Die Geschichte der Elfenbeinküste ist die Geschichte des modernen westafrikanischen Staates Elfenbeinküste (), der gleichnamigen französischen Kolonie, aus der dieser Staat entstanden ist, sowie die Geschichte der Völker und Reiche, die auf dem Gebiet des heutigen Staates lebten bzw. heute noch leben. Der Staat Elfenbeinküste ist das Ergebnis kolonialer Grenzziehungen, bei denen man weder auf vorher vorhandene geographische oder naturräumliche noch auf religiöse, sprachliche oder kulturelle Grenzen oder Einheiten Rücksicht genommen hat. Das Staatsgebiet vereinigt daher Regionen, die vor dieser Grenzziehung keine gemeinsame Geschichte hatten. Andere Völker wiederum sind durch die Staatsgrenze von Regionen außerhalb des heutigen Staates getrennt, mit denen sie eine gemeinsame Geschichte verbindet.
Geschichte der Völker und Reiche auf dem Gebiet der Elfenbeinküste vor der Kolonisation mini|200px|Mutmaßliche Ausdehnung des Reiches von Mali
Über die frühen Bewohner des Gebietes der Elfenbeinküste ist kaum etwas bekannt, wahrscheinlich sind sie von den Vorfahren der heutigen Bewohner verdrängt oder assimiliert worden. Der nördliche Teil der heutigen Elfenbeinküste war in den Jahrhunderten vor der Kolonialisierung durch den Einfluss der großen Sahelreiche geprägt. Seit dem 11. Jahrhundert breitete sich über diese Handelskontakte und kriegerische Auseinandersetzungen der Islam in den nördlichen Teilen des Landes aus. Die nordwestlichste Ecke der Elfenbeinküste war bis zum 14. Jahrhundert Teil des großen Reiches von Mali und die gesamte nördliche Region war über Jahrhunderte in den Handel mit diesen Reichen (Songhai, Reich von Ghana u. a.) eingebunden. Berittene Heere aus dem Norden eroberten immer wieder weite Teile des Landes. Hier existierten bereits lange vor der Ankunft der Europäer an den Küsten bedeutende Handelsstädte wie etwa Bondoukou oder Kong, die sich allmählich zu größeren oder kleineren, islamisch geprägten Stadtstaaten entwickelt hatten.
Im 17. Jahrhundert eroberte Seku Wattara, ein aus dem Norden kommender Führer eines Reiterheeres, den Stadtstaat Kong und setzte sich selbst als Herrscher ein. Unter ihm und seinen Nachfolgern wurde Kong zum mächtigsten Staat der Region. 1725 erreichte ein Reiterheer aus Kong sogar den Niger und attackierte die Stadt Segu. Kong war ein Zentrum islamischer Gelehrsamkeit, dessen Zerstörung 1895 durch den muslimischen Heerführer Samory Touré in der islamischen Welt Westafrikas später Empörung auslösen sollte.
Das Königreich Abron war im 17. Jahrhundert das erste mehrerer Reiche innerhalb der Elfenbeinküste, das durch ein Volk aus der Akangruppe gegründet wurde, das aufgrund von Konflikten mit dem bzw. innerhalb des Aschantikönigreiches in die Elfenbeinküste ausgewandert war. Die Abron waren ursprünglich Teil des Reiches von Akwamu im südlichen Teil des heutigen Ghana. Von dort wanderten sie in die Gegend der Stadt Kumasi, wo sie im 17. Jahrhundert von den Aschanti vertrieben wurden. Anschließend gründeten sie ihr Reich in der Elfenbeinküste, das bald auch die bedeutende Handelsstadt Bondoukou beherrschte. Gut hundert Jahre später wurden sie zu Vasallen des Aschantireiches.
Die südöstliche und zentrale Elfenbeinküste wurde Mitte des 18. Jahrhunderts erneut zum Einwanderungsgebiet von Akanvölkern aus dem Aschantireich. Dort war es 1750 nach dem Tod des Herrschers („Asantehene“) Opoku Ware I. zu internen Auseinandersetzungen gekommen und eine größere Gruppe verließ ihre Heimat Richtung Westen und Süden, in die heutige Elfenbeinküste. Aus diesen Gruppen entstanden die heutigen Völker der Baoulé und Agni, die die einheimischen Senufo und Guru allmählich verdrängten. Einige dieser Auswanderer wurden von Awura Poku angeführt, einer mutigen Frau, die ihre Hauptstadt nahe der heutigen Stadt Bouaké errichtete. Nach ihrem Tod 1760 übernahm ihre Nichte Akwa Boni die Führung der Baoulé. Unter ihrer Herrschaft eroberten sie die goldreichen Gebiete in der Bandama-Region. Nach dem Tod Akwa Bonis zerbrach die Einigkeit der Baoulé, obwohl diese bei Ankunft der Franzosen noch weite Teile der südlichen Elfenbeinküste beherrschten.
Frühe Kontakte mit den Europäern und koloniale Eroberung mini|Kommandant E. Bouët-Willaumez greift Aufständische bei Grand-Bassam (Westafrika) an, Gravur von 1890 Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts gab es Handelskontakte zwischen Europäern und den Küstenvölkern der Elfenbeinküste. Die ersten Europäer an dieser Küste waren die Portugiesen, die den Handel über 100 Jahre lang beherrschten. Ivorische Städtenamen wie Sassandra, San Pedro oder Fresco erinnern noch heute daran. Im Gegensatz zur sich östlich anschließenden Goldküste errichteten die europäischen Mächte hier jedoch lange Zeit keinerlei befestigte Stützpunkte. Erst 1698 bauten die Franzosen bei Assinie, also im östlichsten Teil der Küste des Landes, ein hölzernes Fort und nannten es St. Louis, gaben es aber bereits 1704 wieder auf. In die Mitte des 19. Jahrhunderts fielen die ersten dauerhaften Kontakte der Franzosen mit den Küstenvölkern durch Händler und Missionare. Der Name Côte d’Ivoire, „Elfenbeinküste“, wurde nachweislich von dem französischen Admiral Louis Edouard Bouet-Willaumez 1839 verwendet. 1843/44 schloss Bouet-Willaumez Verträge mit Herrschern aus den Gebieten um die Küstenorte Grand-Bassam und Assinie ab, durch die diese Gebiete zu französischen Protektoraten wurden. Von hier aus begannen später französische Offiziere und Unteroffiziere mithilfe afrikanischer Söldner die koloniale Eroberung der Elfenbeinküste. Die kolonialen Anstrengungen Frankreichs erlahmten ab 1871 durch die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg, wurden aber durch die Vereinbarungen der Kongokonferenz von 1885 über die Küsten Afrikas und besonders der gleichartigen Verträge von 1890 über das Landesinnere des Kontinents neu entfacht. mini|Zeitgenössische Zeichnung der Teilnehmer der Kongokonferenz Diese Vereinbarungen zwischen den europäischen Kolonialmächten sahen vor, dass nur dasjenige Land als Bestandteil europäisches Kolonialgebiet akzeptiert würde, das auch faktisch von einer europäischen Macht beherrscht wurde – die „Inbesitznahme“ durch eine Zeremonie reichte nicht mehr aus. Die Konferenz heizte den sogenannten „Scramble for Africa“ (Wettlauf um Afrika) an. 1893 wurde die Elfenbeinküste zur französischen Kolonie erklärt. Erster Gouverneur der neuen Kolonie wurde Lieutenant Louis-Gustave Binger, der aus Dakar zur Aushandlung von „Schutzverträgen“ bzw. Eroberung des Reiches von Kong abgeordnet worden war, das um 1890 weite Teile der nördlichen Elfenbeinküste und angrenzende Gebiete bis tief in das heutige Burkina Faso hinein beherrschte. Grand-Bassam wurde zur ersten Hauptstadt der Kolonie. Binger handelte die Grenzen der französischen Elfenbeinküste mit der östlich benachbarten britischen Kolonie Goldküste und dem westlich gelegenen unabhängigen Liberia sowie einen „Schutzvertrag“ mit dem Reich von Kong aus. Der französischen Herrschaft wurde jedoch bald sowohl im äußersten Norden, durch den islamischen Führer („Almamy“) Samory Touré, als auch in den Küstenregionen heftiger Widerstand entgegengesetzt. Von 1891 bis 1918 befanden sich permanent unterschiedliche Landesteile im offenen Kriegszustand mit Frankreich oder im Aufstand.
Der Widerstand Samory Tourés mini|Samory Touré|180px
Der härteste Widerstand kam von Samory Touré, der 1895 das Reich von Kong erobert und die Stadt zerstört hatte. Samory Touré war ein Heerführer und islamischer Reformer, dessen erste Staatsgründung etliche hundert Kilometer weiter westlich stattgefunden hatte, an den Grenzen der französischen Kolonien Guinea und Senegal. Aus diesem Reich hatten ihn die Franzosen in blutigen Kämpfen Anfang der 1890er Jahre vertrieben. Auf dem Gebiet von Kong errichtete er nun sein zweites Reich. 1896 eroberten die Briten das benachbarte Aschantireich und waren damit Samorys direkte Nachbarn im Osten. Samorys Versuche, sich mit den Briten gegen die Franzosen zu verbünden, scheiterten. 1898 stießen französische Truppen vom Westen, Süden und Norden gleichzeitig auf Samorys Reich vor, während ihm die Briten den Rückzug nach Osten versperrten. Die Franzosen versprachen ihm sicheres Geleit in seinen Heimatort, wo er unbehelligt leben sollte. Samory akzeptierte das Angebot und ergab sich. Die nördliche Elfenbeinküste war damit endgültig französisch. Die Sieger brachen ihr Versprechen jedoch sofort und deportierten Samory Touré in ihre Kolonie Gabun, wo er 1900 starb.
Der Unabhängigkeitskampf der Baoule und Agni 1891 bis 1917 mini|250px|Siedlungsgebiete der Ethnien der Elfenbeinküste, dunkelgrün die Baoule Der Unabhängigkeitskampf der Völker an der Küste und im Zentrum der Kolonie wurde von den oben erwähnten Akanvölkern der Baoule und Agni angeführt, die 150 Jahre zuvor aus dem Aschantigebiet eingewandert waren. Die Aufstandswelle begann, als die Franzosen die 1878 bis 1889 ausgehandelten „Schutzverträge“ mit diesen Völkern an mehreren Stellen brachen, indem sie sich in die Wahl der traditionellen Oberhäupter einmischten und die Gestellung von Männern als Träger und Zwangsarbeiter verlangten. Mit dem Beginn des Baues einer Eisenbahnlinie 1893 verlangten sie verstärkt nach Zwangsarbeitern und enteigneten afrikanisches Land für die Streckenführung.
1900 versuchten sie zudem, eine Kopfsteuer für die Bewohner der Kolonie durchzusetzen. Der 1891 begonnene Aufstand wurde nicht zentral angeführt, da die Baoule nicht in einem zentralisierten Königreich vereinigt waren (obwohl etliche kleinere Häuptlingstümer hierbei kooperierten), und hatte den Charakter eines jahrelangen Guerillakrieges. 1908 hatten die Franzosen nur noch einen schmalen Küstenstreifen tatsächlich unter Kontrolle. In diesem Jahr entsandte die Kolonialmacht einen neuen Gouverneur an die Elfenbeinküste. Gouverneur Gabriel Angoulvant suchte die Lösung in brutaler militärischer Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung. Er ließ hunderte von Dörfern zerstören und die Bewohner in leichter zu bewachende größere Orte umsiedeln. 220 afrikanische Führer wurden deportiert und das System der Zwangsarbeit erheblich ausgeweitet. Die Kampagne war erfolgreich und 1915 die militärische Kontrolle durch Frankreich wiederhergestellt. 1916 kam es zu einem letzten großen Aufstand der Baoule und Agni, der die französische Herrschaft zeitweise ähnlich bedrohte wie im Jahr 1908. Der Aufstand endete schließlich mit der weitgehenden Auswanderung der Gruppe der Agni in die benachbarte britische Goldküste und damit unter eine erträglichere Form der Kolonialherrschaft.
Etablierung der französischen Kolonialmacht 1918 bis 1944 mini|Stadtwappen von Abidjan mini|Haus aus der Kolonialzeit in Grand-Bassam 1904 wurde die Kolonie Teil von Französisch-Westafrika. Nach Grand-Bassam wurde Bingerville Hauptstadt, ab 1933 Abidjan. Die Oberschicht der nördlichen Gebiete, insbesondere die Dyula-Händler, war bald zur Kooperation mit der Kolonialmacht bereit, da sie ihnen den lukrativen Zugang zu den Küstenstädten eröffnete. Aus dem Norden rekrutierten die Franzosen auch den größten Teil der Arbeitskräfte für ihre wirtschaftlichen Unternehmungen in den Waldgebieten des Zentrums, für Holzgewinnung und Plantagenbau (Kautschuk, Palmöl, Palmnüsse, seit den 1930er Jahren zunehmend Kakao und Kaffee). Diese Abwanderung der Arbeitskräfte wirkte sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung des Nordens aus. Teilweise wurden auch Arbeitskräfte aus den nördlich angrenzenden Kolonien wie Obervolta rekrutiert, ein Teil der Einwanderung aus diesen Gebieten fand auch freiwillig statt.