indonesien gehörenden Inseln Java und Sumatra. mini| Die bedeutendste Leistung dieses „größten deutschen Forschers auf malaiischem Boden“Vgl. Rüdiger Siebert: Deutsche Spuren in Indonesien. Horlemann, Bad Honnef 2002, S. 58. – Unter „malaiischer Boden“ ist die Inselwelt zwischen Asien und Australien zu verstehen; siehe Malaiischer Archipel. war die erste gründliche geographische, geologische und botanische Erforschung der Insel Java. Von bleibendem Wert ist sein darüber verfasstes, an Stoffmenge überbordendes Hauptwerk Java, seine Gestalt, Pflanzendecke und innere Bauart, das mit einem großformatigen Landschaftenatlas, der ersten zuverlässigen Karte dieser Insel und mit einem Katalog der geologischen Sammlung „zur Erläuterung des geologischen Baues“ ergänzt werden konnte. Darüber hinaus lieferte er die erste ausführliche topographische und ethnologische Beschreibung der südlichen Batakländer auf Sumatra. Von unschätzbarem Nutzen für die Bekämpfung der Malaria war die erfolgreiche Kultivierung von Chinarindenbäumen auf Java.

Junghuhns Werke, geschrieben unter dem Einfluss seines Vorbilds Alexander von Humboldt, zählen zu den wertvollsten Schöpfungen der geographischen Literatur. Jahrzehntelang regten sie zahlreiche Naturwissenschaftler zu weiterführenden Forschungen an. Reichhaltige Sammlungen belegen diese Werke: Geologen und Paläontologen haben seine Gesteins- und Fossiliensammlungen, Botaniker und Paläobotaniker seine Herbarien ausgewertet. Bis heute konnten diese Arbeiten nicht zum Abschluss gebracht werden.

Nach Meinung des Geographen Oscar Ferdinand Peschel gehört Junghuhn „zu den Zierden deutscher Wissenschaft“ neben Alexander von Humboldt und dem wohl wichtigsten Geologen seiner Zeit, Leopold von Buch.Erich Mindt: Der Erste war ein Deutscher. Ebner & Ebner, Berlin 1943, S. 115. Als Botaniker nahm Junghuhn eine Spitzenstellung ein. Trotzdem ist dieser bedeutende Mann in Deutschland fast in Vergessenheit geraten. Das gilt sogar für seinen Heimatort Mansfeld: jeder kennt hier Martin Luther, der sieben Jahre lang eine Mansfelder Lateinschule besucht hat und dessen Einschulung alljährlich mit einem Festakt gefeiert wird, kaum jemand aber den hier geborenen Naturforscher Junghuhn. Auf Java, seinem wichtigsten Forschungsgebiet, ist Junghuhn besser bekannt.

Junghuhns offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „“.

Leben Vorbemerkung Viele seiner Anhänger waren und sind überzeugt, dass Junghuhn unter gleichen Voraussetzungen ähnliche Erfolge wie Alexander von Humboldt erzielt hätte.Zu diesen Anhängern zählten unter vielen anderen Charles Lyell, der bedeutendste Geologe seiner Zeit, Karl Helbig, einer der besten Universalkenner Indonesiens, Rüdiger Siebert, Autor zahlreicher Bücher über Südostasien und jahrelanger Leiter der Indonesien-Redaktion der „Deutschen Welle“, der Geograf Georg Niemeyer, der Naturwissenschaftler und Freidenker Ernst Haeckel und der Autor des großen zweibändigen Werks Nord-Sumatra, Wilhelm Volz. Keiner weilt mehr unter den Lebenden. Die jetzigen Anhänger können aus verständlichen Gründen nicht genannt werden. Die äußeren Bedingungen der beiden Forscher und ihre Charaktere waren jedoch vollkommen gegensätzlich. Humboldt genoss als Nachkomme eines wohlhabenden Adelsgeschlechts die denkbar beste Kindheits- und Jugenderziehung, seine naturwissenschaftlichen Neigungen wurden von verständnisvollen Privatlehrern gefördert, seine Mittel erlaubten ihm, uneingeschränkt seinen Neigungen nachzugehen, und seine Weltgewandtheit, vereint mit diplomatischem Geschick, verhalf ihm zu einem Einfluss, wie er weder vor noch nach ihm einem Forscher zuteilgeworden ist.

Ganz anders verlief die Entwicklung von Junghuhn. Der Sohn eines Kleinbürgers wurde mit rauer Hand erzogen. Entgegen seinen Neigungen sollte er seinen als Heilpraktiker tätigen Vater unterstützen und die dafür erforderlichen medizinischen Grundkenntnisse erlernen. Sein später so vielseitiges, weit darüber hinausgehendes Wissen, das ihn zu einem der herausragendsten Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts erhob, muss er sich mit eiserner Willenskraft autodidaktisch angeeignet haben. Nach dem Zerwürfnis mit seinem Elternhaus und Jahren voller Entbehrungen sich als „heimatlos“ bezeichnend,F. Junghuhn: Topographische und naturwissenschaftliche Reisen durch Java, S. 1–2 und S. 10. begab er sich nach Niederländisch-Indien, wo er neben seinem Dienst als Militärarzt als Botaniker, Geologe, Paläontologe, Mineraloge, Vulkanologe, Ethnologe, Meteorologe und Landvermesser tätig war. Welche Fähigkeiten er in allen diesen Disziplinen besaß, ohne darin jemals ein Studium absolviert zu haben, davon zeugen seine Werke.

Das gespannte Verhältnis zu seinem Vater, von der Durchsetzung seiner naturwissenschaftlichen Interessen bis an die Grenze zur Unversöhnlichkeit verschärft, hat wesentlich zur Entwicklung seines trotzigen und unbeugsamen Verhaltens beigetragen. Anders als Humboldt war Junghuhn vollkommen undiplomatisch und kompromisslos bis zur Starrsinnigkeit. Respektlos, vielfach mit Hohn und Spott, äußerte er sich gegenüber Vorgesetzten, Fachkollegen, Kolonialbeamten und javanischen Adligen, was zu ständigen Auseinandersetzungen bis zum Ende seines Lebens geführt hat. Seine Widerstände gegen neidvolle Zeitgenossen und einflussreiche Kritiker machten ihn zu einem „kantigen zugeknöpften Einzelgänger“ und zu einem „unbequemen Mann, der es sich und anderen nicht leicht gemacht hat.“Rüdiger Siebert: Deutsche Spuren in Indonesien. S. 55 ff. „Was ihm in der Seele verhasst war, war Dilettantengeschwätz, und wenn man dazu noch seinen unwiderstehlichen Hang zur Satire rechnet, so lässt sich verstehen, weshalb sein Leben sich zu einer fast unaufhörlichen Kette von Konflikten gestaltete und sein Dasein wiederholt auf des Messers Schneide zu stehen kam.“ (A. Wichmann).Petermanns Mitteilungen. Jg. 1909, S. 297.

Bis zum Ende seines Lebens gab es nur eine Person, die er als Vorbild verehrte: Es war der bereits mehrfach genannte vierzig Jahre ältere Mitbegründer der geographischen Wissenschaft, Alexander von Humboldt, dessen Ansichten der Natur er als ein „unerreichbares Muster“ bezeichnet hat.In: Flora oder allgemeine botanische Zeitung, XIX. Jg., Regensburg 1836, S. 751. Des Weiteren hat er in seinen Büchern und Schriften sehr oft kurze, meist 2-oder 4-zeilige Zitate von Johann Wolfgang von Goethe vorangestellt. Eine freundschaftliche Verbundenheit mit reichhaltigem Schriftverkehr pflegte er bis zum Lebensende mit dem Koblenzer Hochschullehrer und Botaniker Philipp Wirtgen. Sonst aber, abgesehen von untergebenen, dienstlich von ihm abhängigen oder den wenigen ihm wohlwollenden Personen, vermied er nach Möglichkeit den Umgang mit Menschen. Auf dem Gipfel eines Berges, weit weg von den lärmenden Menschen im Tiefland, fühlte er sich am wohlsten.

Dieses eigensinnige, aus seiner Jugend voller Widerwärtigkeiten entstandene Verhalten gab den Anstoß für Junghuhns Vorsätze für sein künftiges Leben. Entschlossen, in Zukunft allen Angriffen, ob persönlich oder wissenschaftlich, nach besten Kräften zu begegnen und sich auf die Natur zu konzentrieren, schrieb er auf einen Zettel zu Beginn seiner ersten Indienfahrt:

Jugend- und Studentenzeit Jugendzeit in Mansfeld mini| Junghuhn kam als erstes Kind der Eheleute Wilhelm Friedrich Junghuhn, eines Bergchirurgus,Ein undiplomierter Heilpraktiker mit einfachen medizinischen Kenntnissen, überwiegend für die Versorgung von Wunden und Frakturen, die er hauptsächlich von seinem Vater (Junghuhns Großvater), ebenfalls einem Bergchirurgus, erworben hat. Um sein spärliches Einkommen etwas aufzubessern, pflegte er überdies als Barbier die Haare und Bärte der Mansfelder Bürger. Vater und Großvater sollen auch eine Gastwirtschaft betrieben haben. und Christine Marie geborene Schiele, Tochter eines Mansfelder Beutlermeisters, am 26. Oktober 1809 in der sächsisch-preußischen Kupfererz-Bergbaustadt Mansfeld auf dem Ostrand eines Harz-Ausläufers zur Welt. Von den fünf Geschwistern, die nach ihm folgten, starben zwei im Kindesalter. Erst 1819, er war inzwischen 10 Jahre alt, folgte ihm sein Bruder Karl und nach 16 Jahren, 1825, Schwester Albertine. Diese Altersunterschiede waren so groß, dass Junghuhn weder zu Karl noch zu Albertine die unter Geschwistern üblichen Zuneigungen empfinden konnte.

Auch hier drängt sich ein Vergleich mit Alexander von Humboldt auf; dieser hatte beste Verbindungen zu seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm, einem sprachgewandten Universalgelehrten, mit welchem er zeitweise gemeinsam studierte und die regsten Gedanken austauschen konnte. Nach den Gebrüdern Humboldt wurde die Berliner Universität benannt.

Über die Jugendjahre Junghuhns ist wenig bekannt. Nach Karl Johann August Müller,Karl Müller: Franz Junghuhn. […] In: Die Natur, 14. Band, G. Schwetsche’scher Verlag, Halle 1865. S. 137–139, 145–148, 153–156, 177–180, 190–192; hier S. 138–139. der in Mansfeld Zeitgenossen aufgesucht und nach Junghuhn befragt hat, soll er bei Jungenstreichen stets der Anführer gewesen sein. Seine Kühnheit grenzte an Verwegenheit. Unter anderem soll es eine seiner Lieblingsneigungen gewesen sein, die über Mansfeld aufstrebenden, damals noch nicht restaurierten Ruinen des Grafenschlosses an den gefährlichsten Stellen zu erklettern. Er verbreitete damit Furcht und Schrecken: Das waghalsige Erklimmen eines alten Mauerrestes, der herabzustürzen und die Menschen und Häuser am Fuße des Schloßbergs zu zerschmettern drohte, war für ihn besonders anziehend. Furchtlos durchkroch er mit einem Bindfaden und einer Laterne die unterirdischen Räume und Gänge der Burg. Schon früh erwachte in Junghuhn sein Hang zur Natur: In den dichtesten Wäldern sammelte er Blumen, Kräuter und ganz besonders Pilze. In seinem Bestreben, die Pflanzen naturgetreu abzubilden, entwickelte er ein hohes Talent zum Zeichnen.

Diese Sehnsucht zur Natur wurde jedoch in seinem kleinbürgerlichen Elternhaus unterdrückt. Als Erstgeborener war Junghuhn dazu bestimmt, die berufliche Laufbahn des Vaters einzuschlagen und für den Unterhalt seiner Eltern bis zu ihrem Ableben zu sorgen. Er sollte etwas Besseres werden als sein Vater, der nur mit Unterstützung seiner wohlhabenderen Gattin ein mittelständisches Leben führen konnte. Junghuhns Mutter war es, die von ihrem Privatvermögen für 250 Taler preußische Courant das Haus „hinter der St.-Georgs-Kirche“ für die Familie gekauft hat; der Vater hätte sich dieses Haus nicht leisten können. Mansfeld besaß jedoch kein Gymnasium, weshalb Junghuhn mit dem Ziel, die Hochschulreife zu erreichen, von einem Privatlehrer unterrichtet wurde. Ein folgenschwerer Missgriff war die Übertragung dieser Aufgabe an den evangelisch-lutherischen Mansfelder Archidiakon Carl Ferdinand Hecht:Carl Ferdinand Hecht im Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen: eva-leipzig.de (PDF; 1,7 MB), S. 11. Dieser unterrichtete mit so ungewöhnlicher Strenge und konservativer Gottgläubigkeit, dass Junghuhn bis an sein Lebensende sich gegen die christlichen Lehren stellte und ein Anhänger und Verfechter des Pantheismus geworden ist. Mit gleicher Strenge und Gründlichkeit war jedoch auch seine Ausbildung in Latein, und im Hinblick auf die in dieser Sprache vorgenommenen Pflanzenbestimmungen war es vermutlich dasjenige Unterrichtsfach, das Junghuhn mit dem größten Eifer gelernt hat.

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