mini|Urartäische Inschrift in Keilschrift, ausgestellt im Erebuni-Museum in Jerewan. Übersetzung: „Dem Gott Ḫaldi, dem Herrn, hat Argišti I., Sohn des Menua, diesen Tempel erbaut und diese mächtige Burg. Ich bestimmte Irbuni (= Erebuni) als ihren Namen, den Biai-Ländern (= Urartu) die Herrschaft und den Lului-Ländern (= Fremdländer) die Unterwerfung. Durch die Größe des Ḫaldi bin ich, Argišti, Sohn des Menua, der starke König, der König der Biai-Länder, der Hirte der Stadt Tušpa.“ Zur Transliteration und grammatischen Analyse des Textes siehe weiter unten.

Die urartäische Sprache (in der älteren Fachliteratur auch chaldische Sprache nach dem Gott Ḫaldi oder Vanisch nach dem ersten Fundort Van) wurde im 1. Jahrtausend v. Chr. von den Urartäern im Gebiet der heutigen Ost-Türkei und Armeniens gesprochen. Die Bezeichnung „Urartäisch“ leitet sich von der assyrischen Bezeichnung des Gebietes als „Urartu“ ab. Die Urartäer selbst bezeichneten ihr Gebiet als Biai-nili, die Eigenbezeichnung der Sprache ist nicht bekannt. mini|500px|Karte des Urartäischen Reiches in den letzten Jahren seines Bestehens zwischen 610 und 585 v. Chr. Die ältesten überlieferten Texte stammen aus der Regierungszeit von Sarduri I. aus dem späten 9. Jahrhundert v. Chr. Mit dem Untergang des Reiches von Urartu ca. 200 Jahre später verschwinden auch die schriftlichen Quellen aus dieser Zeit. Über die weitere Entwicklung des Urartäischen ist nichts bekannt; aufgrund der Quellenlage ist anzunehmen, dass die Verbreitung des Urartäischen zeitlich und räumlich auf das Reich von Urartu beschränkt blieb. Nach der Entzifferung der (neu-assyrischen) Keilschrift wurde die Sprache der Forschung wieder zugänglich, blieb aber bis in die 1930er Jahre relativ unerforscht.

Klassifikation Urartäisch ist mit dem Hurritischen nahe verwandt. Allerdings konnte die hurritisch-urartäische Sprachfamilie bisher noch keiner anderen, größeren Sprachfamilie zugeordnet werden. Eine Verwandtschaft mit den nordostkaukasischen Sprachen wird von vielen Wissenschaftlern vermutet, ist jedoch noch nicht bewiesen. Weil die Gruppe der nordostkaukasischen Sprachen stark diversifiziert ist und die Möglichkeit der Rekonstruktion einer gemeinsamen nordostkaukasischen Protosprache unklar ist, würde eine effektive Beweisführung zudem erschwert werden.

Urartäisch ist eine agglutinierende Ergativsprache mit Satzbau Subjekt-Objekt-Prädikat. Wie in vielen anderen Ergativsprachen gibt es das Phänomen der Suffixaufnahme, untypisch ist dagegen das Fehlen eines Antipassivs.

Verwandtschaft mit dem Hurritischen Hurritisch wurde in einem Gebiet von der Osttürkei bis in den nördlichen Irak, etwa dem Siedlungsgebiet der heutigen Kurden, gesprochen. Es gilt als ausgestorbene Amtssprache des Mittani-Reichs. Hurritisch wurde ein ganzes Jahrtausend früher gesprochen als Urartäisch, bis um 1200 v. Chr., und scheint ca. 4 Jahrhunderte vor den ersten Belegen des Urartäischen aus den überlieferten Befunden zu verschwinden. Im Vergleich sind Urartäisch und Hurritisch dennoch nahe verwandte Sprachen. Weitgehende Übereinstimmungen sind z. B. bei der Nominalmorphologie vorhanden; auch Personalpronomen ähneln sich, dagegen weichen die Relativpronomen und die Verbalmorphologie stark ab. Es wird von einer gemeinsamen Vorgängersprache ausgegangen, von der jedoch keine Zeugnisse mehr vorliegen. Das wesentlich besser bekannte und von der Forschung bereits früher untersuchte Hurritische hat demzufolge auch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Urartäischen geleistet.

Die folgende Tabelle soll Ähnlichkeiten und Abweichungen in Wortschatz und Grammatik zwischen den beiden Sprachen an einigen Beispielen aufzeigen.

urartäisch hurritisch Bedeutung esi eše Ort šuri šauri Waffe mane mane 3. Sg. Pers. -ḫi -ḫi Zugehörigkeitssuffix -še -š Ergativ -di -tta 1. Sg. Abs. ag- ag- führen ar- ar- geben man- mann- sein nun- un- kommen -di -da Direktiv -u- -o- Transitivitätsmarkierung qiura eše Erde lutu ašte Frau

Schrift Für das Urartäische sind nachweislich drei verschiedene Schrifttypen bezeugt: Keilschrift Urartäische Hieroglyphen Luwische Hieroglyphen

Keilschrift Die urartäische Keilschrift geht auf die neuassyrische Keilschrift zurück. Sie ist hauptsächlich eine Silbenschrift, es werden aber auch Logogramme verwendet. Die Schrift zeigt im Gegensatz zu anderen Keilschriften eine große Regelmäßigkeit, d. h., die Schriftzeichen sind weitgehend standardisiert. Bezeugt sind grundsätzlich zwei Varianten der Schrift, die eine für das Schreiben auf Tontafeln, die andere für Felsinschriften. Bei Felsinschriften überkreuzen sich die Keile nicht, was die „Schreibarbeit“ des Steinmetzen vereinfachen soll.

Im Gegensatz zum Akkadischen entspricht ein Zeichen genau einem Lautwert, KVK-Zeichen sind selten, es kommen fast ausschließlich Zeichen mit Lautwerten V, VK und KV vor (V=Vokal, K=Konsonant). Doppelkonsonanz wird in der Schrift nicht ausgedrückt. Um Hiate in der Schrift zu vermeiden, wird das Zeichen gi verwendet, z. B. wird der Name Uīšdi (assyr.) geschrieben als u-gi-iš-ti.

Urartäische Hieroglyphen Die urartäischen Hieroglyphen sind noch nicht entziffert worden; es sind bis jetzt zu wenige schriftliche Quellen entdeckt und publiziert worden, um eine erfolgreiche Entzifferung vorzunehmen. Ein weiteres Hindernis ergibt sich daraus, dass die bekannten Dokumente relativ kurzgefasst sind und somit kaum Ansatzpunkte zur Entzifferung bieten. Lediglich einige Hieroglyphen auf Gefäßen konnten als Maßangaben interpretiert werden, und zwar 100x33px der Maßeinheit aqarqi und 100x33px der Maßeinheit ṭerusi. Die Interpretation war deshalb möglich, weil verschiedene Gefäße an den Rändern die Markierungen wechselnd in Hieroglyphen- oder Keilschrift enthielten. Weitere Entzifferungsversuche sind bisher gescheitert oder rein spekulativer Natur.Mirjo Salvini: Geschichte und Kultur der Urartäer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-01870-2.

Luwische Hieroglyphen Luwische Hieroglyphen sind für das Urartäische der am seltensten belegte Schrifttyp und nur aus Altıntepe bekannt. Dennoch führten die wenigen Belege zu einigen Änderungen in der Lesung der luwischen Hieroglyphen, insbesondere zur Lesung einer pfeilähnlichen Hieroglyphe 100x33px als za. Als Konsequenz mussten auch etliche andere Lesungen luwischer Hieroglyphen korrigiert werden, was insgesamt auch zu einem besseren Verständnis der luwischen Sprache führte. Auch hier waren wieder die Maßangaben auf Gefäßen der Auslöser, nämlich 500x33px á – ḫá+ra – ku für aqarqi und 500x33px tu – ru – za oder 500x33px tu+ra – za oder für ṭerusi. Die Abweichungen von der urartäischen Form sind durch die spezielle Orthographie des Hieroglyphen-Luwischen bedingt.John David Hawkins, A. Morpurgo Davies, Günter Neumann: Hittite hieroglyphs and Luwian, new evidence for the connection. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973.

Entzifferung und Wissenschaftsgeschichte Spuren der urartäischen Kultur wurden 1827 vom deutschen Orientalisten Friedrich Eduard Schulz in der früheren urartäischen Hauptstadt Tušpa entdeckt. Schulz fertigte auch mehrere Kopien von dort entdeckten Keilschrifttexten an, ohne jedoch die verwendete Schrift entziffern oder einordnen zu können. Seine Kopien stellten aber für längere Zeit die Grundlage dar, auf welcher europäische Forscher versuchten, Schrift und Sprache zu verstehen.

Nach der Entzifferung der neuassyrischen Keilschrift, in welcher alle damals bekannten urartäischen Texte abgefasst waren, wurde rasch klar, dass es sich beim Urartäischen nicht um Assyrisch oder eine andere bekannte Sprache handelte. Verschiedene Versuche, die Sprache mit Hilfe modernerer Sprachen zu erschließen, schlugen fehl (François Lenormant 1871 mit Georgisch, Andreas David Mordtmann 1872–1877 mit Armenisch). Schließlich brachte die Bearbeitung der urartäisch-neuassyrischen Bilinguen von Kelišin und Topzawä Fortschritte in der Deutung der Sprache.

Nach einer kurzen Unterbrechung der Forschung durch den Ersten Weltkrieg gelangen schließlich Albrecht Götze und Johannes Friedrich durch das Studium der Bilinguen die entscheidenden Durchbrüche bei der Erschließung des Wortschatzes (Götze 1930) und der Grammatik (Friedrich 1933, Götze 1935). Die Ähnlichkeiten mit der in der Zwischenzeit ebenfalls bekannten hurritischen Sprache wurden registriert und halfen bei der weiteren Deutung des Urartäischen, auch wenn eine genetische Verwandtschaft der Sprachen zu jenem Zeitpunkt noch nicht genauer untersucht wurde.

G. A. Melikischwili publizierte 1964 in russischer Sprache eine umfangreiche Grammatik des Urartäischen und die bis heute einzige und größtenteils immer noch als richtig erachtete Wörterliste. In deutscher Sprache wurde dieses Werk allerdings erst 1971 herausgegeben und den meisten Altorientalisten erst dadurch zugänglich. Igor Michailowitsch Djakonow etablierte in den 1970er Jahren schließlich die genetische Verwandtschaft zwischen Hurritisch und Urartäisch. Bis heute hat die Urartologie vor allem im Bereich der Grammatik weitere Fortschritte gemacht, aber keine großen Durchbrüche mehr erzielt; ein wesentlicher Teil des Wortschatzes ist nach wie vor nicht bekannt.

Der italienische Urartologe Mirjo Salvini veröffentlichte in den Jahren 2008–2018 das bisher umfangreichste Corpus urartäischer Inschriften in fünf Bänden als Ergebnis seiner langjährigen Forschung. In den Jahren 2016–2020 wurde auf diesen Werken basierend das erste elektronische Corpus im Rahmen der Munich Open-access Cuneiform Corpus Initiative erstellt und veröffentlicht.

Zur nicht sprachspezifischen Forschungsgeschichte vgl. den Artikel Forschungsgeschichte von Urartu.

Phonetik und Phonologie Die Kenntnisse der urartäischen Phonologie stützen sich auf die in neu-assyrischer Keilschrift geschriebenen Texte und die dort unterschiedenen Sprachlaute. Die tatsächliche Aussprache bleibt somit unklar, die hier gegebene Darstellung orientiert sich an der wahrscheinlichen Aussprache der Keilschrift im Akkadischen. In Klammern wird die in der Transliteration/Transkription übliche Schreibung angegeben, die in der Fachliteratur für diesen Laut anzutreffen ist, falls sie sich vom Lautschrift-Zeichen unterscheidet.

Konsonanten bilabial labio-dental alveolar palatal velar glottal stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Ejektive t’ (ṭ), ts’ (ṣ) k’ (q) Plosive p b t d k g ʔ (ʾ) Affrikaten ts (s), tɬ (š) dz (z) Frikative f x (ḫ) Nasale m n Vibranten r laterale Approximanten l zentrale Approximanten w j (y)

Die Existenz der Konsonanten q, ṭ, f und des Verschlusslautes ʾ ist umstritten, sie werden in der Schrift nicht konsequent unterschieden, ein mögliches f wird zudem immer als p wiedergegeben, ist also spekulativ. Die Unterscheidung zwischen s und š wird in der Schrift ebenfalls nicht immer konsequent vorgenommen, weshalb nicht klar ist, ob diese Konsonanten im Urartäischen wirklich verschieden sind.

Vokale Das Urartäische kennt die Vokale , , und – und zwar sowohl die kurzen als auch die langen Varianten der Vokale. Lange Vokale werden in der Schrift gelegentlich durch Plene-Schreibung angezeigt, allerdings steht in einigen Fällen Plene-Schreibung auch dann, wenn kurze Vokale zu erwarten wären.

Auf die Existenz des Vokals o kann aufgrund der Schrift nicht geschlossen werden, seine Existenz ist möglich, aber ausgehend von den schriftlichen Quellen nicht zu beweisen. Die Differenzierung zwischen i und e wird in der Schrift meistens nicht gemacht, was zum Teil zu Problemen bei der Textinterpretation führt, da entsprechende Morpheme existieren, die sich nur um i/e unterscheiden.

Lautentwicklungen Oft vorkommende Lautentwicklungen sind: ai kann zu a werden, Bsp. gibt es die Form kauki neben kaiuki („vor mir/mich“) iu kann zu i werden, Bsp. qira neben qiura („Erde“)